Benedikt als Popstar

Anlässlich des morgigen Papstrücktritts hat man ein Video zusammengestellt mit dem Titel „Best moments of Benedict XVI’s pontificate„, das in videoclipartigen Bildern und mit pathetischer Musik untermalt die wichtigsten öffentlichen Auftritte des noch aktuellen Papstes zusammenfasst.

Mir ist beim Ansehen dieses Videos mulmig zumute gewesen.

Dieses Unbehagen lag darin, dass das älteste noch bestehende Amt der Menschheit in einen Videoclip zusammengeschnitten und damit für die Masse konsumierbar gemacht wurde. Das 1:39 min lange Video ist wahrscheinlich erstellt worden, um in den sozialen Netzwerken schnell Verbreitung zu finden (ich habe es ebenfalls weitergepostet). Dazu ist es auch gerade lang genug: niemand sieht sich heutzutage ein halbstündiges Video an, das vielleicht auch die theologische Botschaft dieses Pontifikats thematisiert hätte, es sei denn, er hätte gerade danach gesucht.

Schwerpunkt des Videos ist sicher die Masse an Gläubigen, die dem Papst zugejubelt haben, dann die wichtigen Personen, die er getroffen hat (unter ihnen US-Präsident Obama, UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon oder Bartholomaios I.) bzw. die wichtigen Orte, die er besucht hat (Auschwitz, Istanbul). Man könnte sagen: hätte ein beliebiger Pop-Star die genannten Personen und Orte besucht und statt Messen Konzerte gegeben, ein Rückblick-Video über seine Karriere wäre äußerst ähnlich ausgefallen.

Es ist den Video-Machern aber kein Vorwurf zu machen: so funktioniert die Wahrnehmung in den Medien heute. Aber gerade aus diesem Papst einen Popstar machen zu wollen, ist widersinnig: er war ein Papst der leisen Zwischentöne, der theologischen Vertiefung und der kleinen Schritte. Hat irgend jemand da draußen die Texte dieses Papstes gelesen und sich mit ihnen auseinandergesetzt, um seine Botschaft wirklich zu verstehen? Liest man einige aktuelle Kommentare zu diesem Pontifikat, sollte man meinen: nein. Die feinen Zwischentöne dieses Pontifikats, die gelehrten Reden, die theologisch herausragenden Enzykliken werden in einer lauten Öffentlichkeit des niedrigen Niveaus nicht rezipiert. Würde man Benedikt nach den „besten Momenten“ als Papst fragen, so würde er sicher nicht öffentliche Auftritte oder Treffen mit Politikern nennen, sondern Gotteserfahrungen im Gebet, in der Eucharistiefeier oder persönliche Begegnungen mit Menschen.

Dieser Versuch der Anpassung an die modernen Medien-Konsum-Gewohnheiten hat also exakt das verfehlt, was Benedikt XVI. mit diesem Amt erreichen wollte: nämlich eine Vertiefung dessen, was das Christentum ausmacht (vor allem mit seinen drei Jesus-Büchern und seinen beiden Enzykliken Deus caritas est und Spe salvi) und gerade kein oberflächliches Event-Christentum.

Bei aller Skepsis, was die Übersetzung des Christlichen in die Bild- und Formsprache der modernen Medien angeht, bleiben einige weitreichende Fragen: Inwieweit ist es notwendig, das Christliche zusammenzukürzen, leichter konsumier- und verdaubar zu machen? Rudolf Mitlöhner hat in der Furche gemeint, dass die Kirche nicht darum herumkommen werde, sich „billiger“ herzugeben. Was auch immer damit gemeint ist – ist eine zeitgeistige Verkürzung der christlichen Botschaft ohne ernsthaftes Studium der Bibel, ohne aufmerksames Mitfeiern in der Gemeinde, ohne Sich-korrigieren-Lassen von den Mitglaubenden überhaupt möglich? Oder ist die Differenz zwischen – überspitzt formuliert – gemeinschaftlicher Kirche und egomanischer Welt (Stichwort Entweltlichung) gut und richtig so.

Überhaupt zeigt die Berichterstattung über den Papstrücktritt, die aktuelle Verfasstheit des Vatikan und das kommende Konklave wieder einmal die Differenz auf zwischen einer säkularen und einer theologischen Welt. Federico Lombardi, der Pressesprecher des Hl. Stuhls hat es gut zusammengefasst: „Wer vor allem Geld, Sex und Macht im Kopf hat und die Welt an diesem Maße misst, der ist dann auch nicht imstande, die Kirche anders wahrzunehmen.“ (Standard-Artikel vom 23. Februar 2013).

Steht die Kirche daher von vornherein auf verlorenem Posten? Handelt es sich bei der derzeitigen Krise um eine Vermittlungskrise? Müssten nur die richtigen Kommunikationsstrategien gefunden werden, um wieder mehr Menschen ansprechen zu können?

Was ist zu tun, um die „Völker in Erstaunen zu versetzen“ (Jes 52,15)?

PAX

Nähe in Pixeln

Das schon besprochene Fastentuch des Stephansdoms ist aber auch auf eine andere Art und Weise interessant. Je näher man kommt, umso mehr verschwimmen die Farbflächen und umso unübersichtlicher wird die Angelegenheit. Was ich letztes Mal als Manko beschrieben habe, also als fehlender Überblick und Verbohrt-Sein in seine eigene, beschränkte Sicht der Dinge, kann auch anders verstanden werden: wenn wir die Bilder, die uns die Bibel überliefert, genauer betrachten, verschwimmt ihre Eindeutigkeit.

Es ist schon viel geschrieben worden über die Widersprüche in der Bibel, besonders im Neuen Testament in Bezug auf die vier Evangelien. Religionskritiker nehmen dieselben sogar zum Anlass, die Authentizität der Bibel grosso modo zu bezweifeln. Theologen bemühen dann oft die Parabel von den Blinden, die verschiedene Körperteile eines Elefanten berühren und deswegen jeweils vollkommen konträre Vorstellungen von der Gestalt des Tieres haben. Im Zusammenhang mit Religionen hilft diese Parabel aber nicht weiter: wird doch damit die Gleichgültigkeit jeder Religiosität behauptet – und zwar in sämtlichen Wortbedeutungen. Negiert man den Wahrheitsanspruch der Religionen, ist man dabei, sie abzuschaffen, gleichgültig, bedeutungslos zu machen.

Bezogen auf unser Fastentuch kann man sagen, dass die Bibel allgemein in ihren widersprüchlichen Botschaften über Gott ganz Nahe an das Mysterium heranreicht, das wir Christen Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist nennen. Je näher wir Gott kommen, umso verschwommener wird das Bild, umso widersprüchlicher die Wahrnehmungen, umso undeutlicher die Erfahrungen. Das haben die Mystiker aller Religionen erfahren: Je mehr wir uns Ihm annähern, umso geheimnisvoller wird Er selbst, umso mehr entzieht Er sich unserer Erfahrung. So wie ein Wort, das eigenartig und fremd wird, wenn wir es 20 Mal aussprechen. Wie ein Stück Baumrinde, das bei näherer Betrachtung ein eigenes Universum ineinander verschlungener Adern und Ebenen darstellt. Wie unser eigener Geist in seiner Vielschichtigkeit und Unergründlichkeit.

Und wo ist die Widersprüchlichkeit des christlichen Gottesbildes augenfälliger als am Kreuz? Der allmächtige, ewige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, lässt sich kreuzigen, erleidet einen qualvollen Märtyrertod für unbedeutende Menschen? In diesem Zusammenhang sagt Paulus in 1 Kor 1,23f: Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

Dieses Geheimnis des Glaubens, das wir in jeder Messe feiern, diese coincidentia oppositorum des Nikolaus Cusanus, dieses Überschreiten der Rationalität – all das wird erfahrbar, wenn wir uns diesem Fastentuch annähern. Es ist dasselbe Bild, das wir sehen, aber es entzieht sich – wie Gott – einer näheren Betrachtung.

Was für eine bereichernde Erfahrung in dieser Fastenzeit!

PAX

Distanz in Pixeln

Der Künstler Peter Baldinger hat ein Fastentuch gestaltet, das den Hochaltar des Stephansdoms verhüllt. Es zeugt von der fruchtbaren Beziehung zwischen Religion und Kunst, die auch im 21. Jahrhundert noch besteht und es wert ist, ausgebaut zu werden. Das Fastentuch spielt mit Distanz und Nähe. Die seit einem Jahrtausend in katholischen Gotteshäusern gepflegte Tradition, Kreuze in der Fastenzeit zu verhüllen, soll ja ein Augenfasten ermöglichen und so den Gläubigen vor Augen führen, welche unverzichtbare Bedeutung die religiösen Bilder, vor allem das Kreuz, für den christlichen Glauben haben.

Blickt man das Fastentuch nun von der Ferne an, so erscheint eine Kreuzigungsgruppe, die das übliche Repertoire einer solchen Szene aufweist. Und tatsächlich hat der Künstler eine Kreuzigungsdarstellung von José de Ribera (um 1620) am Computer in 651 bunten Kästchen, Pixel-Punkten, aufgelöst. Der Effekt dieser Bearbeitung ist überwältigend: je näher man dem Bild kommt, umso unschäfer wird die Szene, umso schwerer ist es, den Gesamtzusammenhang wahrzunehmen, die einzelnen Pixel in ihrer Funktion im Gesamtbild auszumachen.

Es ist auch in religiösen Fragen oft die Distanz, der große Überblick, der dem Betrachter die Wahrheit zu einem Thema offenbart. Ist man zu nahe an eine Fragestellung herangetreten, vermag man keinen Überblick herzustellen, verbleibt man verbohrt und kleingeistig. Die veröffentlichte Meinung in den Medien des 21. Jahrhunderts zu kirchenpolitischen Fragen fällt mir hier ein: da wird auf Einzelfragen gestarrt: Frauenpriestertum, Verhütung, Zölibat… Den Luxus, zurückzutreten und das Gesamtbild der Kirche wahrzunehmen, leistet man sich nicht, zu verlockend sind die Schlagzeilen und die erwartbaren Reaktionen von Kirchenvertretern zu diesen Fragen. Haben auf der anderen Seite die Kirchenkritiker von Pfarrer Schüller abwärts auch das Gesamtbild der Kirche vor Augen, wenn sie spezifisch österreichische Schwierigkeiten der Kirche ansprechen (die es sehr wohl gibt)? Manchmal hat man den Eindruck, auch diesen ist die Gesamtsicht auf das Wesentliche der Kirche, nämlich eine Begegnung mit dem Gekreuzigten herzustellen, abhandengekommen.

Aber ich selbst nehme mich hier nicht aus: ist es mir selbst doch auch oft so gegangen, dass ich nur meine Sicht der Dinge, meine Probleme mit der Kirche wahrgenommen habe, ohne das Gesamtbild in Betracht zu ziehen. Zentrum der Kirche ist der Gekreuzigte und Auferstandene, nicht meine Befindlichkeiten, meine Gefühle oder meine Probleme mit der Institution.

Es ist dem scheidenden Papst zu verdanken, dass sich die Kirche unter seiner Führung näher mit diesem Kern des Christlich-Seins auseinandergesetzt hat: seine beiden Enzykliken zu Liebe und Hoffnung sind programmatische Zusammenfassungen des Kerns der christlichen Botschaft. Schade, dass es die Enzyklika zum Glauben nicht mehr geben wird! Auch seine drei Jesus-Bücher haben nur den einen Zweck: zu einer Vertiefung des Glaubens beizutragen, den Kern des Christlich-Seins zu sichern, der darin besteht, mit dem gekreuzigten und auferstandenen Sohn Gottes in Verbindung zu treten, sich von ihm verwandeln und heilen zu lassen und in seine Nachfolge zu treten.

Insofern passt dieses Fastentuch ausgezeichnet ins „Jahr des Glaubens“!

PAX

Überreicher Fischfang

Da unser Pfarrer heute Witze erzählt statt gepredigt hat, möchte ich mir hier einige Gedanken machen über das heutige Evangelium:

Lk 5,1-11: 1 Als Jesus am Ufer des Sees Gennesaret stand, drängte sich das Volk um ihn und wollte das Wort Gottes hören. 2 Da sah er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. 3 Jesus stieg in das Boot, das dem Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück weit vom Land wegzufahren. Dann setzte er sich und lehrte das Volk vom Boot aus. 4 Als er seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus! 5 Simon antwortete ihm: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen. 6 Das taten sie, und sie fingen eine so große Menge Fische, dass ihre Netze zu reißen drohten. 7 Deshalb winkten sie ihren Gefährten im anderen Boot, sie sollten kommen und ihnen helfen. Sie kamen und gemeinsam füllten sie beide Boote bis zum Rand, sodass sie fast untergingen. 8 Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sagte: Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder. 9 Denn er und alle seine Begleiter waren erstaunt und erschrocken, weil sie so viele Fische gefangen hatten; 10 ebenso ging es Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus, die mit Simon zusammenarbeiteten. Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen. 11 Und sie zogen die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten ihm nach.

Kardinal Schönborn hat in diesem Artikel zum heutigen Sonntag Stellung genommen und vor allem die Zuversicht Petri hervorgehoben, der trotz der Vergeblichkeit des bisherigen Bemühens Jesus vertraut, nochmals hinausfährt und für sein Vertrauen reich belohnt wird:
„Die Geschichte vom wunderbaren Fischfang würde wohl nicht mehr erzählt werden, wenn sie nur damals, „in jener Zeit“, und seither nie mehr geschehen wäre. Freilich ereignet sie sich auf verschiedene, immer neue Weise. Bis heute gibt es die Erfahrung vergeblicher Mühe. Und bis heute gibt es Menschen, die Jesus und seinem Wort vertrauen und einen Neuanfang wagen. Und viele können berichten: Das Wagnis wurde überreich belohnt.“

Anknüpfend an meine Überlegungen zu einer neuen Sprache bzw. neuen Bildern für Gott, erweist sich diese Perikope als Ermutigung, es in Jesu Namen zu versuchen, die Menschen anzusprechen und für den Glauben zu gewinnen. Es ist die Aufgabe der Christen, von dem zu erzählen, was sie bewegt, ihren Glauben zu bezeugen. Dabei dürfen wir darauf vertrauen, dass Jesus bei uns ist und uns leitet, und dass nach Zeiten der Vergeblichkeit auch wieder Zeiten des reichen Fischfangs kommen werden.

Ich finde es außerdem interessant, dass Jesus die alltägliche Arbeit der Fischer zum Symbol der Mission macht. Obwohl sie dann natürlich später die Methoden der Mission wählen (predigen, erzählen, Vorbild sein, heilen, Frieden stiften), können wir doch sagen, dass uns Christus in unserem Umfeld, in unserem Beruf, in unserem Freundeskreis dazu beruft, die Netze auszuwerfen, um die Menschen aus dem zu befreien, was sie vom Leben abhält. Das Wasser kann dann für alles das stehen, was Tod, Sünde, Untergang, Ängste, Schmerzen, Krankheiten repräsentiert. Mit dem Fischfang als Bild für die Mission ist daher nicht das Fallen-Stellen und Einfangen unschuldiger Menschen gemeint zum Zweck der Zwangsmissionierung, sondern eine Lebenshilfe für Menschen, deren Leben vom Tod bestimmt ist zu einer Veränderung hin zu einem Leben in Fülle. Anders als der Rattenfänger von Hameln geht es hier nicht um eine Verführung in den Abgrund, sondern um Hilfe aus der Verstricktheit der Sünde und des Todes zu einem Leben bei Gott.

Die zweite Lesung an diesem Tag stammt aus dem Brief an die Korinther (1 Kor 15,1-11). In dieser Stelle zählt Paulus auf, wem Jesus erschienen ist und kommt zum Schluss zu sich selbst: „Als letztem von allen erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der „Missgeburt“.“ (1 Kor 15,8). Auch Petrus macht sich vor diesem Jesus, von dem er so viel Gnade erfahren hat, klein: „Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder.“. Die Demut dieser beiden Persönlichkeiten ist begründet in der Gnade, die sie durch die Zuwendung Jesu erfahren haben, in der Gewissheit, dieselbe nicht verdient, sondern als Geschenk erhalten zu haben.

Petrus und Paulus gehen also – anders als das besprochene Lied von Christina Stürmer – nicht davon aus, dass alles Gute, was im Leben passiert, Menschenwerk sei bzw. es der Mensch einfordern und -klagen könne, weil er es verdienen würde. Der biblische Mensch ist ein dankbarer Mensch, der das Gute von Gott erhofft, um es bittet und wenn es ihm geschenkt wird, es dankbar annimmt. Er bleibt damit seiner Geschöpflichkeit treu und wird nicht größenwahnsinnig angesichts seiner eigenen Handlungsmöglichkeiten.

Das bedeutet nicht eine Selbstdemütigung, sondern das Wissen darum, woher der Mensch das Gute empfängt, das ihm widerfährt: nämlich aus Gottes Hand.

PAX

Ein Leben lang

Die österreichische Popsängerin Christina Stürmer hat in ihrem Album  „In dieser Stadt“ ein Lied mit dem Titel „Ein Leben lang“ veröffentlicht. Als ich es das erste Mal im Radio gehört habe, blieb mir wegen der ungeniert atheistischen Anlage des Liedes vor Überraschung der Mund offen, beim Nachdenken darüber ist mir auch das Zeitgeistige dieses Textes aufgefallen, das wohl sehr gut die heutige (unchristliche) Lebenssicht der meisten Menschen wiedergibt.

Das Lied kann man hier anhören, den Text gebe ich im Folgenden wieder:

 
Niemand außer dir
Muss an deiner Stelle sein
Was du wirklich willst
Entscheidest du allein
Sie sagen dir genau
Was das Beste für dich ist
Und nehmen sich heraus
Zu wissen wer du bist
Pass auf dass deine Träume
Nicht die der andren sind
Und dich ihr Plan vom Leben
Einfach so verschlingt

Dieses Leben ist nur für dich
Dieses Leben ist deins
Verschenk es nicht
Wo immer es aufhört und wo es begann
Es liegt nur in deiner Hand

Es ist ihre Sicht der Dinge
Die mich zweifeln lässt
Ich weiß nur dass ihr Weg
Nicht meine Zukunft ist
Lass uns nicht versuchen
Genau wie sie zu sein
Es ist Zeit zu widersprechen
Zeit dass wir mal schreien

Dieses Leben ist nur für dich
Dieses Leben ist deins
Verschenk es nicht
Wo immer es aufhört und wo es begann
Es ist dir ein Leben lang
Dieses Leben ist nur für dich
Dieses Leben ist deins
Verschwend es nicht
Bis zur letzten Minute
Und von Anfang an
Liegt es nur in deiner Hand

Wenn du nicht aufpasst
Zieht es einfach so an dir vorbei
Und wo du dann aufwachst
Wolltest du vielleicht niemals sein

Unser Leben ist jetzt und hier
Unser Leben ist alles
Der Grund sind wir
Bis zur letzten Minute
Und von Anfang an
Liegt es nur in unsrer Hand
Unser Leben ist jetzt und hier
Jetzt und hier
Dieses Leben ist
Nur für dich

Viele Dinge, über die in den wenigen nachdenklichen Medien in Bezug auf die Lebenswelt heutiger Menschen berichtet wird, zeigen sich in diesem Text: Selbstverwirklichungswahn, Egozentrierung, Leugnung des Jenseits, letzten Endes auch eine Leugnung Gottes. Für mich sind folgende Zeilen bemerkenswert:

1) „Dieses Leben ist nur für dich / Dieses Leben ist deins“ – Dass das Leben ein Geschenk Gottes ist, ist common sense sämtlicher Religionen. Die Idee, dass das Leben dem Menschen selbst gehört, ist eine eher neue Konstruktion, die sich einer anti-religiösen und in unseren Breiten anti-christlichen Lebenseinstellung verdankt. Logischerweise wird daher auch die christliche Ablehnung des Selbstmordes nicht mehr verstanden und als Tat eines Menschen verteidigt, der mit „seinem“ Leben machen kann, was er will. Wie unterscheidet sich dieses moderne Lebensgefühl von einem christlichen? Ich kann darüber nur Mutmaßungen anstellen: das Leben wird zum Projekt, der Körper zum Material der Selbstverwirklichung, die Frage nach dem Sinn des Daseins ausgehebelt zugunsten einer Diesseitskonzentration, letzten Endes auch der Mensch in seinem Scheitern zurückgeworfen auf sich selbst und seine Unzulänglichkeiten. Hoffnung auf einen verzeihenden und liebenden Gott gibt es in diesem Lebensentwurf nicht.

2) „Es liegt nur in deiner Hand“ – Was für eine Hybris! Psalm 86, Vers 4, betet um Gegenteiliges: „Schenke mir wieder Freude, Herr, denn mein Leben liegt in deiner Hand.“ Der Atheismus dieser Zeile springt dem Zuhörer förmlich an. In der Hand Gottes ist das Leben des Christen geborgen, er kann darauf vertrauen, dass Gott sein Leben trägt und begleitet, dass er sich seiner erbarmt, wenn er Hilfe braucht und dass er ihn zu einem Leben in Fülle führen möchte. Liegt alles in Menschenhand, dann bleibt nicht viel zu hoffen, wenn man die Weltgeschichte bisher überblickt.

3) „Unser Leben ist jetzt und hier / Unser Leben ist alles“ – Die absolute Konzentration auf das Diesseits wird damit ausgedrückt, ein Jenseits, wo sich der Mensch für seine Taten rechtfertigen muss, wird ausgeblendet, der Hoffnung auf absolute Gerechtigkeit in Gott nicht mehr Ausdruck verliehen. In so einem Konzept gibt es keine Verlierer, wer nicht erfolgreich ist oder glücklich, ist selbst schuld: schließlich hat er es ja selbst in der Hand. Arme, Kranke, körperlich Beeinträchtigte, Unfallopfer, Kriegsopfer …: all diese kommen in diesem Konzept nicht vor, sie werden negiert, für sie und ihre Hoffnungen interessiert sich der Zeitgeist nicht.

4) „Der Grund sind wir“ – Damit wird, wahrscheinlich unbewusst, eine philosophische Kategorie angesprochen, die arché, der Grund, Ursprung des Lebens. Schon die griechischen Philosophen haben als Ursprung des Lebens Gott angesehen, Thomas von Aquin hat eine seiner Gottesaufweise auf den Urgrund allen Seins zurückgeführt. Indem nun der Grund der Mensch selbst ist, wird er zu seinem eigenen Schöpfer, ein anderer Schöpfer damit überflüssig.

5) „Dieses Leben ist nur für dich“ – Jedwede Berufung, sein Leben für andere zu führen, kommt nicht vor. Nächstenliebe? Unnötig. Anderen helfen? Nur dann, wenn man selbst profitiert. Jesus, der sein Leben für alle Menschen hingegeben hat? Ein einsamer Irrer.

Damit zeigt sich in diesem Lied für mich die moderne atheisierende Lebenshaltung (ich nenne sie so, weil ich nicht glaube, dass Christina Stürmer absichtlich ein atheistisches Lied schreiben wollte), die aus folgenden Elementen besteht:

a) Der Gott der Liebe kommt nicht vor. Der Mensch selbst vergöttlicht sich und macht sich zum Grund und Ziel seines Lebens.

b) Was der Mensch aus seinem Leben macht, ist allein seine Sache. Niemand hat ihm da hineinzureden (schon gar nicht moralisch). Jede Idee einer Berufung durch Gott wird damit ausgeblendet. Wenn man die aktuellen Zahlen der Eintritte ins Priesterseminar zum Beispiel ansieht, erkennt man eine Konsequenz dieser Lebenshaltung.

c) Der Mensch ist sich selbst der Nächste. Ideen der Solidarität, des Verzichts für andere, der voraussetzungslosen Liebe, des unbedingten Respekts werden daher immer weniger nachvollziehbar. Es wird nur mehr die Frage gestellt, was eine Tat für einen selbst bringt. Was das für eine Gesellschafts-zersetzende Konsequenz haben wird, können wir nur erahnen.

d) Das Jenseits wird nicht mehr als existent wahrgenommen. Die Hoffnung auf eine letzte Gerechtigkeit  in Gott ist nicht mehr notwendig, da man in der zeitgeistigen Weltsicht nur auf die Schönen, Prominenten und Erfolgreichen sieht. Die anderen werden einfach ausgeblendet.

Ob sich die Jugendlichen, die dieses Lied mitgrölen, dieser Implikationen bewusst sind?

PAX

Gott und die Sprache III

Überblickt man die katholischen Meldungen zum Thema „Religiöse Sprache“, dann kann man zwei Positionen unterscheiden:

1) die religiöse Sprache sei viel zu weit weg von der Lebenswelt der heutigen Menschen
2) die religiöse Sprache müsse besonders sein, sonst verliere sie ihre Identität

Gestern zum Beispiel ist in der Tagespost Folgendes zu lesen gewesen:

„Eine Liturgie, die Worte so gebraucht, wie alle sie gebrauchen, die die spezifisch christliche Redeweise aufgibt, wird der Sendung der Kirche nicht gerecht und hilft auch den Menschen nicht, denen sie vorgeblich entgegenkommt. […] So muss auch heute jeder Katholik vertraut sein mit der liturgischen Sprache der Kirche, die eben anders spricht als ihr säkularisiertes Umfeld es tut.“ (Die Tagespost, Do, 7.2.2013, S.17) – Diese Position ist wohl auch die aktuelle der Amtskirche, wenn man die Initiativen von Papst Benedikt XVI. zur Förderung der Alten Messe und des Latein-Unterrichts bedenkt bzw. die Tatsache, dass die „Volxbibel“ oder die „Bibel in gerechter Sprache“ nicht in der Liturgie verwendet werden darf.

Dem gegenüberzustellen ist die Beobachtung, dass selbst einfache religiöse Begriffe von einer Mehrheit der Österreicher nicht mehr erklärt werden können und dass auch der Wille, sich in diese Richtung weiterzubilden, nicht merklich vorhanden ist.

Natürlich wird man, wenn man sich darauf einlässt, durch eigene (Gottes-)Erfahrungen vielleicht im Laufe seines Lebens diese Begriffe wieder mit Leben erfüllen können, vielleicht wird durch eine Grenzerfahrung z.B. der Begriff „Gnade“ plötzlich für jemanden verständlich, der vorher nichts damit anfangen konnte. Aber wie geht man gegen diesen Schwund an religiösem Wissen vor? Der Religionsunterricht scheint hier noch die letzte Bastion im eigentlich ungewinnbaren Kampf gegen den Zeitgeist zu sein.

Für mich persönlich kommt ein vollkommenes Abgehen von der religiösen Sprache nicht in Frage – ich habe selbst auch schon lateinische Messen erlebt, die viele auf Deutsch gehaltene an Spiritualität in den Schatten gestellt haben. Außerdem ist das Geheimnisvolle und Außerweltliche der Eucharistie auch sprachlich abzubilden. Und auch zur Identitätsbildung ist – vorrangig beim Gottesdienst, beim Credo und den Gebeten – die spezifisch christliche religiöse Sprache von entscheidender Bedeutung.

Aber das Problem der Weitergabe löst sich damit nicht.

PAX

Gott und die Sprache II

Ich denke, die letzten Überlegungen zum Themenkomplex „Gott und die Sprache“ bedürfen noch einer weiteren Entfaltung.

Vielleicht sind die Schwierigkeiten, die heute viele Menschen mit der religiösen Sprache haben, darauf zurückzuführen, dass man die entsprechenden Begriffe zwar kennt, sie im besten Fall (bei gutem Religionsunterricht) auch definieren kann, aber im tiefsten Sinn nicht versteht, weil die Erfahrungen, auf die sie aufbauen, nicht mehr nachvollziehbar sind.

Wenn Ludwig Wittgenstein den schon zitierten Satz sagt „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, so fällt mir auch Karl Kraus ein, der gesagt hat: „Der Gedankenlose denkt, man habe nur dann einen Gedanken, wenn man ihn hat und in Worte kleidet. Er versteht nicht, dass in Wahrheit nur der ihn hat, der das Wort hat, in das der Gedanke hineinwächst.“ Und als das „Wort, in das der Gedanke hineinwächst“ würde ich den griechischen Begriff „Logos“ mit all seinen Bedeutungen einsetzen.

Die Kenntnis des Wortes „Gott“ zum Beispiel reicht dazu, es zu definieren, zum Beispiel „höheres, allmächtiges Wesen“. Es reicht aber nicht dazu, zu verstehen, was mit „Gott“ wirklich gemeint ist. Das Problem mit der religiösen Sprache ist also, dass es sich um Begriffe handelt, die mit religiösen Erfahrungen zu tun haben. Die Sprache des Christentums konserviert religiöse Erfahren, die Christen im Laufe der Kirchengeschichte mit diesem Gott gemacht haben, beginnend mit den biblischen Schriften bis hin zu den Versuchen, eine heutige christliche Sprache zu finden. Das Problem dabei ist, dass man Erfahrungen nicht verordnen kann, sie sind etwas Eigenes, nicht Wiederholbares, etwas zutiefst Subjektives.

Zunächst also muss der Mensch die Möglichkeiten seiner Sprache vermehren, um seinen Horizont zu erweitern (@Wittgenstein). Je mehr Feinabstufungen der Wirklichkeit er benennen kann, umso differenzierter wird seine Weltsicht, um so eher ist er bereit, selbstkritisch und offen zu sein für Neues. Damit zusammen hängt aber die Notwendigkeit, diese Wirklichkeit auch zu erfahren. Ohne diese bleiben die gelernten Begriffe hohl und tot, sie können zwar kognitiv benannt und kategorisiert werden, sie haben aber keine Auswirkung auf das Leben. Erst wenn man wirklich erfahren hat, dass es nicht ausschließlich gute und ausschließlich böse Menschen auf der Welt gibt, kann man nachvollziehen, wieso in den meisten Staaten der Welt zum Beispiel die Todesstrafe abgeschafft wurde. Den Begriff „Notwehr“ zu kennen, erzeugt nicht automatisch Empathie für jemanden, der in Notwehr gehandelt hat.

Legen wir diese Einsichten auf die religiöse Sprache um, so zeigt sich das Dilemma, dass wir auf der einen Seite angewiesen sind auf die Erfahrungen unserer christlichen Vorfahren beginnend mit den Autoren des Neuen Testaments, dass aber deren Gotteserfahrungen schwer verstanden werden können von heutigen Christen und schon gar nicht von denen, die keinen Zugang zum Christlichen haben. Was ist der Ausweg? Soll man – wie das vielerorts schon geschehen ist – mit der Sprache des Alltags von Christus erzählen á la „Jesus und seine Hawara“ oder „Volxbibel„? Wird man damit moderne Gotteserfahrungen bei den Kirchenfernen ermöglichen können?

Und wie kann man überhaupt die Offenheit für Gotteserfahrungen in den Menschen wecken? Wie das Bewusstsein für sprachliche, religiöse Kategorien erzeugen in einer Gesellschaft, in der sich – übertrieben formuliert – die Pflege der Sprache auf das Eintippen von SMS beschränkt?

Gott teilt sich – und das ist meine tiefe Überzeugung – ständig uns Menschen mit. Das Problem, das ich für das Christentum in seiner derzeitigen Verfasstheit sehe, ist die Schwierigkeit, diese Erfahrungen zu versprachlichen mit all den Abstrichen, die eine religiöse Sprache natürlich in Kauf nehmen muss. Zahllose Autoren und Theologen haben sich bemüht, genau das zu bewerkstelligen, aber wie kann das Dilemma aufgelöst werden, dass wir auf ein Credo angewiesen sind, das mit religiösen Kategorien arbeitet, die erst ziemlich lang erklärt werden müssen, um benannt werden zu können, geschweige denn, dass diese den Kirchenfernen von heute ein Instrument in die Hand geben, wie sie ihre eigenen Gotteserfahrungen interpretieren können.

Menschliche Sprache ist natürlich immer defizitär, wenn sie von Gott handelt. Aber wir haben keine Alternative, im Gegenteil: es ist Gott selbst, der diese Form der Kommunikation gewählt hat. Wie finden wir eine Sprache, die von den Menschen heute verstanden wird, die sie für die prinzipielle Möglichkeit einer Gotteserfahrung öffnet, die ihr von allen möglichen Dingen abgelenktes Herz bewegen kann? Wie kann das „Fürchtet euch nicht“ des Auferstandenen, das die Apostel in ihrem Innersten bewegt hat, ins Heute übersetzt werden, ohne den geschichtlichen Glutkern des Christentums auszulöschen?

PAX