Gott und die Sprache

In der Bibliotheksszene des Filmes „Himmel über Berlin“ gehen die Engel gerne in die Bibliothek, um den Menschen beim Lesen zuzuhören. Der auf Youtube verfügbare Ausschnitt zeichnet ein verstörendes Bild dieser Situation: ein schwer aushaltbares Gewirr an Stimmen in zahlreichen Sprachen.

Diese Szene ist meines Erachtens aus mehreren Perspektiven interessant:

1) Es ist sicher kein Zufall, dass bei Zeitindex 2:29 ein junger Mann beginnt, die Bibel auf Hebräisch zu lesen: „Bereshit bara Elohim et hashamayim ve’et ha’arets. Veha’arets hayetah tohu vavohu“. – „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und wirr“ (Gen 1,1-2). – Das Tohuwabohu der Stimmen in der Bibliothek wird also in Verbindung gebracht mit dem ungeordneten Urzustand vor der Schöpfung. Gott schafft dann mitten im Chaos des Urmeers Ordnung. Er selbst hat aber bei der Verwirrung der Sprachen nach dem Turmbau zu Babel etwas von diesem vorzeitlichen Chaos wieder in seine Schöpfung hineingelassen, Gen 11 stellt es so dar, als wäre ihm bei der Vermessenheit des Menschen nichts anders übriggeblieben. Dennoch muss es – menschlich gesprochen – enttäuschend für Gott gewesen sein, dass so ein Rückschritt notwendig ist.

2) Was genau fasziniert die Engel an den Bibliotheken? Es scheinen die lesenden Menschen zu sein, denen sie Interesse entgegenbringen. Der Chor der durcheinanderdenkenden Menschen ist wie Musik in ihren Ohren. Sprache hat natürlich immer etwas mit Religion zu tun: ist doch Gott Sohn der logos, das Wort Gottes, das der Vater uns zusagt (Joh 1,1); ist doch das Wort Gottes das, was uns am Leben erhält (Dtn 8,3), ist das Sprechen doch die Art und Weise, wie Gott die Welt ins Dasein gerufen hat und das noch immer tut. Durch Sprache, Worte, Lesen wird Wirklichkeit geschaffen, wird totes Papier lebendig, durch Zusprache werden Menschen geheilt, wird Leben ermöglicht. Bildet man sich in der Sprache weiter – zum Beispiel in einer Bibliothek – erweitert man gleichzeitig seinen Horizont, erlangt neue Lebensmöglichkeiten. Ludwig Wittgenstein hat ja so schön gesagt: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Vielleicht ist für die Engel deswegen die Bibliothek ein so positiver Ort: weil Menschen dorthin gehen, die sich nicht mit der Begrenztheit ihres Horizonts zufriedengeben, sondern ihn erweitern wollen, weil sie auf der Suche sind nach einem Gott, der sich über die Sprache der Liebe mitteilt.

3) Diese Szene hat mir aber auch vor Augen geführt, was ich an Gott immer so unvorstellbar gefunden habe: Gott hört alle unsere Gedanken. Wie macht er das? Wie kann er die Gedanken von so vielen Milliarden Menschen gleichzeitig wahrnehmen, wenn wir schon Probleme damit haben, einem Menschen so zuzuhören, dass wir nachvollziehen können, was ihn bewegt? Das ist nur möglich, wenn er ganz bei jedem Einzelnen ist: so wie die Engel, die die Lesenden berühren und sich ihnen zuwenden, ist auch Gott ein sich Zuwendender, jemand, der uns berührt und sich für uns interessiert, ein Liebender.

Die gemeinsame Klammer dieser Beobachtungen erscheint mir in dem dialogischen Gottesbild, das wir Christen haben: es ist auf Sprache, Kontakt, Kommunikation aufgebaut, so wie die Liebe selbst ja nichts ist ohne ihre Mitteilung. Jede Kommunikationsstörung oder Sprachenverwirrung muss dann als wider-göttlich, ja wider-natürlich verstanden werden. Das Gebet als Kommunikationsbewegung des Menschen zu Gott hin ist daher auch erste Christenpflicht. Aber auch die Sorge um die eigene Sprachfähigkeit, um den eigenen Horizont, ist ausgehend von Wittgenstein Aufgabe des Menschen: um die göttliche Ordnung der Schöpfung zu erkennen, bedarf es eines weit über die Naturwissenschaften hinausgehenden sprachlichen Horizontes. Gott erweist sich außerdem in diesem dialogischen Gottesbild als wahrhaft Liebender: seine Zuwendung ist absolut, ihm geht es nicht um sich selbst, sondern um uns. Dieses nicht zu erreichende Vorbild sollte dennoch Grundthema unserer Kommunikationsbemühungen untereinander sein.

PAX

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Ein Gedanke zu „Gott und die Sprache

  1. Pingback: Gott und die Sprache IV | fecistinos

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