Gott und die Sprache II

Ich denke, die letzten Überlegungen zum Themenkomplex „Gott und die Sprache“ bedürfen noch einer weiteren Entfaltung.

Vielleicht sind die Schwierigkeiten, die heute viele Menschen mit der religiösen Sprache haben, darauf zurückzuführen, dass man die entsprechenden Begriffe zwar kennt, sie im besten Fall (bei gutem Religionsunterricht) auch definieren kann, aber im tiefsten Sinn nicht versteht, weil die Erfahrungen, auf die sie aufbauen, nicht mehr nachvollziehbar sind.

Wenn Ludwig Wittgenstein den schon zitierten Satz sagt „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, so fällt mir auch Karl Kraus ein, der gesagt hat: „Der Gedankenlose denkt, man habe nur dann einen Gedanken, wenn man ihn hat und in Worte kleidet. Er versteht nicht, dass in Wahrheit nur der ihn hat, der das Wort hat, in das der Gedanke hineinwächst.“ Und als das „Wort, in das der Gedanke hineinwächst“ würde ich den griechischen Begriff „Logos“ mit all seinen Bedeutungen einsetzen.

Die Kenntnis des Wortes „Gott“ zum Beispiel reicht dazu, es zu definieren, zum Beispiel „höheres, allmächtiges Wesen“. Es reicht aber nicht dazu, zu verstehen, was mit „Gott“ wirklich gemeint ist. Das Problem mit der religiösen Sprache ist also, dass es sich um Begriffe handelt, die mit religiösen Erfahrungen zu tun haben. Die Sprache des Christentums konserviert religiöse Erfahren, die Christen im Laufe der Kirchengeschichte mit diesem Gott gemacht haben, beginnend mit den biblischen Schriften bis hin zu den Versuchen, eine heutige christliche Sprache zu finden. Das Problem dabei ist, dass man Erfahrungen nicht verordnen kann, sie sind etwas Eigenes, nicht Wiederholbares, etwas zutiefst Subjektives.

Zunächst also muss der Mensch die Möglichkeiten seiner Sprache vermehren, um seinen Horizont zu erweitern (@Wittgenstein). Je mehr Feinabstufungen der Wirklichkeit er benennen kann, umso differenzierter wird seine Weltsicht, um so eher ist er bereit, selbstkritisch und offen zu sein für Neues. Damit zusammen hängt aber die Notwendigkeit, diese Wirklichkeit auch zu erfahren. Ohne diese bleiben die gelernten Begriffe hohl und tot, sie können zwar kognitiv benannt und kategorisiert werden, sie haben aber keine Auswirkung auf das Leben. Erst wenn man wirklich erfahren hat, dass es nicht ausschließlich gute und ausschließlich böse Menschen auf der Welt gibt, kann man nachvollziehen, wieso in den meisten Staaten der Welt zum Beispiel die Todesstrafe abgeschafft wurde. Den Begriff „Notwehr“ zu kennen, erzeugt nicht automatisch Empathie für jemanden, der in Notwehr gehandelt hat.

Legen wir diese Einsichten auf die religiöse Sprache um, so zeigt sich das Dilemma, dass wir auf der einen Seite angewiesen sind auf die Erfahrungen unserer christlichen Vorfahren beginnend mit den Autoren des Neuen Testaments, dass aber deren Gotteserfahrungen schwer verstanden werden können von heutigen Christen und schon gar nicht von denen, die keinen Zugang zum Christlichen haben. Was ist der Ausweg? Soll man – wie das vielerorts schon geschehen ist – mit der Sprache des Alltags von Christus erzählen á la „Jesus und seine Hawara“ oder „Volxbibel„? Wird man damit moderne Gotteserfahrungen bei den Kirchenfernen ermöglichen können?

Und wie kann man überhaupt die Offenheit für Gotteserfahrungen in den Menschen wecken? Wie das Bewusstsein für sprachliche, religiöse Kategorien erzeugen in einer Gesellschaft, in der sich – übertrieben formuliert – die Pflege der Sprache auf das Eintippen von SMS beschränkt?

Gott teilt sich – und das ist meine tiefe Überzeugung – ständig uns Menschen mit. Das Problem, das ich für das Christentum in seiner derzeitigen Verfasstheit sehe, ist die Schwierigkeit, diese Erfahrungen zu versprachlichen mit all den Abstrichen, die eine religiöse Sprache natürlich in Kauf nehmen muss. Zahllose Autoren und Theologen haben sich bemüht, genau das zu bewerkstelligen, aber wie kann das Dilemma aufgelöst werden, dass wir auf ein Credo angewiesen sind, das mit religiösen Kategorien arbeitet, die erst ziemlich lang erklärt werden müssen, um benannt werden zu können, geschweige denn, dass diese den Kirchenfernen von heute ein Instrument in die Hand geben, wie sie ihre eigenen Gotteserfahrungen interpretieren können.

Menschliche Sprache ist natürlich immer defizitär, wenn sie von Gott handelt. Aber wir haben keine Alternative, im Gegenteil: es ist Gott selbst, der diese Form der Kommunikation gewählt hat. Wie finden wir eine Sprache, die von den Menschen heute verstanden wird, die sie für die prinzipielle Möglichkeit einer Gotteserfahrung öffnet, die ihr von allen möglichen Dingen abgelenktes Herz bewegen kann? Wie kann das „Fürchtet euch nicht“ des Auferstandenen, das die Apostel in ihrem Innersten bewegt hat, ins Heute übersetzt werden, ohne den geschichtlichen Glutkern des Christentums auszulöschen?

PAX

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7 Gedanken zu „Gott und die Sprache II

  1. Ich glaube, die Frage ist eigentlich falsch gestellt. Nicht durch Sprache lernen die Kirchenfernen Gott kennen, sondern durch Erfahrung! Durch Begegnung. Es ist ein Problem der (westlichen) Kirche heute, dass sie zu einseitig auf Sprache setzt – und die Bedeutung der nichtsprachlichen Erfahrung hintanstellt, obwohl sie doch historisch gerade in diesem Bereich ihre Stärke hätte: man denke an die Liturgie, an die Bauten, an Kunst, Musik… Deshalb sprechen ja Veranstaltungen wie „Nightfever“, die sehr sparsam mit Sprache arbeiten, und eher auf „Stimmung“ setzen, Kirchenferne eher an, als irgendein gutgemeintes Zerreden der christlichen Botschaft.

    Ich muss auch aus meiner eigenen Erfahrung sagen, dass mir Texte (in diesem Fall von Chesterton) zwar geholfen haben, Vorurteile gegenüber der Kirche abzubauen – doch meine Begegnung mit dem lebendigen Gott geschah wortlos – sprachlos!

    (Im Übrigen finde ich, dass die Moderne den Zusammenhang von Sprache und Erfahrung einseitig überbewertet. Wenn’s nur sprachliche Erfahrung gäbe, würden Babies und Kleinkinder aber schön aus der Wäsche schauen! ;-))

    • Im Sinne von Wittgenstein gibt es aber keine Erfahrung außerhalb von schon rudimentär vorgebildeter sprachlicher Disposition. Das muss jetzt keine ausformulierte Sprache sein wie Texte, sondern im Bewusstsein vorgebildete Begrifflichkeiten, die dann erfahren und so eingeordnet werden können. Vielleicht habe ich mich missverständlich ausgedrückt, wenn ich von „Sprache“ geschrieben habe.

      • „Das ist auch nur so eine Theorie“, würde meine Schwiegermutter sagen… 😉
        Wittgenstein vertrat ja nur eine moderne Version des Nominalismus, der in der Philosophie- und vor allem Theologiegeschichte unsäglich viel Schaden angerichtet hat (siehe Leugnung der Realpräsenz durch Zwingli, die modernen Leugnungen der Dreifaltigkeit usw.).

        Aber, um zur Sache zu kommen: Ein durchschnittlich intelligenter Mensch ist m. E. durchaus in der Lage, Begriffe aus ihm zunächst noch fremden Konzepten zu übernehmen, wenn sie ihm geeignet erscheinen, seine Erfahrung dadurch tiefer zu begreifen und zu interpretieren. (Man denke nur an die Verbreitung von Begriffen aus dem esoterischen Fundus wie z. B. „Energie“…) Doch das funktioniert auch umgekehrt: Sobald jemand persönliche Erfahrungen mit Gott gemacht hat, „passt“ die traditionelle kirchliche Begrifflichkeit plötzlich auf diese Erfahrung, und die Distanz zur Kirche (ver)schwindet.

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