Gott und die Sprache III

Überblickt man die katholischen Meldungen zum Thema „Religiöse Sprache“, dann kann man zwei Positionen unterscheiden:

1) die religiöse Sprache sei viel zu weit weg von der Lebenswelt der heutigen Menschen
2) die religiöse Sprache müsse besonders sein, sonst verliere sie ihre Identität

Gestern zum Beispiel ist in der Tagespost Folgendes zu lesen gewesen:

„Eine Liturgie, die Worte so gebraucht, wie alle sie gebrauchen, die die spezifisch christliche Redeweise aufgibt, wird der Sendung der Kirche nicht gerecht und hilft auch den Menschen nicht, denen sie vorgeblich entgegenkommt. […] So muss auch heute jeder Katholik vertraut sein mit der liturgischen Sprache der Kirche, die eben anders spricht als ihr säkularisiertes Umfeld es tut.“ (Die Tagespost, Do, 7.2.2013, S.17) – Diese Position ist wohl auch die aktuelle der Amtskirche, wenn man die Initiativen von Papst Benedikt XVI. zur Förderung der Alten Messe und des Latein-Unterrichts bedenkt bzw. die Tatsache, dass die „Volxbibel“ oder die „Bibel in gerechter Sprache“ nicht in der Liturgie verwendet werden darf.

Dem gegenüberzustellen ist die Beobachtung, dass selbst einfache religiöse Begriffe von einer Mehrheit der Österreicher nicht mehr erklärt werden können und dass auch der Wille, sich in diese Richtung weiterzubilden, nicht merklich vorhanden ist.

Natürlich wird man, wenn man sich darauf einlässt, durch eigene (Gottes-)Erfahrungen vielleicht im Laufe seines Lebens diese Begriffe wieder mit Leben erfüllen können, vielleicht wird durch eine Grenzerfahrung z.B. der Begriff „Gnade“ plötzlich für jemanden verständlich, der vorher nichts damit anfangen konnte. Aber wie geht man gegen diesen Schwund an religiösem Wissen vor? Der Religionsunterricht scheint hier noch die letzte Bastion im eigentlich ungewinnbaren Kampf gegen den Zeitgeist zu sein.

Für mich persönlich kommt ein vollkommenes Abgehen von der religiösen Sprache nicht in Frage – ich habe selbst auch schon lateinische Messen erlebt, die viele auf Deutsch gehaltene an Spiritualität in den Schatten gestellt haben. Außerdem ist das Geheimnisvolle und Außerweltliche der Eucharistie auch sprachlich abzubilden. Und auch zur Identitätsbildung ist – vorrangig beim Gottesdienst, beim Credo und den Gebeten – die spezifisch christliche religiöse Sprache von entscheidender Bedeutung.

Aber das Problem der Weitergabe löst sich damit nicht.

PAX

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8 Gedanken zu „Gott und die Sprache III

  1. Die „Volxbibel“ und „Da Jesus und seine Hawara“ sind nicht in moderner Sprache verfasst, sondern einer gewollten Vulgär-, Unterschichtsprache. Modern ist m.E. eine Sprache, wie man sie im normalen geschäftlichen Verkehr gebrauchen würde, bzw. in einer gehobenen Tageszeitung liest.
    Sprache ist jedoch nicht gleich Sprache, sondern ein vielseitiges Instrument, das je nach Bedarf angewendet werden sollte. Die Offenbarung des Johannes ist anders geschrieben als das Brieflein an Titus. Ebenso gibt es im normalen Christenleben Gelegenheiten, bei denen man sich „kirchlich“ ausdrücken wird oder eben „alltäglich“. Was ich ablehne ist die bei Evangelikalen so beliebte altertümelnde „Sprache Kanaans“, die eigentlich nur lächerlich wirkt. Übrigens: Die lateinische Messe kann man genießen, solange man einen Schott dabei hat, d.h. sowieso versteht was da auf lateinisch gesagt wird. Aber würde dich eine auf Chinesisch gehaltene Predigt erbauen?

    • Ich glaube auch, dass die Menschen von heute prinzipiell Verständnis dafür aufbringen können, dass während der Liturgie anders gesprochen wird als am Stammtisch, aber das Problem ist, dass man an gewisse Grenzen stößt, wenn man christliche Inhalte Interessierten mitteilen möchte, ohne auf die spezifisch christliche Wortwahl zurückzugreifen und damit schon zu viel vorauszusetzen.

      In der lateinischen Messe war die Predigt natürlich auf Deutsch, nur die liturgischen Teile, die in jeder Messe gleich sind, wurden auf Latein gehalten. Insofern war es leicht zu folgen. Aber wir hatten auch ein Lateinisch-Deutsches Messformular vor uns. Was mich daran so fasziniert hat, war das Geheimnisvolle dieser Sprache, die das Geheimnisvolle der Eucharistie unterstrichen hat ähnlich wie bei den Orthodoxen, wo die Wandlung überhaupt hinter der Ikonostase stattfindet.

      • Ich weiß nichts davon, dass Jesus beim Letzten Abendmahl hinter einer Ikonostase gesessen wäre, um geheimnisvoller zu wirken 😉
        Jesus war ja trotz seines enormen Anspruchs, „eins mit dem Vater zu sein“, absolut unprätentiös – kein Pomp, kein „Outfit“, keine Mysterien, keine Initiation, keine Geheimrituale. Und hier kommen wir wieder auf die Sprache zurück: Seine war klar, präzise und bediente sich der einfachsten Begriffe. Das religiöse Niveau der „einfachen Leute“ war ja damals sehr niedrig. Er verwirrte sie nicht mit hochtrabenden Spekulationen und forderte keine Gehirnakrobatik von ihnen. Er gab ihnen keine schwierigen Dogmen zum Nachbeten auf. Er erzählte Geschichten aus ihrem unmittelbaren Lebensumfeld – mit einer Pointe. Das „Gebet des Herrn“ ist eines der kürzesten und einfachsten überhaupt. Er forderte sie mit Fragen heraus: „Was sagt ihr…“ Er sprach im Stil seiner Zeit und in der Sprache der einfachen Leute, Aramäisch. Dennoch sind seine schlichten Worte bis heute lebendig geblieben. Ich denke, hier an der Quelle finden wir bereits wertvolles Material zum Thema „Gott und die Sprache“.
        Wer allerdings ein Geheimritual bevorzugt – ein allein den Priestern vorbehaltenes „Hokuspokus“ in einem abgeschlossenen Raum – braucht sich eigentlich keine Gedanken mehr zu machen, wie man Christentum sprachlich vermittelt. Die verständnislose Herde vor der Ikonostase braucht ja ohnehin nur Amen zu sagen.

      • Dass Jesus sich einer unprätentiösen Sprache bedient hat und die leicht verständlichen Bilder aus dem Lebensumfeld der Menschen genommen hat, ist klar. Die spannende Frage ist, wie diese in heutige Sprache übersetzen?

        Zum Thema Gehirnakrobatik: die Aufforderung an die Apostel, seinen Leib und sein Blut zu sich zu nehmen, haben sie hoffentlich nicht wörtlich verstanden! 😉
        Auch das „Gebet des Herrn“ würde ich nicht als „einfach“ bezeichnen, ist es doch voller Bezüge zum Alten Testament, besonders zur prophetischen Literatur, die leicht zu verstehen war, für uns heute aber umfangreiches Quellenstudium erfordert, wollten wir dem ursprünglichen Sinn nachspüren.

        Ich denke schon, dass wir bei der Eucharistie einerseits eine christliche Sprache brauchen, die das Geheimnisvolle dessen, was da vorgeht, abbilden soll (es muss ja nicht Latein sein). Für mich ist es schon ein Geheimnis, das sich in Jesu Wort vom gewandelten Brot und Wein ausdrückt, eine Verwandlung, die sich für das Auge unsichtbar vollzieht und das gesamte Leben des Kommunizierenden betrifft. Andererseits müssen wir natürlich verständlich bleiben für die Menschen von heute – das bedeutet nicht, dass wir unsere christlichen Begriffe (Vater – Sohn – Geist – Leib – Blut …) zu Tode erklären müssen.

        BTW: Auch wenn die Wandlung hinter der Ikonostase stattfindet bzw. in Latein gesprochen wird, muss das ja nicht bedeuten, dass die Anwesenden nichts davon verstehen.

        • Was erfordert am Vaterunser ein Quellenstudium? Ein frommer Moslem z.B. würde den Sinn der Bitten genauso verstehen wie wir: Geheiligt werde dein Name – Dein Reich komme – dein Wille geschehe – unser tägliches Brot gib uns heute… vergib uns unsere Schuld… Und selbst ein nicht-religiöser Mensch weiß, was damit gemeint ist.
          Das „Eucharistie-Geheimnis“ ist m.E. eine dieser hochtrabenden Spekulationen, die heute niemand mehr versteht, wenn sie jemals jemand verstanden hat. Vorausgesetzt – was zweifelhaft ist – dass Jesus diese für ihn ungewohnt komplizierten Worte wirklich so gebraucht hat, so bleibt doch eines allgemein verständlich, nämlich seine Aufforderung „Tut das, was wir jetzt tun, nämlich in Gemeinschaft essen und trinken, zu meinem Gedächtnis, wenn ich leiblich nicht mehr bei euch bin, und ich werde dasein.“ So wurde es nach dem Zeugnis der Apostel auch ursprünglich gehalten. Und es genügt einem modernen Menschen das zu sagen und ihm zu erklären, dass es sich nicht um ein bloßes Gedächtnismahl handelt (einen Leichenschmaus quasi ;-)) sondern dass Jesus auf eine uns nicht begreifliche Weise leib-haftig gegenwärtig ist, wenn seine Anhänger sich zu diesem Mahl versammeln. Ein Problem christlichen Denkens und damit auch christlicher Sprache scheint mir zu sein, dass man alles bis ins kleinste Detail erklären muss und dann oft ans Lächerliche grenzt („Was macht Jesus dann in meinem Magen“). Wie es genau geschieht, weiß ja sowieso niemand, darüber braucht man sich auch nicht den Kopf zu zerbrechen. Man muss auch den Mut haben, Dinge, die nun einmal unbegreiflich sind, auch so zu bezeichnen, anstatt – wie bei der Trinität – ein unverständliches Paradoxon auf das andere zu türmen und das dann eine Erklärung zu nennen. Wie Gott funktioniert, können wir nicht erklären, basta. Jesus hat es auch nicht getan und der hat ihn besser gekannt als wir 🙂

      • Zum Vater Unser: Du kannst nur verstehen, was mit „Reich“, „Wille“, „Namen heiligen“ gemeint ist, wenn du die entsprechenden Referenzstellen im Alten Testament studierst (z.B. bei Jesaja oder Jeremia).
        Zum eucharistischen Geheimnis: Klar, wir können es nicht erklären, dennoch sind Analogien erlaubt, schließlich bleibt uns keine andere Möglichkeit, als so von Gott zu reden. Das Geheimnis dieses – wie du es nennst – Paradoxons darf sich m.E. sehrwohl in einer Sprache niederschlagen, die man auf der Straße und am Stammtisch nicht versteht. Damit wird signalisiert: Achtung, jetzt geht es um etwas Besonderes, Göttliches.

        • Was mit dem Reich Gottes, dem Willen Gottes und der Ehrfurcht vor seinem Namen gemeint ist, versteht jeder, der an irgendeinen Gott glaubt. Aber sei´s drum.
          Zum zweiten: Ich verweise wieder auf Jesus. Der hatte keine Scheu, von Gott sogar mit einem Kleinkinder-Ausdruck zu sprechen: Abba, Papi. Nie hat er irgendeine besondere Sprache gebraucht, geschweige denn eine andere, „höherwertige“, wie das Tempel-Hebräisch oder das Griechisch der Intellektuellen, obwohl er ständig von Gott redete. Er gebrauchte sehr viele Vergleiche, das fällt auf, sehr poetische, pointierte Geschichten, um das eigentlich Unbegreifliche begreifbar zu machen. Analogien sind also natürlich erlaubt, nur müssen sie Analogien bleiben, sonst wird der Hl. Geist zur Brieftaube. Und ich glaube, eine Ritualsprache signalisiert nicht, dass jetzt von einem heiligen Bereich die Rede ist, sondern erweckt einmal nur Unverständnis; den meisten Leuten ist ja kaum noch das Einfachste ein Begriff. („Die Dreieinigkeit sind der Papst, Maria und das Christkind“). Dabei meine ich durchaus, dass die lateinische Messe viel für sich hat, weil sie universal ist und eine feste, bewährte Form hat; man hätte sie nicht abschaffen sollen. Aber wie gesagt, man weiß ja dank Schott, was das Lateinische heißt.

  2. Pingback: Gott und die Sprache IV | fecistinos

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