Ein Leben lang

Die österreichische Popsängerin Christina Stürmer hat in ihrem Album  „In dieser Stadt“ ein Lied mit dem Titel „Ein Leben lang“ veröffentlicht. Als ich es das erste Mal im Radio gehört habe, blieb mir wegen der ungeniert atheistischen Anlage des Liedes vor Überraschung der Mund offen, beim Nachdenken darüber ist mir auch das Zeitgeistige dieses Textes aufgefallen, das wohl sehr gut die heutige (unchristliche) Lebenssicht der meisten Menschen wiedergibt.

Das Lied kann man hier anhören, den Text gebe ich im Folgenden wieder:

 
Niemand außer dir
Muss an deiner Stelle sein
Was du wirklich willst
Entscheidest du allein
Sie sagen dir genau
Was das Beste für dich ist
Und nehmen sich heraus
Zu wissen wer du bist
Pass auf dass deine Träume
Nicht die der andren sind
Und dich ihr Plan vom Leben
Einfach so verschlingt

Dieses Leben ist nur für dich
Dieses Leben ist deins
Verschenk es nicht
Wo immer es aufhört und wo es begann
Es liegt nur in deiner Hand

Es ist ihre Sicht der Dinge
Die mich zweifeln lässt
Ich weiß nur dass ihr Weg
Nicht meine Zukunft ist
Lass uns nicht versuchen
Genau wie sie zu sein
Es ist Zeit zu widersprechen
Zeit dass wir mal schreien

Dieses Leben ist nur für dich
Dieses Leben ist deins
Verschenk es nicht
Wo immer es aufhört und wo es begann
Es ist dir ein Leben lang
Dieses Leben ist nur für dich
Dieses Leben ist deins
Verschwend es nicht
Bis zur letzten Minute
Und von Anfang an
Liegt es nur in deiner Hand

Wenn du nicht aufpasst
Zieht es einfach so an dir vorbei
Und wo du dann aufwachst
Wolltest du vielleicht niemals sein

Unser Leben ist jetzt und hier
Unser Leben ist alles
Der Grund sind wir
Bis zur letzten Minute
Und von Anfang an
Liegt es nur in unsrer Hand
Unser Leben ist jetzt und hier
Jetzt und hier
Dieses Leben ist
Nur für dich

Viele Dinge, über die in den wenigen nachdenklichen Medien in Bezug auf die Lebenswelt heutiger Menschen berichtet wird, zeigen sich in diesem Text: Selbstverwirklichungswahn, Egozentrierung, Leugnung des Jenseits, letzten Endes auch eine Leugnung Gottes. Für mich sind folgende Zeilen bemerkenswert:

1) „Dieses Leben ist nur für dich / Dieses Leben ist deins“ – Dass das Leben ein Geschenk Gottes ist, ist common sense sämtlicher Religionen. Die Idee, dass das Leben dem Menschen selbst gehört, ist eine eher neue Konstruktion, die sich einer anti-religiösen und in unseren Breiten anti-christlichen Lebenseinstellung verdankt. Logischerweise wird daher auch die christliche Ablehnung des Selbstmordes nicht mehr verstanden und als Tat eines Menschen verteidigt, der mit „seinem“ Leben machen kann, was er will. Wie unterscheidet sich dieses moderne Lebensgefühl von einem christlichen? Ich kann darüber nur Mutmaßungen anstellen: das Leben wird zum Projekt, der Körper zum Material der Selbstverwirklichung, die Frage nach dem Sinn des Daseins ausgehebelt zugunsten einer Diesseitskonzentration, letzten Endes auch der Mensch in seinem Scheitern zurückgeworfen auf sich selbst und seine Unzulänglichkeiten. Hoffnung auf einen verzeihenden und liebenden Gott gibt es in diesem Lebensentwurf nicht.

2) „Es liegt nur in deiner Hand“ – Was für eine Hybris! Psalm 86, Vers 4, betet um Gegenteiliges: „Schenke mir wieder Freude, Herr, denn mein Leben liegt in deiner Hand.“ Der Atheismus dieser Zeile springt dem Zuhörer förmlich an. In der Hand Gottes ist das Leben des Christen geborgen, er kann darauf vertrauen, dass Gott sein Leben trägt und begleitet, dass er sich seiner erbarmt, wenn er Hilfe braucht und dass er ihn zu einem Leben in Fülle führen möchte. Liegt alles in Menschenhand, dann bleibt nicht viel zu hoffen, wenn man die Weltgeschichte bisher überblickt.

3) „Unser Leben ist jetzt und hier / Unser Leben ist alles“ – Die absolute Konzentration auf das Diesseits wird damit ausgedrückt, ein Jenseits, wo sich der Mensch für seine Taten rechtfertigen muss, wird ausgeblendet, der Hoffnung auf absolute Gerechtigkeit in Gott nicht mehr Ausdruck verliehen. In so einem Konzept gibt es keine Verlierer, wer nicht erfolgreich ist oder glücklich, ist selbst schuld: schließlich hat er es ja selbst in der Hand. Arme, Kranke, körperlich Beeinträchtigte, Unfallopfer, Kriegsopfer …: all diese kommen in diesem Konzept nicht vor, sie werden negiert, für sie und ihre Hoffnungen interessiert sich der Zeitgeist nicht.

4) „Der Grund sind wir“ – Damit wird, wahrscheinlich unbewusst, eine philosophische Kategorie angesprochen, die arché, der Grund, Ursprung des Lebens. Schon die griechischen Philosophen haben als Ursprung des Lebens Gott angesehen, Thomas von Aquin hat eine seiner Gottesaufweise auf den Urgrund allen Seins zurückgeführt. Indem nun der Grund der Mensch selbst ist, wird er zu seinem eigenen Schöpfer, ein anderer Schöpfer damit überflüssig.

5) „Dieses Leben ist nur für dich“ – Jedwede Berufung, sein Leben für andere zu führen, kommt nicht vor. Nächstenliebe? Unnötig. Anderen helfen? Nur dann, wenn man selbst profitiert. Jesus, der sein Leben für alle Menschen hingegeben hat? Ein einsamer Irrer.

Damit zeigt sich in diesem Lied für mich die moderne atheisierende Lebenshaltung (ich nenne sie so, weil ich nicht glaube, dass Christina Stürmer absichtlich ein atheistisches Lied schreiben wollte), die aus folgenden Elementen besteht:

a) Der Gott der Liebe kommt nicht vor. Der Mensch selbst vergöttlicht sich und macht sich zum Grund und Ziel seines Lebens.

b) Was der Mensch aus seinem Leben macht, ist allein seine Sache. Niemand hat ihm da hineinzureden (schon gar nicht moralisch). Jede Idee einer Berufung durch Gott wird damit ausgeblendet. Wenn man die aktuellen Zahlen der Eintritte ins Priesterseminar zum Beispiel ansieht, erkennt man eine Konsequenz dieser Lebenshaltung.

c) Der Mensch ist sich selbst der Nächste. Ideen der Solidarität, des Verzichts für andere, der voraussetzungslosen Liebe, des unbedingten Respekts werden daher immer weniger nachvollziehbar. Es wird nur mehr die Frage gestellt, was eine Tat für einen selbst bringt. Was das für eine Gesellschafts-zersetzende Konsequenz haben wird, können wir nur erahnen.

d) Das Jenseits wird nicht mehr als existent wahrgenommen. Die Hoffnung auf eine letzte Gerechtigkeit  in Gott ist nicht mehr notwendig, da man in der zeitgeistigen Weltsicht nur auf die Schönen, Prominenten und Erfolgreichen sieht. Die anderen werden einfach ausgeblendet.

Ob sich die Jugendlichen, die dieses Lied mitgrölen, dieser Implikationen bewusst sind?

PAX

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3 Gedanken zu „Ein Leben lang

  1. John Henry Newman hat meines Wissens keine Lieder für die Hitparade komponiert. Allerdings wäre es spannend, was er zur Textstelle gesagt hätte, dieses Leben sei nur für uns und alles läge alleine in unserer Hand.
    Es muss schon verdammt eng und kleinbürgerlich sein, sein Leben bloß aus der eigenen kleinen Welt heraus zu deuten.

    Vielleicht findet sich mal eine Songtexterin, die Newmans poetische Rede vertont. 😉

    Newman J. H., A Particular Providence as Revealed in the Gospel. Parochial and Plain Sermons, vol. 3, n° 9.

    Er ruft dich bei deinem Namen

    „Gott sieht dich an, wer auch immer du bist. Er „ruft dich bei deinem Namen“. Er sieht dich und versteht dich, denn er hat dich erschaffen. Alles, was dich ausmacht, kennt er: alle deine Gefühle und deine eigenen Gedanken, deine Neigungen, deinen Geschmack, deine Kraft und deine Schwäche.
    Er sieht dich an den Tagen, an denen du dich freust, wie auch an den Tagen des Leids; er teilt mit dir deine Hoffnungen und deine Versuchungen; er nimmt sich all deine Ängste und deine Erinnerungen zu Herzen, alle Beschwingtheit und alle Enttäuschung deines Geistes; er hat alle deine Haare gezählt…
    Er umfängt dich mit seinen Armen und hält dich, er hebt dich auf und lässt dich ausruhen. Er vertieft sich in dein Angesicht, wenn du lächelst oder weinst, wenn du gesund bist oder krank. Er sieht voller Zärtlichkeit auf deine Hände und Füße, er hört deine Stimme, das Schlagen deines Herzens, ja sogar dein Atmen…
    Du bist ein erlöster und geheiligter Mensch, sein Adoptivkind; er hat dich als Geschenk eines Teils dieser Herrlichkeit und dieses Segens geschaffen, die auf ewig vom Vater über den einziggezeugten Sohn herabströmen. Du wurdest erwählt, um ihm zu gehören…
    Was ist der Mensch oder was sind wir, was bin ich, dass der Sohn Gottes sich so um mich sorgt? Was bin ich, dass er mich … erhoben hat bis zur Natur eines Engels, dass er die ursprüngliche Substanz meiner Seele umgeformt hat, dass er mich neu gestaltet hat – mich, der ich ein Sünder bin von Kindesbeinen an – und dass er in meinem Herzen Wohnung genommen hat, mich zu seinem Tempel gemacht hat?“

    (Wer auf den Geschmack gekommen ist, hier ein paar Bibelstellen zum Nachlesen: Joh 10,3; Mt 10,30; Ps 8,5; vgl. Gen 8,21, Ps 50,7; 1Kor 3,16)

    • In der heutigen Wiener Zeitung ist ein sehr interessanter Artikel zu finden, der auch unsere Frage behandelt (http://www.wienerzeitung.at/beilagen/extra/522816_Am-Fluchtpunkt-des-Fortschritts.html).

      Ich zitiere daraus kurz:

      „Es war der Kardinalfehler der Moderne, dass sie durch die Säkularisierung – man möchte fast sagen: Profanierung – Religion und Rationalität für unvereinbar erklärte. Die Moderne hat Glauben gegen Wissen ausgespielt. Der vernunftbegleitete Mensch ist gezwungen, zu verstehen. Dabei gibt es mannigfaltige Phänomene, die sich dem Intelligiblen entziehen. Wie enstand die Erde? Woher kommen wir? Gibt es einen Gott? Elementare Fragen der menschlichen Existenz. Die Transzendenz bedarf einer theologisch-philosophischen Fundierung. Der Progessivismus verweigert sich dieser Frage, weil er in der Religiosität ein archaisches Relikt erblickt.“

      Und weiter:

      „Der Materialismus der Moderne hat die Menschen korrumpiert, ihren innersten Idealismus aufgezehrt. In einer Zeit, in der Konsum und Hedonismus zum Ideal erhoben werden, wollen die Menschen vor allem eines: sich selbst verwirklichen. Dieses Streben nach Glückseligkeit („Pursuit of Happiness“) geht einher mit einer Loslösung von der Gesellschaft. Der Mensch wird zum Solitär. Tocqueville zeigt auf, wie dieser Individualismus zwangsläufig in Isolation mündet. „Die Gleichheit, die den Einzelnen unabhängig macht, lässt ihn isoliert zurück.“ Soll heißen: Egalität macht einsam. Die Enträumlichung hat eine Sinnleere hinterlassen.“

  2. Pingback: Überreicher Fischfang | fecistinos

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