Er-lösung II

Gestern sind mir – wegen meiner Auseinandersetzung mit den Fragen der Erlösung – in der Osternacht beim Exsultet natürlich folgende Stellen besonders aufgefallen:

[…] Er hat für uns beim ewigen Vater Adams Schuld bezahlt
und den Schuldbrief ausgelöscht mit seinem Blut, das er aus Liebe vergossen hat.
Gekommen ist das heilige Osterfest,
an dem das wahre Lamm geschlachtet ward,
dessen Blut die Türen der Gläubigen heiligt
und das Volk bewahrt vor Tod und Verderben.
Dies ist die Nacht,
die unsere Väter, die Söhne Israels,
aus Ägypten befreit
und auf trockenem Pfad durch die Fluten des Roten Meeres geführt hat.
Dies ist die Nacht,
in der die leuchtende Säule
das Dunkel der Sünde vertrieben hat.
Dies ist die Nacht,
die auf der ganzen Erde alle, die an Christus glauben,
scheidet von den Lastern der Welt,
dem Elend der Sünde entreißt,
ins Reich der Gnade heimführt
und einfügt in die heilige Kirche.
Dies ist die selige Nacht,
in der Christus die Ketten des Todes zerbrach
und aus der Tiefe als Sieger emporstieg.
Wahrhaftig, umsonst wären wir geboren,
hätte uns nicht der Erlöser gerettet.
O unfassbare Liebe des Vaters:
Um den Knecht zu erlösen, gabst du den Sohn dahin!
O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam,
du wurdest uns zum Segen,
da Christi Tod dich vernichtet hat.
O glückliche Schuld,
welch großen Erlöser hast du gefunden! […]
Der Glanz dieser heiligen Nacht
nimmt den Frevel hinweg,
reinigt von Schuld,
gibt den Sündern die Unschuld,
den Trauernden Freude.
Weit vertreibt sie den Hass,
sie einigt die Herzen
und beugt die Gewalten. […]

Dreh- und Angelpunkt ist dabei das von Augustinus stammende felix culpa, mit der die Ursünde Adams bezeichnet wird, sich gegen Gott aufgelehnt zu haben, die in Jesus Christus einen großen Erlöser gefunden hat.

Dazu ein paar Gedanken von Michael Wildfeuer: Das ist das Große des Christentums und die Größe der Gnade, die wir uns gar nicht genügend klarmachen können. Durch das Erbarmen Gottes wird die Schuld jetzt Anlass des Glückes. Derjenige, der an der erneuten Liebe Gottes teil hat, hat an einer größeren Gnade teil als die Menschen im Paradies. Warum? Weil Gott seine Huld jetzt nicht einem Unschuldigen zuwendet, wie im Paradies, sondern einem Sünder, einem Ungerechten, einem Verworfenen. Und das ist eine weitaus größere Gnade: Wenn ich mich zu einem stinkenden Bettler hinabneige und diesen an den Königshof hole, dann ist es natürlich viel größere Huld, als wenn ich einen Unbescholtenen einlade. Und das ist die wunderbare Größe des Christentums, die einzigartige Größe. Das gibt es nirgends auf der Welt. Welches Volk, welche Religion könnte die Schuld glücklich preisen? Das ist nirgends möglich, das ist nur im Christentum möglich.

Ja, aus der Perspektive des Menschen ist die Erlösung recht gut verständlich: ohne es verdient zu haben, gibt Gott jedem Menschen immer wieder die Chance zur Umkehr. Trotz seiner übergroßen Schuld ist der Weg zu Gott nicht versperrt. Gott kommt uns auf halbem Weg entgegen, ja, er nimmt uns wie der barmherzige Vater immer wieder auf und vergibt bei ehrlicher Reue.

Aber aus der Perspektive Gottes? Warum brauchte es den Tod Christi am Kreuz? Wäre das nicht – wie Barbara Büchner ausgedrückt hat – ein sadistischer Vater, der den Tod seines Sohnes braucht, um allen Menschen vergeben zu können?

Ich denke, man kann sich von dieser – unchristlichen – Vorstellung befreien, wenn man bedenkt, dass die alttestamentlichen Bilder, die so eine Deutung nahelegen, nur einige unter vielen sind, die von den Autoren des Neuen Testaments herangezogen wurden, um zu beschreiben, was mit dem Mysterium der Erlösung gemeint ist. Auf dieser Seite wird das gut zusammengefasst:
Die Hl. Schrift bedient sich einer ganzen Reihe von meist alttestamentlich inspirierten Bildern, die das Heilsgeschehen des Todes Jesu ausdrücken: „Loskauf aus der Knechtschaft der Sünde“ (vgl. Gal 3, 13), „Rechtfertigung“ (1 Petr 1, 18), Lebenshingabe als „Lösegeld für viele“ (Mk 10, 45; Gal 1, 4), „Sühne für unsere Sünden“ (Röm 3,25) usw.
In die heutige Sprache übersetzt könnte das bedeuten: Jesus geht den Weg nach Golgotha nicht für sich; er geht ihn für uns! Er nimmt uns auf diesem Weg gewissermaßen alle Lasten ab und trägt sie ans Kreuz; diese Lasten sind all das, was uns von Gott trennt. (Quelle)

Die Frage, die bleibt, ist: warum war es notwendig, dass er uns alle Lasten abnimmt? Warum musst der Sohn sterben, um den Weg zum Vater von allen Dingen zu säubern, die uns von Gott trennen?

Vielleicht hilft die Antwort auf die Frage weiter, warum es Reue braucht, damit Vergebung wirksam wird. Gott vergibt uns unsere Sünden. Aber damit diese Vergebung wirken, ihre heilsame Kraft ausbreiten kann, braucht es die Reue des Menschen. Wie könnte er auch sonst die Vergebung annehmen, wenn er nicht einsieht, dass er etwas Falsches getan hat? Insofern sind Gott die Hände gebunden ; durch die Freiheit, die er dem Menschen einräumt, gibt er ihm auch die Möglichkeit, seine Fehler nicht einzusehen. Deswegen ist die Rede von der leeren Hölle etwas zu optimistisch: die Freiheit des Menschen, die er von Gott geschenkt bekommen hat, schließt ja seine absolute Ablehnung jeder eigenen Schuld mit ein, sodass eine selbstverschuldete (!) Gottesferne im Bereich des Möglichen liegt. Das widerspricht nicht der Rede vom Gott der Liebe. Schließlich liegt der Zustand der Hölle (= Gottesferne) am Menschen selbst, der die vorhandene, liebevolle Vergebung Gottes aus Hybris zurückweist.

Es scheinen Gott auch bei der Erlösung des Menschen die Hände gebunden zu sein, sonst hätte er nicht sehenden Auges in Kauf nehmen müssen, dass der Sohn am Kreuz stirbt. Die Vorstellung Gottes als ein sadistischer Vater widerspricht sämtlichen Gottesbildern des Alten und Neuen Testaments.

Die Improperien, die Heilandsklagen des Karfreitags zeigen diese Ohnmacht Gottes angesichts der Freiheit des Menschen (in der Liedform von Markus Fidelis Jäck ein Text, den ich selbst als Kind und Jugendlicher äußerst beeindruckend erlebt habe):

1 O du mein Volk, was tat ich dir?
Betrübt ich dich? Antworte mir!
Ägyptens Joch entriss ich dich,
du legst des Kreuzes Joch auf mich.

2 Ich führte dich durch vierzig Jahr
und reichte dir das Manna dar;
das Land des Segens gab ich dir,
und du gibst mir das Kreuz dafür.

3 Was hab ich nicht für dich getan?
Pflanzt dich als meinen Weinberg an,
und du gibst bittern Essig mir,
durchbohrst des Retters Herz dafür.

4 Ich führte dich durchs Rote Meer,
und du durchbohrst mich mit dem Speer.
Der Heiden Macht entriss ich dich,
du übergabst den Heiden mich.

5 Ich nährte in der Wüste dich,
und du, du lässt verschmachten mich;
gab dir den Lebensquell zum Trank,
und du gibst Galle mir zum Dank.

6 Ich schlug den Feind, gab dir sein Land;
und grausam schlägt mich deine Hand.
Das Königszepter gab ich dir,
du gibst die Dornenkrone mir.

7 Ich gab dir Gnaden ohne Zahl;
du schlägst mich an des Kreuzes Pfahl.
O du mein Volk, was tat ich dir?
Betrübt ich dich? Antworte mir!

Kein Wort darüber, dass der Vater von Anfang an vorgehabt habt, den Sohn grausam am Kreuz sterben zu sehen, sondern die Rede von einem ohnmächtigen Gott, der zusehen muss, wie sein Sohn gemartert wird, obwohl er den Menschen schon überreiche Gnade zuerkannt hat.

Dieses uralte Lied zeigt finde ich am besten, wie man das verstehen kann, was Jesus am Kreuz erleidet und wie Gott dazu steht. Er gibt den Menschen die Freiheit zu handeln, zu reden und zu denken, was sie für richtig halten; die Freiheit, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden. UND er macht aus ihren bösen Taten Gutes, das ist seine Allmacht. Seine Allmacht ist also nicht darin begründet, dass er die Menschen von bösen Taten abhalten kann, sonst wären sie ja nicht frei (und nicht verantwortlich für ihre Taten), ABER sie liegt darin, dass er noch größeres Gutes aus dem machen kann, was die Menschen verbockt haben: er schreibt „auf schiefen Linien“ gerade, wie der Volksmund sagt.

Deswegen ist ja auch Judas zu verdammen. Er hat nicht Gottes Plan gedient, indem er seinen Meister verraten hat, sondern er hat einen Freund verraten und damit große Schuld auf sich geladen. Dass der Vater aus diesem Verrat dann umso viel Besseres geschaffen hat, nämlich seinen Sohn auferweckt und uns erlöst hat, ist nicht Verdienst des Judas, sondern Verdienst der Liebe Gottes.

Zusammengefasst: Die Menschen haben in ihrer Freiheit den Sohn Gottes umgebracht, obwohl er ohne Makel war. Und weil sich in diesem Sohn Gott untrennbar mit allen Menschen verbunden hat, ist sein Tod mehr: in Jesus werden alle Menschen mitgekreuzigt (vgl. Gal 2,19f)), seine übergroße Liebe für alle Menschen, die ohne Wort des Widerstandes (vgl. Jes 53,7)) zum Tod führt, kann den großen Mangel aller Sünden ausgleichen. Das ist wohl mit dem „für uns“ gemeint: eine kosmische Erschütterung der Macht der Liebe, eine übermenschliche Ansammlung von Liebe, die allen Menschen zugutekommt. Gott Vater erweckt seinen Sohn zum Leben – und schafft damit die Grundlag für unsere existentielle christliche Hoffnung.

Soweit meine Überlegungen zum heutigen Ostersonntag!

Berichtigungen und Anfragen erwünscht!

PAX ET BONUM

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Er-lösung

Wie jedes Jahr hat mich am Karfreitag besonders die Lesung aus dem Buch Jesaja (Quelle) berührt:

Jes 52, 13 – 53, 12: 13 Seht, mein Knecht hat Erfolg, er wird groß sein und hoch erhaben. 14 Viele haben sich über ihn entsetzt, so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen. 15 Jetzt aber setzt er viele Völker in Staunen, Könige müssen vor ihm verstummen. Denn was man ihnen noch nie erzählt hat, das sehen sie nun; was sie niemals hörten, das erfahren sie jetzt.
1 Wer hat unserer Kunde geglaubt? Der Arm des Herrn – wem wurde er offenbar? 2 Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, so dass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm. 3 Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. 4 Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. 5 Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen. 7 Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf. 8 Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen. 9 Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war.
10 Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühneopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen. 11 Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich. 12 Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen, und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.

Dieses 4. Lied vom Gottesknecht ist der prophetische Schlüssel, mit dem das Geheimnis des Christusereignisses „aufgesperrt“ werden kann, es ist erst ganz verständlich, nachdem in Jesus von Nazareth diese Verheißungen verwirklicht wurden.

Besonders interessiert mich dabei das „für uns“. Was bedeutet es genau, dass er für uns gestorben ist? Wieso und wie hat er „unsere Sünden“ auf sich genommen, hat er uns „erlöst“?

Nehmen wir zunächst aus dem obigen Zusammenhang die entsprechenden Stellen heraus:
Jes 53,4: Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen.
6: Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen.
8: Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen.
10: Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühneopfer hingab.
11: Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich.
12: Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen, und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.

Nun, der Sinn dieser Bibelstelle ist eindeutig. Auf Jesus von Nazareth übertragen bedeuten sie: Jesus als wahrer Gottesknecht hat sein Leben für uns hingegeben. Am Kreuz hat er alle unsere Schuld auf sich genommen, er hat sein Leben als „Sühneopfer“ hingegeben. Seit dieser Tat sind wir erlöst. So weit die theologische Sprachregelung. Aber was bedeutet das?

Ich habe erst kürzlich einen Beitrag der DVD „3MC – 3-Minuten-Katechismus“ gesehen, der versucht hat, diesem Geheimnis nachzuspüren. Ausgangspunkt war die Prämisse, dass die Sünde immer an ein Mangel darstelle, nämlich ein Mangel an Liebe. Ein Mangel an Liebe werde logischerweise mit einem Mehr an Liebe auzugleichen sein. Der Sohn Gottes nun habe durch seinen Tod in einer freien Tat aufgrund seiner übergroßen Liebe all den Mangel ausgeglichen, der von menschlichen Sünden verursacht werden könne. So habe uns Jesus am Kreuz erlöst.

Diese Erklärung ist für mich zu technisch.

Eine weitere Möglichkeit zu erklären, inwieweit wir Christen uns nun als erlöst zu betrachten haben, ist folgende: weil Gott in Jesus Christus auf der Erde unter uns gewandelt ist und uns gezeigt hat, wie er ist (nämlich Liebe), haben wir eine Ahnung davon, wie ein erfülltes, glückliches Leben gelingen kann. Die Erlösung besteht darin, dass Leben, Botschaft, Leiden, Tod und Auferstehung des Gottessohnes uns authentisch vermittelt, welchen Weg Gott mit uns Menschen gehen will: nämlich einen liebevollen, einen Weg, der beim Tod nicht Halt macht, sondern der auch eine Perspektive darüber hinaus eröffnet. Wir sind also erlöst, weil wir uns aufgrund des Christusereignisses als Kinder Gottes begreifen dürfen, die sich auf ihren Vater im Himmel verlassen können. Der Kreuzestod Jesu spielt – angesichts der obigen Lesung – in diesem Erklärungversuch natürlich eine wesentliche Rolle: bezeugt er damit nicht nur die Liebe Gottes, die über den Tod hinausgeht, sondern auch die Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit des Gottessohnes.

Im Kathechismus der Katholischen Kirche heißt es im Artikel 601:
Dieser göttliche Plan, durch den gewaltsamen Tod des „Knechtes, des Gerechten“ (Jes 53,11) [Vgl. Apg 3,14.] Heil zu schaffen, war in der Schrift im voraus angekündigt worden als ein Mysterium allumfassender Erlösung, das heißt eines Loskaufs, der die Menschen aus der Sklaverei der Sünde befreit [Vgl. Jes 53,11-12; Job 8,34-36.]. In einem Glaubensbekenntnis, von dem er sagt, er habe es „empfangen“ (1 Kor 15,3), bekennt der hl. Paulus: „Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift“ (ebd.) [Vgl. Jes 53,7-8 und Apg 8,32-35.]in Erfüllung gehen. Jesus selbst hat den Sinn seines Lebens und seines Todes im Licht dieser Worte vom Gottesknecht gedeutet [Vgl. Mt 20,28.]. Nach seiner Auferstehung gab er diese Schriftdeutung den Emmausjüngern [Vgl. Lk 24,25-27.] und sodann den Aposteln selbst [Vgl. Lk 24,44-45.].

…und weiter in Artikel 616:
Die „Liebe bis zur Vollendung“ (Job 13,1) gibt dem Opfer Christi seinen Wert und bewirkt, daß es erlöst und wiedergutmacht, sühnt und Genugtuung leistet. Jesus hat bei der Hingabe seines Lebens um uns alle gewußt, uns alle geliebt [Vgl. Gal 2,20; Eph 5,2.25.]. „Die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben“ (2 Kor 5,14). Kein Mensch, selbst nicht der größte Heilige, wäre imstande, die Sünden aller Menschen auf sich zu laden und sich als Opfer für alle darzubringen. Doch kraft der göttlichen Person des Sohnes in Christus, die über alle menschlichen Personen hinausgeht und sie zugleich umfängt, und Christus zum Haupt der ganzen Menschheit macht, kann das Opfer Christi für alle erlösend sein.

…und Artikel 618
618 Der Kreuzestod ist das einmalige Opfer Christi, des „einzigen Mittlers zwischen Gott und den Menschen“ (1 Tim 2,5). Doch weil er sich in seiner menschgewordenen göttlichen Person „gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt“ hat (GS 22,2), bietet sich allen „die Möglichkeit …‚ sich mit diesem österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise zu verbinden“ (GS 22,5). Jesus fordert seine Jünger auf, ihr „Kreuz auf sich“ zu nehmen und ihm nachzufolgen (Mt 16,24), denn er „hat für [uns] gelitten und [uns] ein Beispiel gegeben, damit [wir] seinen Spuren“ folgen (1 Petr 2,21). Er will diejenigen, denen sein Erlösungsopfer zuerst zugutekommt, an diesem Opfer beteiligen [Vgl. Mk 10,39; Job 21,18-19; Kol 1,24.]. Das gilt vor allem für seine Mutter, die in das Mysterium seines erlösenden Leidens tiefer hineingenommen wird als jeder andere Mensch [Vgl. Lk 2.35.].

Noch viele Texte des Katechismus beschäftigen sich mit der Frage, wie uns Jesus erlöst hat. Ich erkenne aus den zitierten Stellen (und den anderen) ein Bemühen, dieses zentrale christliche Mysterium zu erklären … und gleichzeitig auch eine Hilflosigkeit, dasselbe zu bewerkstelligen. Vielleicht gibt es aber im letzten Zitat einen Anknüpfungspunkt: erlöst zu sein, könnte bedeuten, dass seit Jesus Christus sich Gott untrennbar mit den Menschen verbunden hat, dass Jesus uns einen Weg zu dem Unbegreiflichen, absolut Transzendenten gebaut hat, dass wir nun zu eben diesem „Abba“, „Papa“, sagen können. In der Nachfolge Jesu nimmt er uns also mit auf diesem Weg zu seinem Vater.

Hier könnte doch eine Möglichkeit sein, diese schwierige theologisch-überfrachtete Rede von der „Erlösung“ oder vom „Tod für uns“ auch im 21. Jahrhundert zu verstehen: Gott liebt uns mit einer Liebe, die wir nicht einmal erahnen können. Er schickt uns seinen Sohn, der uns diese Liebe bezeugt bis zu einem grauenvollen, bitteren Tod am Kreuz. Mit seinem ganzen Leben, vor allem aber mit seiner Konsequenz, auch den Tod auf sich zu nehmen, hat der Sohn Gottes uns erlöst: er hat uns gezeigt, dass die Liebe stärker ist als der Tod, dass wir geliebte Gotteskinder sind und in der Nachfolge Jesu einen Weg zum Vater vorfinden.

Der Pfarrer von St. Elisabeth in Salzburg, Heinrich Wagner, hat das Mysterium der Auferstehung in einer Osterpredigt wunderbar ausgedrückt: Die Botschaft, die wir Sonntag für Sonntag feiern, ist nicht eine, die ich fassen kann, ist nicht eine, bei der ich mal sagen kann: „Ja, ich hab’s kapiert!“ Es ist immer wieder dieses Nicht-Glauben-Können und Aufgeweckt-Werden durch diesen Ruf, der immer wieder neu gesagt werden muss: Christus ist auferstanden!

Ich wünsche allen, die das lesen, ein gesegnetes und frohes Osterfest! Möge die Gegenwart des Auferstandenen euer Leben begleiten und behüten.

PAX

Brandrede des Papstes

Ich dokumentiere hier die Rede von Kardinal Bergoglio, die er vor dem Konklave gehalten hat (Quelle):


Ich habe Bezug genommen auf die Evangelisierung. Sie ist der Daseinsgrund der Kirche. Es ist die «süße, tröstende Freude, das Evangelium zu verkünden» (Paul VI.). Es ist Jesus Christus selbst, der uns von innen her dazu antreibt.

1. Evangelisierung setzt apostolischen Eifer voraus. Sie setzt in der Kirche kühne Redefreiheit voraus, damit sie aus sich selbst herausgeht. Sie ist aufgerufen, aus sich selbst herauszugehen und an die Ränder zu gehen. Nicht nur an die geografischen Ränder, sondern an die Grenzen der menschlichen Existenz: die des Mysteriums der Sünde, die des Schmerzes, die der Ungerechtigkeit, die der Ignoranz, die der fehlenden religiösen Praxis, die des Denkens, die jeglichen Elends.

2. Wenn die Kirche nicht aus sich selbst herausgeht, um das Evangelium zu verkünden, kreist sie um sich selbst. Dann wird sie krank (vgl. die gekrümmte Frau im Evangelium). Die Übel, die sich im Laufe der Zeit in den kirchlichen Institutionen entwickeln, haben ihre Wurzel in dieser Selbstbezogenheit. Es ist ein Geist des theologischen Narzissmus. In der Offenbarung sagt Jesus, dass er an der Tür steht und anklopft. In dem Bibeltext geht es offensichtlich darum, dass er von außen klopft, um hereinzukommen … Aber ich denke an die Male, wenn Jesus von innen klopft, damit wir ihn herauskommen lassen. Die egozentrische Kirche beansprucht Jesus für sich drinnen und lässt ihn nicht nach außen treten.

3. Die um sich selbst kreisende Kirche glaubt – ohne dass es ihr bewusst wäre – dass sie eigenes Licht hat. Sie hört auf, das «Geheimnis des Lichts» zu sein, und dann gibt sie jenem schrecklichen Übel der «geistlichen Mondänität» Raum (nach Worten de Lubacs das schlimmste Übel, was der Kirche passieren kann). Diese (Kirche) lebt, damit die einen die anderen beweihräuchern. Vereinfacht gesagt: Es gibt zwei Kirchenbilder: die verkündende Kirche, die aus sich selbst hinausgeht, die das «Wort Gottes ehrfürchtig vernimmt und getreu verkündet»; und die mondäne Kirche, die in sich, von sich und für sich lebt.

Dies muss ein Licht auf die möglichen Veränderungen und Reformen werfen, die notwendig sind für die Rettung der Seelen.

Selten so eine klare und schonungslose Bestandsaufnahme der Krankheiten gehört, die in unserer Kirche zu beklagen sind.

PAX

Maria Verkündigung

Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit hat die katholische Kirche am Montag, den 25. März, das Fest Maria Verkündigung gefeiert. Und das, obwohl es ohne den Inhalt des Festes völlig anders auf dieser Welt aussehen würde.

Ich selbst habe im italienischen Loreto schon die Mauern besichtigt, die dieses epochale Ereignis bezeugen. Die einfachen Steinmauern sind aus Nazareth nach Loreto verbracht worden, sie stammen höchstwahrscheinlich von Marias einfachem Haus. Selbst wenn man wegen der Authentizität dieser Mauern skeptisch ist: sie wurden über Jahrhunderte als eben diese Mauern verehrt, die Marias Erfahrung mit dem Engel Gabriel bezeugen.

Als Nicht-Katholik könnte man die Frage stellen, wieso die katholische Kirche sich noch immer diesem „überholten“ Glauben verschreibt, obwohl ja die Echtheit der Reliquien keineswegs sicher ist.

Gerade bei den Mauern von Loreto kann ich diese Frage beantworten: dass es Mauern gibt, die das Fest Maria Verkündigung bezeugen, betont die entscheidende Botschaft des Christentums, die sie von allen Religionen unterscheidet: dass es nämlich dem ewigen, allmächtigen Gott gefallen hat, in die menschliche Geschichte einzubrechen, dass sein Sohn wirklich und wahrhaftig mit uns Menschen gelebt hat, ja, dass er für uns gelebt hat, gelitten hat und gestorben ist.

Ohne Maria Verkündigung also kein Weihnachten, kein Ostern und kein Christentum. Ohne Reliquien die Frage, ob das alles wirklich passiert ist: in den Reliquien verehren wir Katholiken also den uns nahen Gott, Jesus Christus, unseren Bruder.

PAX

Tageslesung Jesaja 49

Die heutige Tageslesung entstammt dem Buch Jesaja. Es handelt sich um das zweite Lied vom Gottesknecht.

Jes 49, 1-6: 1 Hört auf mich, ihr Inseln, merkt auf, ihr Völker in der Ferne! Der Herr hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt. 2 Er machte meinen Mund zu einem scharfen Schwert, er verbarg mich im Schatten seiner Hand. Er machte mich zum spitzen Pfeil und steckte mich in seinen Köcher. 3 Er sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will. 4 Ich aber sagte: Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft umsonst und nutzlos vertan. Aber mein Recht liegt beim Herrn und mein Lohn bei meinem Gott. 5 Jetzt aber hat der Herr gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht gemacht hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm versammle. So wurde ich in den Augen des Herrn geehrt, und mein Gott war meine Stärke. 6 Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.

Dieses zweite Lied vom Gottesknecht stellt die göttliche der menschlichen Perspektive gegenüber. Der Gottesknecht wurde schon im Mutterleib berufen, von Anfang seines Daseins hat er seine Bestimmung. Gott hat Großes mit ihm vor: nicht nur die Sammlung und Heimführung seines Volkes, sondern die Sammlung aller Völker, die Ausgießung seines Heiles „bis an das Ende der Erde“.

In der Welt der Menschen aber erfährt der Knecht Frustration, Enttäuschung, Vergeblichkeit: Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft umsonst und nutzlos vertan. Was für eine hervorragende Zusammenfassung dessen, was wir so häufig als Christen erfahren müssen! Dass unsere Bemühungen nicht fruchten, wir einer Übermacht an Unglauben, Spott und Ablehnung gegenüberstehen, dass es nur wenige sind, die an einem ernsthaften Leben aus dem Glauben heraus interessiert sind. Dass wir unsere Kräfte für einen aussichtslosen Kampf verschwenden.

Mir kommt da wieder Don Quijote in den Sinn, der ja den „unbesiegbaren Feind“ besiegen und den „unerreichbaren Stern“ erreichen will. Diese Bibelstelle gibt ihm Recht: wohl ist in der menschlichen Perspektive so vieles sinnlos, vergeudet, verschwendet, Gott aber hat uns zu Größerem berufen: wir sollen durch unseren kleinen, verschwindend geringen Beitrag mithelfen, ein „Licht für die Völker“ zu sein.

Um wie viel wird dies aber auch leichter, wenn wir dem Gottesknecht schlechthin nachgehen können, Jesus Christus, der uns vorangegangen ist auf diesem Weg.

PAX