Die Dinge singen hör ich so gern

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Dieses Gedicht ist für mich das schönste von Rainer Maria Rilke. Es ist nicht nur charakteristisch für seine Sprachskepsis, sondern auch für seinen Glauben an den Schöpfer aller Dinge.

Ich möchte zunächst anknüpfen an die Überlegungen zum Thema „Gott und Sprache„. Kern derselben war ja, an welche Schwierigkeiten man stößt, wenn man religiöse Erfahrungen bzw. Glaubensgewissheiten sprachlich ausdrücken möchte bzw. ob man ohne sprachliche Vorbildung religiöse Erfahrungen fruchtbar für sein Leben machen kann. Rilke bringt noch weitere Aspekte zu den schon Ausgeführten hinzu:
1) „Sie sprechen alles so deutlich aus“ – die Kategorisierungen der Sprache schubladisieren Erfahrungen bzw. Dinge
2) „kein Berg ist ihnen mehr wunderbar“ – der Mensch entzaubert durch seine Sprache die natürlichen Erscheinungen, sie werden beschreibbare Objekte in seinen Augen. Das Wunder der Schöpfung wird damit nicht mehr wahrnehmbar.
3) „ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott“ – der Mensch erhebt sich kraft seiner Sprache in die Höhe Gottes
4) „Ihr bringt mir alle die Dinge um“ – durch das sprachliche Kategorisieren der natürlichen Erscheinungen wird die Schöpfung ermordet, sie wird stumm gemacht, ihr „Singen“ wird verunmöglicht.

Hinter diesem Gedicht steckt eine sehr schöne, theologisch fruchtbare Konzeption der Schöpfung Gottes, die durchaus auch an die biblische Erzählung der Genesis anknüpft:
Gen 2,19-20: Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen. Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes.

Gott überlässt einen Teil seiner Macht dem Menschen, indem er ihm die Benennung der Tiere überlässt. Gibt man jemandem oder etwas einen Namen, dann steht man eine Stufe darüber, man engt es in gewisser Weise ein, man hat Macht. Rilkes Angst, die sich in diesem Gedicht ausdrückt, liegt darin begründet, dass er den Menschen als machtbesessen einstuft: der Mensch setzt seine sprachlichen Fähigkeiten nicht dazu ein, die Schöpfung zu bewahren (wie das eigentlich von Gott gedacht war), sondern sie zu unterwerfen, ihr ihre Seele zu rauben, ihr ihre Fähigkeit zu nehmen, zum Lobe Gottes zu singen (vgl. Psalm 104). Natürlich erinnert die Verszeile „Ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott“ auch an die Turmbau-Geschichte, die ja auch von der Einsicht zeugt, dass der Mensch mit der Versuchung leben müsse, sich selbst allzu wichtig zu nehmen und sich für Gott zu halten.

Und ist es nicht tatsächlich so, dass der Mensch durch seine kognitiven, sprachlichen Fähigkeiten an die Grenzen Gottes anklopft? Beziehen wir die naturwissenschaftliche Forschung auf die eben besprochenen Texte, so wird nicht nur deutlicher, was Rilke meint, wenn er von der Entzauberung der Schöpfung spricht, sondern auch von der Hybris des Menschen, sich für Gott selbst zu halten. Die Natur ist nicht mehr Schöpfung Gottes, sondern eine Ansammlung wissenschaftlich beschreibbarer Objekte, die fein säuberlich kategorisiert und beschrieben werden können. Sie ist nicht mehr Wunder der Liebe Gottes, sondern kalte Materie, derer sich der Mensch bedient, um seine Ziele zu erreichen.

In Wahrheit aber – so drückt es Rilke gemeinsam mit der Bibel aus – soll die gesamte Schöpfung „singen“, jedes einzelne „Ding“ soll zum Lobe Gottes sein ganz persönliches Lied singen und damit einstimmen in den Chor aller geschaffenen Dinge. Aufgabe des Menschen ist es, ebenfalls sein Lied zu singen, seinen Teil dazu beizutragen, dass Gottes Lob in angemessener Weise zur Sprache kommt, nicht die geschaffenen Dinge für seine eigenen Zwecke zu missbrauchen.

Für mich ergeben sich aus diesen Überlegungen folgende Konsequenzen:

1) Der Naturwissenschaft ist von Gott eine natürliche Grenze gesetzt worden: dort, wo sie Aussagen über den Sinn der geschaffenen Dinge machen möchte, hat sie keine wissenschaftliche Methode mehr. Der Sinn der Schöpfung – nämlich Gottes Lob zu singen – ist naturwissenschaftlich nicht ableitbar und somit außerhalb der entsprechenden Methode. Man möchte angesichts dieser Erkenntnis mit Rilke sagen: Gottseidank! Denn alles, was der Mensch sprachlich (=wissenschaftlich) beschreibt, verliert ganz offensichtlich an spiritueller Kraft.
2) Es ist Aufgabe von uns Christen in einer wissenschaftsgläubigen Zeit wie unserer, diese Zusammenhänge aufzuzeigen. Dazu muss man kein gläubiges Gegenüber voraussetzen. Ein redlicher Wissenschaftler wird von sich aus einsehen müssen, dass er keine wissenschaftliche Methode hat, die den Sinn bzw. die genaue Funktion der Schöpfung aussagt. Wo Wissenschaftler von einer Gewissheit reden, alles wäre Zufall oder es gäbe keinen Schöpfer-Gott, verlassen sie ihr Fachgebiet.
3) Die Sprachskepsis Rilkes hat auch meine Überlegungen insforn bereichert, als dass ich sehr vorsichtig geworden bin, Dinge, Menschen, Situationen zu beurteilen, also quasi zu kategorisieren, weil ich ihnen damit ihre Fähigkeit genommen habe, zu „singen“, d.h. ihr Eigenes, Unverwechselbares mitzuteilen. Jesus sagt ja auch: Richtet nicht, damit ihr nicht selbst gerichtet werdet (Mt 7,1).
4) Frage für diese Fastenzeit könnte daher sein: Wie kann ich selbst die Schöpfung zum Singen bringen, welche Möglichkeiten habe ich in meinem Umfeld, einzustimmen in das große Lob Gottes, in das Stimmengewirr dieses Chors, der ohne Unterlass sein Lob preist?

PAX

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5 Gedanken zu „Die Dinge singen hör ich so gern

  1. Ganz meine Meinung. Noch schlimmer aber wird es, wo wir anfangen, Gott selbst zu „beworten“, Wortkonstrukte zu verfassen, wie Gott „funktioniert“ – Beispiel: Hatte Christus zwei Willen, und wie verhielten sich diese zueinander? – als wäre Gott und speziell die Trinität ein Uhrwerk, dessen Ineinanderklicken man genau beobachten kann. Meine persönliche Meinung ist: Hier redet der Mensch über Dinge, von denen er keine Ahnung hat und keine Ahnung haben kann, weil Goitt eben kein Objekt der Beobachtung und noch weniger eines der wissenschaftlichen Sektion ist. Insofern muss man hier auch die Theologen an den Ohren nehmen: Auch bei ihnen grenzen „Haus und Garten an Gott.“
    Übrigens erinnert mich dein Artikel an meine Reise mit dem Touristenverein ins Heilige Land: War zwar sehr schön, aber für diese Sport-Idioten bestand der Berg Sinai nur aus Höhenmetern, war nicht mehr als ein Klettergerüst, auf dem man seine Turn-Einheiten absolviert.
    lg,
    Ratti

    • Die Theologie kommt sicher häufig von ihrer ureigensten Aufgabe, nämlich der Vermittlung des biblischen Glaubens ins Heute, ab hin zu einer Arroganz, Gott „erklären“ zu können. Aber ganz ohne vernünftige Durchdringung des Gottesglaubens geht’s auch nicht – sonst wird der Glaube nur auf ein Gefühl reduziert und kann seine den gesamten Menschen verwandelnden Kräfte nicht entfalten.

  2. Auch ein Beispiel für das besprochene Schöpfungsbild:

    Joseph von Eichendorff: Winternacht

    Verschneit liegt rings die ganze Welt,
    Ich hab nichts, was mich freuet,
    Verlassen steht der Baum im Feld,
    Hat längst sein Laub verstreuet.

    Der Wind nur geht bei stiller Nacht
    Und rüttelt an dem Baume,
    Da rührt er seinen Wipfel sacht
    Und redet wie im Traume.

    Er träumt von künft’ger Frühlingszeit,
    Von Grün und Quellenrauschen,
    Wo er im neuen Blütenkleid
    Zu Gottes Lob wird rauschen.

  3. Pingback: Drei in eins | fecistinos

  4. Ein erster Schritt in das Lied einzustimmen könnte darin bestehen erst einmal hinzuhören und hinzusehen und Gottes Schöpfung auf mich wirken zu lassen. Ich muss nicht immer gleich alles zu deuten und zu erklären versuchen. Oftmals ist es gut einfach einen Moment innezuhalten und einfach nur zu staunen. Alles Weitere wird sich ganz von selbst ergeben. Ich werde meine Stimme finden, um auf meine Weise einzuSTIMMEN.

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