Papa Franziskus

Nun haben wir also seit ein paar Tagen einen neuen Papst. Ich denke seitdem viel über die Begriffe „konservativ“ und „progessiv“ nach, die in der deutschsprachigen Presse (und nicht nur dort) als zwei unversöhnbar nebeneinanderstehende Punzierungen verwendet werden, wobei klar ist, wo die – mehrheitlich linke – Presse hintendiert. Da werden schon oft Nazi-Vergleiche bemüht, wenn es sich um vermeintlich „konservative“ Positionen handelt, die es zu kritisieren oder über die es sich zu echauffieren gilt.

Rudolf Mitlöhner bringt es in seinem Leitartikel in der Furche 11/2013 auf den Punkt: „Progressiv sei der neue Papst in sozialen Fragen, doch konservativ in gesellschaftspolitischen – so lauteten die ersten Zuschreibungen. Hier setzte sich fort, was schon rund um das Konklave bei den zahllosen Charakterisierungen der Kardinäle, die als Favoriten galten, zu registrieren war: eine entweder aus Ahnungslosigkeit oder ideologischer Intention gespeiste Instrumentalisierung gängiger Klischees.“

Die beiden Gegensätze progressiv und konservativ sind also zu Selbstläufern geworden. Allein die Konnotationen dieser beiden Begriffe sind in der deutschen Sprache schon eindeutig. Mit „konservativ“ verbindet man „mittelalterliche“, „veraltete“ und „überholte“ Denkmuster, mit „progressiv“ ein „modernes“, „heutiges“ denken, dass das Leben „so akzeptiert, wie es heute ist“.

Selbst im politischen Spektrum, wo diese Begriffe herkommen, haben sie eigentlich nur mehr polemische Funktion: eine mehrheitlich linke Presse, die sich und ihre Positionen als progressiv bezeichnet, sieht alles rechts von sich selbst als konservativ und meint das als Schimpfwort.

Der neue Papst hat jedoch bei seiner heutigen Presskonferenz für die Medienvertreter ins Bewusstsein gerufen, dass Christus im Zentrum des Christentums steht, dass das Evangelium unser Maßstab des Christseins ist, nicht das, was eine ominöse veröffentlichte Meinung der Presse will oder ein Zeitgeist, der einmal dorthin weht und schon bald wieder die Richtung wechselt.

Der christliche Glaube steht also über solchen – wie es Mitlöhner ausdrückt – ideologischen Instrumentalisierungen gängiger Klischees. Einzig und allein das Evangelium ist die Richtschnur, von der man sich leiten lässt. Es ist einzig und allein Christus, der im Zentrum der Kirche steht, nicht der Papst, kein Bischof und schon gar kein selbsternannter Kirchenretter von Hans Küng über Helmut Schüller abwärts.

Deswegen auch das Unverständnis, das Franziskus entgegenschlägt: da haben wir endlich einen, der linke Träumen zugänglich ist, was die Option für die Armen angeht. Aber gleichzeitig gilt er als Kritiker der Homo-Ehe, was überhaupt nicht zusammenpasst, lässt man außer Acht, dass das Begriffspaar konservativ-progressiv für einen Kirchenmann irrelevant zu sein hat und dass allein das Evangelium die Richtschnur seines Handelns ist.

Natürlich kann man die Welt besser verstehen, wenn man sie in Gut und Böse einteilt. Auch Medien funktionieren ja so, dass sie solche Schwarz-Weiß-Bilder künstlich erzeugen: Zeitgeist ist gut, alles andere ist böse. Die Vielschichtigkeit des Evangeliums hat in diesem Blockdenken natürlich keinen Platz. Deswegen auch die Hilflosigkeit, die so mancher Medienvertreter ausstrahlt, wenn er die katholische Kirche kommentieren soll bzw. die schroffe Ablehnung, die sie von manchen „Qualitäts“-Medien erfährt. Versteht man die kirchlichen Positionen ausschließlich politisch, muss es sich um arme Irre handeln, die einmal so und einmal so denken.

Da passt natürlich auch der Synchron-Sprecher des ORF ins Bild, der nicht in der Lage war, das Vater Unser oder das Ave Maria auswendig aufzusagen.

Vielleicht hat Benedikt XVI. das auch gemeint mit der geforderten Entweltlichung der Kirche: dass man über solche kleinlichen Gegenüberstellungen wie konservativ und progressiv hinwegsieht und froh das Evangelium verkündet.

PAX

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3 Gedanken zu „Papa Franziskus

  1. „Es ist einzig und allein Christus, der im Zentrum der Kirche steht, nicht der Papst, kein Bischof und schon gar kein selbsternannter Kirchenretter von Hans Küng über Helmut Schüller abwärts.“
    Sehr richtig. Und es war gerade der „selbsternannte Kirchenretter Hans Küng“, der in seinem ausgezeichneten Jesus-Buch darauf hingewiesen hat, wie Jesus schon damals in keines der gängigen Frömmigkeits-Schemata passte, wie ihn weder die Gemäßigten noch die Zeloten, weder die Philosophen noch die Schwärmer für sich reklamieren konnten. Es war gerade Küng, der nicht müde wird zu erklären, „Christentum ist Christus“, weder Papst noch Kurie, weder Heilige noch Erleuchtete, sondern allein Christus. Es war aber Johannes Paul II., der in seinem Wappen das Kreuz an die Seite schob, um das „M“ für Maria in die Mitte zu rücken, und das ist noch harmlos. Für viele Katholiken ist Jesus eine letztendlich unbedeutende Randfigur, interessant gerade nur als derjenige, der den Papst institutionalisiert hat und Maria zur „Gottesmutter“ machte. Und die Kirche beruft sich auf Petrus als ihr Fundament, nicht auf Jesus – also auf einen Menschen, den angeblich ersten Papst und Felsen der Kirche, der alle richtet, aber selbst von niemandem gerichtet werden darf.

    • Das mag alles stimmen, aber die genannten Herren sind dann doch über das Ziel hinausgeschossen, indem sie ihre Sicht der Dinge selbst für unfehlbar gehalten und sich nicht von anderen korrigieren ließen.
      Die Kirche selbst beruft sich nicht auf Petrus, sondern das Papstamt.

      • Tja, da gab es im Lauf der Geschichte einige uneinsichige Trotzköpfe, die sich für klüger hielten als die heilige Mutter Kirche und sich auch von den Bemühungen der Heiligen Inqusition nicht wirklich umstimmen ließen – als da wären Kopernikus, Descartes, Kepler, Galilei, Darwin und alle die hunderten Namen auf dem Index librorum prohibitorum, der heute nur noch eine peinliche Erinnerung ist. Wieweit Schueller theologisch was hermacht, weiß ich nicht, aber um Küng zu korrigieren, muss einer sehr früh aufstehen, der ist ein Theologe von höchster Bildung und war immerhin Konzilsberater. Und obwohl er tatsächlich sehr von sich eingenommen ist – für unfehlbar erklärt hat sich bislang nur der Papst…

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