Er-lösung II

Gestern sind mir – wegen meiner Auseinandersetzung mit den Fragen der Erlösung – in der Osternacht beim Exsultet natürlich folgende Stellen besonders aufgefallen:

[…] Er hat für uns beim ewigen Vater Adams Schuld bezahlt
und den Schuldbrief ausgelöscht mit seinem Blut, das er aus Liebe vergossen hat.
Gekommen ist das heilige Osterfest,
an dem das wahre Lamm geschlachtet ward,
dessen Blut die Türen der Gläubigen heiligt
und das Volk bewahrt vor Tod und Verderben.
Dies ist die Nacht,
die unsere Väter, die Söhne Israels,
aus Ägypten befreit
und auf trockenem Pfad durch die Fluten des Roten Meeres geführt hat.
Dies ist die Nacht,
in der die leuchtende Säule
das Dunkel der Sünde vertrieben hat.
Dies ist die Nacht,
die auf der ganzen Erde alle, die an Christus glauben,
scheidet von den Lastern der Welt,
dem Elend der Sünde entreißt,
ins Reich der Gnade heimführt
und einfügt in die heilige Kirche.
Dies ist die selige Nacht,
in der Christus die Ketten des Todes zerbrach
und aus der Tiefe als Sieger emporstieg.
Wahrhaftig, umsonst wären wir geboren,
hätte uns nicht der Erlöser gerettet.
O unfassbare Liebe des Vaters:
Um den Knecht zu erlösen, gabst du den Sohn dahin!
O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam,
du wurdest uns zum Segen,
da Christi Tod dich vernichtet hat.
O glückliche Schuld,
welch großen Erlöser hast du gefunden! […]
Der Glanz dieser heiligen Nacht
nimmt den Frevel hinweg,
reinigt von Schuld,
gibt den Sündern die Unschuld,
den Trauernden Freude.
Weit vertreibt sie den Hass,
sie einigt die Herzen
und beugt die Gewalten. […]

Dreh- und Angelpunkt ist dabei das von Augustinus stammende felix culpa, mit der die Ursünde Adams bezeichnet wird, sich gegen Gott aufgelehnt zu haben, die in Jesus Christus einen großen Erlöser gefunden hat.

Dazu ein paar Gedanken von Michael Wildfeuer: Das ist das Große des Christentums und die Größe der Gnade, die wir uns gar nicht genügend klarmachen können. Durch das Erbarmen Gottes wird die Schuld jetzt Anlass des Glückes. Derjenige, der an der erneuten Liebe Gottes teil hat, hat an einer größeren Gnade teil als die Menschen im Paradies. Warum? Weil Gott seine Huld jetzt nicht einem Unschuldigen zuwendet, wie im Paradies, sondern einem Sünder, einem Ungerechten, einem Verworfenen. Und das ist eine weitaus größere Gnade: Wenn ich mich zu einem stinkenden Bettler hinabneige und diesen an den Königshof hole, dann ist es natürlich viel größere Huld, als wenn ich einen Unbescholtenen einlade. Und das ist die wunderbare Größe des Christentums, die einzigartige Größe. Das gibt es nirgends auf der Welt. Welches Volk, welche Religion könnte die Schuld glücklich preisen? Das ist nirgends möglich, das ist nur im Christentum möglich.

Ja, aus der Perspektive des Menschen ist die Erlösung recht gut verständlich: ohne es verdient zu haben, gibt Gott jedem Menschen immer wieder die Chance zur Umkehr. Trotz seiner übergroßen Schuld ist der Weg zu Gott nicht versperrt. Gott kommt uns auf halbem Weg entgegen, ja, er nimmt uns wie der barmherzige Vater immer wieder auf und vergibt bei ehrlicher Reue.

Aber aus der Perspektive Gottes? Warum brauchte es den Tod Christi am Kreuz? Wäre das nicht – wie Barbara Büchner ausgedrückt hat – ein sadistischer Vater, der den Tod seines Sohnes braucht, um allen Menschen vergeben zu können?

Ich denke, man kann sich von dieser – unchristlichen – Vorstellung befreien, wenn man bedenkt, dass die alttestamentlichen Bilder, die so eine Deutung nahelegen, nur einige unter vielen sind, die von den Autoren des Neuen Testaments herangezogen wurden, um zu beschreiben, was mit dem Mysterium der Erlösung gemeint ist. Auf dieser Seite wird das gut zusammengefasst:
Die Hl. Schrift bedient sich einer ganzen Reihe von meist alttestamentlich inspirierten Bildern, die das Heilsgeschehen des Todes Jesu ausdrücken: „Loskauf aus der Knechtschaft der Sünde“ (vgl. Gal 3, 13), „Rechtfertigung“ (1 Petr 1, 18), Lebenshingabe als „Lösegeld für viele“ (Mk 10, 45; Gal 1, 4), „Sühne für unsere Sünden“ (Röm 3,25) usw.
In die heutige Sprache übersetzt könnte das bedeuten: Jesus geht den Weg nach Golgotha nicht für sich; er geht ihn für uns! Er nimmt uns auf diesem Weg gewissermaßen alle Lasten ab und trägt sie ans Kreuz; diese Lasten sind all das, was uns von Gott trennt. (Quelle)

Die Frage, die bleibt, ist: warum war es notwendig, dass er uns alle Lasten abnimmt? Warum musst der Sohn sterben, um den Weg zum Vater von allen Dingen zu säubern, die uns von Gott trennen?

Vielleicht hilft die Antwort auf die Frage weiter, warum es Reue braucht, damit Vergebung wirksam wird. Gott vergibt uns unsere Sünden. Aber damit diese Vergebung wirken, ihre heilsame Kraft ausbreiten kann, braucht es die Reue des Menschen. Wie könnte er auch sonst die Vergebung annehmen, wenn er nicht einsieht, dass er etwas Falsches getan hat? Insofern sind Gott die Hände gebunden ; durch die Freiheit, die er dem Menschen einräumt, gibt er ihm auch die Möglichkeit, seine Fehler nicht einzusehen. Deswegen ist die Rede von der leeren Hölle etwas zu optimistisch: die Freiheit des Menschen, die er von Gott geschenkt bekommen hat, schließt ja seine absolute Ablehnung jeder eigenen Schuld mit ein, sodass eine selbstverschuldete (!) Gottesferne im Bereich des Möglichen liegt. Das widerspricht nicht der Rede vom Gott der Liebe. Schließlich liegt der Zustand der Hölle (= Gottesferne) am Menschen selbst, der die vorhandene, liebevolle Vergebung Gottes aus Hybris zurückweist.

Es scheinen Gott auch bei der Erlösung des Menschen die Hände gebunden zu sein, sonst hätte er nicht sehenden Auges in Kauf nehmen müssen, dass der Sohn am Kreuz stirbt. Die Vorstellung Gottes als ein sadistischer Vater widerspricht sämtlichen Gottesbildern des Alten und Neuen Testaments.

Die Improperien, die Heilandsklagen des Karfreitags zeigen diese Ohnmacht Gottes angesichts der Freiheit des Menschen (in der Liedform von Markus Fidelis Jäck ein Text, den ich selbst als Kind und Jugendlicher äußerst beeindruckend erlebt habe):

1 O du mein Volk, was tat ich dir?
Betrübt ich dich? Antworte mir!
Ägyptens Joch entriss ich dich,
du legst des Kreuzes Joch auf mich.

2 Ich führte dich durch vierzig Jahr
und reichte dir das Manna dar;
das Land des Segens gab ich dir,
und du gibst mir das Kreuz dafür.

3 Was hab ich nicht für dich getan?
Pflanzt dich als meinen Weinberg an,
und du gibst bittern Essig mir,
durchbohrst des Retters Herz dafür.

4 Ich führte dich durchs Rote Meer,
und du durchbohrst mich mit dem Speer.
Der Heiden Macht entriss ich dich,
du übergabst den Heiden mich.

5 Ich nährte in der Wüste dich,
und du, du lässt verschmachten mich;
gab dir den Lebensquell zum Trank,
und du gibst Galle mir zum Dank.

6 Ich schlug den Feind, gab dir sein Land;
und grausam schlägt mich deine Hand.
Das Königszepter gab ich dir,
du gibst die Dornenkrone mir.

7 Ich gab dir Gnaden ohne Zahl;
du schlägst mich an des Kreuzes Pfahl.
O du mein Volk, was tat ich dir?
Betrübt ich dich? Antworte mir!

Kein Wort darüber, dass der Vater von Anfang an vorgehabt habt, den Sohn grausam am Kreuz sterben zu sehen, sondern die Rede von einem ohnmächtigen Gott, der zusehen muss, wie sein Sohn gemartert wird, obwohl er den Menschen schon überreiche Gnade zuerkannt hat.

Dieses uralte Lied zeigt finde ich am besten, wie man das verstehen kann, was Jesus am Kreuz erleidet und wie Gott dazu steht. Er gibt den Menschen die Freiheit zu handeln, zu reden und zu denken, was sie für richtig halten; die Freiheit, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden. UND er macht aus ihren bösen Taten Gutes, das ist seine Allmacht. Seine Allmacht ist also nicht darin begründet, dass er die Menschen von bösen Taten abhalten kann, sonst wären sie ja nicht frei (und nicht verantwortlich für ihre Taten), ABER sie liegt darin, dass er noch größeres Gutes aus dem machen kann, was die Menschen verbockt haben: er schreibt „auf schiefen Linien“ gerade, wie der Volksmund sagt.

Deswegen ist ja auch Judas zu verdammen. Er hat nicht Gottes Plan gedient, indem er seinen Meister verraten hat, sondern er hat einen Freund verraten und damit große Schuld auf sich geladen. Dass der Vater aus diesem Verrat dann umso viel Besseres geschaffen hat, nämlich seinen Sohn auferweckt und uns erlöst hat, ist nicht Verdienst des Judas, sondern Verdienst der Liebe Gottes.

Zusammengefasst: Die Menschen haben in ihrer Freiheit den Sohn Gottes umgebracht, obwohl er ohne Makel war. Und weil sich in diesem Sohn Gott untrennbar mit allen Menschen verbunden hat, ist sein Tod mehr: in Jesus werden alle Menschen mitgekreuzigt (vgl. Gal 2,19f)), seine übergroße Liebe für alle Menschen, die ohne Wort des Widerstandes (vgl. Jes 53,7)) zum Tod führt, kann den großen Mangel aller Sünden ausgleichen. Das ist wohl mit dem „für uns“ gemeint: eine kosmische Erschütterung der Macht der Liebe, eine übermenschliche Ansammlung von Liebe, die allen Menschen zugutekommt. Gott Vater erweckt seinen Sohn zum Leben – und schafft damit die Grundlag für unsere existentielle christliche Hoffnung.

Soweit meine Überlegungen zum heutigen Ostersonntag!

Berichtigungen und Anfragen erwünscht!

PAX ET BONUM

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10 Gedanken zu „Er-lösung II

  1. „Er hat für uns beim ewigen Vater Adams Schuld bezahlt“ – genauso habe ich es katholischer- wie evangelischerseits ein Leben lang gehört: Jesus hat sich freiwillig als Opfer ans Kreuz nageln lassen, um der göttlichen Gerechtigkeit Genugtuung zu geben. „Nun ist das Lamm geschlachtet, das Opfer ist vollbracht…“
    Tatsächlich gibt es ja viele Bibelstellen, in denen Jesus zu verstehen gibt, dass er den Tod nicht nur riskiert, sondern freiwillig akzeptiert, ja danach verlangt. Er fordert Judas ja direkt auf: „Was du tun willst, tue bald!“ und bekräftigt das symbolisch durch den Bissen. Ich habe sogar (evangelikalerseits) die Meinung gehört, Jesus sei überhaupt nur in die Welt gekommen, um sich kreuzigen zu lassen, das Sühneopfer allein sei Sinn und Zweck seines Daseins gewesen.
    Andererseits ist z.B, wie auch in dem zitierten Lied, in der Parabel von den bösen Weingärtnern die Geschichte ganz anders – und völlig plausibel: Sie erschlagen den Sohn, wie sie zuvor die Boten (Propheten) erschlagen haben, weil ihnen die Vorherrschaft des Besitzers lästig ist.
    Es fragt ja auch der Vater des verlorenen Sohnes nicht: „He, Moment, Junge, bevor ich dich in die Arme schließe müssen wir einen finden, den wir für deine Sauereien bestrafen; sonst wird meiner Gerechtigkeit keine Genüge getan.“
    Und was die „Felix culpa“ angeht: Genausogut könnte man einen Krieg, einen Hochhausbrand oder eine scheußliche Krankheit selig preisen, weil dadurch Feuerwehrleute und Ärzte Gelegenheit bekommen sich als heldenhaft zu erweisen.Klar, ohne diese Übel gäbe es keinen Henri Dunant, keine Florence Nightingale, keine todesmutigen Feuerwehrleute, Ärzte und Schwestern… trotzdem hält sich die Begeisterung für Krieg, Brand und Cholera in Grenzen.
    Und zu guter Letzt: Wenn wir – was die christlichen Kirchen ja tun – die Evolutionstheorie akzeptieren, dann gab es keinen Adam, keine Eva, keine Schlange und folglich auch keine Erbsünde. Warum musste also „Adams Schuld“ bezahlt werden? (Das ist jetzt Eigenwerbung: Ich halte am 17. April einen Lichtbildvortrag zu diesem Thema in unserer Kirche, weil es mich schon ewig beschäftigt und ich endlich die Pfarrer weichgeklopft habe, sich damit zu befassen).
    Trotz des Grieselgrauenwetters noch einen schönen Sonntag!

    • Alles also biblischerseits äußerst widersprüchlich! Wahrscheinlich kann man in die Geheimnisse Gottes ohnehin nur hineinwachsen, wissend, dass man immer nur einen „Gipfel seines Gewandes“ berühren wird.
      Und zu Adam: die Erbsündenlehre geht ja davon aus, dass alle Menschen (biblische Sprachregelung: seit Adam) die Versuchung in sich spüren, das Gesetz Gottes zu übertreten und seine Gebote zu missachten, die Rede von der „Sünde Adams“ kollidiert also nicht mit der Evolutionstheorie. Dir auch einen gesegneten Ostersonntag!

      • Laut Augustinus wurde die Erbsünde von einem einzigen Elternpaar an alle seine Nachkommen, also das gesamte Menschenngeschlecht, durch die sundhafte Lust bei der Zeugung auf physischem Wege – quasi als Gendefekt – vererbt. Das setzt Monogenismus voraus, den der Papst noch 1950 als unaufgebbar bezeichnete.. was in dem Zusammenhang ja ganz logisch ist.

        • Der Katechismus der Katholischen Kirche formuliert im Artikel 404: „Wieso ist die Sünde Adams zur Sünde aller seiner Nachkommen geworden? Das ganze Menschengeschlecht ist in Adam ,,wie der eine Leib eines einzelnen Menschen“ (Thomas v. A., mal. 4,1). Wegen dieser ,,Einheit des Menschengeschlechtes“ sind alle Menschen in die Sünde Adams verstrickt, so wie alle in die Gerechtigkeit Christi einbezogen sind. Die Weitergabe der Erbsünde ist jedoch ein Geheimnis, das wir nicht völlig verstehen können. Durch die Offenbarung wissen wir aber, daß Adam die ursprüngliche Heiligkeit und Gerechtigkeit nicht für sich allein erhalten hatte, sondern für die ganze Menschennatur. Indem Adam und Eva dem Versucher nachgeben, begehen sie eine persönliche Sünde, aber diese Sünde trifft die Menschennatur, die sie in der Folge im gefallenen Zustand weitergeben [Vgl. K. v. Trient: DS 1511-1512.]“ – der in der Bibel berichtete Monogenismus wird also nicht als geschichtlicher Bericht verstanden (Quelle: http://www.vatican.va/archive/DEU0035/_P1J.HTM)

          • „Durch die Offenbarung wissen wir aber, daß Adam die ursprüngliche Heiligkeit und Gerechtigkeit nicht für sich allein erhalten hatte, sondern für die ganze Menschennatur.“

            Wo gab es denn eine ursprüngliche Heiligkeit und Gerechtigkeit unter all den Hominiden, Neandertalern und frühen Homo sapiens? Diese Affen-Menschen-Wesen entwickelten doch erst ganz allmählich überhaupt ein moralisches Bewusstsein und eine Gottesvorstellung; von einem „Fall“ kann insoferne keine Rede sein, als die gar nicht hoch genug standen um zu fallen. Das ist nur möglich, wenn wir einen sündenlosen, gottebenbildlichen Ur-Menschen annehmen.
            Das ist das Problem, mit dem ich mit in meinem Vortrag herumschlage.

          • Also auf der Uni (Exegese des Alten Testaments) haben wir gelernt, dass die Geschichte von Adam und Eva ein Mythos ist, der die prinzipielle Verfasstheit des Menschen bezeugt, und kein geschichtlicher Bericht. Die Erzählung vom Paradies ist damit der Maßstab, an dem sich ein „paradiesisches“ Leben der Gegenwart orientieren kann. Das Ganze hat mit Hominiden so wenig zu tun wie die Sieben-Tage-Schöpfungsgeschichte ein naturwissenschaftlicher Beweis gegen die Urknall-Theorie ist. Du schlägst dich da mit einem Scheinproblem herum.

          • In meinen Augen ist die Frage nach der Wahrheit kein Scheinproblem.

  2. Pingback: Der Affe Adam | fecistinos

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