Denken ohne Konjunktiv

Nicht nur bei Schülerarbeiten oder den Boulevard-Medien, auch zunehmend im so genannten Qualitätsjournalismus fällt mir zunehmend das Unvermögen auf, zwischen Indikativ, der Wirklichkeitsform, und Konjunktiv, der Möglichkeitsform, unterscheiden zu können.

Der Grund für diese Entwicklung ist meines Erachtens nicht nur die Tatsache, dass die Medienproduktion immer schneller bewerkstelligt werden muss, oder der allgemeine Sprachwandel. Es offenbart sich denke ich vielmehr etwas Tieferes: nämlich die im Schwinden begriffene Fähigkeit, zwischen Faktum und Meinung unterscheiden zu können bzw. zu wollen.

Ein paar Beispiele:

1) Im Zusammenhang mit dem gerade zu Ende gegangenen Volksbegehren wurde von sämtlichen Medien die Diktion der Repräsentanten desselben übernommen, es gebe so etwas wie „Kirchenprivilegien“, zum Beispiel der Standard: Das Kirchenvolksbegehren will per Verfassungsgesetz kirchliche Privilegien bekämpfen (Der Standard, 22. April 2013) Nicht berücksichtigt blieb dabei die Tatsache, dass der Begriff „Privileg“ ein wertender und subjektiver ist, der in einer objektiven Berichterstattung durch den Zusatz „vermeintlich“ ergänzt hätte werden müssen. Liegt es vielleicht an der Gesinnung des Journalisten, dass ihm diese Feinheiten nicht aufgefallen sind? Ist es gar Blattlinie, per Ungenauigkeit in der Grammatik Meinung auszudrücken?

2) Ein anderes Beispiel für beabsichtigten Indikativ: Im Rahmen der aktuellen Ausschreitungen in Frankreich gegen die so genannte Homo-Ehe berichtet die Wiener Zeitung: Einige Demonstranten bewarfen Ordnungskräfte am Dienstagabend mit Gegenständen, wie Journalisten der Nachrichtenagentur AFP berichteten. Die Sympathie des Autors liegt also offensichtlich nicht bei den Demonstranten, sonst hätte er die Sicht der zitierten Journalisten grammatikalisch korrekt im Konjunktiv wiedergegeben.

3) In der Boulevard-Presse werden ständig Meinungen und Fakten vermischt. Man möchte damit offensichtlich ein
Publikum ansprechen, das sich nicht die Mühe machen möchte, verschiedene Sichtweisen in ihr Weltbild zu integrieren. So berichtet „Heute“ am 24. April 2013 von einem Alien-„Wissenschaftler“, der ein außerirdisches Skelett gefunden haben will, mit den Worten: Damit ist für Greer klar, dass es sich um einen Organismus handelt, der wirklich einmal gelebt hat. Der Hinweis, dass diese „Klarheit“ natürlich nur eine Interpretation des Forschers ist und keine wissenschaftliche, würde wohl – so unterstelle ich einmal die Motivation der Redaktion -den durchschnittlichen Leser des Blattes schlicht überfordern.

4) Ein anderes Beispiel für ein bewusst einfach gehaltenes Weltbild findet man im Kurier vom 24. April 2013: 5 Prozent der Teilnehmer an einer laufenden Umfrage des Vereins für Konsumenteninformation (VKI) glauben, dass Hersteller die Lebensdauer ihrer Produkte künstlich herabsetzen. Aus dem Glauben der Befragten wird kurzer Hand ein Faktum gemacht und das Weltbild für den (einfachen?) Leser zusammengekürzt. So wird die Information leichter verdaulich und eine gewollte Empörung über die vermeintlichen Verbrechen der Produkthersteller unterstützt.

Was hier vielleicht als Erbsenzählerei erscheint, offenbart doch folgende grundlegende Verwerfungen im Wahrheits-und Wirklichkeitsverständnis unserer Gesellschaft:

1) Politik: Ist es wirklich ein Zufall, dass in unserer Zeit Populisten von links und rechts bei Wahlen gewinnen und gleichzeitig der Unterschied zwischen Faktum und Meinung so wenige interessiert? Wenn ich grammatikalisch nicht zwischen Meinung und Faktum unterscheiden kann, kann ich das auch nicht gedanklich. Dann geht es in der Wahlzelle auch nicht mehr um Vernunft, sondern um Gefühl: es werden die Kandidaten gewählt, die den höchsten Wohlfühl-Faktor haben, die zum Beispiel gegen „die da oben“ sind, die am meisten Wohltaten für meine Bevölkerungsgruppe versprechen usw.

2) Wissenschaft: Wenn Meinungen als Fakten dargestellt werden, entwertet das natürlich auch wissenschaftliche Erkenntnisse, also tatsächliche Fakten. Es ist heute eine Grundskepsis gegen jedwede Aussage zu bemerken, und sei sie noch so wissenschaftlich fundiert. Auch hier zählt mehr das Gefühl, die Meinung der anderen, der Mainstream, als das Bemühen, sich der Wahrheit so weit wie möglich anzunähern. Was das für Konsequenzen für die Entwicklung von Forschung und Wissenschaft zeitigen wird, wird man sehen.

3) Relativismus: Es ist eine vielzitierte Entwicklung, dass wir in einer Welt der Meinungen leben, ein Befund, der aber widersprüchliche Konsequenzen hat: auf der einen Seite wird jede noch so vorsichtig vorgebrachte Rede von einer „Wahrheit“ abgelehnt mit dem Hinweis, dass alle Werte relativ seien. Andererseits wiederum hat sich durch die Politische Korrektheit eine (Selbst-)Zensur der Sprache etabliert, die spezielle Meinungen als No-go verbietet. Ich denke Folgendes: Jede Kultur braucht Wahrheit, braucht Fakten, auf die man sich verlassen kann. Die PC kann damit als Ventil für dieses Bedürfnis verstanden werden. Sie ist aber entbehrlich, denn sie kaschiert nur ein sprachliches (und auch gedankliches) Unvermögen, das durch ein Bewusst-Machen der oben beschriebenen Zusammenhänge leicht behoben werden könnte.

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, sagt Wittgenstein, und wir können live miterleben, wie sich diese These heute bewahrheitet: wer den Konjunktiv nicht mehr beherrscht, der wird über kurz oder lang auch im alltäglichen Leben nicht mehr unterscheiden können zwischen Faktum und Meinung und er begibt sich auf einen Weg, der wegführt vom „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ Kants hin zu einer neuen Unmündigkeit in Abhängigkeit von Populisten, Boulevard-Medien und dem, „was alle sagen“.

„Was ist Wahrheit“, fragt Pontius Pilatus unseren Herren und Jahrtausende später formuliert Ingeborg Bachmann: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“.

Geben wir die Suche nach der Wahrheit nicht auf: es geht um nichts Geringeres als unsere westliche Kultur.

PAX

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Mach dir kein Bild

Weiterführend meine Überlegungen zur Bilderproblematik ist mir Max Frischs „Andorra“ in den Sinn gekommen.

Die Tatsache, dass der Mensch in der Genesis als Ebenbild Gottes verstanden wird (vgl. Gen 1,26), hat ja – gewissermaßen als Kehrseite der Medaille – auch das Bilderverbot des Dekalogs zur Konsequenz: Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. (Ex 20,4) Bringt man diese beiden Bibeltexte zusammen, so wird folgende Botschaft deutlich: nur Gott ist es erlaubt, Bilder herzustellen; dem Menschen ist dies – aus guten Gründen – verboten.

Max Frisch hat sich in zahlreichen seiner Werke mit dem Bilderverbot des Alten Testaments auseinandergesetzt, ganz besonders bei seiner Parabel „Andorra“.

Hauptfigur ist der Jude Andri, der angenommene Sohn des Lehrers, der unter dem Alltagsrassismus der andorranischen Mitbürger leidet. Ihm wird zum Beispiel die Möglichkeit, eine Tischlehre zu beginnen, verweigert, weil Juden nur als Geld denken würden. Als Andorra von den Schwarzen, einem feindlichen und ausgesprochen antisemitischen Volk eingenommen wird, kommt es zur Katastrophe: Andri wird bei einer „Judenschau“ als Jude identifiziert und – obwohl er inzwischen erfahren hat, dass er gar nicht jüdischer Abstammung ist – leistet er keinen Widerstand bei seiner Festnahme und Hinrichtung.

Max Frisch schiebt in Zwischenspielen, die auf dem Vordergrund der Bühne stattfinden, immer wieder die Rechtfertigungsversuche der andorranischen Bevölkerung an der Zeugenschranke ein, die offenbaren, wie wenig sie sich schuldig am Tod ihres Mitbürgers fühlen können. Besonders demaskierend ist der Soldat, der Andri das ganze Stück hindurch als Jude schickaniert und schlussendlich dessen Freundin Bärbel vergewaltigt: Ich gebe zu: Ich hab ihn nicht leiden können. Ich hab ja nicht gewusst, dass er keiner [ein Jude, Anm.] ist, immer hat’s geheißen, er sei einer. Übrigens glaub ich noch heut, dass er einer gewesen ist. Ich hab ihn nicht getötet. Ich habe nur meinen Dienst getan. Order ist Order. Wo kämen wir hin, wenn Befehle nicht ausgeführt werden! Ich war Soldat.“

Einen Hauch von Schuldbewusstsein kann man lediglich bei dem Pater vernehmen, der Andri geraten hat, sich gefälligst wie ein Jude zu benehmen: Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott deinem Herrn, und nicht von den Menschen, die seine Geschöpfe sind. Auch ich bin schuldig geworden damals. Ich wollte ihm mit Liebe begegnen, als ich gesprochen habe mit ihm. Auch ich habe mir ein Bildnis gemacht von ihm, auch ich habe ihn gefesselt, auch ich habe ihn an den Pfahl gebracht. Sämtliche Bewohner Andorras fühlen sich unschuldig am Tod Andris, obwohl alle daran mitgearbeitet haben, dass er als Jude von den Schwarzen hingerichtet wird.

Besonders hat mich Andris Reaktion auf die Enthüllung berührt, er sei ein uneheliches Kind des Lehrers (mit einer Frau der Schwarzen), also kein Jude: er ist von den anderen schon so lange als Jude behandelt (und diskriminiert) worden, dass es ihm nicht mehr möglich ist, sich als Nicht-Jude zu verstehen. Auf die Enthüllung des Paters, dass er der leibliche Sohn des Lehrers sei, sagt er: Seit ich höre, hat man mir gesagt, ich sei anders, und ich habe geachtet drauf, ob es so ist, wie sie sagen. Und es ist so, Hochwürden: Ich bin anders. Man hat mir gesagt, wie meinesgleichen sich bewege, nämlich so und so, und ich bin vor den Spiegel getreten fast jeden Abend. Sie haben recht: Ich bewege mich so und so. Ich kann nicht anders. Und ich habe geachtet auch darauf, ob’s wahr ist, dass ich alleweil denke ans Geld, wenn die Andorraner mich beobachten und denken, jetzt denke ich ans Geld, und sie haben abermals recht: Ich denke alleweil ans Geld. Es ist so. Andri, der andere, ist so lange anders behandelt worden, bis er auch anders wurde.

Diese Parabel des Schweizer Autors fasst meines Erachtens sehr gut die Grundidee des biblischen Bilderverbots zusammen: wenn man sich ein Bild von jemandem macht, dann geht man die Gefahr ein, dass derjenige dieses Bild so internalisiert, dass er am Schluss seine Identität ändert, um diesem Bild zu entsprechen, und seien sie die destruktivsten und vorurteilsbelastetsten. (Negative) Bilder – modern gesprochen: Vorurteile – haben diese destruktive Macht, dass sie zu selbsterfüllenden Prophezeiungen werden können.

Wie gut kennt der Herr unsere Gedanken, unsere Schwächen und Fehler, wenn er uns dieses Gebot ans Herz legt: mach dir kein Bild von einem anderen, du könntest ihn damit zerstören.

(Quelle für die Zitate aus „Andorra“)

PAX

Der dreifaltige Mensch

In jedem Lebenszusammenhang begegnen uns Bilder: Icons am Desktop des Computers, Werbesujets auf Plakaten, Filme in Kino und Fernsehen, Apps am Smartphone, Gemälde in Museen, Kirchen und Kunstsammlungen … unser ganzes Leben ist geprägt von Bildern. Und die genannten sind nur Beispiele dafür, wenn wir den Begriff „Bild“ wörtlich verstehen.

Dieses Verständnis hilft jedoch nicht weiter, will man den berühmten Vers von der Gottebenbildlichkeit des Menschen deuten: Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. (Gen 1,26f), sonst würde man annehmen müssen, auch Gott hätte zwei Arme, zwei Beine und sonst auch alle Aussehensmerkmale eines Menschen.

Der Vergleich, der mit Gen 1,26f gezogen wird, ist natürlich umgekehrt gemeint: nicht Gott ist nach unserem Ebenbild geschaffen, sondern wir nach ihm. Da wir aus der Bibel geoffenbart bekommen (und es auch unserem Sinn für Logik und Vernunft entspricht), dass Gott Geist ist (vgl. Joh 4,24), muss die Wahrheit dieser „Gottebenbildlichkeit“ des Menschen anderswo zu suchen sein als in der sinnenhaften Erfahrung des „Sehens“ von Bildern.

Ich denke, mit Gottebenbildlichkeit ist nicht nur – wie das die klassische Theologie formuliert hat – die Verbundenheit des Menschen mit Gott gemeint oder die Tatsache, dass Gott uns in seiner Liebe erhält und behütet. Ich denke, diese Gottebenbildlichkeit geht tiefer: so wie Gott selbst, sind auch wir in unserem Wesen dreifaltig, ihm nachgestaltet worden.

Es kann ja kein Zufall sein, dass in Gen 1,26 sowohl für Gott als auch für die Menschen die Mehrzahl genannt wird: lasst uns Menschen machen, uns ähnlich. Die Beantwortung der Frage, ob es sich bei diesem Mehrzahlbegriff für Gott um einen Majestätsplural, ein Überbleibsel der Himmlischen Heerscharen aus vorbiblischer Zeit oder einen alttestamentlichen Hinweis auf die Dreifaltigkeit handelt, würde den Rahmen dieser Überlegungen sprengen. Nimmt man aber die Hauptbotschaft des Neuen Testaments hinein, dass nämlich Gott die Liebe ist (1 Joh 4,16b), dann wird nachvollziehbarer, warum der Mensch gleich zu Beginn im Plural genannt wird: der Mensch alleine kann seine Gottesebenbildlichkeit eben nicht entfalten, nur in liebevollen Gemeinschaft (insbesondere in der zwischen Mann und Frau – vgl. Gen 2,24) erahnt er seine Anlage zur Dreifaltigkeit, die Gott in ihn als sein Abbild hineingelegt hat. Nicht umsonst sieht die Kirche die ehelichen Liebe als Urbild für die Liebe Gottes an: im gegenseitigen Schenken der Liebe treten die Eheleute ein in das Geheimnis der Liebe Gottes; es gehört zum Wesen des Menschen, als Ebenbild Gottes dieser Dreifaltigkeit nachspüren zu können.

Wenn man versucht, das Gesagte in den Alltag zu transferieren, findet man einige Hinweise auf die tatsächliche dreifaltige Natur des Menschen:

1) Die Menschen sind aufeinander angewiesen, brauchen einander, um existieren zu können (Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Gen 2,18).

2) Wir sind als Menschen aber nicht nur immer auf ein Du bezogen (das Neue Testament nennt dieses Du den „Nächsten“), sondern auch auf die Gemeinschaft mit allen Menschen, ja auf die gesamte Schöpfung. So entsteht die menschliche Dreifaltigkeit als Abbild der göttlichen in einem Spannungsfeld zwischen ICH – DU – WIR

3) Ein glückliches Leben besteht folgerichtig auch darin, so unser Leben zu gestalten, dass es unserer inneren (dreifaltigen) Struktur entspricht: das Streben danach, in seinem eigenen Selbstwert bestätigt zu werden (ICH); die Sehnsucht nach Liebe, Zugehörigkeit und Geborgenheit (DU); die Freude daran, solidarisch bzw. karitativ gehandelt zu haben oder Gemeinschaftserfahrungen aller Art (WIR)

4) Kurz: Wenn der Gott der dreifaltigen Liebe uns nach seinem Ebenbild erschaffen hat, dann hat er in uns den Bauplan dieser dreifaltigen Liebe hineingelegt und uns damit eine Ahnung gegeben, wie ein gutes, glückliches Leben geführt werden kann: in Liebe, Rücksichtnahme, Hingabe und Gemeinschaft.

Vielleicht hat das der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart gemeint mit seinem Epigramm: So wahr das ist, dass Gott Mensch geworden ist, so wahr ist der Mensch Gott geworden. (Quelle)

PAX

Was ist vom neuen Papst zu erwarten?

Im Rahmen der Initiative „Jahr des Glaubens“ anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums des Zweiten Vatikanischen Konzils gibt es auf FragdenKardinal die Möglichkeit, Kardinal Schönborn eine Frage zu stellen. Auch ich habe das mit einer meiner Klassen getan. Hier findet sich die Antwort von Kardinal Schönborn:

Der Affe Adam

Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Erlösung bin ich auf die Frage nach der Historizität Adams gestoßen und die Frage, ob alle Menschen von einem Ureltern-Paar abstammen (also eine biblisch verstandene Monogenese). Dahinter steckt natürlich eine alte Streitfrage, die darauf hinausläuft, ob der biblische Schöpfungsglaube mit der Evolutionstheorie kompatibel ist oder nicht. Es geht also schlicht und einfach um die Glaubwürdigkeit des biblischen Menschenbildes angesichts der naturwissenschaftlichen Forschung.

Dazu habe ich aus der Theologie widersprüchliche Informationen zusammengetragen.

1) Einerseits habe ich als braver Student der katholischen Theologie gelernt, dass der Mythos von Adam und Eva nicht als naturwissenschaftlicher Bericht missverstanden werden darf. Kurz: in Gen 2 und 3 werden wesentliche Wahrheiten über den Menschen bezeugt (Hinordnung der Geschlechter zueinander / prinzipielle Berufung für ein paradiesisches Leben mit einander, mit Gott und der Natur / die Faszination des Menschen für die Sünde / die allgegenwärtige Versuchung, Verantwortung abzuschieben / Sünde als Missachtung des Gebotes Gottes), aber keine Auskunft darüber erteilt, dass das erste Menschenpaar Homo sapiens Adam und Eva geheißen haben.

Ich habe bei der Vorlesung „Fundamentalexegese Altes Testament“ von Prof. Braulik im Wintersemester 1997/98 an der Universtität Wien Folgendes mitgeschrieben:

Der Sündenfall der Ureltern und der Brudermord Kains gehören literarisch und theologisch zusammen. Im Sündenfall verliert der Mensch keinen Urzustand und es wird kein goldenes Zeitalter beendet, sondern in der Sündenfallgeschichte entwickelt der Verfasser allgemeine Aussagen über die Situation der Menschen von der jüdischen Erfahrung her. Es geht um eine Stammvatererzählung: es wird kein einmaliges historisches Geschehen geschildert, sondern das, was immer und überall gilt (charakteristisch für Mythos und Stammvatererzählung). Die jüdischen Erfahrungen über das Menschsein an sich kommen in mythischen Bildern und Symbolen zur Sprache. Die Bibel enthält aber nicht nur Mythologien, sondern interpretiert den mythisch schon vorhandenen Stoff durch eine offenbarende Sprache. Bilder des Gartens, Stromes, der Bäume, Wächter, Schlangen, die Menschen im Garten verführen, sind nicht primitiv, sondern im Unterbewusstsein des modernen Menschen noch immer präsent – sind nicht naiv, sondern beschreiben in Genauigkeit die Lebenssituation. Diese Bilder sagen, was der Mensch von Gott her sein könnte und dann in Wahrheit geworden ist durch seine Sünde. […] Die Erzählung beschreibt kein goldenes Zeitalter der Welt, auch keine Utopie, die sich jemand erträumen kann, sondern die Welt hätte sich so entwickeln können. Es war in der Schöpfung so angelegt.

Und weiter über die Erbsündenlehre:

Die Sammelternerzählung stellt eine narrative Sündenlehre dar: die Stammeltern sündigen = alle Menschen sündigen. Die Sünde wird von einer vorgegebenen Wirklichkeit provoziert. Sie entsteht durch die Verführung durch die Schlange (in der Theologie ist die Schlange das vorpersonale Element von Sünde) => die Sünde entsteht eigentlich nicht aus der reinen Freiheit des Menschen, sondern von bestimmten Gegebenheiten. Dass die Sünde nicht allein dem sündigen Menschen zuzuschreiben ist, zeigt der Autor damit, dass die Schlange zuerst bestraft wird. Die Erzählung stellt psychologisch dar, dass die plumpe Leugnung des Gottesgebotes Eva dazu bringt, der Verlockung des Einmaligen zu erliegen. Nach dieser ersten Sünde schließen sich die nächsten an, die dann aus der Freiheit der Menschen resultieren (Systematik von Sündenerzählungen).
Gen 3: Sünde des einzelnen gegen Gott (Adam – Eva)
Gen 4: Sünde des einzelnen gegen den Bruder (Kain – Abel)
Gen 6: Sünde einer Gruppe gegen eine Gruppe (Menschen gegen Menschen, Sintflut)
Gen 11: Sünde der Menschheit gegen Gott (Turmbau zu Babel)
=> die ganze Gesellschaft wird von Sünden geformt, jeder einzelne Mensch wird durch die ihm vorangegangene Sozialisierung von der Sünde bestimmt (durch Sozialisierung entsteht ein Netzwerk des Bösen) = Erbsündenlehre.

2) Anders klingt die Erklärung der Erbsündenlehre im Katechismus der Katholischen Kirche, Artikel 402-404, wo man sich hauptsächlich auf einschlägige Texte des Apostels Paulus aus dem Römerbrief bezieht:

402 Alle Menschen sind in die Sünde Adams verwickelt. Der hl. Paulus sagt: ‚Durch den Ungehorsam des einen Menschen‘ wurden ‚die vielen (das heißt alle Menschen] zu Sündern‚ (Röm 5,19). ‚Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten‚ (Röm 5,12). Der Universalität der Sünde und des Todes setzt der Apostel die Universalität des Heils in Christus entgegen: ‚Wie es durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen (die Tat Christi] für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt‘ (Röm 5,18).

403 Im Anschluss an den hl. Paulus lehrte die Kirche stets, dass das unermessliche Elend, das auf den Menschen lastet, und ihr Hang zum Bösen und zum Tode nicht verständlich sind ohne den Zusammenhang mit der Sünde Adams und mit dem Umstand, dass dieser uns eine Sünde weitergegeben hat, von der wir alle schon bei
der Geburt betroffen sind und ‚die der Tod der Seele‘ ist [Vgl. K. v. Trient: DS 1512.]. Wegen dieser Glaubensgewissheit spendet die Kirche die Taufe zur Vergebung der Sünden selbst kleinen Kindern, die keine persönliche Sünde begangen haben [Vgl. K. v. Trient: DS 1514].

404 Wieso ist die Sünde Adams zur Sünde aller seiner Nachkommen geworden? Das ganze Menschengeschlecht ist in Adam ‚wie der eine Leib eines einzelnen Menschen‘ (Thomas v. A., mal. 4,1). Wegen dieser ‚Einheit des Menschengeschlechtes‘ sind alle Menschen in die Sünde Adams verstrickt, so wie alle in die Gerechtigkeit Christi einbezogen sind. Die Weitergabe der Erbsünde ist jedoch ein Geheimnis, das wir nicht völlig verstehen können. Durch die Offenbarung wissen wir aber, dass Adam die ursprüngliche Heiligkeit und Gerechtigkeit nicht für sich allein erhalten hatte, sondern für die ganze Menschennatur. Indem Adam und Eva dem Versucher nachgeben, begehen sie eine persönliche Sünde, aber diese Sünde trifft die Menschennatur, die sie in der Folge im gefallenen Zustand weitergeben [Vgl. K. v. Trient: DS 1511—1512.]. Sie ist eine Sünde, die durch Fortpflanzung an die ganze Menschheit weitergegeben wird, nämlich durch die Weitergabe einer menschlichen Natur, die der ursprünglichen Heiligkeit und Gerechtigkeit ermangelt. Deswegen ist die Erbsünde ‚Sünde‘ in einem übertragenenSinn: Sie ist eine Sünde, die man ‚miterhalten‘, nicht aber begangen hat, ein Zustand, keine Tat.

Das Problem ist also eigentlich Paulus: er dürfte die Sündenfallsgeschichte rund um Adam und Eva wörtlicher verstanden haben, als das die heutige alttestamentliche Bibelwissenschaft unternimmt, und so zu der folgenschweren Formel aus Röm 5,18 gekommen sein: Wie es durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt. Damit wird die Sünde Adams aber gerade als die singuläre Tat eines einzelnen Menschen interpretiert, die Georg Braulik noch in der Deutung der entsprechenden Stelle als nicht Textsorten-adäquat zurückgewiesen hat.

Ich persönlich bin eher ein Anhänger der historisch-kritischen Methode. Adam und Eva sind für mich die Stammeltern, d.h. sie repräsentierten die Menschheit in ihren Stärken und Schwächen. Die Stammelternerzählung ist auch für mich kein (geschichtlicher) Bericht über ein singuläres Ereignis, sondern eine Aussage über die Verfasstheit des Menschen als Menschen: die Versuchung Adams ist unsere Versuchung, die Sünde Adams ist unsere Sünde, die Vertreibung aus seinem Paradies ist unsere Vertreibung aus dem Paradies, das eigentlich in der Schöpfungsordnung für uns vorgesehen war.

Was tun mit den Texten im Römerbrief? Sie – so wie die Genesistexte – von ihrer Aussageabsicht her interpretieren: Paulus wollte damit ausdrücken, dass Jesus die Sünde der Menschheit (für Paulus „die Sünde des ersten Menschen“) auf sich genommen und getilgt hat.

Wie auch immer: Glaube und Wissenschaft haben dieselbe Welt als Objekt ihrer Anschauung. Wenn sie die Grenzen ihrer jeweiligen Methode respektieren, kann zwischen ihren Ergebnissen daher kein Blatt Papier passen.

PAX

Die Zeit, die Zeit

Der Schweizer Autor Martin Suter hat mit seinem im letzten Jahr veröffentlichen Roman „Die Zeit, die Zeit“ ein außergewöhnliches Stück Literatur geschaffen.

Seit Augustinus setzt man sich ja auch christlicherseits ernsthaft mit dem Phänomen der Zeit auseinander, die Bibel selbst ist voll von Zeugnissen darüber, dass Gott „ewig“ sei und die Objekte, die den beständigen Strom der Zeit einteilen helfen (besonders die Gestirne) seine Geschöpfe. Gott selbst wird mit dem Begriff „ewig“ in Verbindung gebracht, der ausdrücken soll, er stehe außerhalb der Zeit, wäre an die zeitlichen Beschränkungen der Geschöpfe nicht gebunden.

Im Roman von Martin Suter wird eine philosophische Richtung erwähnt, die bestreitet, dass es so etwas wie Zeit überhaupt gibt. Es gebe nur Veränderungen, die den Menschen glauben machen, es sei Zeit vergangen. In Wahrheit geschehe alles „gleichzeitig“, quasi „zeitlos“ und man müsse nur die Veränderungen rückgängig machen und könne in einen beliebigen Abschnitt seines Lebens zurückkehren.

Ich möchte nicht verraten, ob sich das im Roman beschriebene Experiment als erfolgreich erweisen wird – potentielle Leser des Romans soll nicht die Freude verdorben werden -, sondern ich will mich hier mit den religiösen Implikationen dieses Themas auseinandersetzen.

Zunächst haben wir ja gerade in der Osternacht bei der Weihe der Osterkerze das Gebet des Priesters vernommen: Sein ist die Zeit und die Ewigkeit. Sein ist die Macht und die Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen. Zeit wird dabei als Kategorie der Schöpfung verstanden, die ein unterscheidendes Merkmal darstellt zu Gott, der ewig ist. Ewigkeit ist ja nicht eine ins Unendliche verlängerte Zeit, sondern meint, außerhalb der Zeit zu stehen. Als Ewiger ist Gott in der Lage, die Schöpfung zu tragen, sie in die von ihm gewünschte Richtung zu lenken. Er ist uns Zeitlichen also mehr als einen Schritt voraus.

In diese göttliche Position setzen sich die Vertreter dieser Philosophie, die – denke ich – auch in der Wirklichkeit außerhalb des Romans ihre Verfechter hat. Dabei ist ein Gedankenspiel interessant: versteht man das Leben nicht als zeitlich geordnet (das kann bis zur letzten Konsequenz natürlich kein zeitliches Geschöpf vollends bewerkstelligen), sondern als Veränderung, die samt und sonders „gleichzeitig“ passiert, kann man vielleicht erahnen, wie Gott das macht mit dem „In-der-Hand-Halten“ der Schöpfung.

Wenn wir bei Ihm sind, werden wir vielleicht auch diese Zeitlosigkeit am eigenen auferstandenen Leib spüren können.

Für uns Noch-Zeitliche bleiben nur Gedankenexperimente und Romane wie der von Martin Suter.

PAX