Die Zeit, die Zeit

Der Schweizer Autor Martin Suter hat mit seinem im letzten Jahr veröffentlichen Roman „Die Zeit, die Zeit“ ein außergewöhnliches Stück Literatur geschaffen.

Seit Augustinus setzt man sich ja auch christlicherseits ernsthaft mit dem Phänomen der Zeit auseinander, die Bibel selbst ist voll von Zeugnissen darüber, dass Gott „ewig“ sei und die Objekte, die den beständigen Strom der Zeit einteilen helfen (besonders die Gestirne) seine Geschöpfe. Gott selbst wird mit dem Begriff „ewig“ in Verbindung gebracht, der ausdrücken soll, er stehe außerhalb der Zeit, wäre an die zeitlichen Beschränkungen der Geschöpfe nicht gebunden.

Im Roman von Martin Suter wird eine philosophische Richtung erwähnt, die bestreitet, dass es so etwas wie Zeit überhaupt gibt. Es gebe nur Veränderungen, die den Menschen glauben machen, es sei Zeit vergangen. In Wahrheit geschehe alles „gleichzeitig“, quasi „zeitlos“ und man müsse nur die Veränderungen rückgängig machen und könne in einen beliebigen Abschnitt seines Lebens zurückkehren.

Ich möchte nicht verraten, ob sich das im Roman beschriebene Experiment als erfolgreich erweisen wird – potentielle Leser des Romans soll nicht die Freude verdorben werden -, sondern ich will mich hier mit den religiösen Implikationen dieses Themas auseinandersetzen.

Zunächst haben wir ja gerade in der Osternacht bei der Weihe der Osterkerze das Gebet des Priesters vernommen: Sein ist die Zeit und die Ewigkeit. Sein ist die Macht und die Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen. Zeit wird dabei als Kategorie der Schöpfung verstanden, die ein unterscheidendes Merkmal darstellt zu Gott, der ewig ist. Ewigkeit ist ja nicht eine ins Unendliche verlängerte Zeit, sondern meint, außerhalb der Zeit zu stehen. Als Ewiger ist Gott in der Lage, die Schöpfung zu tragen, sie in die von ihm gewünschte Richtung zu lenken. Er ist uns Zeitlichen also mehr als einen Schritt voraus.

In diese göttliche Position setzen sich die Vertreter dieser Philosophie, die – denke ich – auch in der Wirklichkeit außerhalb des Romans ihre Verfechter hat. Dabei ist ein Gedankenspiel interessant: versteht man das Leben nicht als zeitlich geordnet (das kann bis zur letzten Konsequenz natürlich kein zeitliches Geschöpf vollends bewerkstelligen), sondern als Veränderung, die samt und sonders „gleichzeitig“ passiert, kann man vielleicht erahnen, wie Gott das macht mit dem „In-der-Hand-Halten“ der Schöpfung.

Wenn wir bei Ihm sind, werden wir vielleicht auch diese Zeitlosigkeit am eigenen auferstandenen Leib spüren können.

Für uns Noch-Zeitliche bleiben nur Gedankenexperimente und Romane wie der von Martin Suter.

PAX

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