Der Affe Adam

Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Erlösung bin ich auf die Frage nach der Historizität Adams gestoßen und die Frage, ob alle Menschen von einem Ureltern-Paar abstammen (also eine biblisch verstandene Monogenese). Dahinter steckt natürlich eine alte Streitfrage, die darauf hinausläuft, ob der biblische Schöpfungsglaube mit der Evolutionstheorie kompatibel ist oder nicht. Es geht also schlicht und einfach um die Glaubwürdigkeit des biblischen Menschenbildes angesichts der naturwissenschaftlichen Forschung.

Dazu habe ich aus der Theologie widersprüchliche Informationen zusammengetragen.

1) Einerseits habe ich als braver Student der katholischen Theologie gelernt, dass der Mythos von Adam und Eva nicht als naturwissenschaftlicher Bericht missverstanden werden darf. Kurz: in Gen 2 und 3 werden wesentliche Wahrheiten über den Menschen bezeugt (Hinordnung der Geschlechter zueinander / prinzipielle Berufung für ein paradiesisches Leben mit einander, mit Gott und der Natur / die Faszination des Menschen für die Sünde / die allgegenwärtige Versuchung, Verantwortung abzuschieben / Sünde als Missachtung des Gebotes Gottes), aber keine Auskunft darüber erteilt, dass das erste Menschenpaar Homo sapiens Adam und Eva geheißen haben.

Ich habe bei der Vorlesung „Fundamentalexegese Altes Testament“ von Prof. Braulik im Wintersemester 1997/98 an der Universtität Wien Folgendes mitgeschrieben:

Der Sündenfall der Ureltern und der Brudermord Kains gehören literarisch und theologisch zusammen. Im Sündenfall verliert der Mensch keinen Urzustand und es wird kein goldenes Zeitalter beendet, sondern in der Sündenfallgeschichte entwickelt der Verfasser allgemeine Aussagen über die Situation der Menschen von der jüdischen Erfahrung her. Es geht um eine Stammvatererzählung: es wird kein einmaliges historisches Geschehen geschildert, sondern das, was immer und überall gilt (charakteristisch für Mythos und Stammvatererzählung). Die jüdischen Erfahrungen über das Menschsein an sich kommen in mythischen Bildern und Symbolen zur Sprache. Die Bibel enthält aber nicht nur Mythologien, sondern interpretiert den mythisch schon vorhandenen Stoff durch eine offenbarende Sprache. Bilder des Gartens, Stromes, der Bäume, Wächter, Schlangen, die Menschen im Garten verführen, sind nicht primitiv, sondern im Unterbewusstsein des modernen Menschen noch immer präsent – sind nicht naiv, sondern beschreiben in Genauigkeit die Lebenssituation. Diese Bilder sagen, was der Mensch von Gott her sein könnte und dann in Wahrheit geworden ist durch seine Sünde. […] Die Erzählung beschreibt kein goldenes Zeitalter der Welt, auch keine Utopie, die sich jemand erträumen kann, sondern die Welt hätte sich so entwickeln können. Es war in der Schöpfung so angelegt.

Und weiter über die Erbsündenlehre:

Die Sammelternerzählung stellt eine narrative Sündenlehre dar: die Stammeltern sündigen = alle Menschen sündigen. Die Sünde wird von einer vorgegebenen Wirklichkeit provoziert. Sie entsteht durch die Verführung durch die Schlange (in der Theologie ist die Schlange das vorpersonale Element von Sünde) => die Sünde entsteht eigentlich nicht aus der reinen Freiheit des Menschen, sondern von bestimmten Gegebenheiten. Dass die Sünde nicht allein dem sündigen Menschen zuzuschreiben ist, zeigt der Autor damit, dass die Schlange zuerst bestraft wird. Die Erzählung stellt psychologisch dar, dass die plumpe Leugnung des Gottesgebotes Eva dazu bringt, der Verlockung des Einmaligen zu erliegen. Nach dieser ersten Sünde schließen sich die nächsten an, die dann aus der Freiheit der Menschen resultieren (Systematik von Sündenerzählungen).
Gen 3: Sünde des einzelnen gegen Gott (Adam – Eva)
Gen 4: Sünde des einzelnen gegen den Bruder (Kain – Abel)
Gen 6: Sünde einer Gruppe gegen eine Gruppe (Menschen gegen Menschen, Sintflut)
Gen 11: Sünde der Menschheit gegen Gott (Turmbau zu Babel)
=> die ganze Gesellschaft wird von Sünden geformt, jeder einzelne Mensch wird durch die ihm vorangegangene Sozialisierung von der Sünde bestimmt (durch Sozialisierung entsteht ein Netzwerk des Bösen) = Erbsündenlehre.

2) Anders klingt die Erklärung der Erbsündenlehre im Katechismus der Katholischen Kirche, Artikel 402-404, wo man sich hauptsächlich auf einschlägige Texte des Apostels Paulus aus dem Römerbrief bezieht:

402 Alle Menschen sind in die Sünde Adams verwickelt. Der hl. Paulus sagt: ‚Durch den Ungehorsam des einen Menschen‘ wurden ‚die vielen (das heißt alle Menschen] zu Sündern‚ (Röm 5,19). ‚Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten‚ (Röm 5,12). Der Universalität der Sünde und des Todes setzt der Apostel die Universalität des Heils in Christus entgegen: ‚Wie es durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen (die Tat Christi] für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt‘ (Röm 5,18).

403 Im Anschluss an den hl. Paulus lehrte die Kirche stets, dass das unermessliche Elend, das auf den Menschen lastet, und ihr Hang zum Bösen und zum Tode nicht verständlich sind ohne den Zusammenhang mit der Sünde Adams und mit dem Umstand, dass dieser uns eine Sünde weitergegeben hat, von der wir alle schon bei
der Geburt betroffen sind und ‚die der Tod der Seele‘ ist [Vgl. K. v. Trient: DS 1512.]. Wegen dieser Glaubensgewissheit spendet die Kirche die Taufe zur Vergebung der Sünden selbst kleinen Kindern, die keine persönliche Sünde begangen haben [Vgl. K. v. Trient: DS 1514].

404 Wieso ist die Sünde Adams zur Sünde aller seiner Nachkommen geworden? Das ganze Menschengeschlecht ist in Adam ‚wie der eine Leib eines einzelnen Menschen‘ (Thomas v. A., mal. 4,1). Wegen dieser ‚Einheit des Menschengeschlechtes‘ sind alle Menschen in die Sünde Adams verstrickt, so wie alle in die Gerechtigkeit Christi einbezogen sind. Die Weitergabe der Erbsünde ist jedoch ein Geheimnis, das wir nicht völlig verstehen können. Durch die Offenbarung wissen wir aber, dass Adam die ursprüngliche Heiligkeit und Gerechtigkeit nicht für sich allein erhalten hatte, sondern für die ganze Menschennatur. Indem Adam und Eva dem Versucher nachgeben, begehen sie eine persönliche Sünde, aber diese Sünde trifft die Menschennatur, die sie in der Folge im gefallenen Zustand weitergeben [Vgl. K. v. Trient: DS 1511—1512.]. Sie ist eine Sünde, die durch Fortpflanzung an die ganze Menschheit weitergegeben wird, nämlich durch die Weitergabe einer menschlichen Natur, die der ursprünglichen Heiligkeit und Gerechtigkeit ermangelt. Deswegen ist die Erbsünde ‚Sünde‘ in einem übertragenenSinn: Sie ist eine Sünde, die man ‚miterhalten‘, nicht aber begangen hat, ein Zustand, keine Tat.

Das Problem ist also eigentlich Paulus: er dürfte die Sündenfallsgeschichte rund um Adam und Eva wörtlicher verstanden haben, als das die heutige alttestamentliche Bibelwissenschaft unternimmt, und so zu der folgenschweren Formel aus Röm 5,18 gekommen sein: Wie es durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt. Damit wird die Sünde Adams aber gerade als die singuläre Tat eines einzelnen Menschen interpretiert, die Georg Braulik noch in der Deutung der entsprechenden Stelle als nicht Textsorten-adäquat zurückgewiesen hat.

Ich persönlich bin eher ein Anhänger der historisch-kritischen Methode. Adam und Eva sind für mich die Stammeltern, d.h. sie repräsentierten die Menschheit in ihren Stärken und Schwächen. Die Stammelternerzählung ist auch für mich kein (geschichtlicher) Bericht über ein singuläres Ereignis, sondern eine Aussage über die Verfasstheit des Menschen als Menschen: die Versuchung Adams ist unsere Versuchung, die Sünde Adams ist unsere Sünde, die Vertreibung aus seinem Paradies ist unsere Vertreibung aus dem Paradies, das eigentlich in der Schöpfungsordnung für uns vorgesehen war.

Was tun mit den Texten im Römerbrief? Sie – so wie die Genesistexte – von ihrer Aussageabsicht her interpretieren: Paulus wollte damit ausdrücken, dass Jesus die Sünde der Menschheit (für Paulus „die Sünde des ersten Menschen“) auf sich genommen und getilgt hat.

Wie auch immer: Glaube und Wissenschaft haben dieselbe Welt als Objekt ihrer Anschauung. Wenn sie die Grenzen ihrer jeweiligen Methode respektieren, kann zwischen ihren Ergebnissen daher kein Blatt Papier passen.

PAX

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13 Gedanken zu „Der Affe Adam

  1. Meines Wissens ist der Punkt dessen, dass die Kirche lehrt, dass die Menschheit tatsächlich von einem Stammelternpaar abstammt, nicht etwa Paulus, sondern vor allem zwei Aspekte:

    – Sonst wäre ja ein Teil der Menschheit von der Erbsünde betroffen und ein Teil nicht.
    – Sonst wäre die Einheit des Menschengeschlechts nicht gegeben, sondern es gäbe Menschen verschiedener „Klasse“.

    Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es tatsächlich ein historisches Stammelternpaar gab (genetische Forschungen weisen ja auch in die Richtung, dass die Menschheit von extrem wenigen Individuen abstammt – warum nicht von einem einzigen Paar?) – ich stelle sie mir als die ersten vernunftbegabten Menschen, also Menschen im Vollsinn, vor -, die sich dann tatsächlich von Gott abwandten (jetzt nicht unbedingt mit Schlange und Bäumen…).

    Eine allegorische Interpretation von Genesis ist ja nicht unbedingt eine Erfindung der historisch-kritischen Methode, das hat auch schon Augustinus gemacht („De Genesi contra Manichaeos“). Außerdem kann die historisch-kritische Methode ja auch nicht hellsehen, sprich sie weiß ja auch nicht, was damals war, sie kann nur spekulieren und interpretieren.

    Meines Wissens hält aber die Kirche bei aller Allegorie in Genesis daran fest, dass die Menschheit von einem einzigen Paar abstammt (dass also Adam und Eva im gewissen Sinne „historisch“ sind) – eben aus den obigen Überlegungen heraus. (Es gibt von einigen Päpsten – Pius XII., Johannes Paul II. – etwas dazu, ich weiß aber nicht mehr genau wo.)

    • Deine Argumente sind bedenkenswert, aber drei Einwände sprechen dagegen:
      1. Adam und Eva sowie ihre Kinder hätten sich durch Inzest fortpflanzen müssen. Das ist nicht nur von Gott verboten, es würde auch bei so wenigen Partnern in Kürze zu Inzucht und Degeneration führen (siehe alte Adelsgeschlechter).
      2. Die alte Frage: Woher kam die Frau, die sich Kain jenseits von Eden nahm?
      3. Es führt zu dem in der Sklavereidebatte oft gebrauchten Argument: „Der zweite Adam Jesus war ein Weißer, folglich war auch der erste Adam ein Weißer, folglich sind alle Nicht-Weißen keine Menschen.“

      Dass alle Menschen bei aller Verschiedenheit zur selben Spezies gehören, lässt sich übrigens leicht beweisen: Was sich miteinander fortpflanzen kann gehört zu einer einzigen Spezies.

    • 1) Ich glaube nicht, dass der Glaube an die Erbsünde zwangsläufig an eine Idee der Monogenese im naturwissenschaftlichen Sinn gebunden ist. Wieso nicht die Erbsünde als Kehrseite der Medaille namens „Willensfreiheit“ verstehen?
      2) Andererseits deutet die Gen-Forschung tatsächlich in die Richtung, dass die Menschheit aus Afrika abstammt und dort von wenigen Einzelindividuen. Das wäre eine ähnliche „Bestätigung“ der Genesis wie die Theorie, dass das Leben im Wasser entstanden ist, das an prominenter Stelle am Beginn der Schöpfungsgeschichte genannt wird („Gottes Geist schwebte über dem Wasser“), ist aber nicht unbedingt eine Bestätigung dessen, dass wir alle unsere Existenz einem gigantischen Inzest zu verdanken haben.
      3) „Der erste vernunftbegabte Mensch“: ist es wirklich vernünftig, davon auszugehen, dass Gott einen gerade-nicht-mehr-tierischen Höhlenmenschen als Maßstab hernimmt und die gesamte Menschheit seitdem unter der Sünde dieses Gerade-nicht-mehr-Affen zu leiden hat (bei aller Differenz, die von der Kirche zwischen Sünde und Erbsünde postuliert wird)?
      4) Tatsächlich hat die historisch-kritische Methode eine allegorische Deutung der Bibel nicht erfunden: sie hat aber eindrucksvoll klargestellt, welche Auswirkungen die gewählte Textsorte auf die Interpretation der fraglichen Bibelstellen nehmen sollte. Die Textsorte von Gen 1 zum Beispiel ist das „Loblied“, die Textsorte von Gen 2f die „Stammelternezählung“. Beide Textsorten sind nicht zur wortwörtlichen (in unserer Zeit naturwissenschaftlichen) Interpretation vorgesehen gewesen, obwohl das natürlich von Anfang an getan wurde (inklusive Paulus).
      5) Ich glaube nicht, dass wir die Lehre von der Erbsünde „retten“ müssen, indem wir die theologischen Aussagen im Römerbrief (Röm 5,18) von Paulus wortwörtlich verstehen müssen. Für mich persönlich reicht es, davon auszugehen, dass Gott die Erbsünde in Kauf nimmt, die den Menschen von seiner ursprünglich paradiesischen Berufung abschneidet, da sonst die Willensfreiheit des Menschen nicht denkbar ist. Gott will ein Gegenüber, das sich aus freien Stücken für ihn entscheidet, keine tierische, von Instinkten gegängelte Marionette.

      Die Film-Trilogie Matrix ist in diesem Zusammenhang hilfreich: je komplexer das System, umso fehleranfälliger ist es. Auf unser Thema umgelegt: je komplexer der Mensch ist in seiner Willensfreiheit, umso eher kann er auch scheitern bzw sündigen, ja umso eher ist wahrscheinlich, dass die Versuchung zur Sünde zur Grundausstattung des Menschen gehört; diese Versuchung stammt nicht von Gott, ist aber die Konsequenz dieses äußerst gewagten Experiments, das Gott mit uns Nicht-mehr-Tieren eingegangen ist.

      • „Andererseits deutet die Gen-Forschung tatsächlich in die Richtung, dass die Menschheit aus Afrika abstammt und dort von wenigen Einzelindividuen.“

        Das mit Afrika wusste ich, (meine Güte, muss das die Nazis ärgern!) aber die wenigen Einzelindividuen sind mir neu. Ist das eine erst kürzlich gewonnene Erkenntnis? Wo kann ich mehr darüber erfahren? So viel ich weiß entwickelte sich der Homo sapiens in einem Auf und Ab – z.B. waren ja die Neanderthaler schon sehr fortgeschritten, starben aber einfach wieder aus.

        „wohl aber die prinzipielle Sündhaftigkeit des Menschen.“

        Na, das nenn ich einmal ein Dogma, an das man ohne Wenn und aber glauben kann; da braucht man nur die ZIB einzuschalten.

        „Wieso nicht die Erbsünde als Kehrseite der Medaille namens “Willensfreiheit” verstehen?“
        Ich glaube, dieser Drang zum Bösen ist nicht ein Produkt des rationalen Willens („hiermit beschließe ich so richtig böse zu sein“, sondern einer tieferen Seelenschicht, die sich auch durch den bewussten Willen zum Guten nicht ausschalten lässt – was Paulus ja sehr schön ausdrückt.

        „sie hat aber eindrucksvoll klargestellt, welche Auswirkungen die gewählte Textsorte auf die Interpretation der fraglichen Bibelstellen nehmen sollte.“
        Da liegt der Hund begraben. Die meisten Menschen wissen nicht, dass die Bibel a) eine Bibliothek verschiedener Bücher ist, b) verschiedene Textsorten enthält, die jeweils entsprechend interpretiert werden müssen.

        Das Ärgerliche ist, dass man Theologie studieren musss, um nicht ganz für dumm verkauft zu werden, und ich weiß nicht, ob ich mir das auf meine alten Tage noch antu. Was die Theologen wissen findet kaum den Weg in die Kirchen. Heute bei der Vorbereitung zum Vortrag hab ich wieder Meldungen gehört … „jeder hat seine eigene Wahrheit“, „es ist doch nicht so wichtig was man glaubt…“ etc., un das IN DER KIRCHE!

        Erinnert mich an mein Gespräch mit einer Frau, der ich erbost von einem Typen erzählte, der gesagt hattr: „Mei Religion heißt Rapid.“ Trockene Antwort darauf: „Na, der weiß aber wenigstens, was er glaubt.“

  2. Erstmals vielen Dank, dass du dich so ausführlich um das Thema angenommen hast, das ist sehr hilfreich. Ich werde bei meinem Vortrag gebührend erwähnen, von wem die Weisheit stammt.

    Du hast allerdings nur zwei theologische Interpretationen einander gegenüber gestellt, nicht „Glaube und Wissenschaft“. Die Wissenschaft geht ja davon aus, dass man gar nicht weiß, wann aus dem Hominiden der Mensch im heutigen Sinne wurde, wann diese Wesen – die ja auch nicht einheitlich waren – anfingen, an ein Überirdisches zu glauben; man weiß ungefähr, wann der Mensch anfing an ein Jenseits zu glauben und wann der Monotheismus entstand. Wann wurde aus dem Tierwesen der „beseelte“ Mensch? Wann hatte dieses Wesen genug Moralverständnis, um bewusst zu sündigen? Ist es schon Sünde, wenn mein Hund meine Schuhe zernagt, obwohl er genau weiß, dass ich das verboten habe?
    Der Knackpunkt scheint mir deine Bemerkung zu sein: „Also ist wohl Paulus das Problem.“ Ganz meine Meinung. Was eine ätiologische Sage war (wie kam es wohl dazu, dass der Mensch so ist, wie er ist?) wurde wörtlich verstanden zu einem Dogma, aus dem Paulus und nach ihm Heerscharen von Theologen Schlüsse zogen, richtige und falsche, die dann als unfehlbare biblische Wahrheit teils bis heute weitergegeben wurden. Das heiß: Man baute einen theologischen Turm auf einem teilweise falschen Fundament. Natürlich traut sich heute kein Theologe sowas laut zu sagen (außer bei den amerikanischen Fundamentalisten) aber während man sich vom Fundament distanziert behält man die Schlussfolgerungen stillschweigend bei – als würde man bei einem Haus das Erdgeschoß wegreißen und erwarten, dass die übrigen Stockwerke stehen bleiben.Bis heute hält sich die Vorstellung, Frauen hätten eine stärkere Affinität zum Bösen, seien „nicht wirklich“ Ebenbilder Gottes, („weiheunfähige Materie“) daher auch nicht kultwürdig; der Mann sei von Gott aus zum Herrscher über Frauen bestinmmt…etc.pp. Erst Benedikt XVI. „schloss“ die „Kinderhölle“ für ungetaufte Säuglinge, erst das II. Vatikanum schaffte die Teufelsaustreibung bei der Taufe ab – alles unmittelbare Ableitungen aus der wörtlich genommenen Genesis. Ganz zu schweigen von der Christologie, die einen persönlichen Adam voraussetzt, den es nie gab.

    Aber: Es weiß auch „die Wissenschaft“ nicht, wie es eigentlich dazu kam, dass sich das spezifisch Menschliche (Sprachzentrum, logische Fähigkeit, Imagination…) entwickelte und wann diese Fähigkeiten in Erscheinung traten. Vor allem aber weiß auch die Wissenschaft nicht, warum der Mensch böse ist – und zwar jeder, mehr oder minder. Warum er/sie mit seinen Bemühungen, sich selbst zu erlören, den „neuen Menschen“ zu schaffen, immer wieder floppt. Darauf vor allem werde ich in meinem Vortrag Bezug nehmen. Am 17. ist es so weit, ich bin schon ganz aufgeregt!

    • Es war nicht meine Absicht, Wissenschaft und Glaube gegenüberzustellen, sondern eine innertheologische Diskussion über die Frage nach der Monogenese. Natürlich hat das Ergebnis dieser Diskussion aber auch Auswirkungen auf die Position, die die biblische Schöpfungstheologie in der heutigen Zeit im Hinblick auf die Anfragen der Naturwissenschaften einnimmt.

      Die Erbsünde als Konsequenz einer geschichtlich einmaligen Verfehlung eines Stammelternpaares ist meines Erachtens kein Dogma, wohl aber die prinzipielle Sündhaftigkeit des Menschen.

      Dass die Ätiologie in Gen 2f auch frauenfeindlich interpretiert wurde (quasi die Frau als erste Sünderin der Menschheitsgeschichte) ist richtig, das ist aber nicht der Grund dafür, dass es in der katholischen Kirche keine Frauenordination gibt.

      Alles Gute für deinen Vortrag. Wenn du willst, schicke ich dir meine Vorlesungsmitschrift per Mail.

  3. Dazu nur zwei Zitate aus dem Katechismus: „Das Menschengeschlecht bildet aufgrund des gemeinsamen Ursprungs eine Einheit. Denn Gott ‚hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht geschaffen‘ (Apg 17,26)“ (KKK 360)
    „Der Bericht vom Sündenfall verwendet eine bildhafte Sprache, beschreibt jedoch ein Urereignis, das zu Beginn der Geschichte des Menschen stattgefunden hat.“ (KKK 390)

    Dazu „Gaudium et Spes“: „Obwohl in Gerechtigkeit von Gott begründet, hat der Mensch unter dem Einfluß des Bösen gleich von Anfang der Geschichte an durch Auflehnung gegen Gott und den Willen, sein Ziel außerhalb Gottes zu erreichen, seine Freiheit mißbraucht.“ (13,1)

    Das Lehramt der Kirche scheint also durchaus davon auszugehen, dass zwar Motive wie Garten, Schlange, Bäume usw. bildhaft sind, aber trotzdem ein tatsächliches Ereignis dargestellt wird…

    Warum wären übrigens Höhlenmenschen weniger vernunftbegabt als moderne Menschen?? Hier geht es um ja eine anthropologische Konstante, nicht um naturwissenschaftliche, kulturelle oder technische Kenntnisse.

    • 1) Zu KKK 360: ich sehe gerade in diesem Zitat auch einen Ansatzpunkt, die Stammelternerzählung allegorisch zu verstehen. Der „gemeinsame Ursprung der Menschheit“ ist ja nicht gleichbedeutend mit „alle stammen von einem Menschenpaar ab, das gesündigt hat und deswegen müssen wir unsere Kinder taufen lassen.“

      2) Zu KKK 390: Es ist mir bewusst, dass das Lehramt beim Sündenfall eher von einem geschichtlichen Ereignis zu Beginn der menschlichen Existenz ausgeht. Wie auch immer dabei argumentiert wird: mit der Textsorte „Stammelternerzählung“ von Gen 2f kann nicht argumentiert werden, weil dieser die allegorische Deutung inhärent ist.

      3) Zu Gaudium et Spes: Nun, dieser Aussage kann ich voll und ganz zustimmen. Die Stammelternerzählung lehrt ja, dass ALLE Menschen sündig sind und stellt diese Gewissheit exemplarisch an Adam und Eva dar. Jeder Mensch ist von der Erbsünde betroffen, weil sie das Übel ist, das Gott in Kauf nehmen muss, wenn er einen freien Menschen will und keine Marionette. Gaudium et Spes sagt nichts darüber aus, dass Adam und Eva schuld sind an unserer Sündenverflochtenheit, sondern nur, dass die Menschen von Anfang an sündenverflochten sind.

      • Mir ist nur eines nicht klar: Angeblich akzeptiert die Kirche die Evolutionstheorie als wissenschaftliche Erklärung. Wie kann man also dann wieder davon ausgehen, dass Genesis historisch wahr ist? Die Voraussetzung für eine wörtlich genommene Sündenfallgeschichte ist ja, dass „Adam“ kein primitives Halbaffengeschöpf war, sondern geradezu ein Übermensch, makellos und seiner Stellung gegenüber Gott voll bewusst. Das sind zwei völlig konträre Ansatzpunkte.

        • Das sehe ich auch so. Und es ist Folgendes interessant: ich bin durch das gesamte Theologiestudium gekommen, ohne dass mich diese Frage in irgendeinem Fach beschäftigt hätte: hier scheint eine sehr große Diskrepanz zwischen Lehramt und Theologie zu bestehen. Liest man aber hinein in folgende Seite: http://www.bibelkommentare.de/index.php?page=qa&answer_id=480 , könnte man den Eindruck bekommen, das ganze Christentum stehe und falle damit.

          • Ja, diese Einstellung ist nicht unrichtig, sie hat mich ja zu so vielen Fragen bewogen. Denn einerseits ist nur eine so fundamentalistische Einstellung wie in diesem Artikel in sich vollkommen logisch – auch wenn man vieles an den Haaren herbeiziehen muss – andererseits muss ich dann auch an sprechende Schlangen und die Abkunft der Frau aus der Rippe des Mannes glauben bzw. daran, dass allein der Mann „der einzige Mensch“ von Gott geschaffen wurde; was ist dann die Frau? Ein „homme manque“? (Übrigens kommt einem da die zweite Schöpfungsgeschichte in die Quere).
            Zieht man aber diese wörtliche Erklärung weg, fällt m.E. die gesamte Bibel zu einem absurden Märchen zusammen, denn da kann ich die gesamte Erlösungsgeschichte hinterherschmeißen, die macht ja nur Sinn, wenn eine Erbsünde (nicht persönliche Sünden!) „durch Blut abgewaschen“ werden musste. Wenn es keinen ersten Adam gab, muss es auch keinen zweiten geben.Es gab mal ein Buch, „Die Affen, der Papst und die Erbsünde“ zu dem Thema; ich habs aber nicht mehr.

            „hier scheint eine sehr große Diskrepanz zwischen Lehramt und Theologie zu bestehen.“
            Noch größer ist die Diskrepanz zwischen der gelehrten Theologie und dem Wissen der Gemeinden. Die leben alle noch im geozentrischen Weltbild – in meiner Stadtkirche jedenfalls. Das beklagen auch viele Theologen, dass universitäres Wissen die Basis überhaupt nicht erreicht und dort noch die seltsamsten Vorstellungen herumspuken.
            Aber machen wir uns keine Gedanken; schließlich hatte JPII nach so und so viel Jahrhunderten offiziell erklärt, dass Galilei vielleicht doch recht hatte. In ungefährt 500 Jahren wird ein Papst erklären, dass der Mensch vielleicht doch nicht aus Lehm gemacht wurde und die Frau ein eigenständiges Wesen ist, kein Ripperl.

    • „Warum wären übrigens Höhlenmenschen weniger vernunftbegabt als moderne Menschen?? Hier geht es um ja eine anthropologische Konstante, nicht um naturwissenschaftliche, kulturelle oder technische Kenntnisse.“

      Das ist eine sehr interessante Frage. Wir stellen ja fest, dass sogennante „primitive Völker“ unserer Zeit anthropologlisch gesehen nicht anders sind als wir, nur die Kultur unterscheidet sich.
      Mir scheint, dich beschäftigt sehr das Problem, ob man nun nicht eine Lücke offenlässt für die Argumentation, es gäbe unterschiedlich wertvolle Menschenklassen?

  4. Pingback: Der Mensch Adam | fecistinos

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