Mach dir kein Bild

Weiterführend meine Überlegungen zur Bilderproblematik ist mir Max Frischs „Andorra“ in den Sinn gekommen.

Die Tatsache, dass der Mensch in der Genesis als Ebenbild Gottes verstanden wird (vgl. Gen 1,26), hat ja – gewissermaßen als Kehrseite der Medaille – auch das Bilderverbot des Dekalogs zur Konsequenz: Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. (Ex 20,4) Bringt man diese beiden Bibeltexte zusammen, so wird folgende Botschaft deutlich: nur Gott ist es erlaubt, Bilder herzustellen; dem Menschen ist dies – aus guten Gründen – verboten.

Max Frisch hat sich in zahlreichen seiner Werke mit dem Bilderverbot des Alten Testaments auseinandergesetzt, ganz besonders bei seiner Parabel „Andorra“.

Hauptfigur ist der Jude Andri, der angenommene Sohn des Lehrers, der unter dem Alltagsrassismus der andorranischen Mitbürger leidet. Ihm wird zum Beispiel die Möglichkeit, eine Tischlehre zu beginnen, verweigert, weil Juden nur als Geld denken würden. Als Andorra von den Schwarzen, einem feindlichen und ausgesprochen antisemitischen Volk eingenommen wird, kommt es zur Katastrophe: Andri wird bei einer „Judenschau“ als Jude identifiziert und – obwohl er inzwischen erfahren hat, dass er gar nicht jüdischer Abstammung ist – leistet er keinen Widerstand bei seiner Festnahme und Hinrichtung.

Max Frisch schiebt in Zwischenspielen, die auf dem Vordergrund der Bühne stattfinden, immer wieder die Rechtfertigungsversuche der andorranischen Bevölkerung an der Zeugenschranke ein, die offenbaren, wie wenig sie sich schuldig am Tod ihres Mitbürgers fühlen können. Besonders demaskierend ist der Soldat, der Andri das ganze Stück hindurch als Jude schickaniert und schlussendlich dessen Freundin Bärbel vergewaltigt: Ich gebe zu: Ich hab ihn nicht leiden können. Ich hab ja nicht gewusst, dass er keiner [ein Jude, Anm.] ist, immer hat’s geheißen, er sei einer. Übrigens glaub ich noch heut, dass er einer gewesen ist. Ich hab ihn nicht getötet. Ich habe nur meinen Dienst getan. Order ist Order. Wo kämen wir hin, wenn Befehle nicht ausgeführt werden! Ich war Soldat.“

Einen Hauch von Schuldbewusstsein kann man lediglich bei dem Pater vernehmen, der Andri geraten hat, sich gefälligst wie ein Jude zu benehmen: Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott deinem Herrn, und nicht von den Menschen, die seine Geschöpfe sind. Auch ich bin schuldig geworden damals. Ich wollte ihm mit Liebe begegnen, als ich gesprochen habe mit ihm. Auch ich habe mir ein Bildnis gemacht von ihm, auch ich habe ihn gefesselt, auch ich habe ihn an den Pfahl gebracht. Sämtliche Bewohner Andorras fühlen sich unschuldig am Tod Andris, obwohl alle daran mitgearbeitet haben, dass er als Jude von den Schwarzen hingerichtet wird.

Besonders hat mich Andris Reaktion auf die Enthüllung berührt, er sei ein uneheliches Kind des Lehrers (mit einer Frau der Schwarzen), also kein Jude: er ist von den anderen schon so lange als Jude behandelt (und diskriminiert) worden, dass es ihm nicht mehr möglich ist, sich als Nicht-Jude zu verstehen. Auf die Enthüllung des Paters, dass er der leibliche Sohn des Lehrers sei, sagt er: Seit ich höre, hat man mir gesagt, ich sei anders, und ich habe geachtet drauf, ob es so ist, wie sie sagen. Und es ist so, Hochwürden: Ich bin anders. Man hat mir gesagt, wie meinesgleichen sich bewege, nämlich so und so, und ich bin vor den Spiegel getreten fast jeden Abend. Sie haben recht: Ich bewege mich so und so. Ich kann nicht anders. Und ich habe geachtet auch darauf, ob’s wahr ist, dass ich alleweil denke ans Geld, wenn die Andorraner mich beobachten und denken, jetzt denke ich ans Geld, und sie haben abermals recht: Ich denke alleweil ans Geld. Es ist so. Andri, der andere, ist so lange anders behandelt worden, bis er auch anders wurde.

Diese Parabel des Schweizer Autors fasst meines Erachtens sehr gut die Grundidee des biblischen Bilderverbots zusammen: wenn man sich ein Bild von jemandem macht, dann geht man die Gefahr ein, dass derjenige dieses Bild so internalisiert, dass er am Schluss seine Identität ändert, um diesem Bild zu entsprechen, und seien sie die destruktivsten und vorurteilsbelastetsten. (Negative) Bilder – modern gesprochen: Vorurteile – haben diese destruktive Macht, dass sie zu selbsterfüllenden Prophezeiungen werden können.

Wie gut kennt der Herr unsere Gedanken, unsere Schwächen und Fehler, wenn er uns dieses Gebot ans Herz legt: mach dir kein Bild von einem anderen, du könntest ihn damit zerstören.

(Quelle für die Zitate aus „Andorra“)

PAX

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