Abraham steigt Gott zuawi

Es ist schon eine Zeit lang her, aber dennoch hat mich die Lesung des 17. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C) vom Handeln Abrahams mit Gott sehr nachdenklich gemacht – und zwar im Hinblick auf das Gottesbild, das hinter dieser Geschichte steht.

Abraham im Gespräch mit dem Engel, Rembrandt 1636/37

Gen 18,20-33: Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer. Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist. Ich will es wissen. Die Männer wandten sich von dort ab und gingen auf Sodom zu. Abraham aber stand noch immer vor dem Herrn. Er trat näher und sagte: Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen? Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort? Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten? Da sprach der Herr: Wenn ich in Sodom, in der Stadt, fünfzig Gerechte finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben. Abraham antwortete und sprach: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin. Vielleicht fehlen an den fünfzig Gerechten fünf. Wirst du wegen der fünf die ganze Stadt vernichten? Nein, sagte er, ich werde sie nicht vernichten, wenn ich dort fünfundvierzig finde. Er fuhr fort, zu ihm zu reden: Vielleicht finden sich dort nur vierzig. Da sprach er: Ich werde es der vierzig wegen nicht tun. Und weiter sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich weiterrede. Vielleicht finden sich dort nur dreißig. Er entgegnete: Ich werde es nicht tun, wenn ich dort dreißig finde. Darauf sagte er: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden. Vielleicht finden sich dort nur zwanzig. Er antwortete: Ich werde sie um der zwanzig willen nicht vernichten. Und nochmals sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn. Und wiederum sprach er: Ich werde sie um der zehn willen nicht vernichten. Nachdem der Herr das Gespräch mit Abraham beendet hatte, ging er weg und Abraham kehrte heim.

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der Vers 23 (ein besonderes Dankeschön für den Hinweis auf diese Bibelstelle gebührt Pfarrer Heinrich Wagner): die Einheitsübersetzung überträgt das hebräische Wort nagasch mit nähertreten. Der Begriff hat aber eine viel größere Bedeutungsvielfalt. An folgenden Bibelstellen wird es verwendet:
1) Als Jakob seinem Vater Isaak vorspielt, er wäre Esau, tastet dieser ihn ab (berühren, abtasten, abprüfen)
2) Lot wird von den brutalen Männern Sodoms fast zu Tode geprügelt (rohe Gewalt)
3) Als Mose die 10 Gebote vom Berg Sinai bringt, verordnet er den Männern Abstinenz (intimes Miteinander, Beischlaf)

Heinrich Wagner schreibt in seinem Predigtbuch „Glut“ über die Bedeutungsvielfalt des Begriffs nagasch im Zusammenhang mit der vorliegenden Bibelstelle Folgendes: Abraham tritt näher, er dringt gleichsam in Gott ein, er tritt Gott so „zuawi“, wie wir sagen, dass Gott gar nicht anders kann, als mit ihm zu reden. Das ist jetzt nicht dieses „Ja Gott, ich trau dir zu, du machst eh das Beste für mich“, sondern das ist dieses Gott so „Zuawi-Steigen“, dass Gott reagieren „muss“. Oder wie’s Jesus sagt: Klopft, bittet, ja springt diesem Gott gleichsam an die Gurgel, dieses Rüttelt-Ihn, und Gott wird hören. Es ist ein Gottesbild, das uns die Juden hier nahebringen, wonach Gott nicht einer ist, in dem alles ruht und in dem wir alle geborgen sind, sondern einer, den ich auch rütteln darf und anschreien darf und fragen darf: „Ja, was ist denn los, hörst du mich denn nicht?“

Ich denke, dass dieses alttestamentliche Gottesbild auch das Gottesbild Jesu ist, sonst wäre die Szene am Ölberg, als er unter Tränen und Blutschwitzen Gott umzustimmen versucht, nicht erklärbar. Er hätte uns dann auch nicht das Beten gelehrt und gesagt: Klopft an, dann wird euch geöffnet werden. (Lk 11,9).

Der Gott Jesu ist also beides: souveräner Herrscher des Weltalls und liebender Vater aller Kreaturen, die ihn um den Finger wickeln können. Was für ein tröstlicher Gedanke!

PAX

Christus, der neue Atlas

Der gotische Kapitelsaal des Stiftes Zwettl, das heuer sein 875-jähriges Bestehen feiert, ist nicht besonders kunstvoll ausgemalt wie der des Mutterklosters Heiligenkreuz. Er birgt jedoch eine äußerst interessante christologische Architektur: In der Mitte findet sich eine Säule, die das gesamte Kreuzrippengewölbe des Saales trägt. Ich weiß nicht, ob diese Säule aus statischen Gründen notwendig ist oder nicht – jedenfalls verbirgt sich dahinter ein eindrucksvolles christliches Bekenntnis.Kapitelsaal Stift ZwettlJesus ist das Fundament, die Säule des christlichen Glaubens. Auf ihm ruht der gesamte Raum des Christentums, in dem alles Platz hat: die Geschichte, die Menschen, die Hoffnung, die Liebe … Ohne ihn würde dieser Raum der Liebe zusammenstürzen, er wäre leer und sinnlos, wie Paulus das in seinem ersten Brief an die Korinther ausdrückt: Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos. (1 Kor 15,14)

Es ist natürlich auch von Bedeutung, dass gerade der Kapitelsaal des Stiftes Zwettl so gestaltet wurde. Im Kapitelsaal werden ja die wichtigsten Entscheidungen des Stiftes getroffen: die Einkleidung der neuen Mönche, die Abtwahl, die regelmäßigen Zusammentreffen des Konvents. Die Säule in der Mitte ist da sicher manchmal im Weg – so wie der Glaube an Christus manchmal unbequem und beschwerlich ist. Dennoch – bei allen Entscheidungen des Stiftes soll eines immer berücksichtigt werden: Christus soll das Zentrum bleiben; er, der das Himmelsgewölbe des Christentums trägt wie das in der griechischen Mythologie von  Atlas erzählt wird.

Viele Ebenen werden in dieser Architektur angesprochen. Nicht nur, dass Christus der Dreh- und Angelpunkt des christlichen Bekenntnisses ist, sondern auch das Geheimnis des Kreuzes: es ist ja die Verbindung von Unten und Oben, von Menschen und Gott – so wie diese Säule die Verbindung darstellt zwischen den Boden und der Decke.

Auch das Mysterium von Maria Verkündigung kommt mir in den Sinn, dieser Zeitpunkt, als Gott, der allmächtige Herr, die Erde berührt und einer von uns wird. Die Säule erinnert in diesem Zusammenhang an einen Finger, der von oben den Fußboden des Kapitelsaals berührt und Segen und Heil von oben verspricht.

Und letztendlich fragt sich der gläubige Tourist auch, wo seine eigene Christozentrik bleibt – spiegelt sich in den wichtigen Entscheidungen des eigenen Lebens auch der Glauben an Christus, den Himmelsträger und Gottessohn, wider? Was ist das Zentrum des eigenen Lebens? Worauf baut mein Seelengebäude auf?

PAX

Kreuzerhöhung

Beim Besuch des Prämonstratenser-Stiftes Geras habe ich auch den Friedhof der Mönche besichtigt. Jedes Grab wird dort mit folgendem Kreuz versehen:

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Diese Kreuzgestaltung erscheint mir in vielfacher Hinsicht genial:

1) Die filigrane Konstruktion ist durchsichtig. Sie erscheint wie ein Rahmen, der der Welt, der Schöpfung, eine Form gibt, die sich aber so organisch in die Umwelt einfügt, dass sie durchscheinend wird für die Wirklichkeit. Bei diesem Gedanken fällt mir die Rede Jesu vom „Salz der Erde“ ein (Mt 5,13): der christliche Glaube soll ja die Welt nicht „versalzen“, sondern ihr die Würze, den rechten Geschmack geben.

So auch dieses Kreuz: es verdeckt die Realität nicht, sondern es gibt ihr Umrisse, Struktur und Sinn. Die christliche Botschaft fügt sich ein in die Schöpfung Gottes. Ich bin sicher, dass auch Papst Franziskus dieser Weltzugewandtheit viel abgewinnen könnte.

2) Das Kreuz ist nach oben offen. Was für ein wunderbares Bild für die Auferstehung! Auch wenn die Realität vom Kreuz geprägt ist, von Leiden oder Schmerzen – der Himmel ist geöffnet, der Zugang zum Vater durch den Sohn wiederhergestellt. Diese paar Zentimeter der Öffnung reichen, dass der gesamte Friedhof keine Depression ausstrahlt, sondern Frieden, Hoffnung und Freude.

Auch der Kräuterpfarrer Weidinger liegt auf diesem Friedhof begraben. Auf seinem Grab blühen wie selbstverständlich zahlreiche Kräuter und Heilpflanzen.

Was für ein friedlicher Ort im hohen Norden Niederösterreichs! Und was für ein starkes Zeugnis für den Glauben an die Auferstehung!

PAX