Christus, der neue Atlas

Der gotische Kapitelsaal des Stiftes Zwettl, das heuer sein 875-jähriges Bestehen feiert, ist nicht besonders kunstvoll ausgemalt wie der des Mutterklosters Heiligenkreuz. Er birgt jedoch eine äußerst interessante christologische Architektur: In der Mitte findet sich eine Säule, die das gesamte Kreuzrippengewölbe des Saales trägt. Ich weiß nicht, ob diese Säule aus statischen Gründen notwendig ist oder nicht – jedenfalls verbirgt sich dahinter ein eindrucksvolles christliches Bekenntnis.Kapitelsaal Stift ZwettlJesus ist das Fundament, die Säule des christlichen Glaubens. Auf ihm ruht der gesamte Raum des Christentums, in dem alles Platz hat: die Geschichte, die Menschen, die Hoffnung, die Liebe … Ohne ihn würde dieser Raum der Liebe zusammenstürzen, er wäre leer und sinnlos, wie Paulus das in seinem ersten Brief an die Korinther ausdrückt: Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos. (1 Kor 15,14)

Es ist natürlich auch von Bedeutung, dass gerade der Kapitelsaal des Stiftes Zwettl so gestaltet wurde. Im Kapitelsaal werden ja die wichtigsten Entscheidungen des Stiftes getroffen: die Einkleidung der neuen Mönche, die Abtwahl, die regelmäßigen Zusammentreffen des Konvents. Die Säule in der Mitte ist da sicher manchmal im Weg – so wie der Glaube an Christus manchmal unbequem und beschwerlich ist. Dennoch – bei allen Entscheidungen des Stiftes soll eines immer berücksichtigt werden: Christus soll das Zentrum bleiben; er, der das Himmelsgewölbe des Christentums trägt wie das in der griechischen Mythologie von  Atlas erzählt wird.

Viele Ebenen werden in dieser Architektur angesprochen. Nicht nur, dass Christus der Dreh- und Angelpunkt des christlichen Bekenntnisses ist, sondern auch das Geheimnis des Kreuzes: es ist ja die Verbindung von Unten und Oben, von Menschen und Gott – so wie diese Säule die Verbindung darstellt zwischen den Boden und der Decke.

Auch das Mysterium von Maria Verkündigung kommt mir in den Sinn, dieser Zeitpunkt, als Gott, der allmächtige Herr, die Erde berührt und einer von uns wird. Die Säule erinnert in diesem Zusammenhang an einen Finger, der von oben den Fußboden des Kapitelsaals berührt und Segen und Heil von oben verspricht.

Und letztendlich fragt sich der gläubige Tourist auch, wo seine eigene Christozentrik bleibt – spiegelt sich in den wichtigen Entscheidungen des eigenen Lebens auch der Glauben an Christus, den Himmelsträger und Gottessohn, wider? Was ist das Zentrum des eigenen Lebens? Worauf baut mein Seelengebäude auf?

PAX

Advertisements

Ein Gedanke zu „Christus, der neue Atlas

  1. Ich finde das ein wunderschönes Bild, vor allem, weil es ja wirklich BILD geworden ist in dieser Säule.
    Ich habe kürzlich gelesen, dass Muslime und Juden die immer noch üblichen Bezeichnungen „Mohammedaner“ bzw. „mosaisch“ heftig ablehnen, weil keiner ihrer Religionsstifter selbst Säule sein wollte, ja sich energisch dagegen verwahrte, mehr zu sein als ein menschlicher Bote. Ob man Christus so einfach als „den allmächtigen Gott“ bezeichnen kann, daran habe ich, wie du ja weißt, massive Zweifel – anhand seiner eigenen Worte („euer Gott und mein Gott…“) Und wenn er selbst Gott war, hätte er wohl kaum in höchster Not geklagt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wenn Luther sagt, während Christi Erdenleben sei der Himmel leer gewesen, ist das ein Blödsinn.
    andererseits kann ich mir nicht recht vorstellen, dass Jesus wie Mohammed und Mose einfach ein (spät)berufener Mensch war, der Eingebungen erhielt und sie weitergab, dazu war sein Auftreten zu souverän, seine Verbindung mit dem Vater zu kontinuierlich, er wartete nicht auf die nächste Eingebung, sondern war ständig von ihr erfüllt. („Ich und der Vater sind eins“) – womit er aber wohl kaum meinte, dass er mit sich selber redete, wenn er „Vater unser im Himmel“ sagte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s