Santa Sabina

Die frühchristliche Basilika Santa Sabina in Rom atmet die Jahrtausende der Kirchengeschichte. Im 5. Jahrhundert auf dem Aventin erbaut, präsentiert sich das Innere, das an römische Versammlungshallen, eben Basiliken erinnert, noch in altehrwürdiger Pracht:

Das Eingangsportal aus dem Jahr 432 gilt als älteste Tür einer christlichen Kirche und zeigt eine bemerkenswerte Kreuzigungsszene:

Die Darstellung kommt vollkommen ohne Kreuz aus, das Material der hölzernen Tür ist gewissermaßen das Holz, auf dem der Heiland befestigt ist. Bezieht man den Hintergrund mit ein, sind die Anleihen an die Dreifaltigkeit nicht zu übersehen. Christus ist dargestellt in der Orantenhaltung des Priesters, das Kreuz nur ein Symbol, das im Subtext der Darstellung wirkt.

Das Äußere der Kirche erscheint bemerkenswert schlicht. DSC04985

Santa Sabina in Rom ist eine Reise wert!

PAX

Gott und die Sprache V – Pfingstereignis

Nach den schon dokumentierten Überlegungen zum Thema Gott und die Sprache im Folgenden ein Artikel aus dem aktuellen Christ in der Gegenwart von Matthias Mühl:

In unseren Sprachen

„Wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden“ (Apg 2,11). „Erfüllt“ von Gottes Geist erreichen die Worte der Gemeinschaft der ersten Christen die in Jerusalem zum Pfingstfest zusammengekommenen Menschen aus aller Herren Länder in ihrer Sprache. Lukas hat seine Erzählung in der Apostelgeschichte auch als Kontrapunkt zur Sprachverwirrung beim Turmbau zu Babel gestaltet (Gen 11,1-9). So wie der Verlust einer gemeinsamen Sprache dort zum Scheitern des narzisstischen Projekts führte, so führt das Verstehen jetzt zum Gelingen.

Möglich wird dieses Verstehen aber nicht, indem die Menschen plötzlich alle armäisch, die Sprache der ersten Anhängerinnen und Anhänger Jesu, verstünden, sondern indem sie die Jünger in ihrere eigenen Sprache hören. Das von Lukas vorgestellte Modell ist nicht das eines einfarbigen Einheitsbreis, sondern das einer bunten Vielfalt. Und es sind nicht die Menschen, die sich ändern müssten, um die Botschaft Jesu zu verstehen, es sind die Jünger, denen es auf einmal gelingt, die Sprache ihrer Zeitgenossen zu sprechen. Für die Griechen griechisch, für die Römer römisch und für die Ägypten ägyptisch.

Offensichtlich wusste Lukas, dass das nicht selbstverständlich ist, sondern Zeichen des „wunderbaren“ Wirkens des Geistes Gottes. Pfingsten erinnert daran, dass die Botschaft Jesu in der Sprache der Menschen, die sie hören sollen, verkündigt sein will. Die erste Umkehrbewegung liegt bei denen, die im Namen Jesu sprechen und handeln möchten. Sich so zu den Menschen zukehren, heißt den Suchenden als Suchender, den Trauernden als Mit-Trauender, den Gescheiterten als selbst immer wieder Scheiternder zu begegnen. Möglich, dass dann auch diese sagen: „Wir hören Sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.“

Einen gesegneten Trinitatis-Sonntag!

PAX

Das neue (?) Biedermeier

Wie würde man auf die Frage antworten, welche der deutschen Literaturepochen charakteristisch österreichisch ist? Die Deutschen haben die Weimarer Klassik, die Schweizer haben neben ihrem Wilhelm Tell ihre Kurzgeschichten … aber was haben die Österreicher?

Nach einigem Nachdenken wird man beim Biedermeier gelandet sein: Nestroy, Raimund, Grillparzer, Stifter … ihre Literatur ist nur in Österreich zu erklären bzw. aus dem typisch Österreichischen ableitbar. Manche meinen, dass bis heute der Österreicher eigentlich ein biedermeierlicher ist: einer, der sich lieber zurückzieht und still vor sich hin leidet, als hinauszugehen und für seine Sache einzustehen. Wenn man auf die Frequenz und den Umfang öffentlicher Demonstrationen in Österreich sieht, wird man sich des Eindrucks nicht erwehren können, dass der Österreicher wirklich eher daheim sudert, als auf die Straße zu gehen. Regelmäßig müssen zum Beispiel bei den schon zur Folklore gewordenen links- bzw. rechtsextremen Demonstrationen bzw. Gegendemonstrationen Teilnehmer aus dem Ausland importiert werden, damit es nicht gar so peinlich wird.

Auch die quasi-religiöse Verehrung der Obrigkeit und die unterwürfige Untertanenmentalität, die den Österreicher auch in dieser seiner demokratischen Phase prägt, ist mit seinem biedermeierlichen Erbe zu erklären: obwohl es in jeder Partei regelmäßig Obmann-Debatten gibt, obwohl die Beamtenschaft als Feindbild liebgeworden ist, obwohl jedes Jahr mehr Geld im hochgelobten Föderalismus versenkt wird … eine nachhaltige Änderung des status quo will eigentlich niemand erreichen. Die da oben werden es schon richten. Damit zusammenhängend ist auch die Tatsache, dass sich nur die wenigsten Österreicher (wahrscheinlich die am wenigsten biedermeierlichen) dazu bereit erklären, Politiker zu werden. Sie werden von den übrigen äußerst skeptisch beobachtet, sind diese doch offensichtlich nicht normal.

 

Anlässlich der gerade zu Ende gegangenen EU-Wahl hat auch Martina Salomon vom Kurier in ihrem Leitartikel die „Neue Betulichkeit“ im Wählersegment der Grünen diagnostiziert: Von diesem neuen Biedermeier-Gefühl profitieren die Grünen. Ihre Wähler leben zwar in der Stadt (und dem neuerdings veganen „Speckgürtel“ drumherum), wollen aber wieder wie die Omi am Land leben. Und tatsächlich haben auch die Themen der Grünen viel Biedermeierliches in sich: zurück zur Natur und zur Natürlichkeit, wenig Chemie, mehr Selbstgemachtes, weniger Fertigprodukte, mehr Energiesparen …

Schon vor einiger Zeit hat Heinrich Steinfest in seiner großartigen Österreich-Diagnose „Gebrauchsanweisung für Österreich“ behauptet, der Österreicher sei bis heute eigentlich – trotz aller Wirren der Geschichte seitdem – in seiner Biedermeier-Phase stecken geblieben. Insbesondere die moderne Technik habe diese gleichsam genetische Anlage in ihm verstärkt: Und darum ist es wohl ein Glück zu nennen, dass wir neuerdings über Computer verfügen, welche ganz sicher Weiterführungen des Biedermeiers darstellen. Bewegte Miniaturen. Der Computer beschert uns eine Intimität, einen Extraraum, der von einem höchstpersönlichen Mobiliar bestimmt wird. Der Computer ist ein Ornament, das es in der Regel gut mit uns meint. Und man kann nur hoffen, dass dies auch so bleibt. (S. 127). Der Computer also als perfekter biedermeierlicher Rückzugsort, der es uns erlaubt, in den eigenen vier Wänden zu bleiben und der sich an unsere ganz persönlichen Wünsche anpassen lässt. Dem Österreicher kommt so etwas natürlich gerade recht.

Und die Religion? Auch da zeigt sich – trotz einiger Aufmüpfiger – das Phlegma des Biedermeiers. 80% der Österreicher sind Christen, ein Anteil, der seinesgleichen sucht in Europa. Das hat jedoch wenig mit der Attraktivität des Christentums zu tun, sondern einfach und allein mit der Tatsache, dass das (katholische) Christentum zur rechten Zeit am rechten Ort war. Und weil es immer schon so war, muss es auch weiterhin so sein. Allen Rufen eines anti-religiösen Zeitalters zum Trotz ist Österreich also noch tief religiös … zumindest auf dem Papier. Sämtliche Angriffe auf das Schulkreuz z.B. wurden erfolgreich zurückgewiesen.

Auch „Wir sind Kirche“ oder die Pfarrerinitiative kann nur davon träumen, einen breiten Rückhalt in der Herde der Gläubigen zu haben. Manche sind vielleicht froh, dass sich andere trauen, aufzustehen, würden aber selbst sich niemals in die erste Reihe stellen. Das ist nicht der Stil des Österreichers, zumindest nicht der der biedermeierlichen Variante desselben.

Damit sind wir schon bei den Vorteilen der österreichischen Mentalität: bei uns dauern Reformen äußerst lang. Das hat den Vorteil, dass wir anderen Übereifrigen dabei zusehen können, wie sie auf die Nase fallen. Die Gesamtschule ist so ein Thema: eigentlich wäre es – die internationale Entwicklung einberechnet – an der Zeit, sich einzugestehen, dass sie nicht der Weisheit letzter Schluss im Bildungssystem ist. SPÖ, Grüne und neuerdings die NEOs sind jedoch zu sehr biedermeierlich verhaftet, als dass sie sich eingestehen können, dass etwas, das immer schon zu ihrem Parteiprogramm gehört hat, doch nicht so ganz sinnvoll ist.

Und so bleibt der Österreicher seinen Biedermeier-Vorfahren treu und wird sich so schnell nicht ändern. Es ist ihm dabei auch kein Vorwurf zu machen: es scheint in seinen Genen eingebaut zu sein. Dabei hat er ja durchaus etwas Liebenswertes an sich – mit allen Vor- und Nachteilen.

PAX