Der Mensch Adam

Albrecht Dürer: Adam, 1507

Schlussfolgerungen aus dem letzten Beitrag bezogen auf die Diskussion rund um die Geschichtlichkeit des Sündenfalls:

1) Benedikt XVI. formuliert in seinem Buch „Gottes Projekt“ auf Seite 86 unter der Überschrift „Was heißt Erbsünde“ (Link) folgendermaßen: In dem Genesisbericht, den wir dabei bedenken, kommt zu dieser Wesensbeschreibung der Sünde [Sünde = Zurückweisung der eigenen Geschöpflichkeit] aber noch ein weiterer Grundzug hinzu. Zunächst also ist dies sozusagen eine Art Phänomenologie der Sünde im Spiegel dieser ganz bestimmten Versuchung, für die die Schlange steht, durch die hindurch das Wesen von Versuchung und Sünde überhaupt sichtbar wird. Aber das ist nur das Eine. Das Zweite ist: Die Sünde wird nicht allgemein als eine abstrakte Möglichkeit beschrieben, sondern sie wird als eine Tatsache dargestellt, als die Sünde Adams, der am Anfang der Menschheit steht und von dem die Geschichte der Sünde ausgeht, wobei dieser Tatsachencharakter erst durch Römer 5, also durch die neutestamentliche Relecture, voll zum Ausdruck gebracht worden ist, weil erst in dem Augenblick, in dem die Erlösung zum Vorschein kam, auch sozusagen die Möglichkeit bestand, dem ganzen Angesicht, dem ganzen Tatbestand der Gefährdung und des Schrecknisses überhaupt standzuhalten. Erst in dem Augenblick, in dem die Antwort da ist, wird auch das Andere vollends sichtbar. Der Bericht also, so gelesen, sagt uns: Sünde bringt Sünde hervor und alle Sünden der Geschichte hängen untereinander zusammen.

2) Auf der einen Seite rechnet Benedikt XVI. also sehrwohl mit einem geschichtlichen Beginn der Sündenverstrickung des Menschen in „Adam“. Nun, diesem Gedanken ist auch nichts entgegenzusetzen: wenn der Mensch sündhaft ist, muss er irgendwann einmal damit angefangen haben, z.B. als die Entwicklung seines Gehirns so weit fortgeschritten war, dass er so etwas wie Willensfreiheit im Gegesatz zur Instinktsteuerung des Tieres entwickelt hat. Seitdem der Mensch also Willensfreiheit entwickelt hat (oder sie ihm von Gott geschenkt wurde) gibt es die Versuchung des Menschen, seine Geschöpflichkeit anzuzweifeln, die Schöpfungsordnung durchbrechen zu wollen und sich als Herr der Welt aufzuspielen.

3) Der Gedanke der Strafe wird hier nicht angesprochen. Ein Kritikpunkt der Geschichtlichkeit Adams war ja, dass die gesamte Menschheit wegen der Sünde eines frühen Hominiden bestraft wird. Diese Annahme erscheint ausgesprochen ungerecht: warum werden höher entwickelte, vielleicht eher moralisch denkende Menschen dafür bestraft, dass ihre Vorfahren noch unzivilisiert waren? Mit der Formulierung von Benedikt XVI. kann ich mich eher anfreunden: von Beginn der Menschheit an, als der Mensch sich durch seine Willensfreiheit vom Tier unterschied, ist er verstrickt in die Realität der Sünde bis heute. Das habe ich gemeint mit meinen Ausführungen über der Kehrseite der Medaille der Willensfreiheit.

4) Erst die Botschaft von der Erlösung durch Christus hat die Erkenntnis ermöglicht, ihn mit Adam in eine Beziehung zu setzen: der Mensch versteht von Anfang seines Mensch-Seins an die Tatsache seines Geschöpf-Seins als Angriff auf seine persönliche Freiheit und möchte sich selbst zu Gott erklären. Er fällt daher in eine sündhafte Beziehungsunfähigkeit hinein, die ihn von sich selbst, seinen Mitmenschen, Gott und der Schöpfung entfremdet. Christus nun als wahrer Gott kann diese Beziehungsunfähigkeit des Menschen wieder heilen, er ist ganz Beziehung („Sohn“), verhält sich göttlich, indem er der Liebe den Vorrang vor dem Egoismus gibt.

5) Die schwierigen Aussagen des Apostels Paulus aus dem Römerbrief erscheinen hier vielleicht in einem anderen Licht:
Röm 5,12: Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten.
Röm 5,19: Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden.
Gemeint ist also nicht, dass Adam schuld sei an der Sündenverflochtenheit des Menschen, sondern dass dies von Anfang an so gewesen sei. Die Gegenüberstellung Adam – Christus kann man zusammenkürzen auf die Gegenüberstellung Pseudogott – Gott. Gott hat also korrigierend in seine Schöpfung eingegriffen, um dem Menschen zu zeigen, wozu er eigentlich bestimmt sind: nämlich in Beziehung zu treten und nicht als beziehungsloses Etwas dahinzuvegetieren.

PAX

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Erbsünde und Erlösung

Zum Thema Erlösung und Erbsünde ist mir dankenswerterweise heute folgendes Buch geschenkt worden: Joseph Ratzinger [=Benedikt XVI.]: Gottes Projekt. Nachdenken über Schöpfung und Kirche. Regensburg 2009. (Link)

Es handelt sich dabei um eine Zusammenstellung von sechs Vorlesungen, die Joseph Ratzinger als Präfekt der Römischen Glaubenskongregation im September 1985 im Bischöflichen Bildungshaus St. Georgen am Längsee gehalten hat.

Ich möchte im Folgenden die Grundgedanken des Kapitels 4, „Sünde und Erlösung“, wiedergeben. Es befindet sich im oben zitierten Buch auf den Seiten 73-92.

1) Alttestamentlicher Bezug
Gen 3, 1-13Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? Die Frau entgegnete der Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen; nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben. Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben. Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse. Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und dazu verlockte, klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß. Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz. Als sie Gott, den Herrn, im Garten gegen den Tagwind einherschreiten hörten, versteckten sich Adam und seine Frau vor Gott, dem Herrn, unter den Bäumen des Gartens. Gott, der Herr, rief Adam zu und sprach: Wo bist du? Er antwortete: Ich habe dich im Garten kommen hören; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich. Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe? Adam antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen. Gott, der Herr, sprach zu der Frau: Was hast du da getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen.

2) „Bekehrt euch!“
Bei der Grundbotschaft des Evangeliums, Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe, bekehrt euch und glaubt an das Evangelium. (Mk 1,14-15), wird in modernen Theologien der Teil „bekehrt euch“ gerne ausgespart. Dieser Teil ist jedoch essentiell, ja er gehört zum Kern des Christlichen.

3) Strategien der Verdrängung
Das Thema „Sünde“ ist zu einem verschwiegenen Thema unserer Zeit geworden. Damit einher geht auch, dass das Gefühl für „Gut“ und „Böse“ verschwindet, das Moralische wird überhaupt abgelehnt. Die Verabschiedung des Moralischen ist aber nur dann logisch, wenn es kein dem Menschen vorausgehendes Maß gibt, d.h. wenn er die Wahrheit seines Geschöpf-Seins leugnet. Da man die Wahrheit verdrängen, aber nicht beseitigen kann, muss das Prinzip „Sünde“ geleugnet werden. Aber der Mensch kann nur heil, erlöst sein, wenn er wahr ist, wenn er aufhört, die Wahrheit zu verdrängen oder zu bekämpfen.

4) Zwei Bilder: Garten und Schlange
Der Garten ist Ausdruck für eine Welt, die dem Willen des Schöpfers gemäß geworden ist. Der Mensch versteht die Schöpfung als Gabe des Schopfers und bringt sie zu ihren eigenen Möglichkeiten. Der Bild der Schlange zeigt die Versuchung, der sich Israel zur Zeit der Entstehung des Textes ausgesetzt sah: die Schlange steht für die Attraktion der Fruchtbarkeitsgottheiten der umgebenden Völker.

5) Die Logik des Verdachtes
Die Versuchung beginnt nicht mit der Leugnung Gottes, sondern mit der Frage der Schlange, die einen Verdacht gegenüber Gottes Gebot in Adam und Eva sät. Dieser Verdacht ist auch heute noch allgegenwärtig: es ist leicht, dem Menschen einzureden, dass dieser Bund ihn fessle, ihn einenge und nicht eine unendliche Gabe und Geschenk sei. In diesem Verdacht ist die Aufforderung eingeschlossen, dass der Mensch überhaupt keine Grenzen mehr anerkennen solle, sondern sich davon freimachen soll, denn dann erst werde er richtig frei sein von diesen. Wenn der Mensch alles tun möchte, was er kann, und keine moralischen Schranken mehr gelten, dann leugnet der Mensch sein Geschöpf-Sein als einer uns vorausgehenden und bestimmenden Wirklichkeit. Deswegen ist das, was die Schlange tut, ein Betrug am Menschen. Wenn er das Maß dieser Ordnung leugnet, belügt sich der Mensch. Er macht sich nicht frei, wie es im Augenblick erscheint, sondern er stellt sich schlicht gegen die Wahrheit.

6) Geschöpflichkeit als Maß des Menschen
Das Grundlegende ist also: die Ordnung des Bundes wird verdächtigt. Der tiefste Gehalt der Sünde ist es daher, dass der Mensch sein Geschöpf-Sein leugnen will, weil er die Tatsache, dass er ein Maß hat und eine Grenze hat, nicht annehmen will. Er will nicht Geschöpf sein, weil er nicht abhängig sein will. Dabei deutet er die Abhängigkeit von der Liebe Gottes nicht als eben das, als Liebe, sondern als Fremdbestimmung, als Sklaverei. Deswegen möchte er sich davon emanzipieren und selbst wie Gott werden. Damit ändert sich jedoch alles: das Verhältnis zu sich selbst, zu den anderen, zur Schöpfung. Der Mensch, der aus der Wahrheit seines Geschöpf-Seins heraustreten will, wird jedoch nicht frei, sondern er zerstört die Wahrheit und die Liebe. Er macht sich nicht zu Gott, der ganz Liebe und Beziehung ist, sondern er macht sich zu einem Pseudogott, den er als den Beziehungslosen (miss-)versteht.

7) Was heißt Erbsünde?
Es hat sich gezeigt, dass erst durch die neutestamentliche Botschaft von der Erlösung, die wahren Ausmaße der Sündhaftigkeit des Menschen von Anbeginn an bewusst geworden sind. Was bedeutet Erbsünde? Sünde ist Beziehungsverlust, Beziehungsstörung, die irrige Annahme, nur sich selbst zu brauchen, autark zu sein. Deswegen ist Sünde nie allein eingeschlossen ins einzelne Ich, ist immer Versündigung, die auch den anderen trifft, die die Welt verändert und sie stört. Jeder ist deshalb schon von seinem Anfang her in seinen Beziehungen gestört, empfängt sie nicht, wie sie sein sollten. Die Sünde greift nach ihm und er vollzieht sie mit.

8) Schöpfungsbeziehung und Erlösung
Wenn das Urprinzip der Sünde in der Beziehungslosigkeit des Menschen besteht, ist auch klar, warum sich der Mensch nicht selbst erlösen kann. Erlöst werden können wir nur, wenn der, von dem wir uns abgeschnitten haben, neu auf uns zugeht und selbst die Beziehung wieder eröffnet, die wir nicht erzwingen können (sonst wäre sie ja nicht Liebe). Bedeutend für das Verständnis der Erlösung ist der Hymnus in Paulusbrief an die Philipper.
Phil 2,5-11: Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: ,Jesus Christus ist der Herr.‘ – zur Ehre Gottes, des Vaters.
Wenn Adam sich zu Gott machen wollte, indem er sein Geschöpf-Sein geleugnet hat, so geht Christus den gegenteiligen Weg: er ist – anders als Adam – wirklich Gott und weil er wirklich Gott ist, verhält er sich wie Gott, ist ganz Liebe und Beziehung. Der Sohn ist alles und ganz aus Beziehung zum Vater. Er klammert sich nicht an seine Autonomie, er wird der ganz Abhängige. Deshalb kann er Adams Lüge aufheben. So wird Christus in dieser Gegenbewegung der neue Adam, mit dem das Menschsein neu beginnt und wieder sich selbst findet. Er, der von Grund her Beziehung und Bezogen-Sein ist, stellt die Beziehungen wieder richtig, stellt die Beziehung wieder her.

9) Eucharistie als „Baum des Lebens“
Deswegen auch die ungeheure Größe und Dramatik der Eucharistie: sie ist nie bloß irgendeine Art von Gemeinschaftspflege, sondern sie zu empfangen heißt, in diese Dynamik der Umwandlung der Adamsgeschichte hineintreten, den Gehorsam Christi zum Sein, zur Schöpfung und zum Schöpfer, das Maß des Geschöpfseins anzunehmen, nicht auf die Macht, das Können, die Lüge zu setzen, sondern auf die Beziehung der Liebe und das Maß, das sie uns gibt. Gerade diese Abhängigkeit vom Schöpfer ist Freiheit, weil sie Wahrheit ist und Liebe.

PAX

Entweltlichung

Kleine Anmerkung zum Thema Entweltlichung:

Das Kloster St. Gallen in der Ostschweiz häufte so viel weltliche Macht an, dass sogar ein Klosterstaat entstand. Nach der Französischen Revolution erregte diese Machtkonzentration in geistlichen Händen selbstverständlich Widerspruch (noch dazu bei den ohnehin renitenten Schweizern) und es kam, wie es kommen musste: das seit dem 8. Jahrhundert ansässige Kloster wurde 1805 aufgehoben und sein Besitz säkularisiert.

ehemalige Stiftskirche

Heute zeugt nur noch der riesige Stiftsbezirk von der einstigen Macht der Fürst-Äbte, ein beständiges Mahnmal dafür, was passiert, wenn die Kirche ihre eigentliche Sendung aus dem Blick verliert.

PAX

Ist der Papst zu bescheiden?

Im Blogger-Wald rauscht es gehörig nach den ersten paar Tagen des neuen Papstes. Mancherorts wird scharfe Kritik laut, dass der neue Papst zu bescheiden wäre.
Die Kernfrage wurde von sophophilo auf seinem Blog folgendermaßen ausformuliert:
Ist es Demut, wenn Papst Franziskus Amtsspezifika und dergleichen (sogar das PP bei der Unterschrift!) ablehnt und ablegt um, dem Beispiel des Poverello folgend, Jesus nachzueifern? Oder ist es nicht vielmehr Demut, alles das, was mit einem Amt einhergeht, demütig anzunehmen, auch wenn es dem eigenen Empfinden nicht entspricht (wie es Benedikt XVI. tat)?

In diesem Presse-Artikel werden Kritiker des Papstes zitiert, die bei ihm eine „militante“ Demut ausmachen. Der Papst sei ein idealistischer Armutsapostel der Siebzigerjahre; er pflege eine militante Demut, die sich aber als demütigend für die Kirche erweisen könnte. Es wird ihm dabei vor allem vorgeworfen, dass er nicht verstanden habe, dass Demut darin bestehe, sich den Äußerlichkeiten des päpstlichen Amtes zu unterwerfen (inklusive der roten Schuhe) und dass es arrogant sei, dieselben zurückzuweisen.

Das ist ein Gedanke, der mich nachdenklich gemacht hat. Gibt es so etwas wie arrogante Demut? Ist es notwendig und ein Zeichen von richtig verstandener Demut, wenn man sich den tradierten Gegebenheiten eines Amtes beugt?

Einerseits gebe ich Alipius recht, wenn er in seinen Klosterneuburger Marginalien meint: Man sollte sich hüten, einfach davon auszugehen, daß der Heilige Vater bei allem, was er sagt oder tut (oder nicht tut) einfach nur denkt ‚Guckt mal, meine tolle Demut!‘ Es ist unmöglich, als Papst irgendetwas zu tun, zu sagen oder zu unterlassen, ohne dass tausende „Experten“ kommentieren, einordnen, kritisieren.

Außerdem ist die von Franziskus gezeigte Demut selbst von Österreich aus authentisch.

Nachdem die Päpste die Sedia Gestatoria nicht mehr verwenden und die Tiara im Museum verstaubt, wird es vielleicht Zeit dafür, sich ein bescheideneres Äußeres zuzulegen: kein Hermelinmantel, keine roten Schuhe, keine goldbestickte Stola, keinen goldenen Ring. Diese Gesten haben – trotz der an sich Gott-losen Medienöffentlichkeit – große Wirkung gezeigt. Es steht der Kirche gut an, sich bescheidener zu geben, in Liebe und Verständnis für das Christentum zu werben und den monarchischen Pomp abzulegen. So weit so gut.

Dennoch wird dem neuen Papst auch Schlimmeres vorgeworfen: nämlich, dass er die Liturgie verfälschen würde. Bezieht sich der eine – leicht zu entkräftende – Vorwurf auf Äußerlichkeiten, die auch abgelegt werden können, trifft der andere natürlich tiefer, genauer gesagt den Kern des Christ-Seins. Unter Benedikt XVI. wurden liturgische Ungenauigkeiten noch richtiggehend verfolgt (und auch von Österreich aus regelmäßg nach Rom gemeldet), der neue Papst hat als Bischof selbst solche Abänderungen der Liturgie zu verantworten gehabt. Verständlicherweise fühlen sich nun die liturgischen Puristen verraten.

Für mich selbst hat die Liturgie einen hohen Stellenwert und es ist nicht einzusehen, dass sie freihändig verändert werden kann. Vor allem im Hinblick auf die Zielgruppe der Jugendlichen hat sich gezeigt, dass eine zu große Anbiederung an diese Generation zwei Dinge verursacht: entweder ein Sich-Abwenden wegen dieser Anbiederung oder eine einmalige positive Liturgieerfahrung, die aber nicht nachhaltig ist. Schließlich ist nicht jeden Sonntag ein find-fight-follow-Gottesdienst, eine Gospelmesse oder ein Jugendgottesdienst zu feiern. Es mag vielleicht manchmal mühsam sein (besonders wenn man es mit so anspruchsvollen Gläubigen wie Jugendlichen zu tun hat), aber ein Einüben in die uralten liturgischen Gesten, Worte und Strukturen kann man keinem Christen ersparen, was natürlich keiner liturgischen Magie das Wort reden soll, also der Annahme, es reiche, dass die Liturgie korrekt vollzogen werde, damit das Sakrament wirke.

Es wird sich zeigen, welche Akzente der neue Papst liturgisch setzen wird.

Abschließend sei noch die Frage gestellt, ob ein gläubiger Katholik den Papst kritisieren darf. Ich denke, solange diese Kritik in einer wohlwollenden, liebevollen Sprache verfasst ist, ist der Papst ein christlicher Bruder wie jeder andere auch. Als unfehlbar gilt er ja nur, wenn er ex cathedra spricht.

PAX

Ein neuer Franziskus

Dass sich dieser Papst den Namen Franziskus gegeben hat, hat mich sehr berührt. Ich selbst bin vor zwei Jahren das erste Mal in Assisi gewesen und habe dort eine Spiritualität erfahren, die mir sonst noch nicht zugänglich war, ein tiefes Verständnis der Liebe Gottes. Der Heilige war an jeder Ecke präsent, seine großartige Verehrung von Gottes Schöpfung und sein unvergleichliches Beispiel waren mir Inspiration und Vorbild.

Vieles wurde schon geschrieben darüber, was man sich von einem Papst mit diesem Namen erwartet: Bescheidenheit, ökologisches Bewusstsein, Reformen, … Diese Hoffungnen sind natürlich zutiefst menschlich, stellen aber mehrheitlich eigene Wünsche der Wünschenden dar, die sie auf den Papst projizieren.

Ich habe heute folgendes Bild gesehen, das mir gut gefallen hat.
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Es wird Johannes Paul II. mit dem Thema „Hoffnung“, Spes, assoziiert, Benedikt XVI. mit „Glaube“, Fides, und Franziskus mit „Liebe“, Caritas. Insofern wird der neue Papst natürlich darauf aufbauen, was seine Vorgänger geschaffen haben, andererseits wird er das Papsttum weiterentwickeln und die Kirche weiterbringen auf ihrem Weg der Liebe. Und er wird nach der Vertiefung der Hoffnung durch Johannes Paul II., nach der Vertiefung des Glaubens durch Benedikt XVI. wohl unser Verständnis dessen vertiefen , was man unter christliche Nächstenliebe, Caritas, zu verstehen hat: mit seinem Leben, seinem Beispiel und seinen Taten wie es Franz von Assisi getan hat.

Wollen wir beten dafür, dass ihn der Herr in seinem wichtigen Amt stets behüte und begleite.

PAX

Papa Franziskus

Nun haben wir also seit ein paar Tagen einen neuen Papst. Ich denke seitdem viel über die Begriffe „konservativ“ und „progessiv“ nach, die in der deutschsprachigen Presse (und nicht nur dort) als zwei unversöhnbar nebeneinanderstehende Punzierungen verwendet werden, wobei klar ist, wo die – mehrheitlich linke – Presse hintendiert. Da werden schon oft Nazi-Vergleiche bemüht, wenn es sich um vermeintlich „konservative“ Positionen handelt, die es zu kritisieren oder über die es sich zu echauffieren gilt.

Rudolf Mitlöhner bringt es in seinem Leitartikel in der Furche 11/2013 auf den Punkt: „Progressiv sei der neue Papst in sozialen Fragen, doch konservativ in gesellschaftspolitischen – so lauteten die ersten Zuschreibungen. Hier setzte sich fort, was schon rund um das Konklave bei den zahllosen Charakterisierungen der Kardinäle, die als Favoriten galten, zu registrieren war: eine entweder aus Ahnungslosigkeit oder ideologischer Intention gespeiste Instrumentalisierung gängiger Klischees.“

Die beiden Gegensätze progressiv und konservativ sind also zu Selbstläufern geworden. Allein die Konnotationen dieser beiden Begriffe sind in der deutschen Sprache schon eindeutig. Mit „konservativ“ verbindet man „mittelalterliche“, „veraltete“ und „überholte“ Denkmuster, mit „progressiv“ ein „modernes“, „heutiges“ denken, dass das Leben „so akzeptiert, wie es heute ist“.

Selbst im politischen Spektrum, wo diese Begriffe herkommen, haben sie eigentlich nur mehr polemische Funktion: eine mehrheitlich linke Presse, die sich und ihre Positionen als progressiv bezeichnet, sieht alles rechts von sich selbst als konservativ und meint das als Schimpfwort.

Der neue Papst hat jedoch bei seiner heutigen Presskonferenz für die Medienvertreter ins Bewusstsein gerufen, dass Christus im Zentrum des Christentums steht, dass das Evangelium unser Maßstab des Christseins ist, nicht das, was eine ominöse veröffentlichte Meinung der Presse will oder ein Zeitgeist, der einmal dorthin weht und schon bald wieder die Richtung wechselt.

Der christliche Glaube steht also über solchen – wie es Mitlöhner ausdrückt – ideologischen Instrumentalisierungen gängiger Klischees. Einzig und allein das Evangelium ist die Richtschnur, von der man sich leiten lässt. Es ist einzig und allein Christus, der im Zentrum der Kirche steht, nicht der Papst, kein Bischof und schon gar kein selbsternannter Kirchenretter von Hans Küng über Helmut Schüller abwärts.

Deswegen auch das Unverständnis, das Franziskus entgegenschlägt: da haben wir endlich einen, der linke Träumen zugänglich ist, was die Option für die Armen angeht. Aber gleichzeitig gilt er als Kritiker der Homo-Ehe, was überhaupt nicht zusammenpasst, lässt man außer Acht, dass das Begriffspaar konservativ-progressiv für einen Kirchenmann irrelevant zu sein hat und dass allein das Evangelium die Richtschnur seines Handelns ist.

Natürlich kann man die Welt besser verstehen, wenn man sie in Gut und Böse einteilt. Auch Medien funktionieren ja so, dass sie solche Schwarz-Weiß-Bilder künstlich erzeugen: Zeitgeist ist gut, alles andere ist böse. Die Vielschichtigkeit des Evangeliums hat in diesem Blockdenken natürlich keinen Platz. Deswegen auch die Hilflosigkeit, die so mancher Medienvertreter ausstrahlt, wenn er die katholische Kirche kommentieren soll bzw. die schroffe Ablehnung, die sie von manchen „Qualitäts“-Medien erfährt. Versteht man die kirchlichen Positionen ausschließlich politisch, muss es sich um arme Irre handeln, die einmal so und einmal so denken.

Da passt natürlich auch der Synchron-Sprecher des ORF ins Bild, der nicht in der Lage war, das Vater Unser oder das Ave Maria auswendig aufzusagen.

Vielleicht hat Benedikt XVI. das auch gemeint mit der geforderten Entweltlichung der Kirche: dass man über solche kleinlichen Gegenüberstellungen wie konservativ und progressiv hinwegsieht und froh das Evangelium verkündet.

PAX

Benedikt als Popstar

Anlässlich des morgigen Papstrücktritts hat man ein Video zusammengestellt mit dem Titel „Best moments of Benedict XVI’s pontificate„, das in videoclipartigen Bildern und mit pathetischer Musik untermalt die wichtigsten öffentlichen Auftritte des noch aktuellen Papstes zusammenfasst.

Mir ist beim Ansehen dieses Videos mulmig zumute gewesen.

Dieses Unbehagen lag darin, dass das älteste noch bestehende Amt der Menschheit in einen Videoclip zusammengeschnitten und damit für die Masse konsumierbar gemacht wurde. Das 1:39 min lange Video ist wahrscheinlich erstellt worden, um in den sozialen Netzwerken schnell Verbreitung zu finden (ich habe es ebenfalls weitergepostet). Dazu ist es auch gerade lang genug: niemand sieht sich heutzutage ein halbstündiges Video an, das vielleicht auch die theologische Botschaft dieses Pontifikats thematisiert hätte, es sei denn, er hätte gerade danach gesucht.

Schwerpunkt des Videos ist sicher die Masse an Gläubigen, die dem Papst zugejubelt haben, dann die wichtigen Personen, die er getroffen hat (unter ihnen US-Präsident Obama, UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon oder Bartholomaios I.) bzw. die wichtigen Orte, die er besucht hat (Auschwitz, Istanbul). Man könnte sagen: hätte ein beliebiger Pop-Star die genannten Personen und Orte besucht und statt Messen Konzerte gegeben, ein Rückblick-Video über seine Karriere wäre äußerst ähnlich ausgefallen.

Es ist den Video-Machern aber kein Vorwurf zu machen: so funktioniert die Wahrnehmung in den Medien heute. Aber gerade aus diesem Papst einen Popstar machen zu wollen, ist widersinnig: er war ein Papst der leisen Zwischentöne, der theologischen Vertiefung und der kleinen Schritte. Hat irgend jemand da draußen die Texte dieses Papstes gelesen und sich mit ihnen auseinandergesetzt, um seine Botschaft wirklich zu verstehen? Liest man einige aktuelle Kommentare zu diesem Pontifikat, sollte man meinen: nein. Die feinen Zwischentöne dieses Pontifikats, die gelehrten Reden, die theologisch herausragenden Enzykliken werden in einer lauten Öffentlichkeit des niedrigen Niveaus nicht rezipiert. Würde man Benedikt nach den „besten Momenten“ als Papst fragen, so würde er sicher nicht öffentliche Auftritte oder Treffen mit Politikern nennen, sondern Gotteserfahrungen im Gebet, in der Eucharistiefeier oder persönliche Begegnungen mit Menschen.

Dieser Versuch der Anpassung an die modernen Medien-Konsum-Gewohnheiten hat also exakt das verfehlt, was Benedikt XVI. mit diesem Amt erreichen wollte: nämlich eine Vertiefung dessen, was das Christentum ausmacht (vor allem mit seinen drei Jesus-Büchern und seinen beiden Enzykliken Deus caritas est und Spe salvi) und gerade kein oberflächliches Event-Christentum.

Bei aller Skepsis, was die Übersetzung des Christlichen in die Bild- und Formsprache der modernen Medien angeht, bleiben einige weitreichende Fragen: Inwieweit ist es notwendig, das Christliche zusammenzukürzen, leichter konsumier- und verdaubar zu machen? Rudolf Mitlöhner hat in der Furche gemeint, dass die Kirche nicht darum herumkommen werde, sich „billiger“ herzugeben. Was auch immer damit gemeint ist – ist eine zeitgeistige Verkürzung der christlichen Botschaft ohne ernsthaftes Studium der Bibel, ohne aufmerksames Mitfeiern in der Gemeinde, ohne Sich-korrigieren-Lassen von den Mitglaubenden überhaupt möglich? Oder ist die Differenz zwischen – überspitzt formuliert – gemeinschaftlicher Kirche und egomanischer Welt (Stichwort Entweltlichung) gut und richtig so.

Überhaupt zeigt die Berichterstattung über den Papstrücktritt, die aktuelle Verfasstheit des Vatikan und das kommende Konklave wieder einmal die Differenz auf zwischen einer säkularen und einer theologischen Welt. Federico Lombardi, der Pressesprecher des Hl. Stuhls hat es gut zusammengefasst: „Wer vor allem Geld, Sex und Macht im Kopf hat und die Welt an diesem Maße misst, der ist dann auch nicht imstande, die Kirche anders wahrzunehmen.“ (Standard-Artikel vom 23. Februar 2013).

Steht die Kirche daher von vornherein auf verlorenem Posten? Handelt es sich bei der derzeitigen Krise um eine Vermittlungskrise? Müssten nur die richtigen Kommunikationsstrategien gefunden werden, um wieder mehr Menschen ansprechen zu können?

Was ist zu tun, um die „Völker in Erstaunen zu versetzen“ (Jes 52,15)?

PAX