Frohe Ostern

Ich wünsche allen Followern (und zufälligen Besuchern) ein gesegnetes Osterfest!

PAX

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Die Auferstehung des ganzen Menschen

Die Darstellung der Auferstehung Jesu Christi am Isenheimer Altar des Matthias Grünewald hat mich schon immer bewegt. Dass sich zunächst einmal ein Künstler traut, den Auferstandenen darzustellen, ist eine sehr bemerkenswerte Angelegenheit, nicht viele haben das gewagt.

Christus hat bei Matthias Grünewald als Auferstandener folgende Merkmale:

  • Sein Leib ist verklärt, er wirkt richtiggehend durchsichtig, von einem Strahlenkranz umgeben.
  • Jesus ist jedoch als er selbst erkennbar. In der Auferstehung erschafft Gott also den Leib zwar neu, aber nicht anders (im Gegensatz zum Wiedergeburtsglauben). Besonders augenfällig wird diese Erkennbarkeit an den Stigmata, die Christus präsentiert: die Seitenwunde, die Hand- und Fußwunden.

Für mich sagt dieses Bild sehr viel aus über unseren Auferstehungsglauben, besonders in unserer Zeit des Synkretismus und der Vermischung unterschiedlichster Elemente der Religionen.

  • Zunächst einmal ist der Glaube an die leibliche Auferstehung durchdrungen von einer Leibfreundlichkeit, die ihresgleichen in der Menschheitsgeschichte sucht: wenn es unser persönlicher Leib ist, der von Gott in der Auferstehung wiederhergestellt wird, so ist er tatsächlich der Tempel, um den wir uns gut kümmern sollten. Die Vorstellung von einer Wiedergeburt in anderen (vielleicht sogar tierischen) Körpern birgt eine andere Botschaft: dann ist es egal, wie der Leib behandelt wird, die Hauptsache ist ohnehin der Geist.
  • Das Christentum sagt also mit der Botschaft von der leiblichen Auferstehung, dass Leib und Seele eine Einheit bilden würden. Von Anfang an ist dieser Botschaft widersprochen worden: zu Beginn vonseiten der Gnosis, heute vonseiten eines esoterischen Neuheidentums. Dennoch hat die Kirche an dieser Botschaft festgehalten und sie tut gut daran, sie angesichts leibfeindlicher Tendenzen in ihrer Geschichte noch weiterhin hochzuhalten.
  • Wenn Christus seine Wunden präsentiert, so ist das auch eine Botschaft im Zusammenhang mit dem Leiden des Menschen. Die Wunden, die wir in unserem Leben erfahren, sind Teil unserer selbst, sie werden in der Auferstehung verklärt, aber nicht versteckt. Christus solidarisiert sich in seinem Leiden mit dem Leiden aller Menschen.

Möge uns Menschen des 21. Jahrhunderts diese Botschaft wieder mehr Lebensfreude und Glaubensgewissheit verschaffen!

PAX

 

PS. Ich möchte zum Schluss noch kurz auf meinen zweiten Blog hinweisen. Seit 2010 sind wir bei Marriage Encounter, einer katholischen Reformbewegung, die sich für die Förderung von Ehe und Familie einsetzt. Kernstück von ME ist das sogenannte Dialogieren, das Schreiben von Liebesbriefen zu den verschiedensten Fragestellungen. Am Anfang steht bei Marriage Encounter ein Wochenende. Die nächten Termine dafür finden sich hier. Seit Dezember 2013 unterhalten wir nun den Dialogblog dialogreisen.me, wo jeden Tag eine neue Dialogfrage vorgeschlagen wird. Er richtet sich natürlich hauptsächlich an die ME-Gemeinschaft, die Fragen selbst sind aber für jedes Paar von Interesse.

 

Pfingstsequenz I – Strahlen der Liebe

Die Pfingstsequenz aus dem 13. Jahrhundert gehört zu den schönsten Gebeten der Christenheit. Sie wird Stephan Langton, dem damaligen Erzbischof von Canterbury, zugeschrieben (was für ein Verlust!) und ist in der hier behandelten Form dem Graduale Romanum entnommen.

In dieser Reihe möchte ich jede Strophe einzeln kommentieren. Da Interpretationen immer eine Frage der Übersetzung sind, werde ich zu jeder Einzelstrophe zunächst verschiedene Übertragungen dokumentieren.

Veni, Sancte Spiritus,
Et emitte caelitus
Lucis tuae radium.

Wörtliche Übersetzung (Ü1)

Komm, Heiliger Geist,
und verbreite, Himmlischer,
den Strahl deines Lichtes

Übersetzung von Maria Luise Thurmair und Markus Jenny 1971 – Gotteslob Nr. 244 (Ü2)

Komm herab, o Heilger Geist,
der die finstre Nacht zerreißt,
strahle Licht in diese Welt.

Übersetzung von Heinrich Bone 1847 (Ü3)

Komm, o Geist der Heiligkeit!
Aus des Himmels Herrlichkeit
Sende deines Lichtes Strahl!

1) Veni: wie auch schon die Aufforderung an die Hirten zu Weihnachten oder an die Gläubigen bei der Kreuzesverehrung (Venite adoremus) beginnt die Pfingstsequenz mit einem Imperativ: der Heilige Geist möge vom Himmel herabkommen. Der Betende erweist sich damit als bedürftig, als Leidender, der des himmlischen Beistandes bedarf. Die Pfingstsequenz kann daher in den Bereich des Bittgebets eingeordnet werden: gemeinsam mit der ganzen Kirche bittet der konkret Betende um den Geist Gottes.

2) Sancte Spiritus: Die Alliteration Sancte Spiritus, die nur im Lateinischen möglich ist, zeigt die Einheit von Heiligkeit und Geist. Damit wird die Dreifaltigkeit dargestellt in ihrem geheimnisvollen Zusammenspiel von Einheit und Dreiheit.

3) emitte […] radium: Wörtlich kann man den Begriff emitte mit hinausschicken wiedergeben.
Dazu fällt mir Jes 55,10f ein: Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe.
Der Herr sendet seinen Geist aus, das Licht des Lebens, um das Gute in der Welt zu befördern.

4) caelitus: Himmel und Erde sind durch die Sendung des Geistes verbunden; damit im Zusammenhang steht die Hingabe Jesu am Kreuz. Das Symbol des Kreuzes, insbesondere der vertikale Balken, kann ja verstanden werden als Verbindung von Himmel und Erde, wobei die Bewegung vom Sohn ausgeht hin zum Vater, von der Erde zum Himmel. Pfingsten ist so die Antwort Gottes: eine Bewegung von oben nach unten, vom Himmel zur Erde.

5) radium: Wie auf diesem Bild angedeutet, durchdringt der göttliche Lichtstrahl die gesamte Schöpfung und bringt hervor, was in ihr Gutes schon angelegt wurde, ähnlich wie das Bild des Blickes Jesu, der unser tiefstes Inneres zum Vorschein bringt und alles Misslungene heilen kann.

6) Conclusio: Gott sendet den Heiligen Geist zu Pfingsten aus, um alles Gute, Schöne und Wahre, das in der Schöpfung von Anbeginn an vorhanden ist, hervorsprießen und keimen zu lassen, damit es wachse, blühe und gedeihe und Früchte bringe zum Wohl der gesamten Schöpfung. Damit erweist sich in besonderer Weise die Dreifaltigkeit Gottes: er ist durch seinen Sohn auf ewig mit der geschaffenen Welt verbunden, sein göttliches Sein durchdringt sie und verbindet so Himmel und Erde miteinander.

Abschließen möchte ich jede Folge mit einem kurzen Gedicht.

So wie die Sonne
schickst du Strahlen der Liebe
und verwandelst uns.

Ein gesegnetes Pfingstfest!

PAX

Nachträgliche Ergänzung
Ein schöner Beitrag über die liturgische Einbindung der Pfingstsequenz findet sich hier.

Mach dir kein Bild

Weiterführend meine Überlegungen zur Bilderproblematik ist mir Max Frischs „Andorra“ in den Sinn gekommen.

Die Tatsache, dass der Mensch in der Genesis als Ebenbild Gottes verstanden wird (vgl. Gen 1,26), hat ja – gewissermaßen als Kehrseite der Medaille – auch das Bilderverbot des Dekalogs zur Konsequenz: Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. (Ex 20,4) Bringt man diese beiden Bibeltexte zusammen, so wird folgende Botschaft deutlich: nur Gott ist es erlaubt, Bilder herzustellen; dem Menschen ist dies – aus guten Gründen – verboten.

Max Frisch hat sich in zahlreichen seiner Werke mit dem Bilderverbot des Alten Testaments auseinandergesetzt, ganz besonders bei seiner Parabel „Andorra“.

Hauptfigur ist der Jude Andri, der angenommene Sohn des Lehrers, der unter dem Alltagsrassismus der andorranischen Mitbürger leidet. Ihm wird zum Beispiel die Möglichkeit, eine Tischlehre zu beginnen, verweigert, weil Juden nur als Geld denken würden. Als Andorra von den Schwarzen, einem feindlichen und ausgesprochen antisemitischen Volk eingenommen wird, kommt es zur Katastrophe: Andri wird bei einer „Judenschau“ als Jude identifiziert und – obwohl er inzwischen erfahren hat, dass er gar nicht jüdischer Abstammung ist – leistet er keinen Widerstand bei seiner Festnahme und Hinrichtung.

Max Frisch schiebt in Zwischenspielen, die auf dem Vordergrund der Bühne stattfinden, immer wieder die Rechtfertigungsversuche der andorranischen Bevölkerung an der Zeugenschranke ein, die offenbaren, wie wenig sie sich schuldig am Tod ihres Mitbürgers fühlen können. Besonders demaskierend ist der Soldat, der Andri das ganze Stück hindurch als Jude schickaniert und schlussendlich dessen Freundin Bärbel vergewaltigt: Ich gebe zu: Ich hab ihn nicht leiden können. Ich hab ja nicht gewusst, dass er keiner [ein Jude, Anm.] ist, immer hat’s geheißen, er sei einer. Übrigens glaub ich noch heut, dass er einer gewesen ist. Ich hab ihn nicht getötet. Ich habe nur meinen Dienst getan. Order ist Order. Wo kämen wir hin, wenn Befehle nicht ausgeführt werden! Ich war Soldat.“

Einen Hauch von Schuldbewusstsein kann man lediglich bei dem Pater vernehmen, der Andri geraten hat, sich gefälligst wie ein Jude zu benehmen: Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott deinem Herrn, und nicht von den Menschen, die seine Geschöpfe sind. Auch ich bin schuldig geworden damals. Ich wollte ihm mit Liebe begegnen, als ich gesprochen habe mit ihm. Auch ich habe mir ein Bildnis gemacht von ihm, auch ich habe ihn gefesselt, auch ich habe ihn an den Pfahl gebracht. Sämtliche Bewohner Andorras fühlen sich unschuldig am Tod Andris, obwohl alle daran mitgearbeitet haben, dass er als Jude von den Schwarzen hingerichtet wird.

Besonders hat mich Andris Reaktion auf die Enthüllung berührt, er sei ein uneheliches Kind des Lehrers (mit einer Frau der Schwarzen), also kein Jude: er ist von den anderen schon so lange als Jude behandelt (und diskriminiert) worden, dass es ihm nicht mehr möglich ist, sich als Nicht-Jude zu verstehen. Auf die Enthüllung des Paters, dass er der leibliche Sohn des Lehrers sei, sagt er: Seit ich höre, hat man mir gesagt, ich sei anders, und ich habe geachtet drauf, ob es so ist, wie sie sagen. Und es ist so, Hochwürden: Ich bin anders. Man hat mir gesagt, wie meinesgleichen sich bewege, nämlich so und so, und ich bin vor den Spiegel getreten fast jeden Abend. Sie haben recht: Ich bewege mich so und so. Ich kann nicht anders. Und ich habe geachtet auch darauf, ob’s wahr ist, dass ich alleweil denke ans Geld, wenn die Andorraner mich beobachten und denken, jetzt denke ich ans Geld, und sie haben abermals recht: Ich denke alleweil ans Geld. Es ist so. Andri, der andere, ist so lange anders behandelt worden, bis er auch anders wurde.

Diese Parabel des Schweizer Autors fasst meines Erachtens sehr gut die Grundidee des biblischen Bilderverbots zusammen: wenn man sich ein Bild von jemandem macht, dann geht man die Gefahr ein, dass derjenige dieses Bild so internalisiert, dass er am Schluss seine Identität ändert, um diesem Bild zu entsprechen, und seien sie die destruktivsten und vorurteilsbelastetsten. (Negative) Bilder – modern gesprochen: Vorurteile – haben diese destruktive Macht, dass sie zu selbsterfüllenden Prophezeiungen werden können.

Wie gut kennt der Herr unsere Gedanken, unsere Schwächen und Fehler, wenn er uns dieses Gebot ans Herz legt: mach dir kein Bild von einem anderen, du könntest ihn damit zerstören.

(Quelle für die Zitate aus „Andorra“)

PAX

Der dreifaltige Mensch

In jedem Lebenszusammenhang begegnen uns Bilder: Icons am Desktop des Computers, Werbesujets auf Plakaten, Filme in Kino und Fernsehen, Apps am Smartphone, Gemälde in Museen, Kirchen und Kunstsammlungen … unser ganzes Leben ist geprägt von Bildern. Und die genannten sind nur Beispiele dafür, wenn wir den Begriff „Bild“ wörtlich verstehen.

Dieses Verständnis hilft jedoch nicht weiter, will man den berühmten Vers von der Gottebenbildlichkeit des Menschen deuten: Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. (Gen 1,26f), sonst würde man annehmen müssen, auch Gott hätte zwei Arme, zwei Beine und sonst auch alle Aussehensmerkmale eines Menschen.

Der Vergleich, der mit Gen 1,26f gezogen wird, ist natürlich umgekehrt gemeint: nicht Gott ist nach unserem Ebenbild geschaffen, sondern wir nach ihm. Da wir aus der Bibel geoffenbart bekommen (und es auch unserem Sinn für Logik und Vernunft entspricht), dass Gott Geist ist (vgl. Joh 4,24), muss die Wahrheit dieser „Gottebenbildlichkeit“ des Menschen anderswo zu suchen sein als in der sinnenhaften Erfahrung des „Sehens“ von Bildern.

Ich denke, mit Gottebenbildlichkeit ist nicht nur – wie das die klassische Theologie formuliert hat – die Verbundenheit des Menschen mit Gott gemeint oder die Tatsache, dass Gott uns in seiner Liebe erhält und behütet. Ich denke, diese Gottebenbildlichkeit geht tiefer: so wie Gott selbst, sind auch wir in unserem Wesen dreifaltig, ihm nachgestaltet worden.

Es kann ja kein Zufall sein, dass in Gen 1,26 sowohl für Gott als auch für die Menschen die Mehrzahl genannt wird: lasst uns Menschen machen, uns ähnlich. Die Beantwortung der Frage, ob es sich bei diesem Mehrzahlbegriff für Gott um einen Majestätsplural, ein Überbleibsel der Himmlischen Heerscharen aus vorbiblischer Zeit oder einen alttestamentlichen Hinweis auf die Dreifaltigkeit handelt, würde den Rahmen dieser Überlegungen sprengen. Nimmt man aber die Hauptbotschaft des Neuen Testaments hinein, dass nämlich Gott die Liebe ist (1 Joh 4,16b), dann wird nachvollziehbarer, warum der Mensch gleich zu Beginn im Plural genannt wird: der Mensch alleine kann seine Gottesebenbildlichkeit eben nicht entfalten, nur in liebevollen Gemeinschaft (insbesondere in der zwischen Mann und Frau – vgl. Gen 2,24) erahnt er seine Anlage zur Dreifaltigkeit, die Gott in ihn als sein Abbild hineingelegt hat. Nicht umsonst sieht die Kirche die ehelichen Liebe als Urbild für die Liebe Gottes an: im gegenseitigen Schenken der Liebe treten die Eheleute ein in das Geheimnis der Liebe Gottes; es gehört zum Wesen des Menschen, als Ebenbild Gottes dieser Dreifaltigkeit nachspüren zu können.

Wenn man versucht, das Gesagte in den Alltag zu transferieren, findet man einige Hinweise auf die tatsächliche dreifaltige Natur des Menschen:

1) Die Menschen sind aufeinander angewiesen, brauchen einander, um existieren zu können (Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Gen 2,18).

2) Wir sind als Menschen aber nicht nur immer auf ein Du bezogen (das Neue Testament nennt dieses Du den „Nächsten“), sondern auch auf die Gemeinschaft mit allen Menschen, ja auf die gesamte Schöpfung. So entsteht die menschliche Dreifaltigkeit als Abbild der göttlichen in einem Spannungsfeld zwischen ICH – DU – WIR

3) Ein glückliches Leben besteht folgerichtig auch darin, so unser Leben zu gestalten, dass es unserer inneren (dreifaltigen) Struktur entspricht: das Streben danach, in seinem eigenen Selbstwert bestätigt zu werden (ICH); die Sehnsucht nach Liebe, Zugehörigkeit und Geborgenheit (DU); die Freude daran, solidarisch bzw. karitativ gehandelt zu haben oder Gemeinschaftserfahrungen aller Art (WIR)

4) Kurz: Wenn der Gott der dreifaltigen Liebe uns nach seinem Ebenbild erschaffen hat, dann hat er in uns den Bauplan dieser dreifaltigen Liebe hineingelegt und uns damit eine Ahnung gegeben, wie ein gutes, glückliches Leben geführt werden kann: in Liebe, Rücksichtnahme, Hingabe und Gemeinschaft.

Vielleicht hat das der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart gemeint mit seinem Epigramm: So wahr das ist, dass Gott Mensch geworden ist, so wahr ist der Mensch Gott geworden. (Quelle)

PAX

Nähe in Pixeln

Das schon besprochene Fastentuch des Stephansdoms ist aber auch auf eine andere Art und Weise interessant. Je näher man kommt, umso mehr verschwimmen die Farbflächen und umso unübersichtlicher wird die Angelegenheit. Was ich letztes Mal als Manko beschrieben habe, also als fehlender Überblick und Verbohrt-Sein in seine eigene, beschränkte Sicht der Dinge, kann auch anders verstanden werden: wenn wir die Bilder, die uns die Bibel überliefert, genauer betrachten, verschwimmt ihre Eindeutigkeit.

Es ist schon viel geschrieben worden über die Widersprüche in der Bibel, besonders im Neuen Testament in Bezug auf die vier Evangelien. Religionskritiker nehmen dieselben sogar zum Anlass, die Authentizität der Bibel grosso modo zu bezweifeln. Theologen bemühen dann oft die Parabel von den Blinden, die verschiedene Körperteile eines Elefanten berühren und deswegen jeweils vollkommen konträre Vorstellungen von der Gestalt des Tieres haben. Im Zusammenhang mit Religionen hilft diese Parabel aber nicht weiter: wird doch damit die Gleichgültigkeit jeder Religiosität behauptet – und zwar in sämtlichen Wortbedeutungen. Negiert man den Wahrheitsanspruch der Religionen, ist man dabei, sie abzuschaffen, gleichgültig, bedeutungslos zu machen.

Bezogen auf unser Fastentuch kann man sagen, dass die Bibel allgemein in ihren widersprüchlichen Botschaften über Gott ganz Nahe an das Mysterium heranreicht, das wir Christen Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist nennen. Je näher wir Gott kommen, umso verschwommener wird das Bild, umso widersprüchlicher die Wahrnehmungen, umso undeutlicher die Erfahrungen. Das haben die Mystiker aller Religionen erfahren: Je mehr wir uns Ihm annähern, umso geheimnisvoller wird Er selbst, umso mehr entzieht Er sich unserer Erfahrung. So wie ein Wort, das eigenartig und fremd wird, wenn wir es 20 Mal aussprechen. Wie ein Stück Baumrinde, das bei näherer Betrachtung ein eigenes Universum ineinander verschlungener Adern und Ebenen darstellt. Wie unser eigener Geist in seiner Vielschichtigkeit und Unergründlichkeit.

Und wo ist die Widersprüchlichkeit des christlichen Gottesbildes augenfälliger als am Kreuz? Der allmächtige, ewige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, lässt sich kreuzigen, erleidet einen qualvollen Märtyrertod für unbedeutende Menschen? In diesem Zusammenhang sagt Paulus in 1 Kor 1,23f: Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

Dieses Geheimnis des Glaubens, das wir in jeder Messe feiern, diese coincidentia oppositorum des Nikolaus Cusanus, dieses Überschreiten der Rationalität – all das wird erfahrbar, wenn wir uns diesem Fastentuch annähern. Es ist dasselbe Bild, das wir sehen, aber es entzieht sich – wie Gott – einer näheren Betrachtung.

Was für eine bereichernde Erfahrung in dieser Fastenzeit!

PAX

Distanz in Pixeln

Der Künstler Peter Baldinger hat ein Fastentuch gestaltet, das den Hochaltar des Stephansdoms verhüllt. Es zeugt von der fruchtbaren Beziehung zwischen Religion und Kunst, die auch im 21. Jahrhundert noch besteht und es wert ist, ausgebaut zu werden. Das Fastentuch spielt mit Distanz und Nähe. Die seit einem Jahrtausend in katholischen Gotteshäusern gepflegte Tradition, Kreuze in der Fastenzeit zu verhüllen, soll ja ein Augenfasten ermöglichen und so den Gläubigen vor Augen führen, welche unverzichtbare Bedeutung die religiösen Bilder, vor allem das Kreuz, für den christlichen Glauben haben.

Blickt man das Fastentuch nun von der Ferne an, so erscheint eine Kreuzigungsgruppe, die das übliche Repertoire einer solchen Szene aufweist. Und tatsächlich hat der Künstler eine Kreuzigungsdarstellung von José de Ribera (um 1620) am Computer in 651 bunten Kästchen, Pixel-Punkten, aufgelöst. Der Effekt dieser Bearbeitung ist überwältigend: je näher man dem Bild kommt, umso unschäfer wird die Szene, umso schwerer ist es, den Gesamtzusammenhang wahrzunehmen, die einzelnen Pixel in ihrer Funktion im Gesamtbild auszumachen.

Es ist auch in religiösen Fragen oft die Distanz, der große Überblick, der dem Betrachter die Wahrheit zu einem Thema offenbart. Ist man zu nahe an eine Fragestellung herangetreten, vermag man keinen Überblick herzustellen, verbleibt man verbohrt und kleingeistig. Die veröffentlichte Meinung in den Medien des 21. Jahrhunderts zu kirchenpolitischen Fragen fällt mir hier ein: da wird auf Einzelfragen gestarrt: Frauenpriestertum, Verhütung, Zölibat… Den Luxus, zurückzutreten und das Gesamtbild der Kirche wahrzunehmen, leistet man sich nicht, zu verlockend sind die Schlagzeilen und die erwartbaren Reaktionen von Kirchenvertretern zu diesen Fragen. Haben auf der anderen Seite die Kirchenkritiker von Pfarrer Schüller abwärts auch das Gesamtbild der Kirche vor Augen, wenn sie spezifisch österreichische Schwierigkeiten der Kirche ansprechen (die es sehr wohl gibt)? Manchmal hat man den Eindruck, auch diesen ist die Gesamtsicht auf das Wesentliche der Kirche, nämlich eine Begegnung mit dem Gekreuzigten herzustellen, abhandengekommen.

Aber ich selbst nehme mich hier nicht aus: ist es mir selbst doch auch oft so gegangen, dass ich nur meine Sicht der Dinge, meine Probleme mit der Kirche wahrgenommen habe, ohne das Gesamtbild in Betracht zu ziehen. Zentrum der Kirche ist der Gekreuzigte und Auferstandene, nicht meine Befindlichkeiten, meine Gefühle oder meine Probleme mit der Institution.

Es ist dem scheidenden Papst zu verdanken, dass sich die Kirche unter seiner Führung näher mit diesem Kern des Christlich-Seins auseinandergesetzt hat: seine beiden Enzykliken zu Liebe und Hoffnung sind programmatische Zusammenfassungen des Kerns der christlichen Botschaft. Schade, dass es die Enzyklika zum Glauben nicht mehr geben wird! Auch seine drei Jesus-Bücher haben nur den einen Zweck: zu einer Vertiefung des Glaubens beizutragen, den Kern des Christlich-Seins zu sichern, der darin besteht, mit dem gekreuzigten und auferstandenen Sohn Gottes in Verbindung zu treten, sich von ihm verwandeln und heilen zu lassen und in seine Nachfolge zu treten.

Insofern passt dieses Fastentuch ausgezeichnet ins „Jahr des Glaubens“!

PAX