Der Mensch Adam

Albrecht Dürer: Adam, 1507

Schlussfolgerungen aus dem letzten Beitrag bezogen auf die Diskussion rund um die Geschichtlichkeit des Sündenfalls:

1) Benedikt XVI. formuliert in seinem Buch „Gottes Projekt“ auf Seite 86 unter der Überschrift „Was heißt Erbsünde“ (Link) folgendermaßen: In dem Genesisbericht, den wir dabei bedenken, kommt zu dieser Wesensbeschreibung der Sünde [Sünde = Zurückweisung der eigenen Geschöpflichkeit] aber noch ein weiterer Grundzug hinzu. Zunächst also ist dies sozusagen eine Art Phänomenologie der Sünde im Spiegel dieser ganz bestimmten Versuchung, für die die Schlange steht, durch die hindurch das Wesen von Versuchung und Sünde überhaupt sichtbar wird. Aber das ist nur das Eine. Das Zweite ist: Die Sünde wird nicht allgemein als eine abstrakte Möglichkeit beschrieben, sondern sie wird als eine Tatsache dargestellt, als die Sünde Adams, der am Anfang der Menschheit steht und von dem die Geschichte der Sünde ausgeht, wobei dieser Tatsachencharakter erst durch Römer 5, also durch die neutestamentliche Relecture, voll zum Ausdruck gebracht worden ist, weil erst in dem Augenblick, in dem die Erlösung zum Vorschein kam, auch sozusagen die Möglichkeit bestand, dem ganzen Angesicht, dem ganzen Tatbestand der Gefährdung und des Schrecknisses überhaupt standzuhalten. Erst in dem Augenblick, in dem die Antwort da ist, wird auch das Andere vollends sichtbar. Der Bericht also, so gelesen, sagt uns: Sünde bringt Sünde hervor und alle Sünden der Geschichte hängen untereinander zusammen.

2) Auf der einen Seite rechnet Benedikt XVI. also sehrwohl mit einem geschichtlichen Beginn der Sündenverstrickung des Menschen in „Adam“. Nun, diesem Gedanken ist auch nichts entgegenzusetzen: wenn der Mensch sündhaft ist, muss er irgendwann einmal damit angefangen haben, z.B. als die Entwicklung seines Gehirns so weit fortgeschritten war, dass er so etwas wie Willensfreiheit im Gegesatz zur Instinktsteuerung des Tieres entwickelt hat. Seitdem der Mensch also Willensfreiheit entwickelt hat (oder sie ihm von Gott geschenkt wurde) gibt es die Versuchung des Menschen, seine Geschöpflichkeit anzuzweifeln, die Schöpfungsordnung durchbrechen zu wollen und sich als Herr der Welt aufzuspielen.

3) Der Gedanke der Strafe wird hier nicht angesprochen. Ein Kritikpunkt der Geschichtlichkeit Adams war ja, dass die gesamte Menschheit wegen der Sünde eines frühen Hominiden bestraft wird. Diese Annahme erscheint ausgesprochen ungerecht: warum werden höher entwickelte, vielleicht eher moralisch denkende Menschen dafür bestraft, dass ihre Vorfahren noch unzivilisiert waren? Mit der Formulierung von Benedikt XVI. kann ich mich eher anfreunden: von Beginn der Menschheit an, als der Mensch sich durch seine Willensfreiheit vom Tier unterschied, ist er verstrickt in die Realität der Sünde bis heute. Das habe ich gemeint mit meinen Ausführungen über der Kehrseite der Medaille der Willensfreiheit.

4) Erst die Botschaft von der Erlösung durch Christus hat die Erkenntnis ermöglicht, ihn mit Adam in eine Beziehung zu setzen: der Mensch versteht von Anfang seines Mensch-Seins an die Tatsache seines Geschöpf-Seins als Angriff auf seine persönliche Freiheit und möchte sich selbst zu Gott erklären. Er fällt daher in eine sündhafte Beziehungsunfähigkeit hinein, die ihn von sich selbst, seinen Mitmenschen, Gott und der Schöpfung entfremdet. Christus nun als wahrer Gott kann diese Beziehungsunfähigkeit des Menschen wieder heilen, er ist ganz Beziehung („Sohn“), verhält sich göttlich, indem er der Liebe den Vorrang vor dem Egoismus gibt.

5) Die schwierigen Aussagen des Apostels Paulus aus dem Römerbrief erscheinen hier vielleicht in einem anderen Licht:
Röm 5,12: Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten.
Röm 5,19: Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden.
Gemeint ist also nicht, dass Adam schuld sei an der Sündenverflochtenheit des Menschen, sondern dass dies von Anfang an so gewesen sei. Die Gegenüberstellung Adam – Christus kann man zusammenkürzen auf die Gegenüberstellung Pseudogott – Gott. Gott hat also korrigierend in seine Schöpfung eingegriffen, um dem Menschen zu zeigen, wozu er eigentlich bestimmt sind: nämlich in Beziehung zu treten und nicht als beziehungsloses Etwas dahinzuvegetieren.

PAX

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Erbsünde und Erlösung

Zum Thema Erlösung und Erbsünde ist mir dankenswerterweise heute folgendes Buch geschenkt worden: Joseph Ratzinger [=Benedikt XVI.]: Gottes Projekt. Nachdenken über Schöpfung und Kirche. Regensburg 2009. (Link)

Es handelt sich dabei um eine Zusammenstellung von sechs Vorlesungen, die Joseph Ratzinger als Präfekt der Römischen Glaubenskongregation im September 1985 im Bischöflichen Bildungshaus St. Georgen am Längsee gehalten hat.

Ich möchte im Folgenden die Grundgedanken des Kapitels 4, „Sünde und Erlösung“, wiedergeben. Es befindet sich im oben zitierten Buch auf den Seiten 73-92.

1) Alttestamentlicher Bezug
Gen 3, 1-13Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? Die Frau entgegnete der Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen; nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben. Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben. Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse. Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und dazu verlockte, klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß. Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz. Als sie Gott, den Herrn, im Garten gegen den Tagwind einherschreiten hörten, versteckten sich Adam und seine Frau vor Gott, dem Herrn, unter den Bäumen des Gartens. Gott, der Herr, rief Adam zu und sprach: Wo bist du? Er antwortete: Ich habe dich im Garten kommen hören; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich. Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe? Adam antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen. Gott, der Herr, sprach zu der Frau: Was hast du da getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen.

2) „Bekehrt euch!“
Bei der Grundbotschaft des Evangeliums, Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe, bekehrt euch und glaubt an das Evangelium. (Mk 1,14-15), wird in modernen Theologien der Teil „bekehrt euch“ gerne ausgespart. Dieser Teil ist jedoch essentiell, ja er gehört zum Kern des Christlichen.

3) Strategien der Verdrängung
Das Thema „Sünde“ ist zu einem verschwiegenen Thema unserer Zeit geworden. Damit einher geht auch, dass das Gefühl für „Gut“ und „Böse“ verschwindet, das Moralische wird überhaupt abgelehnt. Die Verabschiedung des Moralischen ist aber nur dann logisch, wenn es kein dem Menschen vorausgehendes Maß gibt, d.h. wenn er die Wahrheit seines Geschöpf-Seins leugnet. Da man die Wahrheit verdrängen, aber nicht beseitigen kann, muss das Prinzip „Sünde“ geleugnet werden. Aber der Mensch kann nur heil, erlöst sein, wenn er wahr ist, wenn er aufhört, die Wahrheit zu verdrängen oder zu bekämpfen.

4) Zwei Bilder: Garten und Schlange
Der Garten ist Ausdruck für eine Welt, die dem Willen des Schöpfers gemäß geworden ist. Der Mensch versteht die Schöpfung als Gabe des Schopfers und bringt sie zu ihren eigenen Möglichkeiten. Der Bild der Schlange zeigt die Versuchung, der sich Israel zur Zeit der Entstehung des Textes ausgesetzt sah: die Schlange steht für die Attraktion der Fruchtbarkeitsgottheiten der umgebenden Völker.

5) Die Logik des Verdachtes
Die Versuchung beginnt nicht mit der Leugnung Gottes, sondern mit der Frage der Schlange, die einen Verdacht gegenüber Gottes Gebot in Adam und Eva sät. Dieser Verdacht ist auch heute noch allgegenwärtig: es ist leicht, dem Menschen einzureden, dass dieser Bund ihn fessle, ihn einenge und nicht eine unendliche Gabe und Geschenk sei. In diesem Verdacht ist die Aufforderung eingeschlossen, dass der Mensch überhaupt keine Grenzen mehr anerkennen solle, sondern sich davon freimachen soll, denn dann erst werde er richtig frei sein von diesen. Wenn der Mensch alles tun möchte, was er kann, und keine moralischen Schranken mehr gelten, dann leugnet der Mensch sein Geschöpf-Sein als einer uns vorausgehenden und bestimmenden Wirklichkeit. Deswegen ist das, was die Schlange tut, ein Betrug am Menschen. Wenn er das Maß dieser Ordnung leugnet, belügt sich der Mensch. Er macht sich nicht frei, wie es im Augenblick erscheint, sondern er stellt sich schlicht gegen die Wahrheit.

6) Geschöpflichkeit als Maß des Menschen
Das Grundlegende ist also: die Ordnung des Bundes wird verdächtigt. Der tiefste Gehalt der Sünde ist es daher, dass der Mensch sein Geschöpf-Sein leugnen will, weil er die Tatsache, dass er ein Maß hat und eine Grenze hat, nicht annehmen will. Er will nicht Geschöpf sein, weil er nicht abhängig sein will. Dabei deutet er die Abhängigkeit von der Liebe Gottes nicht als eben das, als Liebe, sondern als Fremdbestimmung, als Sklaverei. Deswegen möchte er sich davon emanzipieren und selbst wie Gott werden. Damit ändert sich jedoch alles: das Verhältnis zu sich selbst, zu den anderen, zur Schöpfung. Der Mensch, der aus der Wahrheit seines Geschöpf-Seins heraustreten will, wird jedoch nicht frei, sondern er zerstört die Wahrheit und die Liebe. Er macht sich nicht zu Gott, der ganz Liebe und Beziehung ist, sondern er macht sich zu einem Pseudogott, den er als den Beziehungslosen (miss-)versteht.

7) Was heißt Erbsünde?
Es hat sich gezeigt, dass erst durch die neutestamentliche Botschaft von der Erlösung, die wahren Ausmaße der Sündhaftigkeit des Menschen von Anbeginn an bewusst geworden sind. Was bedeutet Erbsünde? Sünde ist Beziehungsverlust, Beziehungsstörung, die irrige Annahme, nur sich selbst zu brauchen, autark zu sein. Deswegen ist Sünde nie allein eingeschlossen ins einzelne Ich, ist immer Versündigung, die auch den anderen trifft, die die Welt verändert und sie stört. Jeder ist deshalb schon von seinem Anfang her in seinen Beziehungen gestört, empfängt sie nicht, wie sie sein sollten. Die Sünde greift nach ihm und er vollzieht sie mit.

8) Schöpfungsbeziehung und Erlösung
Wenn das Urprinzip der Sünde in der Beziehungslosigkeit des Menschen besteht, ist auch klar, warum sich der Mensch nicht selbst erlösen kann. Erlöst werden können wir nur, wenn der, von dem wir uns abgeschnitten haben, neu auf uns zugeht und selbst die Beziehung wieder eröffnet, die wir nicht erzwingen können (sonst wäre sie ja nicht Liebe). Bedeutend für das Verständnis der Erlösung ist der Hymnus in Paulusbrief an die Philipper.
Phil 2,5-11: Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: ,Jesus Christus ist der Herr.‘ – zur Ehre Gottes, des Vaters.
Wenn Adam sich zu Gott machen wollte, indem er sein Geschöpf-Sein geleugnet hat, so geht Christus den gegenteiligen Weg: er ist – anders als Adam – wirklich Gott und weil er wirklich Gott ist, verhält er sich wie Gott, ist ganz Liebe und Beziehung. Der Sohn ist alles und ganz aus Beziehung zum Vater. Er klammert sich nicht an seine Autonomie, er wird der ganz Abhängige. Deshalb kann er Adams Lüge aufheben. So wird Christus in dieser Gegenbewegung der neue Adam, mit dem das Menschsein neu beginnt und wieder sich selbst findet. Er, der von Grund her Beziehung und Bezogen-Sein ist, stellt die Beziehungen wieder richtig, stellt die Beziehung wieder her.

9) Eucharistie als „Baum des Lebens“
Deswegen auch die ungeheure Größe und Dramatik der Eucharistie: sie ist nie bloß irgendeine Art von Gemeinschaftspflege, sondern sie zu empfangen heißt, in diese Dynamik der Umwandlung der Adamsgeschichte hineintreten, den Gehorsam Christi zum Sein, zur Schöpfung und zum Schöpfer, das Maß des Geschöpfseins anzunehmen, nicht auf die Macht, das Können, die Lüge zu setzen, sondern auf die Beziehung der Liebe und das Maß, das sie uns gibt. Gerade diese Abhängigkeit vom Schöpfer ist Freiheit, weil sie Wahrheit ist und Liebe.

PAX

Wer suchet, der findet

Kommentar zum 17. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

Lk 11,9-13Darum sage ich euch: Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. 

Diese Stelle aus dem Lukasevangelium ist nichts weniger als eine Kurzformel für ein gelingendes, glückliches Leben, die in diametralem Gegensatz zum modernen, medial verstärkten und vermittelten Lebensentwurf steht (der frappante Ähnlichkeit mit buddhistischen Ideen aufweist). Das dort transportierte Credo ist: „Du schaffst alles allein, wenn du willst. Du brauchst niemanden, schon gar nicht Gott oder die Kirche, für dein eigenes Glück. Es geht nur um dich selbst.“

Das Gegenteil ist wahr.

Alle drei Aufforderungen Jesu haben eine Gemeinsamkeit. Bitten, suchen und anklopfen – es geht immer darum, dass man Hilfe braucht, dass man jemand anderen benötigt, dass man noch nicht dort angekommen ist, wo man hin soll:
1) man braucht jemanden, der die geäußerte Bitte erfüllt
2) man braucht jemanden, der die Tür öffnet
3) wenn man sucht, akzeptiert man die eigene Unzulänglichkeit, das eigene Noch-nicht-fertig- oder Unterwegs-Sein

Das ist natürlich schwer zu akzeptieren für den modernen Menschen, auf den alles eintrommelt, dass jede Bindung an Institutionen oder andere Menschen Unfreiheit bedeute, die abzulehnen oder zu bekämpfen sei. Dabei wird jedoch (absichtlich?) übersehen, dass eine (lebenslange) Bindung und wahres Glück einander nicht ausschließen, sondern sogar bedingen. In Wahrheit beneiden wir doch den alten, in sich ruhenden Mönch oder das lebenslang verheiratete alte Ehepaar um ihr Glück.

Ich würde sogar so weit gehen, dass ein Mensch, der aufhört zu bitten, anzuklopfen und zu suchen, innerlich tot ist. Das Unterwegs-Sein, das Auf-andere-verwiesen-Sein zeichnet den Menschen aus, das Auf-der-Suche-Sein und die zunehmende Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit, Bedürftigkeit und Begrenztheit. Insofern kann die moderne Überheblichkeit gegenüber Gott, Kirche und Gesellschaft als pubertär bezeichnet werden, als Infantilisierung, die gravierende Auswirkungen hat auf sämtliche Fragen der Öffentlichkeit, der Kultur und der Medien. Der Mensch hält es nun einmal nicht aus, der Nabel der Welt zu sein, er wurde zur (Nächsten-)Liebe, Gemeinschaft und Demut geschaffen.

Es kommt ja auch sicher nicht von ungefähr, dass heute ein ausgeprägter Jugend- und Schönheitskultur betrieben wird und die Abgeklärten und Weisen nicht angehört, sondern die Jugend verehrt wird, egal in welchen Bereichen des öffentlichen Lebens. Oder dass immer weniger Menschen zur Beichte gehen, um dort ihre eigenen Fehler und Schwächen zu bekennen.

Umso wichtiger, dass die Religion hier ein Korrektiv bildet. Sie leistet das Fundament unserer Gesellschaft, indem sie die Menschen daran erinnert, dass Solidarität, Demut und Nächstenliebe den Hochmut, den Neid und die Selbstverherrlichung überwinden können und zu wahrem Glück führen. Eine Gesellschaft aus hochmütigen Egoisten kann nicht gelingen, schon gar kein Leben, das so geführt wird.

Das Evangelium dieses Sonntags führt tief hinein in die inneren Zusammenhänge des Glücks: es kann nur im ehrlichen Suchen gefunden werden, nicht im Erzwingen; es kann nur im demütigen Bitten gefunden werden, nicht im Besitzen; und es kann nur im zaghaften Anklopfen gefunden werden, nicht im überheblichen Einfordern.

PAX

Ist der Papst zu bescheiden?

Im Blogger-Wald rauscht es gehörig nach den ersten paar Tagen des neuen Papstes. Mancherorts wird scharfe Kritik laut, dass der neue Papst zu bescheiden wäre.
Die Kernfrage wurde von sophophilo auf seinem Blog folgendermaßen ausformuliert:
Ist es Demut, wenn Papst Franziskus Amtsspezifika und dergleichen (sogar das PP bei der Unterschrift!) ablehnt und ablegt um, dem Beispiel des Poverello folgend, Jesus nachzueifern? Oder ist es nicht vielmehr Demut, alles das, was mit einem Amt einhergeht, demütig anzunehmen, auch wenn es dem eigenen Empfinden nicht entspricht (wie es Benedikt XVI. tat)?

In diesem Presse-Artikel werden Kritiker des Papstes zitiert, die bei ihm eine „militante“ Demut ausmachen. Der Papst sei ein idealistischer Armutsapostel der Siebzigerjahre; er pflege eine militante Demut, die sich aber als demütigend für die Kirche erweisen könnte. Es wird ihm dabei vor allem vorgeworfen, dass er nicht verstanden habe, dass Demut darin bestehe, sich den Äußerlichkeiten des päpstlichen Amtes zu unterwerfen (inklusive der roten Schuhe) und dass es arrogant sei, dieselben zurückzuweisen.

Das ist ein Gedanke, der mich nachdenklich gemacht hat. Gibt es so etwas wie arrogante Demut? Ist es notwendig und ein Zeichen von richtig verstandener Demut, wenn man sich den tradierten Gegebenheiten eines Amtes beugt?

Einerseits gebe ich Alipius recht, wenn er in seinen Klosterneuburger Marginalien meint: Man sollte sich hüten, einfach davon auszugehen, daß der Heilige Vater bei allem, was er sagt oder tut (oder nicht tut) einfach nur denkt ‚Guckt mal, meine tolle Demut!‘ Es ist unmöglich, als Papst irgendetwas zu tun, zu sagen oder zu unterlassen, ohne dass tausende „Experten“ kommentieren, einordnen, kritisieren.

Außerdem ist die von Franziskus gezeigte Demut selbst von Österreich aus authentisch.

Nachdem die Päpste die Sedia Gestatoria nicht mehr verwenden und die Tiara im Museum verstaubt, wird es vielleicht Zeit dafür, sich ein bescheideneres Äußeres zuzulegen: kein Hermelinmantel, keine roten Schuhe, keine goldbestickte Stola, keinen goldenen Ring. Diese Gesten haben – trotz der an sich Gott-losen Medienöffentlichkeit – große Wirkung gezeigt. Es steht der Kirche gut an, sich bescheidener zu geben, in Liebe und Verständnis für das Christentum zu werben und den monarchischen Pomp abzulegen. So weit so gut.

Dennoch wird dem neuen Papst auch Schlimmeres vorgeworfen: nämlich, dass er die Liturgie verfälschen würde. Bezieht sich der eine – leicht zu entkräftende – Vorwurf auf Äußerlichkeiten, die auch abgelegt werden können, trifft der andere natürlich tiefer, genauer gesagt den Kern des Christ-Seins. Unter Benedikt XVI. wurden liturgische Ungenauigkeiten noch richtiggehend verfolgt (und auch von Österreich aus regelmäßg nach Rom gemeldet), der neue Papst hat als Bischof selbst solche Abänderungen der Liturgie zu verantworten gehabt. Verständlicherweise fühlen sich nun die liturgischen Puristen verraten.

Für mich selbst hat die Liturgie einen hohen Stellenwert und es ist nicht einzusehen, dass sie freihändig verändert werden kann. Vor allem im Hinblick auf die Zielgruppe der Jugendlichen hat sich gezeigt, dass eine zu große Anbiederung an diese Generation zwei Dinge verursacht: entweder ein Sich-Abwenden wegen dieser Anbiederung oder eine einmalige positive Liturgieerfahrung, die aber nicht nachhaltig ist. Schließlich ist nicht jeden Sonntag ein find-fight-follow-Gottesdienst, eine Gospelmesse oder ein Jugendgottesdienst zu feiern. Es mag vielleicht manchmal mühsam sein (besonders wenn man es mit so anspruchsvollen Gläubigen wie Jugendlichen zu tun hat), aber ein Einüben in die uralten liturgischen Gesten, Worte und Strukturen kann man keinem Christen ersparen, was natürlich keiner liturgischen Magie das Wort reden soll, also der Annahme, es reiche, dass die Liturgie korrekt vollzogen werde, damit das Sakrament wirke.

Es wird sich zeigen, welche Akzente der neue Papst liturgisch setzen wird.

Abschließend sei noch die Frage gestellt, ob ein gläubiger Katholik den Papst kritisieren darf. Ich denke, solange diese Kritik in einer wohlwollenden, liebevollen Sprache verfasst ist, ist der Papst ein christlicher Bruder wie jeder andere auch. Als unfehlbar gilt er ja nur, wenn er ex cathedra spricht.

PAX