Erbsünde und Erlösung

Zum Thema Erlösung und Erbsünde ist mir dankenswerterweise heute folgendes Buch geschenkt worden: Joseph Ratzinger [=Benedikt XVI.]: Gottes Projekt. Nachdenken über Schöpfung und Kirche. Regensburg 2009. (Link)

Es handelt sich dabei um eine Zusammenstellung von sechs Vorlesungen, die Joseph Ratzinger als Präfekt der Römischen Glaubenskongregation im September 1985 im Bischöflichen Bildungshaus St. Georgen am Längsee gehalten hat.

Ich möchte im Folgenden die Grundgedanken des Kapitels 4, „Sünde und Erlösung“, wiedergeben. Es befindet sich im oben zitierten Buch auf den Seiten 73-92.

1) Alttestamentlicher Bezug
Gen 3, 1-13Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? Die Frau entgegnete der Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen; nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben. Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben. Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse. Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und dazu verlockte, klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß. Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz. Als sie Gott, den Herrn, im Garten gegen den Tagwind einherschreiten hörten, versteckten sich Adam und seine Frau vor Gott, dem Herrn, unter den Bäumen des Gartens. Gott, der Herr, rief Adam zu und sprach: Wo bist du? Er antwortete: Ich habe dich im Garten kommen hören; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich. Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe? Adam antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen. Gott, der Herr, sprach zu der Frau: Was hast du da getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen.

2) „Bekehrt euch!“
Bei der Grundbotschaft des Evangeliums, Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe, bekehrt euch und glaubt an das Evangelium. (Mk 1,14-15), wird in modernen Theologien der Teil „bekehrt euch“ gerne ausgespart. Dieser Teil ist jedoch essentiell, ja er gehört zum Kern des Christlichen.

3) Strategien der Verdrängung
Das Thema „Sünde“ ist zu einem verschwiegenen Thema unserer Zeit geworden. Damit einher geht auch, dass das Gefühl für „Gut“ und „Böse“ verschwindet, das Moralische wird überhaupt abgelehnt. Die Verabschiedung des Moralischen ist aber nur dann logisch, wenn es kein dem Menschen vorausgehendes Maß gibt, d.h. wenn er die Wahrheit seines Geschöpf-Seins leugnet. Da man die Wahrheit verdrängen, aber nicht beseitigen kann, muss das Prinzip „Sünde“ geleugnet werden. Aber der Mensch kann nur heil, erlöst sein, wenn er wahr ist, wenn er aufhört, die Wahrheit zu verdrängen oder zu bekämpfen.

4) Zwei Bilder: Garten und Schlange
Der Garten ist Ausdruck für eine Welt, die dem Willen des Schöpfers gemäß geworden ist. Der Mensch versteht die Schöpfung als Gabe des Schopfers und bringt sie zu ihren eigenen Möglichkeiten. Der Bild der Schlange zeigt die Versuchung, der sich Israel zur Zeit der Entstehung des Textes ausgesetzt sah: die Schlange steht für die Attraktion der Fruchtbarkeitsgottheiten der umgebenden Völker.

5) Die Logik des Verdachtes
Die Versuchung beginnt nicht mit der Leugnung Gottes, sondern mit der Frage der Schlange, die einen Verdacht gegenüber Gottes Gebot in Adam und Eva sät. Dieser Verdacht ist auch heute noch allgegenwärtig: es ist leicht, dem Menschen einzureden, dass dieser Bund ihn fessle, ihn einenge und nicht eine unendliche Gabe und Geschenk sei. In diesem Verdacht ist die Aufforderung eingeschlossen, dass der Mensch überhaupt keine Grenzen mehr anerkennen solle, sondern sich davon freimachen soll, denn dann erst werde er richtig frei sein von diesen. Wenn der Mensch alles tun möchte, was er kann, und keine moralischen Schranken mehr gelten, dann leugnet der Mensch sein Geschöpf-Sein als einer uns vorausgehenden und bestimmenden Wirklichkeit. Deswegen ist das, was die Schlange tut, ein Betrug am Menschen. Wenn er das Maß dieser Ordnung leugnet, belügt sich der Mensch. Er macht sich nicht frei, wie es im Augenblick erscheint, sondern er stellt sich schlicht gegen die Wahrheit.

6) Geschöpflichkeit als Maß des Menschen
Das Grundlegende ist also: die Ordnung des Bundes wird verdächtigt. Der tiefste Gehalt der Sünde ist es daher, dass der Mensch sein Geschöpf-Sein leugnen will, weil er die Tatsache, dass er ein Maß hat und eine Grenze hat, nicht annehmen will. Er will nicht Geschöpf sein, weil er nicht abhängig sein will. Dabei deutet er die Abhängigkeit von der Liebe Gottes nicht als eben das, als Liebe, sondern als Fremdbestimmung, als Sklaverei. Deswegen möchte er sich davon emanzipieren und selbst wie Gott werden. Damit ändert sich jedoch alles: das Verhältnis zu sich selbst, zu den anderen, zur Schöpfung. Der Mensch, der aus der Wahrheit seines Geschöpf-Seins heraustreten will, wird jedoch nicht frei, sondern er zerstört die Wahrheit und die Liebe. Er macht sich nicht zu Gott, der ganz Liebe und Beziehung ist, sondern er macht sich zu einem Pseudogott, den er als den Beziehungslosen (miss-)versteht.

7) Was heißt Erbsünde?
Es hat sich gezeigt, dass erst durch die neutestamentliche Botschaft von der Erlösung, die wahren Ausmaße der Sündhaftigkeit des Menschen von Anbeginn an bewusst geworden sind. Was bedeutet Erbsünde? Sünde ist Beziehungsverlust, Beziehungsstörung, die irrige Annahme, nur sich selbst zu brauchen, autark zu sein. Deswegen ist Sünde nie allein eingeschlossen ins einzelne Ich, ist immer Versündigung, die auch den anderen trifft, die die Welt verändert und sie stört. Jeder ist deshalb schon von seinem Anfang her in seinen Beziehungen gestört, empfängt sie nicht, wie sie sein sollten. Die Sünde greift nach ihm und er vollzieht sie mit.

8) Schöpfungsbeziehung und Erlösung
Wenn das Urprinzip der Sünde in der Beziehungslosigkeit des Menschen besteht, ist auch klar, warum sich der Mensch nicht selbst erlösen kann. Erlöst werden können wir nur, wenn der, von dem wir uns abgeschnitten haben, neu auf uns zugeht und selbst die Beziehung wieder eröffnet, die wir nicht erzwingen können (sonst wäre sie ja nicht Liebe). Bedeutend für das Verständnis der Erlösung ist der Hymnus in Paulusbrief an die Philipper.
Phil 2,5-11: Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: ,Jesus Christus ist der Herr.‘ – zur Ehre Gottes, des Vaters.
Wenn Adam sich zu Gott machen wollte, indem er sein Geschöpf-Sein geleugnet hat, so geht Christus den gegenteiligen Weg: er ist – anders als Adam – wirklich Gott und weil er wirklich Gott ist, verhält er sich wie Gott, ist ganz Liebe und Beziehung. Der Sohn ist alles und ganz aus Beziehung zum Vater. Er klammert sich nicht an seine Autonomie, er wird der ganz Abhängige. Deshalb kann er Adams Lüge aufheben. So wird Christus in dieser Gegenbewegung der neue Adam, mit dem das Menschsein neu beginnt und wieder sich selbst findet. Er, der von Grund her Beziehung und Bezogen-Sein ist, stellt die Beziehungen wieder richtig, stellt die Beziehung wieder her.

9) Eucharistie als „Baum des Lebens“
Deswegen auch die ungeheure Größe und Dramatik der Eucharistie: sie ist nie bloß irgendeine Art von Gemeinschaftspflege, sondern sie zu empfangen heißt, in diese Dynamik der Umwandlung der Adamsgeschichte hineintreten, den Gehorsam Christi zum Sein, zur Schöpfung und zum Schöpfer, das Maß des Geschöpfseins anzunehmen, nicht auf die Macht, das Können, die Lüge zu setzen, sondern auf die Beziehung der Liebe und das Maß, das sie uns gibt. Gerade diese Abhängigkeit vom Schöpfer ist Freiheit, weil sie Wahrheit ist und Liebe.

PAX

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Pfingstsequenz IX – Vertrauen zum Menschsein

[Erste Strophe / Zweite Strophe / Dritte Strophe / Vierte Strophe / Fünfte Strophe / Sechste Strophe / Siebente Strophe / Achte Strophe]

Da tuis fidelibus
In te confidentibus
Sacrum septenarium.

Ü1 (wörtlich)
Gib deinen Gläubigen
den auf dich Vertrauenden
die heilige Siebenheit.

Ü2 (Gotteslob)
Gib dem Volk, das dir vertraut
das auf deine Hilfe baut
deine Gaben zum Geleit.

Ü3 (Bone)
Heil’ger Geist, wir bitten dich,
Gib uns allen gnädiglich
Deiner Gaben Siebenzahl.

1) fidelibus – confidentibus: Die Parallel-Setzung dieser beiden Begriffe eröffnet die tiefere Bedeutung dessen, was mit Glauben gemeint ist. Der zweite Vers erscheint ja als nähere Bestimmung des Glaubens, als weitere Verdeutlichung: Glaube an Gott bedeutet, auf ihn zu vertrauen. Und das wiederum ist Grundlage und Voraussetzung dafür, dass wir Seine Liebe auch entsprechend beantworten können.

Die Bibel ist voll von Geschichten des Vertrauens: Abraham wird ein immenses Vertrauen gegen Gott abverlangt, wenn von ihm erwartet wird, in seinem Alter noch seine Heimat zu verlassen (Gen 12), ganz zu schweigen von der Zumutung, seinen Sohn diesem Gott opfern zu müssen (Gen 22). Abraham wird in diesen Erzählungen als der Vertrauende dargestellt, daher auch als Prototyp des Glaubens. Auch Maria wird viel Vertrauen abverlangt: in einer ausweglosen Situation, in der sie sich befindet, kann sie trotzdem voll Vertrauen Ja sagen zu diesem Kind, das unser aller Erlöser werden wird (Lk 1,38).

Vielleicht sind die modernen Schwierigkeiten mit dem Glauben auch darauf zurückzuführen, dass uns das Vertrauen abhandengekommen ist: der Zwang, alles zu hinterfragen, hat nicht nur zu einem immensen wissenschaftlichen Fortschritt geführt, sondern auch dazu, dass dieser Skeptizismus auch auf zwischenmenschliche Beziehungen und sogar auf die Beziehung zu Gott abfärbt: wer traut sich denn heute schon, einem anderen Menschen wirklich zu vertrauen und mit ihm eine lebenslange Ehe einzugehen? Pfeifen doch die Spatzen die aktuelle Scheidungsstatistik von den Dächern und bemühen sich doch sämtliche Medien in seltener Einstimmigkeit uns jedes Vertrauen in Institutionen oder Menschen abzugewöhnen. Wie schwer ist es da für den modernen Medienkonsumenten, Gott zu vertrauen, an ihn in diesem Sinne zu glauben?

2) Sacrum septenarium: Gemeint sind die sieben Gaben des Heiligen Geistes: Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit, Gottesfurcht. Diese Zählung wird abgeleitet von Jes 11,2, vermehrt durch Frömmigkeit. Sie spielen vor allem beim Sakrament der Firmung eine Rolle und fassen im Prinzip zusammen, welches Bild die katholische Kirche von einem mündigen, erwachsenen Christ hat. Der Heilige Geist soll den Gläubigen zu einem vernünftigen, weisen, nach Erkenntis strebenden Leben befähigen, das sich seiner Begrenztheit bewusst ist, offen für die Wirklichkeit Gottes, selbstbewusst und unerschrocken. Gott weiß, wie sehr wir alle dieser Gaben bedürfen – zu jeder Zeit.

3) Conclusio: Diese Strophe bietet nicht nur eine nähere Definition des Begriffs Glaube, sondern auch einen Verweis auf die sieben Geistesgaben, die nach Tradition der Kirche beim Sakrament der Firmung bespendet werden, das Sakrament, das ganz besonders mit dem Heiligen Geist assoziiert ist und das an der Schwelle zum Erwachsenwerden gespendet wird: die Gaben des Geistes sollen den Firmling also dazu animinieren, zu einem mündigen, selbstbewussten, vernünftigen Erwachsenen zu werden.

Verwirrte Sprachen,
werden eins in Christus, dein
verständliches Wort.

PAX

Pfingstsequenz VII – Wasser des Lebens

[Erste Strophe / Zweite Strophe / Dritte Strophe / Vierte Strophe / Fünfte Strophe / Sechste Strophe]

Lava quod est sordidum,
Riga quod est aridum,
Sana quod est saucium.

Ü1 (wörtlich)
Wasche was schmutzig ist,
Bewässere, was trocken ist,
Heile, was verwundet ist.

Ü2 (Gotteslob)
Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein,
heile du, wo Krankheit quält.

Ü3 (Bone)
Wasche, was beflecket ist,
Heile, was verwundet ist,
Tränke, was da dürre steht.

1) sordidum: Der Begriff sordidum knüpft direkt an die vorherige Strophe an; er meint befleckt, schmutzig, im biblischen Sinn unrein. Jesus selbst verwendet ihn im Zusammenhang mit seiner ethischen Botschaft: Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. (Mt 15,11) Jesus erklärt, wieso seine Jünger die jüdischen Speisevorschriften nicht einhalten, mit diesem Wort: die Taten des Menschen sind es, die ihn unrein, schmutzig machen, nicht das, was sie zu sich nehmen. So ist sordidum in dieser Strophe auch mit dem sündhaften Verhalten des Menschen assoziiert.

2) lava: Das Waschen als Symbol für die Sündenvergebung ist in besonderer Weise ins Sakrament der Taufe eingeflossen. Der Geist spielt dabei eine große Rolle: wird doch in den Evangelien berichtet, dass er auf Jesus bei dessen eigener Taufe herabgekommen wäre (vgl. Mk 1,9-11).

3) riga: Ich assoziiere mit diesem Imperativ die wunderbare Vision des Propheten Ezechiel von der Auferweckung der Toten (vgl Ez 37,11-14):

Er sagte zu mir: Menschensohn, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Jetzt sagt Israel: Ausgetrocknet sind unsere Gebeine, unsere Hoffnung ist untergegangen, wir sind verloren. Deshalb tritt als Prophet auf und sag zu ihnen: So spricht Gott, der Herr: Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. Ich bringe euch zurück in das Land Israel. Wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole, dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin. Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig und ich bringe euch wieder in euer Land. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin. Ich habe gesprochen und ich führe es aus – Spruch des Herrn.

Das Bewässern in dieser Strophe kann also auch mit der Auferstehung in Verbindung stehen, damit, dass der Geist Gottes diejenigen wieder lebendig macht, deren Lebenskräfte ausgetrocknet und tot sind, dass er ihnen ähnlich wie am Beginn der Schöpfung Adam, das Leben einhaucht (vgl. sechste Strophe). Natürlich führt dieser Vers auch die Wasser-Metapher des vorherigen fort: Gott wird damit als Spender lebendigen Wassers verstanden (vgl. Joh 7,38).

4) sana: Auch die Heilung, die man sich in diesem Vers vom Heiligen Geist erhofft, ist neben der ganz wörtlichen Bedeutung im Zusammenhang mit konkreten Krankheiten im übertragenen Sinn zu verstehen: Gott soll unsere Seelen heilen von ihrer Schuld, von den Beschwernissen des Alltags und den Versuchungen des Lebens.

5) quod est: Diese Strophe ist allgemein sehr regelmäßig bzw. parallel aufgebaut; vom Geist wird durch die Wendung quod est wieder sehr viel erhofft: er soll ja alles waschen, bewässern und heilen, was schmutzig, ausgetrocknet und verwundet ist. Damit setzt sich fort, was auch schon in der zweiten Strophe angedeutet wurde: der Mensch soll alles von Gott erwarten, er wird nicht enttäuscht werden.

6) Durch die abstrakten Bestimmungen der menschlichen Lebensprobleme (schmutzig, ausgetrocknet, krank) kann sich der Beter in ihnen wiederfinden. Einmal mehr wird Gott als jemand verstanden, dem die Menschen und deren Reinheit, Leben und Heilung am Herzen liegen.

Mitschöpfer sind wir,
sind deine Gegenüber;
wie kannst du’s wagen?

PAX

Er-lösung II

Gestern sind mir – wegen meiner Auseinandersetzung mit den Fragen der Erlösung – in der Osternacht beim Exsultet natürlich folgende Stellen besonders aufgefallen:

[…] Er hat für uns beim ewigen Vater Adams Schuld bezahlt
und den Schuldbrief ausgelöscht mit seinem Blut, das er aus Liebe vergossen hat.
Gekommen ist das heilige Osterfest,
an dem das wahre Lamm geschlachtet ward,
dessen Blut die Türen der Gläubigen heiligt
und das Volk bewahrt vor Tod und Verderben.
Dies ist die Nacht,
die unsere Väter, die Söhne Israels,
aus Ägypten befreit
und auf trockenem Pfad durch die Fluten des Roten Meeres geführt hat.
Dies ist die Nacht,
in der die leuchtende Säule
das Dunkel der Sünde vertrieben hat.
Dies ist die Nacht,
die auf der ganzen Erde alle, die an Christus glauben,
scheidet von den Lastern der Welt,
dem Elend der Sünde entreißt,
ins Reich der Gnade heimführt
und einfügt in die heilige Kirche.
Dies ist die selige Nacht,
in der Christus die Ketten des Todes zerbrach
und aus der Tiefe als Sieger emporstieg.
Wahrhaftig, umsonst wären wir geboren,
hätte uns nicht der Erlöser gerettet.
O unfassbare Liebe des Vaters:
Um den Knecht zu erlösen, gabst du den Sohn dahin!
O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam,
du wurdest uns zum Segen,
da Christi Tod dich vernichtet hat.
O glückliche Schuld,
welch großen Erlöser hast du gefunden! […]
Der Glanz dieser heiligen Nacht
nimmt den Frevel hinweg,
reinigt von Schuld,
gibt den Sündern die Unschuld,
den Trauernden Freude.
Weit vertreibt sie den Hass,
sie einigt die Herzen
und beugt die Gewalten. […]

Dreh- und Angelpunkt ist dabei das von Augustinus stammende felix culpa, mit der die Ursünde Adams bezeichnet wird, sich gegen Gott aufgelehnt zu haben, die in Jesus Christus einen großen Erlöser gefunden hat.

Dazu ein paar Gedanken von Michael Wildfeuer: Das ist das Große des Christentums und die Größe der Gnade, die wir uns gar nicht genügend klarmachen können. Durch das Erbarmen Gottes wird die Schuld jetzt Anlass des Glückes. Derjenige, der an der erneuten Liebe Gottes teil hat, hat an einer größeren Gnade teil als die Menschen im Paradies. Warum? Weil Gott seine Huld jetzt nicht einem Unschuldigen zuwendet, wie im Paradies, sondern einem Sünder, einem Ungerechten, einem Verworfenen. Und das ist eine weitaus größere Gnade: Wenn ich mich zu einem stinkenden Bettler hinabneige und diesen an den Königshof hole, dann ist es natürlich viel größere Huld, als wenn ich einen Unbescholtenen einlade. Und das ist die wunderbare Größe des Christentums, die einzigartige Größe. Das gibt es nirgends auf der Welt. Welches Volk, welche Religion könnte die Schuld glücklich preisen? Das ist nirgends möglich, das ist nur im Christentum möglich.

Ja, aus der Perspektive des Menschen ist die Erlösung recht gut verständlich: ohne es verdient zu haben, gibt Gott jedem Menschen immer wieder die Chance zur Umkehr. Trotz seiner übergroßen Schuld ist der Weg zu Gott nicht versperrt. Gott kommt uns auf halbem Weg entgegen, ja, er nimmt uns wie der barmherzige Vater immer wieder auf und vergibt bei ehrlicher Reue.

Aber aus der Perspektive Gottes? Warum brauchte es den Tod Christi am Kreuz? Wäre das nicht – wie Barbara Büchner ausgedrückt hat – ein sadistischer Vater, der den Tod seines Sohnes braucht, um allen Menschen vergeben zu können?

Ich denke, man kann sich von dieser – unchristlichen – Vorstellung befreien, wenn man bedenkt, dass die alttestamentlichen Bilder, die so eine Deutung nahelegen, nur einige unter vielen sind, die von den Autoren des Neuen Testaments herangezogen wurden, um zu beschreiben, was mit dem Mysterium der Erlösung gemeint ist. Auf dieser Seite wird das gut zusammengefasst:
Die Hl. Schrift bedient sich einer ganzen Reihe von meist alttestamentlich inspirierten Bildern, die das Heilsgeschehen des Todes Jesu ausdrücken: „Loskauf aus der Knechtschaft der Sünde“ (vgl. Gal 3, 13), „Rechtfertigung“ (1 Petr 1, 18), Lebenshingabe als „Lösegeld für viele“ (Mk 10, 45; Gal 1, 4), „Sühne für unsere Sünden“ (Röm 3,25) usw.
In die heutige Sprache übersetzt könnte das bedeuten: Jesus geht den Weg nach Golgotha nicht für sich; er geht ihn für uns! Er nimmt uns auf diesem Weg gewissermaßen alle Lasten ab und trägt sie ans Kreuz; diese Lasten sind all das, was uns von Gott trennt. (Quelle)

Die Frage, die bleibt, ist: warum war es notwendig, dass er uns alle Lasten abnimmt? Warum musst der Sohn sterben, um den Weg zum Vater von allen Dingen zu säubern, die uns von Gott trennen?

Vielleicht hilft die Antwort auf die Frage weiter, warum es Reue braucht, damit Vergebung wirksam wird. Gott vergibt uns unsere Sünden. Aber damit diese Vergebung wirken, ihre heilsame Kraft ausbreiten kann, braucht es die Reue des Menschen. Wie könnte er auch sonst die Vergebung annehmen, wenn er nicht einsieht, dass er etwas Falsches getan hat? Insofern sind Gott die Hände gebunden ; durch die Freiheit, die er dem Menschen einräumt, gibt er ihm auch die Möglichkeit, seine Fehler nicht einzusehen. Deswegen ist die Rede von der leeren Hölle etwas zu optimistisch: die Freiheit des Menschen, die er von Gott geschenkt bekommen hat, schließt ja seine absolute Ablehnung jeder eigenen Schuld mit ein, sodass eine selbstverschuldete (!) Gottesferne im Bereich des Möglichen liegt. Das widerspricht nicht der Rede vom Gott der Liebe. Schließlich liegt der Zustand der Hölle (= Gottesferne) am Menschen selbst, der die vorhandene, liebevolle Vergebung Gottes aus Hybris zurückweist.

Es scheinen Gott auch bei der Erlösung des Menschen die Hände gebunden zu sein, sonst hätte er nicht sehenden Auges in Kauf nehmen müssen, dass der Sohn am Kreuz stirbt. Die Vorstellung Gottes als ein sadistischer Vater widerspricht sämtlichen Gottesbildern des Alten und Neuen Testaments.

Die Improperien, die Heilandsklagen des Karfreitags zeigen diese Ohnmacht Gottes angesichts der Freiheit des Menschen (in der Liedform von Markus Fidelis Jäck ein Text, den ich selbst als Kind und Jugendlicher äußerst beeindruckend erlebt habe):

1 O du mein Volk, was tat ich dir?
Betrübt ich dich? Antworte mir!
Ägyptens Joch entriss ich dich,
du legst des Kreuzes Joch auf mich.

2 Ich führte dich durch vierzig Jahr
und reichte dir das Manna dar;
das Land des Segens gab ich dir,
und du gibst mir das Kreuz dafür.

3 Was hab ich nicht für dich getan?
Pflanzt dich als meinen Weinberg an,
und du gibst bittern Essig mir,
durchbohrst des Retters Herz dafür.

4 Ich führte dich durchs Rote Meer,
und du durchbohrst mich mit dem Speer.
Der Heiden Macht entriss ich dich,
du übergabst den Heiden mich.

5 Ich nährte in der Wüste dich,
und du, du lässt verschmachten mich;
gab dir den Lebensquell zum Trank,
und du gibst Galle mir zum Dank.

6 Ich schlug den Feind, gab dir sein Land;
und grausam schlägt mich deine Hand.
Das Königszepter gab ich dir,
du gibst die Dornenkrone mir.

7 Ich gab dir Gnaden ohne Zahl;
du schlägst mich an des Kreuzes Pfahl.
O du mein Volk, was tat ich dir?
Betrübt ich dich? Antworte mir!

Kein Wort darüber, dass der Vater von Anfang an vorgehabt habt, den Sohn grausam am Kreuz sterben zu sehen, sondern die Rede von einem ohnmächtigen Gott, der zusehen muss, wie sein Sohn gemartert wird, obwohl er den Menschen schon überreiche Gnade zuerkannt hat.

Dieses uralte Lied zeigt finde ich am besten, wie man das verstehen kann, was Jesus am Kreuz erleidet und wie Gott dazu steht. Er gibt den Menschen die Freiheit zu handeln, zu reden und zu denken, was sie für richtig halten; die Freiheit, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden. UND er macht aus ihren bösen Taten Gutes, das ist seine Allmacht. Seine Allmacht ist also nicht darin begründet, dass er die Menschen von bösen Taten abhalten kann, sonst wären sie ja nicht frei (und nicht verantwortlich für ihre Taten), ABER sie liegt darin, dass er noch größeres Gutes aus dem machen kann, was die Menschen verbockt haben: er schreibt „auf schiefen Linien“ gerade, wie der Volksmund sagt.

Deswegen ist ja auch Judas zu verdammen. Er hat nicht Gottes Plan gedient, indem er seinen Meister verraten hat, sondern er hat einen Freund verraten und damit große Schuld auf sich geladen. Dass der Vater aus diesem Verrat dann umso viel Besseres geschaffen hat, nämlich seinen Sohn auferweckt und uns erlöst hat, ist nicht Verdienst des Judas, sondern Verdienst der Liebe Gottes.

Zusammengefasst: Die Menschen haben in ihrer Freiheit den Sohn Gottes umgebracht, obwohl er ohne Makel war. Und weil sich in diesem Sohn Gott untrennbar mit allen Menschen verbunden hat, ist sein Tod mehr: in Jesus werden alle Menschen mitgekreuzigt (vgl. Gal 2,19f)), seine übergroße Liebe für alle Menschen, die ohne Wort des Widerstandes (vgl. Jes 53,7)) zum Tod führt, kann den großen Mangel aller Sünden ausgleichen. Das ist wohl mit dem „für uns“ gemeint: eine kosmische Erschütterung der Macht der Liebe, eine übermenschliche Ansammlung von Liebe, die allen Menschen zugutekommt. Gott Vater erweckt seinen Sohn zum Leben – und schafft damit die Grundlag für unsere existentielle christliche Hoffnung.

Soweit meine Überlegungen zum heutigen Ostersonntag!

Berichtigungen und Anfragen erwünscht!

PAX ET BONUM

Jesu verrückte Optik

Bei der weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema Jesus als Don Quijote bin ich auf dieses Gebet aus der Zisterzienserinnen-Abtei Mariastern-Gwiggen in Vorarlberg gestoßen:

Jesus, dein Blick ruht auf mir.
Dein Blick durchdringt sanft
die Oberfläche meines Inneren.
Dein Blick erkennt mein Allertiefstes –
das Gute, das Wahre, das Schöne,
das der
Vater
in mir grundgelegt hat.
Was dein Blick liebevoll berührt,
wird heil, wird ganz und ganz lebendig.
Dein Blick erweckt
zu neuem Leben
mich….
Hilf mir lebendig sein und wach
und frohen Herzens dankbar!

Im Gespräch mit einigen Kollegen haben wir dem Blick Jesu nachgespürt, ausgehend von dem alles verändernden Blick des Don Quijote für Aldonza. In der Szene, in der Don Quijote Aldonza das erste Mal sieht, erkennt man schon seine Verrückt-heit, seinen vollkommen verqueren Zugang zur Realität, für den er von den anderen verlacht wird, der es aber fertig bringt, Aldonza für immer aus ihrem Selbsthass zu befreien: weil Don Quijote sie wir eine Dame behandelt, wird sie in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt, sie gibt sich nicht mehr mit ihrem Dasein zufrieden, sondern ändert ihr Leben.

Einige Bibelstellen beziehen sich ebenso ausdrücklich auf den Blick Jesu:
Lk 22,60-62: Petrus aber sprach: Mensch, ich weiß nicht, was du sagst. Und alsbald, während er noch redete, krähte der Hahn. Und der Herr wandte sich und sah Petrus an. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich. Jesus sieht Petrus mitten ins Herz, er sieht den Verrat seines Freundes und macht demselben bewusst, was er gerade getan hat.

Es geht in diesem Blick also um mehr als bloße Überfreundlichkeit nach dem Motto „Wenn wir alle nett behandeln, werden sie auch nett“, sondern dieser Blick auf die Mitmenschen soll die Wahrheit über dieselben bewusst machen. Aldonzas Heilung gelingt ja auch nicht dadurch, dass Don Quijote sich eine nicht-existente Dulcinea eingebildet, in die sie sich dann hineinentwickelt. Der Blick des Don Quijote hilft Aldonza vielmehr, alle Masken und Schichten abzulegen, mit denen sie sich umgeben hat aufgrund ihrer bisherigen Lebenserfahrungen, er hilft ihr zu erkennen, dass sie eigentlich Dulcinea ist und sich Aldonza nur erschaffen hat, um in einer grausamen Welt überleben zu können. Der Blick Jesu macht Petrus deutlich, wie sein aktuelles Verhalten im Widerspruch steht zu dem, was er vor einiger Zeit noch versprochen hat. Auch dieser Blick ist also der Wahrheit verpflichtet und er heilt: Petrus kann ehrlich seinen Verrat bereuen und er wird ein glühender Zeuge des Evangeliums von der Auferstehung Jesu werden.

Bei der Diskussion um die rechte Nachfolge wird bei Markus der Satz Jesu überliefert: Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach! (Mk 10,21)

Ich denke die Verbindung von Jesu Blick mit seiner Liebe ist charakteristisch für ihn: er sieht die Menschen voll Liebe an, weil er sie mit Gottes Augen sieht. Damit verrückt er unser gesamtes eingefahrenes Weltbild der Vorurteile, Eifersüchteleien und der gegenseitigen Marginalisierung.

Dostojewsky soll gesagt haben: „Einen Menschen lieben heißt, ihn so zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat“. Besser kann man den Kern dieser Überlegungen nicht zusammenfassen.

Zu diesem liebenden Blick sind wir als Christen berufen. Er kann die Welt verändern.

PAX

Die Dinge singen hör ich so gern

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Dieses Gedicht ist für mich das schönste von Rainer Maria Rilke. Es ist nicht nur charakteristisch für seine Sprachskepsis, sondern auch für seinen Glauben an den Schöpfer aller Dinge.

Ich möchte zunächst anknüpfen an die Überlegungen zum Thema „Gott und Sprache„. Kern derselben war ja, an welche Schwierigkeiten man stößt, wenn man religiöse Erfahrungen bzw. Glaubensgewissheiten sprachlich ausdrücken möchte bzw. ob man ohne sprachliche Vorbildung religiöse Erfahrungen fruchtbar für sein Leben machen kann. Rilke bringt noch weitere Aspekte zu den schon Ausgeführten hinzu:
1) „Sie sprechen alles so deutlich aus“ – die Kategorisierungen der Sprache schubladisieren Erfahrungen bzw. Dinge
2) „kein Berg ist ihnen mehr wunderbar“ – der Mensch entzaubert durch seine Sprache die natürlichen Erscheinungen, sie werden beschreibbare Objekte in seinen Augen. Das Wunder der Schöpfung wird damit nicht mehr wahrnehmbar.
3) „ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott“ – der Mensch erhebt sich kraft seiner Sprache in die Höhe Gottes
4) „Ihr bringt mir alle die Dinge um“ – durch das sprachliche Kategorisieren der natürlichen Erscheinungen wird die Schöpfung ermordet, sie wird stumm gemacht, ihr „Singen“ wird verunmöglicht.

Hinter diesem Gedicht steckt eine sehr schöne, theologisch fruchtbare Konzeption der Schöpfung Gottes, die durchaus auch an die biblische Erzählung der Genesis anknüpft:
Gen 2,19-20: Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen. Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes.

Gott überlässt einen Teil seiner Macht dem Menschen, indem er ihm die Benennung der Tiere überlässt. Gibt man jemandem oder etwas einen Namen, dann steht man eine Stufe darüber, man engt es in gewisser Weise ein, man hat Macht. Rilkes Angst, die sich in diesem Gedicht ausdrückt, liegt darin begründet, dass er den Menschen als machtbesessen einstuft: der Mensch setzt seine sprachlichen Fähigkeiten nicht dazu ein, die Schöpfung zu bewahren (wie das eigentlich von Gott gedacht war), sondern sie zu unterwerfen, ihr ihre Seele zu rauben, ihr ihre Fähigkeit zu nehmen, zum Lobe Gottes zu singen (vgl. Psalm 104). Natürlich erinnert die Verszeile „Ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott“ auch an die Turmbau-Geschichte, die ja auch von der Einsicht zeugt, dass der Mensch mit der Versuchung leben müsse, sich selbst allzu wichtig zu nehmen und sich für Gott zu halten.

Und ist es nicht tatsächlich so, dass der Mensch durch seine kognitiven, sprachlichen Fähigkeiten an die Grenzen Gottes anklopft? Beziehen wir die naturwissenschaftliche Forschung auf die eben besprochenen Texte, so wird nicht nur deutlicher, was Rilke meint, wenn er von der Entzauberung der Schöpfung spricht, sondern auch von der Hybris des Menschen, sich für Gott selbst zu halten. Die Natur ist nicht mehr Schöpfung Gottes, sondern eine Ansammlung wissenschaftlich beschreibbarer Objekte, die fein säuberlich kategorisiert und beschrieben werden können. Sie ist nicht mehr Wunder der Liebe Gottes, sondern kalte Materie, derer sich der Mensch bedient, um seine Ziele zu erreichen.

In Wahrheit aber – so drückt es Rilke gemeinsam mit der Bibel aus – soll die gesamte Schöpfung „singen“, jedes einzelne „Ding“ soll zum Lobe Gottes sein ganz persönliches Lied singen und damit einstimmen in den Chor aller geschaffenen Dinge. Aufgabe des Menschen ist es, ebenfalls sein Lied zu singen, seinen Teil dazu beizutragen, dass Gottes Lob in angemessener Weise zur Sprache kommt, nicht die geschaffenen Dinge für seine eigenen Zwecke zu missbrauchen.

Für mich ergeben sich aus diesen Überlegungen folgende Konsequenzen:

1) Der Naturwissenschaft ist von Gott eine natürliche Grenze gesetzt worden: dort, wo sie Aussagen über den Sinn der geschaffenen Dinge machen möchte, hat sie keine wissenschaftliche Methode mehr. Der Sinn der Schöpfung – nämlich Gottes Lob zu singen – ist naturwissenschaftlich nicht ableitbar und somit außerhalb der entsprechenden Methode. Man möchte angesichts dieser Erkenntnis mit Rilke sagen: Gottseidank! Denn alles, was der Mensch sprachlich (=wissenschaftlich) beschreibt, verliert ganz offensichtlich an spiritueller Kraft.
2) Es ist Aufgabe von uns Christen in einer wissenschaftsgläubigen Zeit wie unserer, diese Zusammenhänge aufzuzeigen. Dazu muss man kein gläubiges Gegenüber voraussetzen. Ein redlicher Wissenschaftler wird von sich aus einsehen müssen, dass er keine wissenschaftliche Methode hat, die den Sinn bzw. die genaue Funktion der Schöpfung aussagt. Wo Wissenschaftler von einer Gewissheit reden, alles wäre Zufall oder es gäbe keinen Schöpfer-Gott, verlassen sie ihr Fachgebiet.
3) Die Sprachskepsis Rilkes hat auch meine Überlegungen insforn bereichert, als dass ich sehr vorsichtig geworden bin, Dinge, Menschen, Situationen zu beurteilen, also quasi zu kategorisieren, weil ich ihnen damit ihre Fähigkeit genommen habe, zu „singen“, d.h. ihr Eigenes, Unverwechselbares mitzuteilen. Jesus sagt ja auch: Richtet nicht, damit ihr nicht selbst gerichtet werdet (Mt 7,1).
4) Frage für diese Fastenzeit könnte daher sein: Wie kann ich selbst die Schöpfung zum Singen bringen, welche Möglichkeiten habe ich in meinem Umfeld, einzustimmen in das große Lob Gottes, in das Stimmengewirr dieses Chors, der ohne Unterlass sein Lob preist?

PAX

Nähe in Pixeln

Das schon besprochene Fastentuch des Stephansdoms ist aber auch auf eine andere Art und Weise interessant. Je näher man kommt, umso mehr verschwimmen die Farbflächen und umso unübersichtlicher wird die Angelegenheit. Was ich letztes Mal als Manko beschrieben habe, also als fehlender Überblick und Verbohrt-Sein in seine eigene, beschränkte Sicht der Dinge, kann auch anders verstanden werden: wenn wir die Bilder, die uns die Bibel überliefert, genauer betrachten, verschwimmt ihre Eindeutigkeit.

Es ist schon viel geschrieben worden über die Widersprüche in der Bibel, besonders im Neuen Testament in Bezug auf die vier Evangelien. Religionskritiker nehmen dieselben sogar zum Anlass, die Authentizität der Bibel grosso modo zu bezweifeln. Theologen bemühen dann oft die Parabel von den Blinden, die verschiedene Körperteile eines Elefanten berühren und deswegen jeweils vollkommen konträre Vorstellungen von der Gestalt des Tieres haben. Im Zusammenhang mit Religionen hilft diese Parabel aber nicht weiter: wird doch damit die Gleichgültigkeit jeder Religiosität behauptet – und zwar in sämtlichen Wortbedeutungen. Negiert man den Wahrheitsanspruch der Religionen, ist man dabei, sie abzuschaffen, gleichgültig, bedeutungslos zu machen.

Bezogen auf unser Fastentuch kann man sagen, dass die Bibel allgemein in ihren widersprüchlichen Botschaften über Gott ganz Nahe an das Mysterium heranreicht, das wir Christen Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist nennen. Je näher wir Gott kommen, umso verschwommener wird das Bild, umso widersprüchlicher die Wahrnehmungen, umso undeutlicher die Erfahrungen. Das haben die Mystiker aller Religionen erfahren: Je mehr wir uns Ihm annähern, umso geheimnisvoller wird Er selbst, umso mehr entzieht Er sich unserer Erfahrung. So wie ein Wort, das eigenartig und fremd wird, wenn wir es 20 Mal aussprechen. Wie ein Stück Baumrinde, das bei näherer Betrachtung ein eigenes Universum ineinander verschlungener Adern und Ebenen darstellt. Wie unser eigener Geist in seiner Vielschichtigkeit und Unergründlichkeit.

Und wo ist die Widersprüchlichkeit des christlichen Gottesbildes augenfälliger als am Kreuz? Der allmächtige, ewige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, lässt sich kreuzigen, erleidet einen qualvollen Märtyrertod für unbedeutende Menschen? In diesem Zusammenhang sagt Paulus in 1 Kor 1,23f: Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

Dieses Geheimnis des Glaubens, das wir in jeder Messe feiern, diese coincidentia oppositorum des Nikolaus Cusanus, dieses Überschreiten der Rationalität – all das wird erfahrbar, wenn wir uns diesem Fastentuch annähern. Es ist dasselbe Bild, das wir sehen, aber es entzieht sich – wie Gott – einer näheren Betrachtung.

Was für eine bereichernde Erfahrung in dieser Fastenzeit!

PAX