Nähe in Pixeln

Das schon besprochene Fastentuch des Stephansdoms ist aber auch auf eine andere Art und Weise interessant. Je näher man kommt, umso mehr verschwimmen die Farbflächen und umso unübersichtlicher wird die Angelegenheit. Was ich letztes Mal als Manko beschrieben habe, also als fehlender Überblick und Verbohrt-Sein in seine eigene, beschränkte Sicht der Dinge, kann auch anders verstanden werden: wenn wir die Bilder, die uns die Bibel überliefert, genauer betrachten, verschwimmt ihre Eindeutigkeit.

Es ist schon viel geschrieben worden über die Widersprüche in der Bibel, besonders im Neuen Testament in Bezug auf die vier Evangelien. Religionskritiker nehmen dieselben sogar zum Anlass, die Authentizität der Bibel grosso modo zu bezweifeln. Theologen bemühen dann oft die Parabel von den Blinden, die verschiedene Körperteile eines Elefanten berühren und deswegen jeweils vollkommen konträre Vorstellungen von der Gestalt des Tieres haben. Im Zusammenhang mit Religionen hilft diese Parabel aber nicht weiter: wird doch damit die Gleichgültigkeit jeder Religiosität behauptet – und zwar in sämtlichen Wortbedeutungen. Negiert man den Wahrheitsanspruch der Religionen, ist man dabei, sie abzuschaffen, gleichgültig, bedeutungslos zu machen.

Bezogen auf unser Fastentuch kann man sagen, dass die Bibel allgemein in ihren widersprüchlichen Botschaften über Gott ganz Nahe an das Mysterium heranreicht, das wir Christen Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist nennen. Je näher wir Gott kommen, umso verschwommener wird das Bild, umso widersprüchlicher die Wahrnehmungen, umso undeutlicher die Erfahrungen. Das haben die Mystiker aller Religionen erfahren: Je mehr wir uns Ihm annähern, umso geheimnisvoller wird Er selbst, umso mehr entzieht Er sich unserer Erfahrung. So wie ein Wort, das eigenartig und fremd wird, wenn wir es 20 Mal aussprechen. Wie ein Stück Baumrinde, das bei näherer Betrachtung ein eigenes Universum ineinander verschlungener Adern und Ebenen darstellt. Wie unser eigener Geist in seiner Vielschichtigkeit und Unergründlichkeit.

Und wo ist die Widersprüchlichkeit des christlichen Gottesbildes augenfälliger als am Kreuz? Der allmächtige, ewige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, lässt sich kreuzigen, erleidet einen qualvollen Märtyrertod für unbedeutende Menschen? In diesem Zusammenhang sagt Paulus in 1 Kor 1,23f: Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

Dieses Geheimnis des Glaubens, das wir in jeder Messe feiern, diese coincidentia oppositorum des Nikolaus Cusanus, dieses Überschreiten der Rationalität – all das wird erfahrbar, wenn wir uns diesem Fastentuch annähern. Es ist dasselbe Bild, das wir sehen, aber es entzieht sich – wie Gott – einer näheren Betrachtung.

Was für eine bereichernde Erfahrung in dieser Fastenzeit!

PAX

Distanz in Pixeln

Der Künstler Peter Baldinger hat ein Fastentuch gestaltet, das den Hochaltar des Stephansdoms verhüllt. Es zeugt von der fruchtbaren Beziehung zwischen Religion und Kunst, die auch im 21. Jahrhundert noch besteht und es wert ist, ausgebaut zu werden. Das Fastentuch spielt mit Distanz und Nähe. Die seit einem Jahrtausend in katholischen Gotteshäusern gepflegte Tradition, Kreuze in der Fastenzeit zu verhüllen, soll ja ein Augenfasten ermöglichen und so den Gläubigen vor Augen führen, welche unverzichtbare Bedeutung die religiösen Bilder, vor allem das Kreuz, für den christlichen Glauben haben.

Blickt man das Fastentuch nun von der Ferne an, so erscheint eine Kreuzigungsgruppe, die das übliche Repertoire einer solchen Szene aufweist. Und tatsächlich hat der Künstler eine Kreuzigungsdarstellung von José de Ribera (um 1620) am Computer in 651 bunten Kästchen, Pixel-Punkten, aufgelöst. Der Effekt dieser Bearbeitung ist überwältigend: je näher man dem Bild kommt, umso unschäfer wird die Szene, umso schwerer ist es, den Gesamtzusammenhang wahrzunehmen, die einzelnen Pixel in ihrer Funktion im Gesamtbild auszumachen.

Es ist auch in religiösen Fragen oft die Distanz, der große Überblick, der dem Betrachter die Wahrheit zu einem Thema offenbart. Ist man zu nahe an eine Fragestellung herangetreten, vermag man keinen Überblick herzustellen, verbleibt man verbohrt und kleingeistig. Die veröffentlichte Meinung in den Medien des 21. Jahrhunderts zu kirchenpolitischen Fragen fällt mir hier ein: da wird auf Einzelfragen gestarrt: Frauenpriestertum, Verhütung, Zölibat… Den Luxus, zurückzutreten und das Gesamtbild der Kirche wahrzunehmen, leistet man sich nicht, zu verlockend sind die Schlagzeilen und die erwartbaren Reaktionen von Kirchenvertretern zu diesen Fragen. Haben auf der anderen Seite die Kirchenkritiker von Pfarrer Schüller abwärts auch das Gesamtbild der Kirche vor Augen, wenn sie spezifisch österreichische Schwierigkeiten der Kirche ansprechen (die es sehr wohl gibt)? Manchmal hat man den Eindruck, auch diesen ist die Gesamtsicht auf das Wesentliche der Kirche, nämlich eine Begegnung mit dem Gekreuzigten herzustellen, abhandengekommen.

Aber ich selbst nehme mich hier nicht aus: ist es mir selbst doch auch oft so gegangen, dass ich nur meine Sicht der Dinge, meine Probleme mit der Kirche wahrgenommen habe, ohne das Gesamtbild in Betracht zu ziehen. Zentrum der Kirche ist der Gekreuzigte und Auferstandene, nicht meine Befindlichkeiten, meine Gefühle oder meine Probleme mit der Institution.

Es ist dem scheidenden Papst zu verdanken, dass sich die Kirche unter seiner Führung näher mit diesem Kern des Christlich-Seins auseinandergesetzt hat: seine beiden Enzykliken zu Liebe und Hoffnung sind programmatische Zusammenfassungen des Kerns der christlichen Botschaft. Schade, dass es die Enzyklika zum Glauben nicht mehr geben wird! Auch seine drei Jesus-Bücher haben nur den einen Zweck: zu einer Vertiefung des Glaubens beizutragen, den Kern des Christlich-Seins zu sichern, der darin besteht, mit dem gekreuzigten und auferstandenen Sohn Gottes in Verbindung zu treten, sich von ihm verwandeln und heilen zu lassen und in seine Nachfolge zu treten.

Insofern passt dieses Fastentuch ausgezeichnet ins „Jahr des Glaubens“!

PAX