Widersprüchliche Widersprüche

Alois Prinz hat in seinem sehr lesenswerten Sammelband „Rebellische Söhne“ die Lebensbilder verschiedenster Vater-Sohn-Beziehungen geschildert, zum Beispiel Franz von Assisi, Martin Luther, Hermann Hesse und Thomas Mann betreffend. Dabei ist natürlich der Widerspruch des Sohnes gegen den Vater von entscheidender Bedeutung, ist dieser doch eine natürliche Methode, sich von demselben abzugrenzen und eine eigene Identität zu entwickeln.

Für mich besonders erhellend war es, die Lebensbilder von Franz von Assisi und Bernward Vesper zu vergleichen.

Zunächst soll es um Franz von Assisi gehen, der in seinem Widerspruch gegen den Vater nicht nur denselben als Person, sondern auch dessen Lebensweise abgelehnt hat. Diese Ablehnung hat ihm der Vater nie verziehen. Und sie ist auch aus der heutigen Perspektive schwer auszuhalten: dieser Vater, der alles für seinen verzogenen Sohn unternimmt, ihn für teures Geld zum Krieg-Spielen ausstattet, sich nachsichtig zeigt gegenüber seinen Eskapaden … und der Dank dafür: eine öffentliche Demütigung auf dem Marktplatz von Assisi, sehr schön dargestellt durch Giotto in der Oberkirche des dem Heiligen geweihten Sanktuariums. Sie werden nie wieder eine liebevolle Vater-Sohn-Beziehung führen. Dem Heiligen gelingt es aber dennoch, sich – zumindest aus seiner Perspektive – mit seinem Vater zu versöhnen.

Es wird von Alois Prinz die Episode (nach-)erzählt, dass Franz einige Zeit nach seiner Lossagung vom Vater denselben auf einer Straße in Assisi getroffen habe, worauf der Vater sofort begonnen habe, ihn zu beschimpfen. Franz habe nicht zurückgeschimpft, sondern einen Passanten gefragt, ob dieser für eine Zeit sein Vater sein wolle und diesen statt seines Vaters gesegnet; ein Segen, den sein Vater nicht hätte annehmen können. Franz hat es also fertiggebracht – und man kann das getrost als übermenschliche Leistung bewundern -, sich nicht in einen Teufelskreis der gegenseitigen Ablehnung, des destruktiven Hasses hineinziehen zu lassen.

Dem gegenüber steht der Autor Bernward Vesper, dessen Vater der völkische Dichter Will Vesper gewesen ist. Unter dieser Vergangenheit (und sicher auch Gegenwart) des Vaters massiv leidend, grenzt sich der Sohn – inzwischen ebenfalls Schriftsteller geworden – massiv von seinem Vater ab: er wendet sich der linksextremen Szene zu und arbeitet sich besonders in seinem unvollendet gebliebenen Romanessay „Die Reise“ ab an der Person seines Vaters. Ungefähr 10 Jahre nach dessen Tod nimmt sich Bernward Vesper 1971 das Leben.

Alois Prinz stellt nun Mutmaßungen an über die Motive für diesen Selbstmord und gelangt zu einer Erkenntnis, die mich sehr nachdenklich gemacht hat: Indem Bernward Vesper seinen Vater in Bausch und Bogen, mit Haut und Haaren, mit Zähnen und Klauen abgelehnt hat, ihn bekämpft und gehasst hat, hat er sich selbst gehasst, bekämpft, abgelehnt. Unsere Eltern sind ein Teil von uns: hassen wir sie, hassen wir auch uns. Franz von Assisi hat es geschafft, die Enttäuschung des Vaters durch ein Mehr an Liebe zu versöhnen (auch wenn der Vater diese Versöhnung nie annehmen konnte); an Bernward Vesper sieht man jedoch, wohin dieser Hass auch führen kann – zur Selbstvernichtung.

Damit offenbart sich meines Erachtens eine Einsicht in die Widersprüchlichkeit der Widersprüche, die auch zahlreiche moderne Erscheinungen unserer Gesellschaft betrifft.

Alfred Polgar zum Beispiel resümiert in einem 1919 entstandenen Essay über die damals modernen Dadaisten: Es war erschreckend langweilig. Wenn man ihnen das aber sagte, würden sie antworten: Eben; wir sind gegen „Unterhaltung“. Und wenn man ihnen sagte: Aber warum so gottserbärmlich geistlos gegen Unterhaltung?, würden sie antworten: Eben; wir sind gegen „Geist“. Und wenn man ihnen sagte: Aber warum so jammervoll witzarm in der Verneinung des Geistes?, würden sie antworten: Eben; wir sind gegen „Witz“. Man hat’s nicht leicht mit ihnen. Denn dies ist, scheint es, ein Wesentliches des Dadaismus: er ist gegen. Was immer in die Schusslinie dieses Gegen kommt, wird Zielobjekt und angeknallt. Dem Erlegten ziehen sie die Haut ab und treiben Schindluder mit dem armen Fell und verarbeiten es zu Dada. Und als höherer Sinn der Welt offenbart sich ihre tiefe Sinnlosigkeit. Oder auch umgekehrt. (Es muss hier natürlich hinzugefügt werden, dass der Dadaismus als zeitlich begrenzte Protestbewegung verstanden werden wollte.)

Es reicht aber nicht, „gegen“ zu sein. Wenn man seine Existenz darauf aufbaut, „gegen“ zu sein, verliert man dieselbe. Welche Existenz bleibt noch übrig? Man ist ja vollkommen abhängig von dem, wogegen man ist. Man verschreibt sich mit Haut und Haaren diesem anderen, gegen das man (angeblich) ist, das aber das eigene Leben so sehr beherrscht, dass die eigene Existenzberechtigung sich darauf bezieht: ist man nicht gegen, ist man nicht.

Diese Widersprüchlichkeit des Widerspruchs wird mir auch immer dann bewusst, wenn von „Anti-Faschisten“ (Antifa) die Rede ist. Was für ein Paradoxon! Wie kann ich fast schon hysterisch alles ablehnen, was (angeblich) „faschistisch“ ist und dennoch das von mir so gehasste Prinzip in meinem eigenen Namen tragen; ja wie kann ich dasselbe zur eigenen Existenzberechtigung erheben? Vollkommen abhängig von diesem gehassten Prinzip, bestimmt dasselbe mein Dasein. Fällt es weg, existiere ich selbst nicht mehr. Deswegen wird von dieser Geisteshaltung auch an jeder Ecke „Faschistisches“ entdeckt.

Auch auf das Prinzip „Atheismus“ sind diese Überlegungen anwendbar, wenn derselbe darin besteht, in religiösem Eifer und mit missionarischem Impetus alles Religiöse und Theistische der Welt zu marginalisieren und als Krankheit darzustellen, wie das einige Personen in Österreich betreiben, die hinter dem letzten Volksbegehren gegen so genannte Kirchenprivilegien gestanden haben.

Diese so genannten Atheisten sind vom Theismus viel abhängiger als so mancher Religiöser. Würde er nicht mehr existieren, würden sie ihre Existenzberechtigung verlieren. Hingegen kommen umgekehrt die Theisten hervorragend ohne diejenigen aus, die sich als Atheisten bezeichnen. Das Gegen ist also von dem abhängig, wogegen es ist. Nicht umgekehrt.

Damit zeigt sich die Widersprüchlichkeit von Weltanschauungen, die ihre Daseinsberechtigung von einem Gegen herleiten. Sie führt uns zum Begriffspaar Liebe – Hass, das ähnlich gelagert ist: ein Leben, das auf (destruktivem) Hass aufgebaut ist, kann nicht gelingen (siehe Bernward Vesper), die (konstruktive) Liebe ist es, die uns am Leben erhält und uns glücklich macht.

PAX

Advertisements

Was ist vom neuen Papst zu erwarten?

Im Rahmen der Initiative „Jahr des Glaubens“ anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums des Zweiten Vatikanischen Konzils gibt es auf FragdenKardinal die Möglichkeit, Kardinal Schönborn eine Frage zu stellen. Auch ich habe das mit einer meiner Klassen getan. Hier findet sich die Antwort von Kardinal Schönborn:

Ist der Papst zu bescheiden?

Im Blogger-Wald rauscht es gehörig nach den ersten paar Tagen des neuen Papstes. Mancherorts wird scharfe Kritik laut, dass der neue Papst zu bescheiden wäre.
Die Kernfrage wurde von sophophilo auf seinem Blog folgendermaßen ausformuliert:
Ist es Demut, wenn Papst Franziskus Amtsspezifika und dergleichen (sogar das PP bei der Unterschrift!) ablehnt und ablegt um, dem Beispiel des Poverello folgend, Jesus nachzueifern? Oder ist es nicht vielmehr Demut, alles das, was mit einem Amt einhergeht, demütig anzunehmen, auch wenn es dem eigenen Empfinden nicht entspricht (wie es Benedikt XVI. tat)?

In diesem Presse-Artikel werden Kritiker des Papstes zitiert, die bei ihm eine „militante“ Demut ausmachen. Der Papst sei ein idealistischer Armutsapostel der Siebzigerjahre; er pflege eine militante Demut, die sich aber als demütigend für die Kirche erweisen könnte. Es wird ihm dabei vor allem vorgeworfen, dass er nicht verstanden habe, dass Demut darin bestehe, sich den Äußerlichkeiten des päpstlichen Amtes zu unterwerfen (inklusive der roten Schuhe) und dass es arrogant sei, dieselben zurückzuweisen.

Das ist ein Gedanke, der mich nachdenklich gemacht hat. Gibt es so etwas wie arrogante Demut? Ist es notwendig und ein Zeichen von richtig verstandener Demut, wenn man sich den tradierten Gegebenheiten eines Amtes beugt?

Einerseits gebe ich Alipius recht, wenn er in seinen Klosterneuburger Marginalien meint: Man sollte sich hüten, einfach davon auszugehen, daß der Heilige Vater bei allem, was er sagt oder tut (oder nicht tut) einfach nur denkt ‚Guckt mal, meine tolle Demut!‘ Es ist unmöglich, als Papst irgendetwas zu tun, zu sagen oder zu unterlassen, ohne dass tausende „Experten“ kommentieren, einordnen, kritisieren.

Außerdem ist die von Franziskus gezeigte Demut selbst von Österreich aus authentisch.

Nachdem die Päpste die Sedia Gestatoria nicht mehr verwenden und die Tiara im Museum verstaubt, wird es vielleicht Zeit dafür, sich ein bescheideneres Äußeres zuzulegen: kein Hermelinmantel, keine roten Schuhe, keine goldbestickte Stola, keinen goldenen Ring. Diese Gesten haben – trotz der an sich Gott-losen Medienöffentlichkeit – große Wirkung gezeigt. Es steht der Kirche gut an, sich bescheidener zu geben, in Liebe und Verständnis für das Christentum zu werben und den monarchischen Pomp abzulegen. So weit so gut.

Dennoch wird dem neuen Papst auch Schlimmeres vorgeworfen: nämlich, dass er die Liturgie verfälschen würde. Bezieht sich der eine – leicht zu entkräftende – Vorwurf auf Äußerlichkeiten, die auch abgelegt werden können, trifft der andere natürlich tiefer, genauer gesagt den Kern des Christ-Seins. Unter Benedikt XVI. wurden liturgische Ungenauigkeiten noch richtiggehend verfolgt (und auch von Österreich aus regelmäßg nach Rom gemeldet), der neue Papst hat als Bischof selbst solche Abänderungen der Liturgie zu verantworten gehabt. Verständlicherweise fühlen sich nun die liturgischen Puristen verraten.

Für mich selbst hat die Liturgie einen hohen Stellenwert und es ist nicht einzusehen, dass sie freihändig verändert werden kann. Vor allem im Hinblick auf die Zielgruppe der Jugendlichen hat sich gezeigt, dass eine zu große Anbiederung an diese Generation zwei Dinge verursacht: entweder ein Sich-Abwenden wegen dieser Anbiederung oder eine einmalige positive Liturgieerfahrung, die aber nicht nachhaltig ist. Schließlich ist nicht jeden Sonntag ein find-fight-follow-Gottesdienst, eine Gospelmesse oder ein Jugendgottesdienst zu feiern. Es mag vielleicht manchmal mühsam sein (besonders wenn man es mit so anspruchsvollen Gläubigen wie Jugendlichen zu tun hat), aber ein Einüben in die uralten liturgischen Gesten, Worte und Strukturen kann man keinem Christen ersparen, was natürlich keiner liturgischen Magie das Wort reden soll, also der Annahme, es reiche, dass die Liturgie korrekt vollzogen werde, damit das Sakrament wirke.

Es wird sich zeigen, welche Akzente der neue Papst liturgisch setzen wird.

Abschließend sei noch die Frage gestellt, ob ein gläubiger Katholik den Papst kritisieren darf. Ich denke, solange diese Kritik in einer wohlwollenden, liebevollen Sprache verfasst ist, ist der Papst ein christlicher Bruder wie jeder andere auch. Als unfehlbar gilt er ja nur, wenn er ex cathedra spricht.

PAX

Ein neuer Franziskus

Dass sich dieser Papst den Namen Franziskus gegeben hat, hat mich sehr berührt. Ich selbst bin vor zwei Jahren das erste Mal in Assisi gewesen und habe dort eine Spiritualität erfahren, die mir sonst noch nicht zugänglich war, ein tiefes Verständnis der Liebe Gottes. Der Heilige war an jeder Ecke präsent, seine großartige Verehrung von Gottes Schöpfung und sein unvergleichliches Beispiel waren mir Inspiration und Vorbild.

Vieles wurde schon geschrieben darüber, was man sich von einem Papst mit diesem Namen erwartet: Bescheidenheit, ökologisches Bewusstsein, Reformen, … Diese Hoffungnen sind natürlich zutiefst menschlich, stellen aber mehrheitlich eigene Wünsche der Wünschenden dar, die sie auf den Papst projizieren.

Ich habe heute folgendes Bild gesehen, das mir gut gefallen hat.
drei-paepste
Es wird Johannes Paul II. mit dem Thema „Hoffnung“, Spes, assoziiert, Benedikt XVI. mit „Glaube“, Fides, und Franziskus mit „Liebe“, Caritas. Insofern wird der neue Papst natürlich darauf aufbauen, was seine Vorgänger geschaffen haben, andererseits wird er das Papsttum weiterentwickeln und die Kirche weiterbringen auf ihrem Weg der Liebe. Und er wird nach der Vertiefung der Hoffnung durch Johannes Paul II., nach der Vertiefung des Glaubens durch Benedikt XVI. wohl unser Verständnis dessen vertiefen , was man unter christliche Nächstenliebe, Caritas, zu verstehen hat: mit seinem Leben, seinem Beispiel und seinen Taten wie es Franz von Assisi getan hat.

Wollen wir beten dafür, dass ihn der Herr in seinem wichtigen Amt stets behüte und begleite.

PAX