Der Mensch Adam

Albrecht Dürer: Adam, 1507

Schlussfolgerungen aus dem letzten Beitrag bezogen auf die Diskussion rund um die Geschichtlichkeit des Sündenfalls:

1) Benedikt XVI. formuliert in seinem Buch „Gottes Projekt“ auf Seite 86 unter der Überschrift „Was heißt Erbsünde“ (Link) folgendermaßen: In dem Genesisbericht, den wir dabei bedenken, kommt zu dieser Wesensbeschreibung der Sünde [Sünde = Zurückweisung der eigenen Geschöpflichkeit] aber noch ein weiterer Grundzug hinzu. Zunächst also ist dies sozusagen eine Art Phänomenologie der Sünde im Spiegel dieser ganz bestimmten Versuchung, für die die Schlange steht, durch die hindurch das Wesen von Versuchung und Sünde überhaupt sichtbar wird. Aber das ist nur das Eine. Das Zweite ist: Die Sünde wird nicht allgemein als eine abstrakte Möglichkeit beschrieben, sondern sie wird als eine Tatsache dargestellt, als die Sünde Adams, der am Anfang der Menschheit steht und von dem die Geschichte der Sünde ausgeht, wobei dieser Tatsachencharakter erst durch Römer 5, also durch die neutestamentliche Relecture, voll zum Ausdruck gebracht worden ist, weil erst in dem Augenblick, in dem die Erlösung zum Vorschein kam, auch sozusagen die Möglichkeit bestand, dem ganzen Angesicht, dem ganzen Tatbestand der Gefährdung und des Schrecknisses überhaupt standzuhalten. Erst in dem Augenblick, in dem die Antwort da ist, wird auch das Andere vollends sichtbar. Der Bericht also, so gelesen, sagt uns: Sünde bringt Sünde hervor und alle Sünden der Geschichte hängen untereinander zusammen.

2) Auf der einen Seite rechnet Benedikt XVI. also sehrwohl mit einem geschichtlichen Beginn der Sündenverstrickung des Menschen in „Adam“. Nun, diesem Gedanken ist auch nichts entgegenzusetzen: wenn der Mensch sündhaft ist, muss er irgendwann einmal damit angefangen haben, z.B. als die Entwicklung seines Gehirns so weit fortgeschritten war, dass er so etwas wie Willensfreiheit im Gegesatz zur Instinktsteuerung des Tieres entwickelt hat. Seitdem der Mensch also Willensfreiheit entwickelt hat (oder sie ihm von Gott geschenkt wurde) gibt es die Versuchung des Menschen, seine Geschöpflichkeit anzuzweifeln, die Schöpfungsordnung durchbrechen zu wollen und sich als Herr der Welt aufzuspielen.

3) Der Gedanke der Strafe wird hier nicht angesprochen. Ein Kritikpunkt der Geschichtlichkeit Adams war ja, dass die gesamte Menschheit wegen der Sünde eines frühen Hominiden bestraft wird. Diese Annahme erscheint ausgesprochen ungerecht: warum werden höher entwickelte, vielleicht eher moralisch denkende Menschen dafür bestraft, dass ihre Vorfahren noch unzivilisiert waren? Mit der Formulierung von Benedikt XVI. kann ich mich eher anfreunden: von Beginn der Menschheit an, als der Mensch sich durch seine Willensfreiheit vom Tier unterschied, ist er verstrickt in die Realität der Sünde bis heute. Das habe ich gemeint mit meinen Ausführungen über der Kehrseite der Medaille der Willensfreiheit.

4) Erst die Botschaft von der Erlösung durch Christus hat die Erkenntnis ermöglicht, ihn mit Adam in eine Beziehung zu setzen: der Mensch versteht von Anfang seines Mensch-Seins an die Tatsache seines Geschöpf-Seins als Angriff auf seine persönliche Freiheit und möchte sich selbst zu Gott erklären. Er fällt daher in eine sündhafte Beziehungsunfähigkeit hinein, die ihn von sich selbst, seinen Mitmenschen, Gott und der Schöpfung entfremdet. Christus nun als wahrer Gott kann diese Beziehungsunfähigkeit des Menschen wieder heilen, er ist ganz Beziehung („Sohn“), verhält sich göttlich, indem er der Liebe den Vorrang vor dem Egoismus gibt.

5) Die schwierigen Aussagen des Apostels Paulus aus dem Römerbrief erscheinen hier vielleicht in einem anderen Licht:
Röm 5,12: Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten.
Röm 5,19: Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden.
Gemeint ist also nicht, dass Adam schuld sei an der Sündenverflochtenheit des Menschen, sondern dass dies von Anfang an so gewesen sei. Die Gegenüberstellung Adam – Christus kann man zusammenkürzen auf die Gegenüberstellung Pseudogott – Gott. Gott hat also korrigierend in seine Schöpfung eingegriffen, um dem Menschen zu zeigen, wozu er eigentlich bestimmt sind: nämlich in Beziehung zu treten und nicht als beziehungsloses Etwas dahinzuvegetieren.

PAX

Erbsünde und Erlösung

Zum Thema Erlösung und Erbsünde ist mir dankenswerterweise heute folgendes Buch geschenkt worden: Joseph Ratzinger [=Benedikt XVI.]: Gottes Projekt. Nachdenken über Schöpfung und Kirche. Regensburg 2009. (Link)

Es handelt sich dabei um eine Zusammenstellung von sechs Vorlesungen, die Joseph Ratzinger als Präfekt der Römischen Glaubenskongregation im September 1985 im Bischöflichen Bildungshaus St. Georgen am Längsee gehalten hat.

Ich möchte im Folgenden die Grundgedanken des Kapitels 4, „Sünde und Erlösung“, wiedergeben. Es befindet sich im oben zitierten Buch auf den Seiten 73-92.

1) Alttestamentlicher Bezug
Gen 3, 1-13Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? Die Frau entgegnete der Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen; nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben. Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben. Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse. Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und dazu verlockte, klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß. Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz. Als sie Gott, den Herrn, im Garten gegen den Tagwind einherschreiten hörten, versteckten sich Adam und seine Frau vor Gott, dem Herrn, unter den Bäumen des Gartens. Gott, der Herr, rief Adam zu und sprach: Wo bist du? Er antwortete: Ich habe dich im Garten kommen hören; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich. Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe? Adam antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen. Gott, der Herr, sprach zu der Frau: Was hast du da getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen.

2) „Bekehrt euch!“
Bei der Grundbotschaft des Evangeliums, Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe, bekehrt euch und glaubt an das Evangelium. (Mk 1,14-15), wird in modernen Theologien der Teil „bekehrt euch“ gerne ausgespart. Dieser Teil ist jedoch essentiell, ja er gehört zum Kern des Christlichen.

3) Strategien der Verdrängung
Das Thema „Sünde“ ist zu einem verschwiegenen Thema unserer Zeit geworden. Damit einher geht auch, dass das Gefühl für „Gut“ und „Böse“ verschwindet, das Moralische wird überhaupt abgelehnt. Die Verabschiedung des Moralischen ist aber nur dann logisch, wenn es kein dem Menschen vorausgehendes Maß gibt, d.h. wenn er die Wahrheit seines Geschöpf-Seins leugnet. Da man die Wahrheit verdrängen, aber nicht beseitigen kann, muss das Prinzip „Sünde“ geleugnet werden. Aber der Mensch kann nur heil, erlöst sein, wenn er wahr ist, wenn er aufhört, die Wahrheit zu verdrängen oder zu bekämpfen.

4) Zwei Bilder: Garten und Schlange
Der Garten ist Ausdruck für eine Welt, die dem Willen des Schöpfers gemäß geworden ist. Der Mensch versteht die Schöpfung als Gabe des Schopfers und bringt sie zu ihren eigenen Möglichkeiten. Der Bild der Schlange zeigt die Versuchung, der sich Israel zur Zeit der Entstehung des Textes ausgesetzt sah: die Schlange steht für die Attraktion der Fruchtbarkeitsgottheiten der umgebenden Völker.

5) Die Logik des Verdachtes
Die Versuchung beginnt nicht mit der Leugnung Gottes, sondern mit der Frage der Schlange, die einen Verdacht gegenüber Gottes Gebot in Adam und Eva sät. Dieser Verdacht ist auch heute noch allgegenwärtig: es ist leicht, dem Menschen einzureden, dass dieser Bund ihn fessle, ihn einenge und nicht eine unendliche Gabe und Geschenk sei. In diesem Verdacht ist die Aufforderung eingeschlossen, dass der Mensch überhaupt keine Grenzen mehr anerkennen solle, sondern sich davon freimachen soll, denn dann erst werde er richtig frei sein von diesen. Wenn der Mensch alles tun möchte, was er kann, und keine moralischen Schranken mehr gelten, dann leugnet der Mensch sein Geschöpf-Sein als einer uns vorausgehenden und bestimmenden Wirklichkeit. Deswegen ist das, was die Schlange tut, ein Betrug am Menschen. Wenn er das Maß dieser Ordnung leugnet, belügt sich der Mensch. Er macht sich nicht frei, wie es im Augenblick erscheint, sondern er stellt sich schlicht gegen die Wahrheit.

6) Geschöpflichkeit als Maß des Menschen
Das Grundlegende ist also: die Ordnung des Bundes wird verdächtigt. Der tiefste Gehalt der Sünde ist es daher, dass der Mensch sein Geschöpf-Sein leugnen will, weil er die Tatsache, dass er ein Maß hat und eine Grenze hat, nicht annehmen will. Er will nicht Geschöpf sein, weil er nicht abhängig sein will. Dabei deutet er die Abhängigkeit von der Liebe Gottes nicht als eben das, als Liebe, sondern als Fremdbestimmung, als Sklaverei. Deswegen möchte er sich davon emanzipieren und selbst wie Gott werden. Damit ändert sich jedoch alles: das Verhältnis zu sich selbst, zu den anderen, zur Schöpfung. Der Mensch, der aus der Wahrheit seines Geschöpf-Seins heraustreten will, wird jedoch nicht frei, sondern er zerstört die Wahrheit und die Liebe. Er macht sich nicht zu Gott, der ganz Liebe und Beziehung ist, sondern er macht sich zu einem Pseudogott, den er als den Beziehungslosen (miss-)versteht.

7) Was heißt Erbsünde?
Es hat sich gezeigt, dass erst durch die neutestamentliche Botschaft von der Erlösung, die wahren Ausmaße der Sündhaftigkeit des Menschen von Anbeginn an bewusst geworden sind. Was bedeutet Erbsünde? Sünde ist Beziehungsverlust, Beziehungsstörung, die irrige Annahme, nur sich selbst zu brauchen, autark zu sein. Deswegen ist Sünde nie allein eingeschlossen ins einzelne Ich, ist immer Versündigung, die auch den anderen trifft, die die Welt verändert und sie stört. Jeder ist deshalb schon von seinem Anfang her in seinen Beziehungen gestört, empfängt sie nicht, wie sie sein sollten. Die Sünde greift nach ihm und er vollzieht sie mit.

8) Schöpfungsbeziehung und Erlösung
Wenn das Urprinzip der Sünde in der Beziehungslosigkeit des Menschen besteht, ist auch klar, warum sich der Mensch nicht selbst erlösen kann. Erlöst werden können wir nur, wenn der, von dem wir uns abgeschnitten haben, neu auf uns zugeht und selbst die Beziehung wieder eröffnet, die wir nicht erzwingen können (sonst wäre sie ja nicht Liebe). Bedeutend für das Verständnis der Erlösung ist der Hymnus in Paulusbrief an die Philipper.
Phil 2,5-11: Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: ,Jesus Christus ist der Herr.‘ – zur Ehre Gottes, des Vaters.
Wenn Adam sich zu Gott machen wollte, indem er sein Geschöpf-Sein geleugnet hat, so geht Christus den gegenteiligen Weg: er ist – anders als Adam – wirklich Gott und weil er wirklich Gott ist, verhält er sich wie Gott, ist ganz Liebe und Beziehung. Der Sohn ist alles und ganz aus Beziehung zum Vater. Er klammert sich nicht an seine Autonomie, er wird der ganz Abhängige. Deshalb kann er Adams Lüge aufheben. So wird Christus in dieser Gegenbewegung der neue Adam, mit dem das Menschsein neu beginnt und wieder sich selbst findet. Er, der von Grund her Beziehung und Bezogen-Sein ist, stellt die Beziehungen wieder richtig, stellt die Beziehung wieder her.

9) Eucharistie als „Baum des Lebens“
Deswegen auch die ungeheure Größe und Dramatik der Eucharistie: sie ist nie bloß irgendeine Art von Gemeinschaftspflege, sondern sie zu empfangen heißt, in diese Dynamik der Umwandlung der Adamsgeschichte hineintreten, den Gehorsam Christi zum Sein, zur Schöpfung und zum Schöpfer, das Maß des Geschöpfseins anzunehmen, nicht auf die Macht, das Können, die Lüge zu setzen, sondern auf die Beziehung der Liebe und das Maß, das sie uns gibt. Gerade diese Abhängigkeit vom Schöpfer ist Freiheit, weil sie Wahrheit ist und Liebe.

PAX

Pfingstsequenz VII – Wasser des Lebens

[Erste Strophe / Zweite Strophe / Dritte Strophe / Vierte Strophe / Fünfte Strophe / Sechste Strophe]

Lava quod est sordidum,
Riga quod est aridum,
Sana quod est saucium.

Ü1 (wörtlich)
Wasche was schmutzig ist,
Bewässere, was trocken ist,
Heile, was verwundet ist.

Ü2 (Gotteslob)
Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein,
heile du, wo Krankheit quält.

Ü3 (Bone)
Wasche, was beflecket ist,
Heile, was verwundet ist,
Tränke, was da dürre steht.

1) sordidum: Der Begriff sordidum knüpft direkt an die vorherige Strophe an; er meint befleckt, schmutzig, im biblischen Sinn unrein. Jesus selbst verwendet ihn im Zusammenhang mit seiner ethischen Botschaft: Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. (Mt 15,11) Jesus erklärt, wieso seine Jünger die jüdischen Speisevorschriften nicht einhalten, mit diesem Wort: die Taten des Menschen sind es, die ihn unrein, schmutzig machen, nicht das, was sie zu sich nehmen. So ist sordidum in dieser Strophe auch mit dem sündhaften Verhalten des Menschen assoziiert.

2) lava: Das Waschen als Symbol für die Sündenvergebung ist in besonderer Weise ins Sakrament der Taufe eingeflossen. Der Geist spielt dabei eine große Rolle: wird doch in den Evangelien berichtet, dass er auf Jesus bei dessen eigener Taufe herabgekommen wäre (vgl. Mk 1,9-11).

3) riga: Ich assoziiere mit diesem Imperativ die wunderbare Vision des Propheten Ezechiel von der Auferweckung der Toten (vgl Ez 37,11-14):

Er sagte zu mir: Menschensohn, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Jetzt sagt Israel: Ausgetrocknet sind unsere Gebeine, unsere Hoffnung ist untergegangen, wir sind verloren. Deshalb tritt als Prophet auf und sag zu ihnen: So spricht Gott, der Herr: Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. Ich bringe euch zurück in das Land Israel. Wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole, dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin. Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig und ich bringe euch wieder in euer Land. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin. Ich habe gesprochen und ich führe es aus – Spruch des Herrn.

Das Bewässern in dieser Strophe kann also auch mit der Auferstehung in Verbindung stehen, damit, dass der Geist Gottes diejenigen wieder lebendig macht, deren Lebenskräfte ausgetrocknet und tot sind, dass er ihnen ähnlich wie am Beginn der Schöpfung Adam, das Leben einhaucht (vgl. sechste Strophe). Natürlich führt dieser Vers auch die Wasser-Metapher des vorherigen fort: Gott wird damit als Spender lebendigen Wassers verstanden (vgl. Joh 7,38).

4) sana: Auch die Heilung, die man sich in diesem Vers vom Heiligen Geist erhofft, ist neben der ganz wörtlichen Bedeutung im Zusammenhang mit konkreten Krankheiten im übertragenen Sinn zu verstehen: Gott soll unsere Seelen heilen von ihrer Schuld, von den Beschwernissen des Alltags und den Versuchungen des Lebens.

5) quod est: Diese Strophe ist allgemein sehr regelmäßig bzw. parallel aufgebaut; vom Geist wird durch die Wendung quod est wieder sehr viel erhofft: er soll ja alles waschen, bewässern und heilen, was schmutzig, ausgetrocknet und verwundet ist. Damit setzt sich fort, was auch schon in der zweiten Strophe angedeutet wurde: der Mensch soll alles von Gott erwarten, er wird nicht enttäuscht werden.

6) Durch die abstrakten Bestimmungen der menschlichen Lebensprobleme (schmutzig, ausgetrocknet, krank) kann sich der Beter in ihnen wiederfinden. Einmal mehr wird Gott als jemand verstanden, dem die Menschen und deren Reinheit, Leben und Heilung am Herzen liegen.

Mitschöpfer sind wir,
sind deine Gegenüber;
wie kannst du’s wagen?

PAX

Der dreifaltige Mensch

In jedem Lebenszusammenhang begegnen uns Bilder: Icons am Desktop des Computers, Werbesujets auf Plakaten, Filme in Kino und Fernsehen, Apps am Smartphone, Gemälde in Museen, Kirchen und Kunstsammlungen … unser ganzes Leben ist geprägt von Bildern. Und die genannten sind nur Beispiele dafür, wenn wir den Begriff „Bild“ wörtlich verstehen.

Dieses Verständnis hilft jedoch nicht weiter, will man den berühmten Vers von der Gottebenbildlichkeit des Menschen deuten: Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. (Gen 1,26f), sonst würde man annehmen müssen, auch Gott hätte zwei Arme, zwei Beine und sonst auch alle Aussehensmerkmale eines Menschen.

Der Vergleich, der mit Gen 1,26f gezogen wird, ist natürlich umgekehrt gemeint: nicht Gott ist nach unserem Ebenbild geschaffen, sondern wir nach ihm. Da wir aus der Bibel geoffenbart bekommen (und es auch unserem Sinn für Logik und Vernunft entspricht), dass Gott Geist ist (vgl. Joh 4,24), muss die Wahrheit dieser „Gottebenbildlichkeit“ des Menschen anderswo zu suchen sein als in der sinnenhaften Erfahrung des „Sehens“ von Bildern.

Ich denke, mit Gottebenbildlichkeit ist nicht nur – wie das die klassische Theologie formuliert hat – die Verbundenheit des Menschen mit Gott gemeint oder die Tatsache, dass Gott uns in seiner Liebe erhält und behütet. Ich denke, diese Gottebenbildlichkeit geht tiefer: so wie Gott selbst, sind auch wir in unserem Wesen dreifaltig, ihm nachgestaltet worden.

Es kann ja kein Zufall sein, dass in Gen 1,26 sowohl für Gott als auch für die Menschen die Mehrzahl genannt wird: lasst uns Menschen machen, uns ähnlich. Die Beantwortung der Frage, ob es sich bei diesem Mehrzahlbegriff für Gott um einen Majestätsplural, ein Überbleibsel der Himmlischen Heerscharen aus vorbiblischer Zeit oder einen alttestamentlichen Hinweis auf die Dreifaltigkeit handelt, würde den Rahmen dieser Überlegungen sprengen. Nimmt man aber die Hauptbotschaft des Neuen Testaments hinein, dass nämlich Gott die Liebe ist (1 Joh 4,16b), dann wird nachvollziehbarer, warum der Mensch gleich zu Beginn im Plural genannt wird: der Mensch alleine kann seine Gottesebenbildlichkeit eben nicht entfalten, nur in liebevollen Gemeinschaft (insbesondere in der zwischen Mann und Frau – vgl. Gen 2,24) erahnt er seine Anlage zur Dreifaltigkeit, die Gott in ihn als sein Abbild hineingelegt hat. Nicht umsonst sieht die Kirche die ehelichen Liebe als Urbild für die Liebe Gottes an: im gegenseitigen Schenken der Liebe treten die Eheleute ein in das Geheimnis der Liebe Gottes; es gehört zum Wesen des Menschen, als Ebenbild Gottes dieser Dreifaltigkeit nachspüren zu können.

Wenn man versucht, das Gesagte in den Alltag zu transferieren, findet man einige Hinweise auf die tatsächliche dreifaltige Natur des Menschen:

1) Die Menschen sind aufeinander angewiesen, brauchen einander, um existieren zu können (Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Gen 2,18).

2) Wir sind als Menschen aber nicht nur immer auf ein Du bezogen (das Neue Testament nennt dieses Du den „Nächsten“), sondern auch auf die Gemeinschaft mit allen Menschen, ja auf die gesamte Schöpfung. So entsteht die menschliche Dreifaltigkeit als Abbild der göttlichen in einem Spannungsfeld zwischen ICH – DU – WIR

3) Ein glückliches Leben besteht folgerichtig auch darin, so unser Leben zu gestalten, dass es unserer inneren (dreifaltigen) Struktur entspricht: das Streben danach, in seinem eigenen Selbstwert bestätigt zu werden (ICH); die Sehnsucht nach Liebe, Zugehörigkeit und Geborgenheit (DU); die Freude daran, solidarisch bzw. karitativ gehandelt zu haben oder Gemeinschaftserfahrungen aller Art (WIR)

4) Kurz: Wenn der Gott der dreifaltigen Liebe uns nach seinem Ebenbild erschaffen hat, dann hat er in uns den Bauplan dieser dreifaltigen Liebe hineingelegt und uns damit eine Ahnung gegeben, wie ein gutes, glückliches Leben geführt werden kann: in Liebe, Rücksichtnahme, Hingabe und Gemeinschaft.

Vielleicht hat das der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart gemeint mit seinem Epigramm: So wahr das ist, dass Gott Mensch geworden ist, so wahr ist der Mensch Gott geworden. (Quelle)

PAX

Die Dinge singen hör ich so gern

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Dieses Gedicht ist für mich das schönste von Rainer Maria Rilke. Es ist nicht nur charakteristisch für seine Sprachskepsis, sondern auch für seinen Glauben an den Schöpfer aller Dinge.

Ich möchte zunächst anknüpfen an die Überlegungen zum Thema „Gott und Sprache„. Kern derselben war ja, an welche Schwierigkeiten man stößt, wenn man religiöse Erfahrungen bzw. Glaubensgewissheiten sprachlich ausdrücken möchte bzw. ob man ohne sprachliche Vorbildung religiöse Erfahrungen fruchtbar für sein Leben machen kann. Rilke bringt noch weitere Aspekte zu den schon Ausgeführten hinzu:
1) „Sie sprechen alles so deutlich aus“ – die Kategorisierungen der Sprache schubladisieren Erfahrungen bzw. Dinge
2) „kein Berg ist ihnen mehr wunderbar“ – der Mensch entzaubert durch seine Sprache die natürlichen Erscheinungen, sie werden beschreibbare Objekte in seinen Augen. Das Wunder der Schöpfung wird damit nicht mehr wahrnehmbar.
3) „ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott“ – der Mensch erhebt sich kraft seiner Sprache in die Höhe Gottes
4) „Ihr bringt mir alle die Dinge um“ – durch das sprachliche Kategorisieren der natürlichen Erscheinungen wird die Schöpfung ermordet, sie wird stumm gemacht, ihr „Singen“ wird verunmöglicht.

Hinter diesem Gedicht steckt eine sehr schöne, theologisch fruchtbare Konzeption der Schöpfung Gottes, die durchaus auch an die biblische Erzählung der Genesis anknüpft:
Gen 2,19-20: Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen. Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes.

Gott überlässt einen Teil seiner Macht dem Menschen, indem er ihm die Benennung der Tiere überlässt. Gibt man jemandem oder etwas einen Namen, dann steht man eine Stufe darüber, man engt es in gewisser Weise ein, man hat Macht. Rilkes Angst, die sich in diesem Gedicht ausdrückt, liegt darin begründet, dass er den Menschen als machtbesessen einstuft: der Mensch setzt seine sprachlichen Fähigkeiten nicht dazu ein, die Schöpfung zu bewahren (wie das eigentlich von Gott gedacht war), sondern sie zu unterwerfen, ihr ihre Seele zu rauben, ihr ihre Fähigkeit zu nehmen, zum Lobe Gottes zu singen (vgl. Psalm 104). Natürlich erinnert die Verszeile „Ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott“ auch an die Turmbau-Geschichte, die ja auch von der Einsicht zeugt, dass der Mensch mit der Versuchung leben müsse, sich selbst allzu wichtig zu nehmen und sich für Gott zu halten.

Und ist es nicht tatsächlich so, dass der Mensch durch seine kognitiven, sprachlichen Fähigkeiten an die Grenzen Gottes anklopft? Beziehen wir die naturwissenschaftliche Forschung auf die eben besprochenen Texte, so wird nicht nur deutlicher, was Rilke meint, wenn er von der Entzauberung der Schöpfung spricht, sondern auch von der Hybris des Menschen, sich für Gott selbst zu halten. Die Natur ist nicht mehr Schöpfung Gottes, sondern eine Ansammlung wissenschaftlich beschreibbarer Objekte, die fein säuberlich kategorisiert und beschrieben werden können. Sie ist nicht mehr Wunder der Liebe Gottes, sondern kalte Materie, derer sich der Mensch bedient, um seine Ziele zu erreichen.

In Wahrheit aber – so drückt es Rilke gemeinsam mit der Bibel aus – soll die gesamte Schöpfung „singen“, jedes einzelne „Ding“ soll zum Lobe Gottes sein ganz persönliches Lied singen und damit einstimmen in den Chor aller geschaffenen Dinge. Aufgabe des Menschen ist es, ebenfalls sein Lied zu singen, seinen Teil dazu beizutragen, dass Gottes Lob in angemessener Weise zur Sprache kommt, nicht die geschaffenen Dinge für seine eigenen Zwecke zu missbrauchen.

Für mich ergeben sich aus diesen Überlegungen folgende Konsequenzen:

1) Der Naturwissenschaft ist von Gott eine natürliche Grenze gesetzt worden: dort, wo sie Aussagen über den Sinn der geschaffenen Dinge machen möchte, hat sie keine wissenschaftliche Methode mehr. Der Sinn der Schöpfung – nämlich Gottes Lob zu singen – ist naturwissenschaftlich nicht ableitbar und somit außerhalb der entsprechenden Methode. Man möchte angesichts dieser Erkenntnis mit Rilke sagen: Gottseidank! Denn alles, was der Mensch sprachlich (=wissenschaftlich) beschreibt, verliert ganz offensichtlich an spiritueller Kraft.
2) Es ist Aufgabe von uns Christen in einer wissenschaftsgläubigen Zeit wie unserer, diese Zusammenhänge aufzuzeigen. Dazu muss man kein gläubiges Gegenüber voraussetzen. Ein redlicher Wissenschaftler wird von sich aus einsehen müssen, dass er keine wissenschaftliche Methode hat, die den Sinn bzw. die genaue Funktion der Schöpfung aussagt. Wo Wissenschaftler von einer Gewissheit reden, alles wäre Zufall oder es gäbe keinen Schöpfer-Gott, verlassen sie ihr Fachgebiet.
3) Die Sprachskepsis Rilkes hat auch meine Überlegungen insforn bereichert, als dass ich sehr vorsichtig geworden bin, Dinge, Menschen, Situationen zu beurteilen, also quasi zu kategorisieren, weil ich ihnen damit ihre Fähigkeit genommen habe, zu „singen“, d.h. ihr Eigenes, Unverwechselbares mitzuteilen. Jesus sagt ja auch: Richtet nicht, damit ihr nicht selbst gerichtet werdet (Mt 7,1).
4) Frage für diese Fastenzeit könnte daher sein: Wie kann ich selbst die Schöpfung zum Singen bringen, welche Möglichkeiten habe ich in meinem Umfeld, einzustimmen in das große Lob Gottes, in das Stimmengewirr dieses Chors, der ohne Unterlass sein Lob preist?

PAX

Gott und die Sprache

In der Bibliotheksszene des Filmes „Himmel über Berlin“ gehen die Engel gerne in die Bibliothek, um den Menschen beim Lesen zuzuhören. Der auf Youtube verfügbare Ausschnitt zeichnet ein verstörendes Bild dieser Situation: ein schwer aushaltbares Gewirr an Stimmen in zahlreichen Sprachen.

Diese Szene ist meines Erachtens aus mehreren Perspektiven interessant:

1) Es ist sicher kein Zufall, dass bei Zeitindex 2:29 ein junger Mann beginnt, die Bibel auf Hebräisch zu lesen: „Bereshit bara Elohim et hashamayim ve’et ha’arets. Veha’arets hayetah tohu vavohu“. – „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und wirr“ (Gen 1,1-2). – Das Tohuwabohu der Stimmen in der Bibliothek wird also in Verbindung gebracht mit dem ungeordneten Urzustand vor der Schöpfung. Gott schafft dann mitten im Chaos des Urmeers Ordnung. Er selbst hat aber bei der Verwirrung der Sprachen nach dem Turmbau zu Babel etwas von diesem vorzeitlichen Chaos wieder in seine Schöpfung hineingelassen, Gen 11 stellt es so dar, als wäre ihm bei der Vermessenheit des Menschen nichts anders übriggeblieben. Dennoch muss es – menschlich gesprochen – enttäuschend für Gott gewesen sein, dass so ein Rückschritt notwendig ist.

2) Was genau fasziniert die Engel an den Bibliotheken? Es scheinen die lesenden Menschen zu sein, denen sie Interesse entgegenbringen. Der Chor der durcheinanderdenkenden Menschen ist wie Musik in ihren Ohren. Sprache hat natürlich immer etwas mit Religion zu tun: ist doch Gott Sohn der logos, das Wort Gottes, das der Vater uns zusagt (Joh 1,1); ist doch das Wort Gottes das, was uns am Leben erhält (Dtn 8,3), ist das Sprechen doch die Art und Weise, wie Gott die Welt ins Dasein gerufen hat und das noch immer tut. Durch Sprache, Worte, Lesen wird Wirklichkeit geschaffen, wird totes Papier lebendig, durch Zusprache werden Menschen geheilt, wird Leben ermöglicht. Bildet man sich in der Sprache weiter – zum Beispiel in einer Bibliothek – erweitert man gleichzeitig seinen Horizont, erlangt neue Lebensmöglichkeiten. Ludwig Wittgenstein hat ja so schön gesagt: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Vielleicht ist für die Engel deswegen die Bibliothek ein so positiver Ort: weil Menschen dorthin gehen, die sich nicht mit der Begrenztheit ihres Horizonts zufriedengeben, sondern ihn erweitern wollen, weil sie auf der Suche sind nach einem Gott, der sich über die Sprache der Liebe mitteilt.

3) Diese Szene hat mir aber auch vor Augen geführt, was ich an Gott immer so unvorstellbar gefunden habe: Gott hört alle unsere Gedanken. Wie macht er das? Wie kann er die Gedanken von so vielen Milliarden Menschen gleichzeitig wahrnehmen, wenn wir schon Probleme damit haben, einem Menschen so zuzuhören, dass wir nachvollziehen können, was ihn bewegt? Das ist nur möglich, wenn er ganz bei jedem Einzelnen ist: so wie die Engel, die die Lesenden berühren und sich ihnen zuwenden, ist auch Gott ein sich Zuwendender, jemand, der uns berührt und sich für uns interessiert, ein Liebender.

Die gemeinsame Klammer dieser Beobachtungen erscheint mir in dem dialogischen Gottesbild, das wir Christen haben: es ist auf Sprache, Kontakt, Kommunikation aufgebaut, so wie die Liebe selbst ja nichts ist ohne ihre Mitteilung. Jede Kommunikationsstörung oder Sprachenverwirrung muss dann als wider-göttlich, ja wider-natürlich verstanden werden. Das Gebet als Kommunikationsbewegung des Menschen zu Gott hin ist daher auch erste Christenpflicht. Aber auch die Sorge um die eigene Sprachfähigkeit, um den eigenen Horizont, ist ausgehend von Wittgenstein Aufgabe des Menschen: um die göttliche Ordnung der Schöpfung zu erkennen, bedarf es eines weit über die Naturwissenschaften hinausgehenden sprachlichen Horizontes. Gott erweist sich außerdem in diesem dialogischen Gottesbild als wahrhaft Liebender: seine Zuwendung ist absolut, ihm geht es nicht um sich selbst, sondern um uns. Dieses nicht zu erreichende Vorbild sollte dennoch Grundthema unserer Kommunikationsbemühungen untereinander sein.

PAX