Jahresausklang: der Mensch vor Gott

Am 30. Dezember haben wir, was zu einer schönen Tradition geworden ist, wieder im Wiener Konzerthaus die 9. Symphonie Ludwig van Beethovens hören und genießen dürfen. Jedes Jahr ist dieses Konzert ein würdiger Ausklang eines Jahres voller Leben und Gottesbegegnungen.

Dieses Mal hat mich besonders die Stelle mit dem Text „Und der Cherub steht vor Gott“ berührt, dieser Link führt direkt hin:
http://www.youtube.com/watch?v=pEE58RRFZkM#t=9m05

Beethoven_9_Symphonie

Schillers Vers, den Beethoven hier auskomponiert hat, ist der Großartigkeit unserer christlichen Gottesbeziehung geschuldet. Wie der Cherub im Text sind es wir Christen, die vor Gott stehen dürfen: selbstbewusst, voller Menschenwürde, Sein Abbild, Ihm ähnlich.

Es war ein erhebender Moment, als sämtliche Sänger und das gesamte, riesige Orchester in diesen christlichen Triumph eingestimmt haben.

Was für eine wunderschöne Verheißung für 2014!

Ich wünsche allen Followern (und zufälligen Besuchern) ein wundervolles neues Jahr im Bewusstsein eurer Gottesebendlichkeit!

PAX

Pfingstsequenz VI – Nichts ohne Gott

[Erste Strophe / Zweite Strophe / Dritte Strophe / Vierte Strophe / Fünfte Strophe]

Sine tuo numine
Nihil est in homine,
Nihil est innoxium.

Ü1 (wörtlich)
Ohne deinen Willen
ist nichts im Menschen,
ist nichts unschuldig.

Ü2 (Gotteslob)
Ohne dein lebendig Wehn,
kann im Menschen nichts bestehn,
kann nichts heil sein noch gesund.

Ü3 (Bone)
Ohne Dein lebendig Wehn
Nichts im Menschen kann bestehn,
Nichts ohn’ Fehl und Makel sein.

1) Im Abgrenzung zur fünften Strophe beschreibt diese, was passiert, wenn der Heilige Geist abwesend ist: der Mensch bleibt in seiner Schuld gefangen. Gott ist es also, der den Menschen rechtfertigt, ihm seine Schuld vergibt. Ohne ihn verbleibt der Mensch in seiner Schuld verstrickt.

2) tuo numine: Numen bedeutet Wink, Geheiß, Gebot, aber auch (göttlicher) Wille, Macht, oder als Metonymie Gottheit, göttliches Wesen, wovon sich auch die Bezeichnung das Numinose für das Göttliche ableitet. Die Wendung tuo numine bedeutet also alles das, was göttlich, mächtig und machtvoll an Gott ist.

3) nihil – nihil: Die Anapher nihil betont das Nichts, das ohne Gott in uns Menschen existieren würde, im dritten Vers dann auch die Sündenverflochtenheit des Menschen ohne göttliche Erlösung.

4) in homine: Dieser Vers zeigt, wie verwiesen der Menschen auf Gott ist: ohne Gott ist der Mensch nichts. Aufgrund der Gottebenbildlichkeit des Menschen leitet sich dessen (göttliche) Menschenwürde ab, wie schon bei Goethes Faust angedeutet wird, wenn Mephistopheles sagt, dass der Herr dem Menschen den Schein des Himmelslichts gegeben habe, nämlich die Vernunft (vgl. V284). Ohne dieses göttliche Geschenk würde der Mensch noch in seinen tierischen Verhaltensweisen verfangen bleiben, ohne den Geist Gottes wäre er nichts (bei Faust klagt der Teufel im Kontrast dazu, dass der Mensch die Himmelsgabe ständig missbrauchen würde).

5) innoxium: Der Mensch kann sich nicht selbst rechtfertigen, sich selbst gerecht machen. Ohne Gottes Geist würde er schuldig bleiben. Für heutige Menschen ist das schwer auszuhalten, die gewohnt sind, alles beeinflussen und selbst erledigen zu können. Aber schon im Alltag erweist sich diese Wahrheit als verständlich: man kann bei einem anderen Menschen, dem gegenüber man schuldig geworden ist, nur um Entschuldigung bitten, niemals selbst dieselbe „erzeugen“. So ist es auch in der Beziehung mit Gott: hat man bewusst oder unbewusst das Verhältnis zu Gott verletzt, erweist sich die Hybris des Menschen, wenn er glaubt, eine Heilung dieser Situation selbst herstellen zu können.

6) Ohne den Geist ist der Menschen nichts. Schon zu Beginn der Bibel illustriert das priesterschriftliche Schöpfungswerk diese Wahrheit: Adam wird von Gott das Leben durch die Nase eingehaucht (vgl. Gen 2,7). Ohne den Geist ist der Mensch aber auch nicht gerechtfertigt, seine Sünden kann er sich nicht selbst vergeben, er braucht dazu Gottes Gnade und Hilfe.

Wir bilden dich ab
sind frei in Tun und Willen;
du riskierst’s für uns.

PAX

Der Geist weht, wo er will

Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?

Um meine Geschichte zu erzählen, muss ich weit vorn anfangen. Ich müsste, wäre es mir möglich, noch viel weiter zurückgehen, bis in die allerersten Jahre meiner Kindheit und noch über sie hinaus in die Ferne meiner Herkunft zurück.

Die Dichter, wenn sie Romane schreiben, pflegen so zu tun, als seien sie Gott und könnten irgendeine Menschengeschichte ganz und gar überblicken und begreifen und sie so darstellen, wie wenn Gott sie sich selber erzählte, ohne alle Schleier, überall wesentlich. Das kann ich nicht, so wenig wie die Dichter es können. Meine Geschichte aber ist mir wichtiger als irgendeinem Dichter die seinige; denn sie ist meine eigene, und sie ist die Geschichte eines Menschen – nicht eines erfundenen,eines möglichen, eines idealen oder sonstwie nicht vorhandenen, sondern eines wirklichen, einmaligen, lebenden Menschen. Was das ist, ein wirklich lebender Mensch, das weiß man heute allerdings weniger als jemals, und man schießt denn auch die Menschen, deren jeder ein kostbarer, einmaliger Versuch der Natur ist, zu Mengen tot. Wären wir nicht noch mehr als einmalige Menschen, könnte man jeden von uns wirklich mit einer Flintenkugel ganz und gar aus der Welt schaffen, so hätte es keinen Sinn mehr, Geschichten zu erzählen. Jeder Mensch aber ist nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz besondere, in jedem Fall wichtige und merkwürdige Punkt, wo die Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder. Darum ist jedes Menschen Geschichte wichtig, ewig, göttlich, darum ist jeder Mensch, solange er irgend lebt und den Willen der Natur erfüllt, wunderbar und jeder Aufmerksamkeit würdig. In jedem ist der Geist Gestalt geworden, in jedem leidet die Kreatur, in jedem wird ein Erlöser gekreuzigt.

Wenige wissen heute, was der Mensch ist. Viele fühlen es und sterben darum leichter, wie ich leichter sterben werde, wenn ich diese Geschichte fertig geschrieben habe.

Einen Wissenden darf ich mich nicht nennen. Ich war ein Suchender und bin es noch, aber ich suche nicht mehr auf den Sternen und in den Büchern, ich beginne die Lehren zu hören, die mein Blut in mir rauscht. Meine Geschichte ist nicht angenehm, sie ist nicht süß und harmonisch wie die erfundenen Geschichten, sie schmeckt nach Unsinn und Verwirrung, nach Wahnsinn und Traum wie das Leben aller Menschen, die sich nicht mehr belügen wollen.

Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin, der Versuch eines Weges, die Andeutung eines Pfades. Kein Mensch ist jemals ganz und gar er selbst gewesen; jeder strebt dennoch, es zu werden, einer dumpf, einer lichter, jeder wie er kann. Jeder trägt Reste von seiner Geburt, Schleim und Eischalen einer Urwelt, bis zum Ende mit sich hin. Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen hin. Und allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziele zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.

Hermann Hesse: Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend. 1925, Einleitung. Quelle

Der dreifaltige Mensch

In jedem Lebenszusammenhang begegnen uns Bilder: Icons am Desktop des Computers, Werbesujets auf Plakaten, Filme in Kino und Fernsehen, Apps am Smartphone, Gemälde in Museen, Kirchen und Kunstsammlungen … unser ganzes Leben ist geprägt von Bildern. Und die genannten sind nur Beispiele dafür, wenn wir den Begriff „Bild“ wörtlich verstehen.

Dieses Verständnis hilft jedoch nicht weiter, will man den berühmten Vers von der Gottebenbildlichkeit des Menschen deuten: Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. (Gen 1,26f), sonst würde man annehmen müssen, auch Gott hätte zwei Arme, zwei Beine und sonst auch alle Aussehensmerkmale eines Menschen.

Der Vergleich, der mit Gen 1,26f gezogen wird, ist natürlich umgekehrt gemeint: nicht Gott ist nach unserem Ebenbild geschaffen, sondern wir nach ihm. Da wir aus der Bibel geoffenbart bekommen (und es auch unserem Sinn für Logik und Vernunft entspricht), dass Gott Geist ist (vgl. Joh 4,24), muss die Wahrheit dieser „Gottebenbildlichkeit“ des Menschen anderswo zu suchen sein als in der sinnenhaften Erfahrung des „Sehens“ von Bildern.

Ich denke, mit Gottebenbildlichkeit ist nicht nur – wie das die klassische Theologie formuliert hat – die Verbundenheit des Menschen mit Gott gemeint oder die Tatsache, dass Gott uns in seiner Liebe erhält und behütet. Ich denke, diese Gottebenbildlichkeit geht tiefer: so wie Gott selbst, sind auch wir in unserem Wesen dreifaltig, ihm nachgestaltet worden.

Es kann ja kein Zufall sein, dass in Gen 1,26 sowohl für Gott als auch für die Menschen die Mehrzahl genannt wird: lasst uns Menschen machen, uns ähnlich. Die Beantwortung der Frage, ob es sich bei diesem Mehrzahlbegriff für Gott um einen Majestätsplural, ein Überbleibsel der Himmlischen Heerscharen aus vorbiblischer Zeit oder einen alttestamentlichen Hinweis auf die Dreifaltigkeit handelt, würde den Rahmen dieser Überlegungen sprengen. Nimmt man aber die Hauptbotschaft des Neuen Testaments hinein, dass nämlich Gott die Liebe ist (1 Joh 4,16b), dann wird nachvollziehbarer, warum der Mensch gleich zu Beginn im Plural genannt wird: der Mensch alleine kann seine Gottesebenbildlichkeit eben nicht entfalten, nur in liebevollen Gemeinschaft (insbesondere in der zwischen Mann und Frau – vgl. Gen 2,24) erahnt er seine Anlage zur Dreifaltigkeit, die Gott in ihn als sein Abbild hineingelegt hat. Nicht umsonst sieht die Kirche die ehelichen Liebe als Urbild für die Liebe Gottes an: im gegenseitigen Schenken der Liebe treten die Eheleute ein in das Geheimnis der Liebe Gottes; es gehört zum Wesen des Menschen, als Ebenbild Gottes dieser Dreifaltigkeit nachspüren zu können.

Wenn man versucht, das Gesagte in den Alltag zu transferieren, findet man einige Hinweise auf die tatsächliche dreifaltige Natur des Menschen:

1) Die Menschen sind aufeinander angewiesen, brauchen einander, um existieren zu können (Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Gen 2,18).

2) Wir sind als Menschen aber nicht nur immer auf ein Du bezogen (das Neue Testament nennt dieses Du den „Nächsten“), sondern auch auf die Gemeinschaft mit allen Menschen, ja auf die gesamte Schöpfung. So entsteht die menschliche Dreifaltigkeit als Abbild der göttlichen in einem Spannungsfeld zwischen ICH – DU – WIR

3) Ein glückliches Leben besteht folgerichtig auch darin, so unser Leben zu gestalten, dass es unserer inneren (dreifaltigen) Struktur entspricht: das Streben danach, in seinem eigenen Selbstwert bestätigt zu werden (ICH); die Sehnsucht nach Liebe, Zugehörigkeit und Geborgenheit (DU); die Freude daran, solidarisch bzw. karitativ gehandelt zu haben oder Gemeinschaftserfahrungen aller Art (WIR)

4) Kurz: Wenn der Gott der dreifaltigen Liebe uns nach seinem Ebenbild erschaffen hat, dann hat er in uns den Bauplan dieser dreifaltigen Liebe hineingelegt und uns damit eine Ahnung gegeben, wie ein gutes, glückliches Leben geführt werden kann: in Liebe, Rücksichtnahme, Hingabe und Gemeinschaft.

Vielleicht hat das der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart gemeint mit seinem Epigramm: So wahr das ist, dass Gott Mensch geworden ist, so wahr ist der Mensch Gott geworden. (Quelle)

PAX