He let us go

Das Folk-Pop-Lied „Let Her Go“ des Briten Mark Rosenberg hat mich seit dem ersten Hören berührt und ich habe nach einigem Nachdenken erst gemerkt, warum: Es ist ein Lied über Gottes Liebe.

Der Hauptteil des Textes dreht sich um die Einsicht, dass man Dinge erst dann wahr- und ernstnimmt, wenn man sie verliert. Insofern nichts Neues.

Die zentrale Textzeile des Liedes jedoch lautet

„Only know you love her when you let her go … and you let her go.“

Diese Textzeile enthält eine tiefere – auch religiöse – Weisheit: Gott, die Liebe schlechthin, sieht als wahrhaft Liebender von sich ab, er lässt uns gehen in eine unvorstellbare Freiheit. Er will keine Marionetten, die er nach Belieben zwingen kann, ihn zu verehren und zu lieben. Dann wäre das keine Liebe.

Nein, er lässt uns die extremste Freiheit, die man sich vorstellen kann, ihn nämlich für nicht-existent zu erklären, die Existenz des Urgrundes allen Seienden und damit auch unsere eigene zu leugnen.

Diese Überlegungen führen natürlich mitten in die Theodizee-Frage hinein: wie kann Gott das Böse zulassen, wie kann er uns nur eine so große Freiheit einräumen, wenn er als allmächtiges und allwissendes Wesen doch wissen sollte, was wir damit anfangen?

Ich würde die Frage anders stellen: Was wäre das für eine Welt, in der wir diese extreme Freiheit nicht hätten? Würde ich in einer Welt leben wollen, wo sich die Theodizee-Frage nicht stellt? Wo wir alle Marionetten eines höheren Wesens sind und nicht anders können als seinen Willen zu verwirklichen?

Wie der barmherzige Vater im Lukasevangelium (Lk 15,11-32) lässt er uns weggehen, wenn wir das wünschen, hört deswegen aber nicht auf, uns in einer Art und Weise zu lieben, die unsere Vorstellungen übersteigt. So ist dann auch das Wort Jesu zu verstehen, das von der Freude im Himmel über den reuigen Sünder spricht: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren. (Lk 15,7)

Wie groß muss die Freude des Vaters sein, wenn sein Kind freiwillig zu ihm zurückkehrt und er sicher sein kann, dass seine überreiche Liebe aus freiem Willen und nicht aus Zwang erwidert wird!

PAX

Nachtrag: Ein guter Beitrag zur Theodizee-Frage angesichts des Taifuns auf den Philippinen findet sich hier.

Pfingstsequenz V – die Intimität der Gottesbeziehung

[Erste Strophe / Zweite Strophe / Dritte Strophe / Vierte Strophe]

O lux beatissima,
Reple cordis intima
Tuorum fidelium.

Ü1 (wörtlich)
O seligstes Licht,
erfülle das Innerste des Herzens
deiner Gläubigen.

Ü2 (Gotteslob)
Komm, o du glückselig Licht
fülle Herz und Angsicht
dring bis auf der Seele Grund.

Ü3 (Bone)
O du Licht der Seligkeit,
Mach dir unser Herz bereit,
Dring in unsre Seelen ein!

1) lux: Zum dritten Mal in der Pfingstsequenz wird auf das Licht als Bild für den Heiligen Geist angespielt:

  • in der ersten Strophe war es der lucis tuae radium, der von Gott ausgesendet wird zum Wohl der Menschen;
  • in der zweiten war es das lumen cordium, das die Seele der Menschen erhellt;
  • jetzt wird der Heilige Geist als lux beatissima angerufen, als heilsbringender, alles durchdringender Schein Gottes.

2) intima: Die Intimität der Gottesbeziehung ist ein Aspekt des Heiligen Geistes, der nicht oft thematisiert wird, verbindet man mit dem Begriff „Intimität“ doch Bedeutungsfelder, die normalerweise nicht mit Gott oder Religion assoziiert werden. Dennoch: die Verbindung zu Gott ist die intimste, innigste und liebevollste, zu der ein Mensch berufen sein kann. Nur Gott ist zu einer vorbehaltlosen, alle menschlichen Versuche übersteigenden Liebe fähig. Keine noch so innige menschliche Liebe kann an die göttliche heranreichen.

3) fidelium: Die menschliche Antwort auf diese unbedingte, innige Liebe Gottes ist der Glaube. Ohne Möglichkeit, die Liebe Gottes in irgendeiner Weise herbeizuzwingen, ist der von Gott geliebte Mensch nur zur Antwort des Glaubens in der Lage. Die anderen Tugenden, Liebe und Hoffnung, werden dann erst folgen.

4) Diese Strophe zeichnet nach, wie sich die Verbindung zwischen Gott und den Menschen gestaltet: der alles durchatmende Heilige Geist Gottes wird angerufen, der aus reiner Gnade das Innerste, Intimste des Menschen berührt und ihn zur Antwort des Glaubens animiert.

Treu hältst du zu uns,
vergisst deine Kinder nicht.
Wie liebt man wie du?

PAX

Der Geist weht, wo er will

Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?

Um meine Geschichte zu erzählen, muss ich weit vorn anfangen. Ich müsste, wäre es mir möglich, noch viel weiter zurückgehen, bis in die allerersten Jahre meiner Kindheit und noch über sie hinaus in die Ferne meiner Herkunft zurück.

Die Dichter, wenn sie Romane schreiben, pflegen so zu tun, als seien sie Gott und könnten irgendeine Menschengeschichte ganz und gar überblicken und begreifen und sie so darstellen, wie wenn Gott sie sich selber erzählte, ohne alle Schleier, überall wesentlich. Das kann ich nicht, so wenig wie die Dichter es können. Meine Geschichte aber ist mir wichtiger als irgendeinem Dichter die seinige; denn sie ist meine eigene, und sie ist die Geschichte eines Menschen – nicht eines erfundenen,eines möglichen, eines idealen oder sonstwie nicht vorhandenen, sondern eines wirklichen, einmaligen, lebenden Menschen. Was das ist, ein wirklich lebender Mensch, das weiß man heute allerdings weniger als jemals, und man schießt denn auch die Menschen, deren jeder ein kostbarer, einmaliger Versuch der Natur ist, zu Mengen tot. Wären wir nicht noch mehr als einmalige Menschen, könnte man jeden von uns wirklich mit einer Flintenkugel ganz und gar aus der Welt schaffen, so hätte es keinen Sinn mehr, Geschichten zu erzählen. Jeder Mensch aber ist nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz besondere, in jedem Fall wichtige und merkwürdige Punkt, wo die Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder. Darum ist jedes Menschen Geschichte wichtig, ewig, göttlich, darum ist jeder Mensch, solange er irgend lebt und den Willen der Natur erfüllt, wunderbar und jeder Aufmerksamkeit würdig. In jedem ist der Geist Gestalt geworden, in jedem leidet die Kreatur, in jedem wird ein Erlöser gekreuzigt.

Wenige wissen heute, was der Mensch ist. Viele fühlen es und sterben darum leichter, wie ich leichter sterben werde, wenn ich diese Geschichte fertig geschrieben habe.

Einen Wissenden darf ich mich nicht nennen. Ich war ein Suchender und bin es noch, aber ich suche nicht mehr auf den Sternen und in den Büchern, ich beginne die Lehren zu hören, die mein Blut in mir rauscht. Meine Geschichte ist nicht angenehm, sie ist nicht süß und harmonisch wie die erfundenen Geschichten, sie schmeckt nach Unsinn und Verwirrung, nach Wahnsinn und Traum wie das Leben aller Menschen, die sich nicht mehr belügen wollen.

Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin, der Versuch eines Weges, die Andeutung eines Pfades. Kein Mensch ist jemals ganz und gar er selbst gewesen; jeder strebt dennoch, es zu werden, einer dumpf, einer lichter, jeder wie er kann. Jeder trägt Reste von seiner Geburt, Schleim und Eischalen einer Urwelt, bis zum Ende mit sich hin. Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen hin. Und allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziele zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.

Hermann Hesse: Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend. 1925, Einleitung. Quelle

Die Dinge singen hör ich so gern

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Dieses Gedicht ist für mich das schönste von Rainer Maria Rilke. Es ist nicht nur charakteristisch für seine Sprachskepsis, sondern auch für seinen Glauben an den Schöpfer aller Dinge.

Ich möchte zunächst anknüpfen an die Überlegungen zum Thema „Gott und Sprache„. Kern derselben war ja, an welche Schwierigkeiten man stößt, wenn man religiöse Erfahrungen bzw. Glaubensgewissheiten sprachlich ausdrücken möchte bzw. ob man ohne sprachliche Vorbildung religiöse Erfahrungen fruchtbar für sein Leben machen kann. Rilke bringt noch weitere Aspekte zu den schon Ausgeführten hinzu:
1) „Sie sprechen alles so deutlich aus“ – die Kategorisierungen der Sprache schubladisieren Erfahrungen bzw. Dinge
2) „kein Berg ist ihnen mehr wunderbar“ – der Mensch entzaubert durch seine Sprache die natürlichen Erscheinungen, sie werden beschreibbare Objekte in seinen Augen. Das Wunder der Schöpfung wird damit nicht mehr wahrnehmbar.
3) „ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott“ – der Mensch erhebt sich kraft seiner Sprache in die Höhe Gottes
4) „Ihr bringt mir alle die Dinge um“ – durch das sprachliche Kategorisieren der natürlichen Erscheinungen wird die Schöpfung ermordet, sie wird stumm gemacht, ihr „Singen“ wird verunmöglicht.

Hinter diesem Gedicht steckt eine sehr schöne, theologisch fruchtbare Konzeption der Schöpfung Gottes, die durchaus auch an die biblische Erzählung der Genesis anknüpft:
Gen 2,19-20: Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen. Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes.

Gott überlässt einen Teil seiner Macht dem Menschen, indem er ihm die Benennung der Tiere überlässt. Gibt man jemandem oder etwas einen Namen, dann steht man eine Stufe darüber, man engt es in gewisser Weise ein, man hat Macht. Rilkes Angst, die sich in diesem Gedicht ausdrückt, liegt darin begründet, dass er den Menschen als machtbesessen einstuft: der Mensch setzt seine sprachlichen Fähigkeiten nicht dazu ein, die Schöpfung zu bewahren (wie das eigentlich von Gott gedacht war), sondern sie zu unterwerfen, ihr ihre Seele zu rauben, ihr ihre Fähigkeit zu nehmen, zum Lobe Gottes zu singen (vgl. Psalm 104). Natürlich erinnert die Verszeile „Ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott“ auch an die Turmbau-Geschichte, die ja auch von der Einsicht zeugt, dass der Mensch mit der Versuchung leben müsse, sich selbst allzu wichtig zu nehmen und sich für Gott zu halten.

Und ist es nicht tatsächlich so, dass der Mensch durch seine kognitiven, sprachlichen Fähigkeiten an die Grenzen Gottes anklopft? Beziehen wir die naturwissenschaftliche Forschung auf die eben besprochenen Texte, so wird nicht nur deutlicher, was Rilke meint, wenn er von der Entzauberung der Schöpfung spricht, sondern auch von der Hybris des Menschen, sich für Gott selbst zu halten. Die Natur ist nicht mehr Schöpfung Gottes, sondern eine Ansammlung wissenschaftlich beschreibbarer Objekte, die fein säuberlich kategorisiert und beschrieben werden können. Sie ist nicht mehr Wunder der Liebe Gottes, sondern kalte Materie, derer sich der Mensch bedient, um seine Ziele zu erreichen.

In Wahrheit aber – so drückt es Rilke gemeinsam mit der Bibel aus – soll die gesamte Schöpfung „singen“, jedes einzelne „Ding“ soll zum Lobe Gottes sein ganz persönliches Lied singen und damit einstimmen in den Chor aller geschaffenen Dinge. Aufgabe des Menschen ist es, ebenfalls sein Lied zu singen, seinen Teil dazu beizutragen, dass Gottes Lob in angemessener Weise zur Sprache kommt, nicht die geschaffenen Dinge für seine eigenen Zwecke zu missbrauchen.

Für mich ergeben sich aus diesen Überlegungen folgende Konsequenzen:

1) Der Naturwissenschaft ist von Gott eine natürliche Grenze gesetzt worden: dort, wo sie Aussagen über den Sinn der geschaffenen Dinge machen möchte, hat sie keine wissenschaftliche Methode mehr. Der Sinn der Schöpfung – nämlich Gottes Lob zu singen – ist naturwissenschaftlich nicht ableitbar und somit außerhalb der entsprechenden Methode. Man möchte angesichts dieser Erkenntnis mit Rilke sagen: Gottseidank! Denn alles, was der Mensch sprachlich (=wissenschaftlich) beschreibt, verliert ganz offensichtlich an spiritueller Kraft.
2) Es ist Aufgabe von uns Christen in einer wissenschaftsgläubigen Zeit wie unserer, diese Zusammenhänge aufzuzeigen. Dazu muss man kein gläubiges Gegenüber voraussetzen. Ein redlicher Wissenschaftler wird von sich aus einsehen müssen, dass er keine wissenschaftliche Methode hat, die den Sinn bzw. die genaue Funktion der Schöpfung aussagt. Wo Wissenschaftler von einer Gewissheit reden, alles wäre Zufall oder es gäbe keinen Schöpfer-Gott, verlassen sie ihr Fachgebiet.
3) Die Sprachskepsis Rilkes hat auch meine Überlegungen insforn bereichert, als dass ich sehr vorsichtig geworden bin, Dinge, Menschen, Situationen zu beurteilen, also quasi zu kategorisieren, weil ich ihnen damit ihre Fähigkeit genommen habe, zu „singen“, d.h. ihr Eigenes, Unverwechselbares mitzuteilen. Jesus sagt ja auch: Richtet nicht, damit ihr nicht selbst gerichtet werdet (Mt 7,1).
4) Frage für diese Fastenzeit könnte daher sein: Wie kann ich selbst die Schöpfung zum Singen bringen, welche Möglichkeiten habe ich in meinem Umfeld, einzustimmen in das große Lob Gottes, in das Stimmengewirr dieses Chors, der ohne Unterlass sein Lob preist?

PAX

Gott und die Sprache II

Ich denke, die letzten Überlegungen zum Themenkomplex „Gott und die Sprache“ bedürfen noch einer weiteren Entfaltung.

Vielleicht sind die Schwierigkeiten, die heute viele Menschen mit der religiösen Sprache haben, darauf zurückzuführen, dass man die entsprechenden Begriffe zwar kennt, sie im besten Fall (bei gutem Religionsunterricht) auch definieren kann, aber im tiefsten Sinn nicht versteht, weil die Erfahrungen, auf die sie aufbauen, nicht mehr nachvollziehbar sind.

Wenn Ludwig Wittgenstein den schon zitierten Satz sagt „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, so fällt mir auch Karl Kraus ein, der gesagt hat: „Der Gedankenlose denkt, man habe nur dann einen Gedanken, wenn man ihn hat und in Worte kleidet. Er versteht nicht, dass in Wahrheit nur der ihn hat, der das Wort hat, in das der Gedanke hineinwächst.“ Und als das „Wort, in das der Gedanke hineinwächst“ würde ich den griechischen Begriff „Logos“ mit all seinen Bedeutungen einsetzen.

Die Kenntnis des Wortes „Gott“ zum Beispiel reicht dazu, es zu definieren, zum Beispiel „höheres, allmächtiges Wesen“. Es reicht aber nicht dazu, zu verstehen, was mit „Gott“ wirklich gemeint ist. Das Problem mit der religiösen Sprache ist also, dass es sich um Begriffe handelt, die mit religiösen Erfahrungen zu tun haben. Die Sprache des Christentums konserviert religiöse Erfahren, die Christen im Laufe der Kirchengeschichte mit diesem Gott gemacht haben, beginnend mit den biblischen Schriften bis hin zu den Versuchen, eine heutige christliche Sprache zu finden. Das Problem dabei ist, dass man Erfahrungen nicht verordnen kann, sie sind etwas Eigenes, nicht Wiederholbares, etwas zutiefst Subjektives.

Zunächst also muss der Mensch die Möglichkeiten seiner Sprache vermehren, um seinen Horizont zu erweitern (@Wittgenstein). Je mehr Feinabstufungen der Wirklichkeit er benennen kann, umso differenzierter wird seine Weltsicht, um so eher ist er bereit, selbstkritisch und offen zu sein für Neues. Damit zusammen hängt aber die Notwendigkeit, diese Wirklichkeit auch zu erfahren. Ohne diese bleiben die gelernten Begriffe hohl und tot, sie können zwar kognitiv benannt und kategorisiert werden, sie haben aber keine Auswirkung auf das Leben. Erst wenn man wirklich erfahren hat, dass es nicht ausschließlich gute und ausschließlich böse Menschen auf der Welt gibt, kann man nachvollziehen, wieso in den meisten Staaten der Welt zum Beispiel die Todesstrafe abgeschafft wurde. Den Begriff „Notwehr“ zu kennen, erzeugt nicht automatisch Empathie für jemanden, der in Notwehr gehandelt hat.

Legen wir diese Einsichten auf die religiöse Sprache um, so zeigt sich das Dilemma, dass wir auf der einen Seite angewiesen sind auf die Erfahrungen unserer christlichen Vorfahren beginnend mit den Autoren des Neuen Testaments, dass aber deren Gotteserfahrungen schwer verstanden werden können von heutigen Christen und schon gar nicht von denen, die keinen Zugang zum Christlichen haben. Was ist der Ausweg? Soll man – wie das vielerorts schon geschehen ist – mit der Sprache des Alltags von Christus erzählen á la „Jesus und seine Hawara“ oder „Volxbibel„? Wird man damit moderne Gotteserfahrungen bei den Kirchenfernen ermöglichen können?

Und wie kann man überhaupt die Offenheit für Gotteserfahrungen in den Menschen wecken? Wie das Bewusstsein für sprachliche, religiöse Kategorien erzeugen in einer Gesellschaft, in der sich – übertrieben formuliert – die Pflege der Sprache auf das Eintippen von SMS beschränkt?

Gott teilt sich – und das ist meine tiefe Überzeugung – ständig uns Menschen mit. Das Problem, das ich für das Christentum in seiner derzeitigen Verfasstheit sehe, ist die Schwierigkeit, diese Erfahrungen zu versprachlichen mit all den Abstrichen, die eine religiöse Sprache natürlich in Kauf nehmen muss. Zahllose Autoren und Theologen haben sich bemüht, genau das zu bewerkstelligen, aber wie kann das Dilemma aufgelöst werden, dass wir auf ein Credo angewiesen sind, das mit religiösen Kategorien arbeitet, die erst ziemlich lang erklärt werden müssen, um benannt werden zu können, geschweige denn, dass diese den Kirchenfernen von heute ein Instrument in die Hand geben, wie sie ihre eigenen Gotteserfahrungen interpretieren können.

Menschliche Sprache ist natürlich immer defizitär, wenn sie von Gott handelt. Aber wir haben keine Alternative, im Gegenteil: es ist Gott selbst, der diese Form der Kommunikation gewählt hat. Wie finden wir eine Sprache, die von den Menschen heute verstanden wird, die sie für die prinzipielle Möglichkeit einer Gotteserfahrung öffnet, die ihr von allen möglichen Dingen abgelenktes Herz bewegen kann? Wie kann das „Fürchtet euch nicht“ des Auferstandenen, das die Apostel in ihrem Innersten bewegt hat, ins Heute übersetzt werden, ohne den geschichtlichen Glutkern des Christentums auszulöschen?

PAX