Pfingstsequenz II – Alles von Gott erwarten

Nach der ersten Strophe der Pfingstsequenz möchte ich im Folgenden auf die zweite eingehen.

Veni, pater pauperum,
Veni, dator munerum,
Veni, lumen cordium.

Ü1 (wörtlich)
Komm, Vater der Armen,
Komm, Geber der Gaben,
Komm, Licht der Herzen.

Ü2 (Gotteslob)
Komm, der alle Armen liebt,
komm, der gute Gaben gibt,
komm, der jedes Herz erhellt.

Ü3 (Heinrich Bone)
Vater aller Armen du,
Aller Herzen Licht und Ruh’,
Komm mit deiner Gaben Zahl!

1) Veni: Die dreifache Anapher „Komm“ weist, unschwer auszumachen, auf die Dreifaltigkeit hin, was bei der Übersetzung Ü3 nicht mehr nachvollziehbar ist. Dennoch ist die Botschaft von der Dreifaltigkeit Kern der Pfingstsequenz.

Es schließt an an das dreifache „Heilig“ der Engel bei Jesaja 6,3 (Trishagion):
Sie [die Serafim] riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. / Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt.
und in der Offenbarung des Johannes 4,8:
Und jedes der vier Lebewesen hatte sechs Flügel, außen und innen voller Augen. Sie ruhen nicht, bei Tag und Nacht, und rufen: Heilig, heilig, heilig / ist der Herr, der Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung; / er war und er ist und er kommt.

Mit diesem dreifachen „Komm“ reiht sich der Beter also ein in den Chor aller Kreaturen, die zum Lobe Gottes singen und ihn als dreifaltig bekennen.

2) Pater pauperum: Die Alliteration (wieder nur im Lateinischen erkennbar) weist hin auf die unbedingte Zugehörigkeit dieser beiden Begriffe zueinander. Bei dem Wort pauperum eröffnet sich eine ganze Bandbreite an biblischen Assoziationen.

  • sind damit die ungewollt materiell Armen gemeint (vgl. das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter)
  • sind damit diejenigen gemeint, die alles Gott anvertrauen (vgl. der Kommentar zu den Seligpreisungen in der Einheitsübersetzung) oder
  • sind alle Menschen gemeint als „arme Sünder“?

3) Dator munerum: Schließen wir diesen Vers an unsere vorherigen Überlegungen an, so wird eher die zweite Bedeutung des Begriffes pauperum wahrscheinlich: wer alles Gott anvertraut und erkannt hat, dass er ohne dessen Hilfe nichts vermag, der erwartet konsequenterweise alle Gaben von Gott. Der reiche Reim pauperum – munerum zeigt: die so verstandene Armut ist ein Geschenk.

4) Lumen cordium: Dieser Vers reimt auf Lucis tuae radium aus der ersten Strophe. Die Verbindung von Lux und Lumen (Alliteration!) ist augenfällig: in Anknüpfung an die erste Strophe meint dieser Vers also: der Heilige Geist, der alles Sein durchdringt und göttlich macht, er leuchtet auch ins Herz, ins Innerste Sein des Menschen.

5) Diese Strophe besteht also aus einer parallel aufgebauten Aufzählung dreier Attribute für den Heiligen Geist, die bewusst Assoziationen zu biblischen Themen herstellen: es geht um das Arm-Sein vor Gott als Ausdruck für das rechte Verständnis menschlicher Schaffenskraft, es geht um die Erwartung an Gott, die sich aus ersterer Erkenntnis speist und es geht um das Durchdringen des Herzens, ein Ausdruck vollkommener mystischer Hingabe an Gottes Liebe.

Durchatmet von dir
du Federhauch des Schweigens
besingt dich die Welt.

PAX

Pfingstsequenz I – Strahlen der Liebe

Die Pfingstsequenz aus dem 13. Jahrhundert gehört zu den schönsten Gebeten der Christenheit. Sie wird Stephan Langton, dem damaligen Erzbischof von Canterbury, zugeschrieben (was für ein Verlust!) und ist in der hier behandelten Form dem Graduale Romanum entnommen.

In dieser Reihe möchte ich jede Strophe einzeln kommentieren. Da Interpretationen immer eine Frage der Übersetzung sind, werde ich zu jeder Einzelstrophe zunächst verschiedene Übertragungen dokumentieren.

Veni, Sancte Spiritus,
Et emitte caelitus
Lucis tuae radium.

Wörtliche Übersetzung (Ü1)

Komm, Heiliger Geist,
und verbreite, Himmlischer,
den Strahl deines Lichtes

Übersetzung von Maria Luise Thurmair und Markus Jenny 1971 – Gotteslob Nr. 244 (Ü2)

Komm herab, o Heilger Geist,
der die finstre Nacht zerreißt,
strahle Licht in diese Welt.

Übersetzung von Heinrich Bone 1847 (Ü3)

Komm, o Geist der Heiligkeit!
Aus des Himmels Herrlichkeit
Sende deines Lichtes Strahl!

1) Veni: wie auch schon die Aufforderung an die Hirten zu Weihnachten oder an die Gläubigen bei der Kreuzesverehrung (Venite adoremus) beginnt die Pfingstsequenz mit einem Imperativ: der Heilige Geist möge vom Himmel herabkommen. Der Betende erweist sich damit als bedürftig, als Leidender, der des himmlischen Beistandes bedarf. Die Pfingstsequenz kann daher in den Bereich des Bittgebets eingeordnet werden: gemeinsam mit der ganzen Kirche bittet der konkret Betende um den Geist Gottes.

2) Sancte Spiritus: Die Alliteration Sancte Spiritus, die nur im Lateinischen möglich ist, zeigt die Einheit von Heiligkeit und Geist. Damit wird die Dreifaltigkeit dargestellt in ihrem geheimnisvollen Zusammenspiel von Einheit und Dreiheit.

3) emitte […] radium: Wörtlich kann man den Begriff emitte mit hinausschicken wiedergeben.
Dazu fällt mir Jes 55,10f ein: Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe.
Der Herr sendet seinen Geist aus, das Licht des Lebens, um das Gute in der Welt zu befördern.

4) caelitus: Himmel und Erde sind durch die Sendung des Geistes verbunden; damit im Zusammenhang steht die Hingabe Jesu am Kreuz. Das Symbol des Kreuzes, insbesondere der vertikale Balken, kann ja verstanden werden als Verbindung von Himmel und Erde, wobei die Bewegung vom Sohn ausgeht hin zum Vater, von der Erde zum Himmel. Pfingsten ist so die Antwort Gottes: eine Bewegung von oben nach unten, vom Himmel zur Erde.

5) radium: Wie auf diesem Bild angedeutet, durchdringt der göttliche Lichtstrahl die gesamte Schöpfung und bringt hervor, was in ihr Gutes schon angelegt wurde, ähnlich wie das Bild des Blickes Jesu, der unser tiefstes Inneres zum Vorschein bringt und alles Misslungene heilen kann.

6) Conclusio: Gott sendet den Heiligen Geist zu Pfingsten aus, um alles Gute, Schöne und Wahre, das in der Schöpfung von Anbeginn an vorhanden ist, hervorsprießen und keimen zu lassen, damit es wachse, blühe und gedeihe und Früchte bringe zum Wohl der gesamten Schöpfung. Damit erweist sich in besonderer Weise die Dreifaltigkeit Gottes: er ist durch seinen Sohn auf ewig mit der geschaffenen Welt verbunden, sein göttliches Sein durchdringt sie und verbindet so Himmel und Erde miteinander.

Abschließen möchte ich jede Folge mit einem kurzen Gedicht.

So wie die Sonne
schickst du Strahlen der Liebe
und verwandelst uns.

Ein gesegnetes Pfingstfest!

PAX

Nachträgliche Ergänzung
Ein schöner Beitrag über die liturgische Einbindung der Pfingstsequenz findet sich hier.

Tageslesung Jesaja 49

Die heutige Tageslesung entstammt dem Buch Jesaja. Es handelt sich um das zweite Lied vom Gottesknecht.

Jes 49, 1-6: 1 Hört auf mich, ihr Inseln, merkt auf, ihr Völker in der Ferne! Der Herr hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt. 2 Er machte meinen Mund zu einem scharfen Schwert, er verbarg mich im Schatten seiner Hand. Er machte mich zum spitzen Pfeil und steckte mich in seinen Köcher. 3 Er sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will. 4 Ich aber sagte: Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft umsonst und nutzlos vertan. Aber mein Recht liegt beim Herrn und mein Lohn bei meinem Gott. 5 Jetzt aber hat der Herr gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht gemacht hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm versammle. So wurde ich in den Augen des Herrn geehrt, und mein Gott war meine Stärke. 6 Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.

Dieses zweite Lied vom Gottesknecht stellt die göttliche der menschlichen Perspektive gegenüber. Der Gottesknecht wurde schon im Mutterleib berufen, von Anfang seines Daseins hat er seine Bestimmung. Gott hat Großes mit ihm vor: nicht nur die Sammlung und Heimführung seines Volkes, sondern die Sammlung aller Völker, die Ausgießung seines Heiles „bis an das Ende der Erde“.

In der Welt der Menschen aber erfährt der Knecht Frustration, Enttäuschung, Vergeblichkeit: Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft umsonst und nutzlos vertan. Was für eine hervorragende Zusammenfassung dessen, was wir so häufig als Christen erfahren müssen! Dass unsere Bemühungen nicht fruchten, wir einer Übermacht an Unglauben, Spott und Ablehnung gegenüberstehen, dass es nur wenige sind, die an einem ernsthaften Leben aus dem Glauben heraus interessiert sind. Dass wir unsere Kräfte für einen aussichtslosen Kampf verschwenden.

Mir kommt da wieder Don Quijote in den Sinn, der ja den „unbesiegbaren Feind“ besiegen und den „unerreichbaren Stern“ erreichen will. Diese Bibelstelle gibt ihm Recht: wohl ist in der menschlichen Perspektive so vieles sinnlos, vergeudet, verschwendet, Gott aber hat uns zu Größerem berufen: wir sollen durch unseren kleinen, verschwindend geringen Beitrag mithelfen, ein „Licht für die Völker“ zu sein.

Um wie viel wird dies aber auch leichter, wenn wir dem Gottesknecht schlechthin nachgehen können, Jesus Christus, der uns vorangegangen ist auf diesem Weg.

PAX