Der Affe Adam

Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Erlösung bin ich auf die Frage nach der Historizität Adams gestoßen und die Frage, ob alle Menschen von einem Ureltern-Paar abstammen (also eine biblisch verstandene Monogenese). Dahinter steckt natürlich eine alte Streitfrage, die darauf hinausläuft, ob der biblische Schöpfungsglaube mit der Evolutionstheorie kompatibel ist oder nicht. Es geht also schlicht und einfach um die Glaubwürdigkeit des biblischen Menschenbildes angesichts der naturwissenschaftlichen Forschung.

Dazu habe ich aus der Theologie widersprüchliche Informationen zusammengetragen.

1) Einerseits habe ich als braver Student der katholischen Theologie gelernt, dass der Mythos von Adam und Eva nicht als naturwissenschaftlicher Bericht missverstanden werden darf. Kurz: in Gen 2 und 3 werden wesentliche Wahrheiten über den Menschen bezeugt (Hinordnung der Geschlechter zueinander / prinzipielle Berufung für ein paradiesisches Leben mit einander, mit Gott und der Natur / die Faszination des Menschen für die Sünde / die allgegenwärtige Versuchung, Verantwortung abzuschieben / Sünde als Missachtung des Gebotes Gottes), aber keine Auskunft darüber erteilt, dass das erste Menschenpaar Homo sapiens Adam und Eva geheißen haben.

Ich habe bei der Vorlesung „Fundamentalexegese Altes Testament“ von Prof. Braulik im Wintersemester 1997/98 an der Universtität Wien Folgendes mitgeschrieben:

Der Sündenfall der Ureltern und der Brudermord Kains gehören literarisch und theologisch zusammen. Im Sündenfall verliert der Mensch keinen Urzustand und es wird kein goldenes Zeitalter beendet, sondern in der Sündenfallgeschichte entwickelt der Verfasser allgemeine Aussagen über die Situation der Menschen von der jüdischen Erfahrung her. Es geht um eine Stammvatererzählung: es wird kein einmaliges historisches Geschehen geschildert, sondern das, was immer und überall gilt (charakteristisch für Mythos und Stammvatererzählung). Die jüdischen Erfahrungen über das Menschsein an sich kommen in mythischen Bildern und Symbolen zur Sprache. Die Bibel enthält aber nicht nur Mythologien, sondern interpretiert den mythisch schon vorhandenen Stoff durch eine offenbarende Sprache. Bilder des Gartens, Stromes, der Bäume, Wächter, Schlangen, die Menschen im Garten verführen, sind nicht primitiv, sondern im Unterbewusstsein des modernen Menschen noch immer präsent – sind nicht naiv, sondern beschreiben in Genauigkeit die Lebenssituation. Diese Bilder sagen, was der Mensch von Gott her sein könnte und dann in Wahrheit geworden ist durch seine Sünde. […] Die Erzählung beschreibt kein goldenes Zeitalter der Welt, auch keine Utopie, die sich jemand erträumen kann, sondern die Welt hätte sich so entwickeln können. Es war in der Schöpfung so angelegt.

Und weiter über die Erbsündenlehre:

Die Sammelternerzählung stellt eine narrative Sündenlehre dar: die Stammeltern sündigen = alle Menschen sündigen. Die Sünde wird von einer vorgegebenen Wirklichkeit provoziert. Sie entsteht durch die Verführung durch die Schlange (in der Theologie ist die Schlange das vorpersonale Element von Sünde) => die Sünde entsteht eigentlich nicht aus der reinen Freiheit des Menschen, sondern von bestimmten Gegebenheiten. Dass die Sünde nicht allein dem sündigen Menschen zuzuschreiben ist, zeigt der Autor damit, dass die Schlange zuerst bestraft wird. Die Erzählung stellt psychologisch dar, dass die plumpe Leugnung des Gottesgebotes Eva dazu bringt, der Verlockung des Einmaligen zu erliegen. Nach dieser ersten Sünde schließen sich die nächsten an, die dann aus der Freiheit der Menschen resultieren (Systematik von Sündenerzählungen).
Gen 3: Sünde des einzelnen gegen Gott (Adam – Eva)
Gen 4: Sünde des einzelnen gegen den Bruder (Kain – Abel)
Gen 6: Sünde einer Gruppe gegen eine Gruppe (Menschen gegen Menschen, Sintflut)
Gen 11: Sünde der Menschheit gegen Gott (Turmbau zu Babel)
=> die ganze Gesellschaft wird von Sünden geformt, jeder einzelne Mensch wird durch die ihm vorangegangene Sozialisierung von der Sünde bestimmt (durch Sozialisierung entsteht ein Netzwerk des Bösen) = Erbsündenlehre.

2) Anders klingt die Erklärung der Erbsündenlehre im Katechismus der Katholischen Kirche, Artikel 402-404, wo man sich hauptsächlich auf einschlägige Texte des Apostels Paulus aus dem Römerbrief bezieht:

402 Alle Menschen sind in die Sünde Adams verwickelt. Der hl. Paulus sagt: ‚Durch den Ungehorsam des einen Menschen‘ wurden ‚die vielen (das heißt alle Menschen] zu Sündern‚ (Röm 5,19). ‚Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten‚ (Röm 5,12). Der Universalität der Sünde und des Todes setzt der Apostel die Universalität des Heils in Christus entgegen: ‚Wie es durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen (die Tat Christi] für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt‘ (Röm 5,18).

403 Im Anschluss an den hl. Paulus lehrte die Kirche stets, dass das unermessliche Elend, das auf den Menschen lastet, und ihr Hang zum Bösen und zum Tode nicht verständlich sind ohne den Zusammenhang mit der Sünde Adams und mit dem Umstand, dass dieser uns eine Sünde weitergegeben hat, von der wir alle schon bei
der Geburt betroffen sind und ‚die der Tod der Seele‘ ist [Vgl. K. v. Trient: DS 1512.]. Wegen dieser Glaubensgewissheit spendet die Kirche die Taufe zur Vergebung der Sünden selbst kleinen Kindern, die keine persönliche Sünde begangen haben [Vgl. K. v. Trient: DS 1514].

404 Wieso ist die Sünde Adams zur Sünde aller seiner Nachkommen geworden? Das ganze Menschengeschlecht ist in Adam ‚wie der eine Leib eines einzelnen Menschen‘ (Thomas v. A., mal. 4,1). Wegen dieser ‚Einheit des Menschengeschlechtes‘ sind alle Menschen in die Sünde Adams verstrickt, so wie alle in die Gerechtigkeit Christi einbezogen sind. Die Weitergabe der Erbsünde ist jedoch ein Geheimnis, das wir nicht völlig verstehen können. Durch die Offenbarung wissen wir aber, dass Adam die ursprüngliche Heiligkeit und Gerechtigkeit nicht für sich allein erhalten hatte, sondern für die ganze Menschennatur. Indem Adam und Eva dem Versucher nachgeben, begehen sie eine persönliche Sünde, aber diese Sünde trifft die Menschennatur, die sie in der Folge im gefallenen Zustand weitergeben [Vgl. K. v. Trient: DS 1511—1512.]. Sie ist eine Sünde, die durch Fortpflanzung an die ganze Menschheit weitergegeben wird, nämlich durch die Weitergabe einer menschlichen Natur, die der ursprünglichen Heiligkeit und Gerechtigkeit ermangelt. Deswegen ist die Erbsünde ‚Sünde‘ in einem übertragenenSinn: Sie ist eine Sünde, die man ‚miterhalten‘, nicht aber begangen hat, ein Zustand, keine Tat.

Das Problem ist also eigentlich Paulus: er dürfte die Sündenfallsgeschichte rund um Adam und Eva wörtlicher verstanden haben, als das die heutige alttestamentliche Bibelwissenschaft unternimmt, und so zu der folgenschweren Formel aus Röm 5,18 gekommen sein: Wie es durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt. Damit wird die Sünde Adams aber gerade als die singuläre Tat eines einzelnen Menschen interpretiert, die Georg Braulik noch in der Deutung der entsprechenden Stelle als nicht Textsorten-adäquat zurückgewiesen hat.

Ich persönlich bin eher ein Anhänger der historisch-kritischen Methode. Adam und Eva sind für mich die Stammeltern, d.h. sie repräsentierten die Menschheit in ihren Stärken und Schwächen. Die Stammelternerzählung ist auch für mich kein (geschichtlicher) Bericht über ein singuläres Ereignis, sondern eine Aussage über die Verfasstheit des Menschen als Menschen: die Versuchung Adams ist unsere Versuchung, die Sünde Adams ist unsere Sünde, die Vertreibung aus seinem Paradies ist unsere Vertreibung aus dem Paradies, das eigentlich in der Schöpfungsordnung für uns vorgesehen war.

Was tun mit den Texten im Römerbrief? Sie – so wie die Genesistexte – von ihrer Aussageabsicht her interpretieren: Paulus wollte damit ausdrücken, dass Jesus die Sünde der Menschheit (für Paulus „die Sünde des ersten Menschen“) auf sich genommen und getilgt hat.

Wie auch immer: Glaube und Wissenschaft haben dieselbe Welt als Objekt ihrer Anschauung. Wenn sie die Grenzen ihrer jeweiligen Methode respektieren, kann zwischen ihren Ergebnissen daher kein Blatt Papier passen.

PAX

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Er-lösung II

Gestern sind mir – wegen meiner Auseinandersetzung mit den Fragen der Erlösung – in der Osternacht beim Exsultet natürlich folgende Stellen besonders aufgefallen:

[…] Er hat für uns beim ewigen Vater Adams Schuld bezahlt
und den Schuldbrief ausgelöscht mit seinem Blut, das er aus Liebe vergossen hat.
Gekommen ist das heilige Osterfest,
an dem das wahre Lamm geschlachtet ward,
dessen Blut die Türen der Gläubigen heiligt
und das Volk bewahrt vor Tod und Verderben.
Dies ist die Nacht,
die unsere Väter, die Söhne Israels,
aus Ägypten befreit
und auf trockenem Pfad durch die Fluten des Roten Meeres geführt hat.
Dies ist die Nacht,
in der die leuchtende Säule
das Dunkel der Sünde vertrieben hat.
Dies ist die Nacht,
die auf der ganzen Erde alle, die an Christus glauben,
scheidet von den Lastern der Welt,
dem Elend der Sünde entreißt,
ins Reich der Gnade heimführt
und einfügt in die heilige Kirche.
Dies ist die selige Nacht,
in der Christus die Ketten des Todes zerbrach
und aus der Tiefe als Sieger emporstieg.
Wahrhaftig, umsonst wären wir geboren,
hätte uns nicht der Erlöser gerettet.
O unfassbare Liebe des Vaters:
Um den Knecht zu erlösen, gabst du den Sohn dahin!
O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam,
du wurdest uns zum Segen,
da Christi Tod dich vernichtet hat.
O glückliche Schuld,
welch großen Erlöser hast du gefunden! […]
Der Glanz dieser heiligen Nacht
nimmt den Frevel hinweg,
reinigt von Schuld,
gibt den Sündern die Unschuld,
den Trauernden Freude.
Weit vertreibt sie den Hass,
sie einigt die Herzen
und beugt die Gewalten. […]

Dreh- und Angelpunkt ist dabei das von Augustinus stammende felix culpa, mit der die Ursünde Adams bezeichnet wird, sich gegen Gott aufgelehnt zu haben, die in Jesus Christus einen großen Erlöser gefunden hat.

Dazu ein paar Gedanken von Michael Wildfeuer: Das ist das Große des Christentums und die Größe der Gnade, die wir uns gar nicht genügend klarmachen können. Durch das Erbarmen Gottes wird die Schuld jetzt Anlass des Glückes. Derjenige, der an der erneuten Liebe Gottes teil hat, hat an einer größeren Gnade teil als die Menschen im Paradies. Warum? Weil Gott seine Huld jetzt nicht einem Unschuldigen zuwendet, wie im Paradies, sondern einem Sünder, einem Ungerechten, einem Verworfenen. Und das ist eine weitaus größere Gnade: Wenn ich mich zu einem stinkenden Bettler hinabneige und diesen an den Königshof hole, dann ist es natürlich viel größere Huld, als wenn ich einen Unbescholtenen einlade. Und das ist die wunderbare Größe des Christentums, die einzigartige Größe. Das gibt es nirgends auf der Welt. Welches Volk, welche Religion könnte die Schuld glücklich preisen? Das ist nirgends möglich, das ist nur im Christentum möglich.

Ja, aus der Perspektive des Menschen ist die Erlösung recht gut verständlich: ohne es verdient zu haben, gibt Gott jedem Menschen immer wieder die Chance zur Umkehr. Trotz seiner übergroßen Schuld ist der Weg zu Gott nicht versperrt. Gott kommt uns auf halbem Weg entgegen, ja, er nimmt uns wie der barmherzige Vater immer wieder auf und vergibt bei ehrlicher Reue.

Aber aus der Perspektive Gottes? Warum brauchte es den Tod Christi am Kreuz? Wäre das nicht – wie Barbara Büchner ausgedrückt hat – ein sadistischer Vater, der den Tod seines Sohnes braucht, um allen Menschen vergeben zu können?

Ich denke, man kann sich von dieser – unchristlichen – Vorstellung befreien, wenn man bedenkt, dass die alttestamentlichen Bilder, die so eine Deutung nahelegen, nur einige unter vielen sind, die von den Autoren des Neuen Testaments herangezogen wurden, um zu beschreiben, was mit dem Mysterium der Erlösung gemeint ist. Auf dieser Seite wird das gut zusammengefasst:
Die Hl. Schrift bedient sich einer ganzen Reihe von meist alttestamentlich inspirierten Bildern, die das Heilsgeschehen des Todes Jesu ausdrücken: „Loskauf aus der Knechtschaft der Sünde“ (vgl. Gal 3, 13), „Rechtfertigung“ (1 Petr 1, 18), Lebenshingabe als „Lösegeld für viele“ (Mk 10, 45; Gal 1, 4), „Sühne für unsere Sünden“ (Röm 3,25) usw.
In die heutige Sprache übersetzt könnte das bedeuten: Jesus geht den Weg nach Golgotha nicht für sich; er geht ihn für uns! Er nimmt uns auf diesem Weg gewissermaßen alle Lasten ab und trägt sie ans Kreuz; diese Lasten sind all das, was uns von Gott trennt. (Quelle)

Die Frage, die bleibt, ist: warum war es notwendig, dass er uns alle Lasten abnimmt? Warum musst der Sohn sterben, um den Weg zum Vater von allen Dingen zu säubern, die uns von Gott trennen?

Vielleicht hilft die Antwort auf die Frage weiter, warum es Reue braucht, damit Vergebung wirksam wird. Gott vergibt uns unsere Sünden. Aber damit diese Vergebung wirken, ihre heilsame Kraft ausbreiten kann, braucht es die Reue des Menschen. Wie könnte er auch sonst die Vergebung annehmen, wenn er nicht einsieht, dass er etwas Falsches getan hat? Insofern sind Gott die Hände gebunden ; durch die Freiheit, die er dem Menschen einräumt, gibt er ihm auch die Möglichkeit, seine Fehler nicht einzusehen. Deswegen ist die Rede von der leeren Hölle etwas zu optimistisch: die Freiheit des Menschen, die er von Gott geschenkt bekommen hat, schließt ja seine absolute Ablehnung jeder eigenen Schuld mit ein, sodass eine selbstverschuldete (!) Gottesferne im Bereich des Möglichen liegt. Das widerspricht nicht der Rede vom Gott der Liebe. Schließlich liegt der Zustand der Hölle (= Gottesferne) am Menschen selbst, der die vorhandene, liebevolle Vergebung Gottes aus Hybris zurückweist.

Es scheinen Gott auch bei der Erlösung des Menschen die Hände gebunden zu sein, sonst hätte er nicht sehenden Auges in Kauf nehmen müssen, dass der Sohn am Kreuz stirbt. Die Vorstellung Gottes als ein sadistischer Vater widerspricht sämtlichen Gottesbildern des Alten und Neuen Testaments.

Die Improperien, die Heilandsklagen des Karfreitags zeigen diese Ohnmacht Gottes angesichts der Freiheit des Menschen (in der Liedform von Markus Fidelis Jäck ein Text, den ich selbst als Kind und Jugendlicher äußerst beeindruckend erlebt habe):

1 O du mein Volk, was tat ich dir?
Betrübt ich dich? Antworte mir!
Ägyptens Joch entriss ich dich,
du legst des Kreuzes Joch auf mich.

2 Ich führte dich durch vierzig Jahr
und reichte dir das Manna dar;
das Land des Segens gab ich dir,
und du gibst mir das Kreuz dafür.

3 Was hab ich nicht für dich getan?
Pflanzt dich als meinen Weinberg an,
und du gibst bittern Essig mir,
durchbohrst des Retters Herz dafür.

4 Ich führte dich durchs Rote Meer,
und du durchbohrst mich mit dem Speer.
Der Heiden Macht entriss ich dich,
du übergabst den Heiden mich.

5 Ich nährte in der Wüste dich,
und du, du lässt verschmachten mich;
gab dir den Lebensquell zum Trank,
und du gibst Galle mir zum Dank.

6 Ich schlug den Feind, gab dir sein Land;
und grausam schlägt mich deine Hand.
Das Königszepter gab ich dir,
du gibst die Dornenkrone mir.

7 Ich gab dir Gnaden ohne Zahl;
du schlägst mich an des Kreuzes Pfahl.
O du mein Volk, was tat ich dir?
Betrübt ich dich? Antworte mir!

Kein Wort darüber, dass der Vater von Anfang an vorgehabt habt, den Sohn grausam am Kreuz sterben zu sehen, sondern die Rede von einem ohnmächtigen Gott, der zusehen muss, wie sein Sohn gemartert wird, obwohl er den Menschen schon überreiche Gnade zuerkannt hat.

Dieses uralte Lied zeigt finde ich am besten, wie man das verstehen kann, was Jesus am Kreuz erleidet und wie Gott dazu steht. Er gibt den Menschen die Freiheit zu handeln, zu reden und zu denken, was sie für richtig halten; die Freiheit, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden. UND er macht aus ihren bösen Taten Gutes, das ist seine Allmacht. Seine Allmacht ist also nicht darin begründet, dass er die Menschen von bösen Taten abhalten kann, sonst wären sie ja nicht frei (und nicht verantwortlich für ihre Taten), ABER sie liegt darin, dass er noch größeres Gutes aus dem machen kann, was die Menschen verbockt haben: er schreibt „auf schiefen Linien“ gerade, wie der Volksmund sagt.

Deswegen ist ja auch Judas zu verdammen. Er hat nicht Gottes Plan gedient, indem er seinen Meister verraten hat, sondern er hat einen Freund verraten und damit große Schuld auf sich geladen. Dass der Vater aus diesem Verrat dann umso viel Besseres geschaffen hat, nämlich seinen Sohn auferweckt und uns erlöst hat, ist nicht Verdienst des Judas, sondern Verdienst der Liebe Gottes.

Zusammengefasst: Die Menschen haben in ihrer Freiheit den Sohn Gottes umgebracht, obwohl er ohne Makel war. Und weil sich in diesem Sohn Gott untrennbar mit allen Menschen verbunden hat, ist sein Tod mehr: in Jesus werden alle Menschen mitgekreuzigt (vgl. Gal 2,19f)), seine übergroße Liebe für alle Menschen, die ohne Wort des Widerstandes (vgl. Jes 53,7)) zum Tod führt, kann den großen Mangel aller Sünden ausgleichen. Das ist wohl mit dem „für uns“ gemeint: eine kosmische Erschütterung der Macht der Liebe, eine übermenschliche Ansammlung von Liebe, die allen Menschen zugutekommt. Gott Vater erweckt seinen Sohn zum Leben – und schafft damit die Grundlag für unsere existentielle christliche Hoffnung.

Soweit meine Überlegungen zum heutigen Ostersonntag!

Berichtigungen und Anfragen erwünscht!

PAX ET BONUM

Er-lösung

Wie jedes Jahr hat mich am Karfreitag besonders die Lesung aus dem Buch Jesaja (Quelle) berührt:

Jes 52, 13 – 53, 12: 13 Seht, mein Knecht hat Erfolg, er wird groß sein und hoch erhaben. 14 Viele haben sich über ihn entsetzt, so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen. 15 Jetzt aber setzt er viele Völker in Staunen, Könige müssen vor ihm verstummen. Denn was man ihnen noch nie erzählt hat, das sehen sie nun; was sie niemals hörten, das erfahren sie jetzt.
1 Wer hat unserer Kunde geglaubt? Der Arm des Herrn – wem wurde er offenbar? 2 Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, so dass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm. 3 Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. 4 Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. 5 Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen. 7 Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf. 8 Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen. 9 Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war.
10 Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühneopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen. 11 Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich. 12 Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen, und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.

Dieses 4. Lied vom Gottesknecht ist der prophetische Schlüssel, mit dem das Geheimnis des Christusereignisses „aufgesperrt“ werden kann, es ist erst ganz verständlich, nachdem in Jesus von Nazareth diese Verheißungen verwirklicht wurden.

Besonders interessiert mich dabei das „für uns“. Was bedeutet es genau, dass er für uns gestorben ist? Wieso und wie hat er „unsere Sünden“ auf sich genommen, hat er uns „erlöst“?

Nehmen wir zunächst aus dem obigen Zusammenhang die entsprechenden Stellen heraus:
Jes 53,4: Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen.
6: Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen.
8: Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen.
10: Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühneopfer hingab.
11: Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich.
12: Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen, und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.

Nun, der Sinn dieser Bibelstelle ist eindeutig. Auf Jesus von Nazareth übertragen bedeuten sie: Jesus als wahrer Gottesknecht hat sein Leben für uns hingegeben. Am Kreuz hat er alle unsere Schuld auf sich genommen, er hat sein Leben als „Sühneopfer“ hingegeben. Seit dieser Tat sind wir erlöst. So weit die theologische Sprachregelung. Aber was bedeutet das?

Ich habe erst kürzlich einen Beitrag der DVD „3MC – 3-Minuten-Katechismus“ gesehen, der versucht hat, diesem Geheimnis nachzuspüren. Ausgangspunkt war die Prämisse, dass die Sünde immer an ein Mangel darstelle, nämlich ein Mangel an Liebe. Ein Mangel an Liebe werde logischerweise mit einem Mehr an Liebe auzugleichen sein. Der Sohn Gottes nun habe durch seinen Tod in einer freien Tat aufgrund seiner übergroßen Liebe all den Mangel ausgeglichen, der von menschlichen Sünden verursacht werden könne. So habe uns Jesus am Kreuz erlöst.

Diese Erklärung ist für mich zu technisch.

Eine weitere Möglichkeit zu erklären, inwieweit wir Christen uns nun als erlöst zu betrachten haben, ist folgende: weil Gott in Jesus Christus auf der Erde unter uns gewandelt ist und uns gezeigt hat, wie er ist (nämlich Liebe), haben wir eine Ahnung davon, wie ein erfülltes, glückliches Leben gelingen kann. Die Erlösung besteht darin, dass Leben, Botschaft, Leiden, Tod und Auferstehung des Gottessohnes uns authentisch vermittelt, welchen Weg Gott mit uns Menschen gehen will: nämlich einen liebevollen, einen Weg, der beim Tod nicht Halt macht, sondern der auch eine Perspektive darüber hinaus eröffnet. Wir sind also erlöst, weil wir uns aufgrund des Christusereignisses als Kinder Gottes begreifen dürfen, die sich auf ihren Vater im Himmel verlassen können. Der Kreuzestod Jesu spielt – angesichts der obigen Lesung – in diesem Erklärungversuch natürlich eine wesentliche Rolle: bezeugt er damit nicht nur die Liebe Gottes, die über den Tod hinausgeht, sondern auch die Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit des Gottessohnes.

Im Kathechismus der Katholischen Kirche heißt es im Artikel 601:
Dieser göttliche Plan, durch den gewaltsamen Tod des „Knechtes, des Gerechten“ (Jes 53,11) [Vgl. Apg 3,14.] Heil zu schaffen, war in der Schrift im voraus angekündigt worden als ein Mysterium allumfassender Erlösung, das heißt eines Loskaufs, der die Menschen aus der Sklaverei der Sünde befreit [Vgl. Jes 53,11-12; Job 8,34-36.]. In einem Glaubensbekenntnis, von dem er sagt, er habe es „empfangen“ (1 Kor 15,3), bekennt der hl. Paulus: „Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift“ (ebd.) [Vgl. Jes 53,7-8 und Apg 8,32-35.]in Erfüllung gehen. Jesus selbst hat den Sinn seines Lebens und seines Todes im Licht dieser Worte vom Gottesknecht gedeutet [Vgl. Mt 20,28.]. Nach seiner Auferstehung gab er diese Schriftdeutung den Emmausjüngern [Vgl. Lk 24,25-27.] und sodann den Aposteln selbst [Vgl. Lk 24,44-45.].

…und weiter in Artikel 616:
Die „Liebe bis zur Vollendung“ (Job 13,1) gibt dem Opfer Christi seinen Wert und bewirkt, daß es erlöst und wiedergutmacht, sühnt und Genugtuung leistet. Jesus hat bei der Hingabe seines Lebens um uns alle gewußt, uns alle geliebt [Vgl. Gal 2,20; Eph 5,2.25.]. „Die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben“ (2 Kor 5,14). Kein Mensch, selbst nicht der größte Heilige, wäre imstande, die Sünden aller Menschen auf sich zu laden und sich als Opfer für alle darzubringen. Doch kraft der göttlichen Person des Sohnes in Christus, die über alle menschlichen Personen hinausgeht und sie zugleich umfängt, und Christus zum Haupt der ganzen Menschheit macht, kann das Opfer Christi für alle erlösend sein.

…und Artikel 618
618 Der Kreuzestod ist das einmalige Opfer Christi, des „einzigen Mittlers zwischen Gott und den Menschen“ (1 Tim 2,5). Doch weil er sich in seiner menschgewordenen göttlichen Person „gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt“ hat (GS 22,2), bietet sich allen „die Möglichkeit …‚ sich mit diesem österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise zu verbinden“ (GS 22,5). Jesus fordert seine Jünger auf, ihr „Kreuz auf sich“ zu nehmen und ihm nachzufolgen (Mt 16,24), denn er „hat für [uns] gelitten und [uns] ein Beispiel gegeben, damit [wir] seinen Spuren“ folgen (1 Petr 2,21). Er will diejenigen, denen sein Erlösungsopfer zuerst zugutekommt, an diesem Opfer beteiligen [Vgl. Mk 10,39; Job 21,18-19; Kol 1,24.]. Das gilt vor allem für seine Mutter, die in das Mysterium seines erlösenden Leidens tiefer hineingenommen wird als jeder andere Mensch [Vgl. Lk 2.35.].

Noch viele Texte des Katechismus beschäftigen sich mit der Frage, wie uns Jesus erlöst hat. Ich erkenne aus den zitierten Stellen (und den anderen) ein Bemühen, dieses zentrale christliche Mysterium zu erklären … und gleichzeitig auch eine Hilflosigkeit, dasselbe zu bewerkstelligen. Vielleicht gibt es aber im letzten Zitat einen Anknüpfungspunkt: erlöst zu sein, könnte bedeuten, dass seit Jesus Christus sich Gott untrennbar mit den Menschen verbunden hat, dass Jesus uns einen Weg zu dem Unbegreiflichen, absolut Transzendenten gebaut hat, dass wir nun zu eben diesem „Abba“, „Papa“, sagen können. In der Nachfolge Jesu nimmt er uns also mit auf diesem Weg zu seinem Vater.

Hier könnte doch eine Möglichkeit sein, diese schwierige theologisch-überfrachtete Rede von der „Erlösung“ oder vom „Tod für uns“ auch im 21. Jahrhundert zu verstehen: Gott liebt uns mit einer Liebe, die wir nicht einmal erahnen können. Er schickt uns seinen Sohn, der uns diese Liebe bezeugt bis zu einem grauenvollen, bitteren Tod am Kreuz. Mit seinem ganzen Leben, vor allem aber mit seiner Konsequenz, auch den Tod auf sich zu nehmen, hat der Sohn Gottes uns erlöst: er hat uns gezeigt, dass die Liebe stärker ist als der Tod, dass wir geliebte Gotteskinder sind und in der Nachfolge Jesu einen Weg zum Vater vorfinden.

Der Pfarrer von St. Elisabeth in Salzburg, Heinrich Wagner, hat das Mysterium der Auferstehung in einer Osterpredigt wunderbar ausgedrückt: Die Botschaft, die wir Sonntag für Sonntag feiern, ist nicht eine, die ich fassen kann, ist nicht eine, bei der ich mal sagen kann: „Ja, ich hab’s kapiert!“ Es ist immer wieder dieses Nicht-Glauben-Können und Aufgeweckt-Werden durch diesen Ruf, der immer wieder neu gesagt werden muss: Christus ist auferstanden!

Ich wünsche allen, die das lesen, ein gesegnetes und frohes Osterfest! Möge die Gegenwart des Auferstandenen euer Leben begleiten und behüten.

PAX