Gott und die Sprache IV – Evangelii Gaudium III

Nach den schon erfolgten Auseinandersetzungen mit dem Thema Gott und die Sprache (I, II, III) nun eine Aktualisierung im Licht von Evangelii Gaudium:

Zugleich erfordern die enormen und schnellen kulturellen Veränderungen, dass wir stets unsere Aufmerksamkeit darauf richten und versuchen, die ewigen Wahrheiten in einer Sprache auszudrücken, die deren ständige Neuheit durchscheinen lässt. Denn im Glaubensgut der christlichen Lehre „ist das eine die Substanz […] ein anderes die Art und Weise, diese auszudrücken.“ (Johannes XXIII: Ansprache zur feierlichen Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils, 11. Oktober 1962, 792). Manchmal ist das, was die Gläubigen beim Hören einer vollkommen musterhaften Sprache empfangen, aufgrund ihres eigenen Sprachgebrauchs und -verständnisses etwas, was nicht dem wahren Evangelium Jesu Christi entspricht. In der heiligen Absicht, ihnen die Wahrheit über Gott und den Menschen zu vermitteln, geben wir ihnen bei manchen Gelegenheiten einen falschen „Gott“ und ein menschliches Ideal, das nicht wirklich christlich ist. Auf diese Weise sind wir einer Formulierung treu, überbringen aber nicht die Substanz. Das ist das größte Risiko. Denken wir daran: „Die Ausdrucksform der Wahrheit kann vielgestaltig sein. Und die Erneuerung der Ausdrucksformen erweist sich als notwendig, um die Botschaft vom Evangelium in ihrer unwandelbaren Bedeutung an den heutigen Menschen weiterzugeben.“ (Johannes Paul II., Ut unum sint, 25. Mai 1995, 933). (EG 41)

So oder so ähnlich haben wir das auch schon gesehen, die Frage ist nur, was „umformulieren“, was beibehalten, was genauer erklären, was aufgeben? Der Papst führt weiter aus:

Das hat eine große Relevanz in der Verkündigung des Evangeliums, wenn es uns wirklich am Herzen liegt zu erreichen, dass seine Schönheit besser wahrgenommen und von allen angenommen wird. In jedem Fall können wir die Lehren der Kirche nie zu etwas machen, das leicht verständlich ist und die uneingeschränkte Würdigung aller erfährt. Der Glaube behält immer einen Aspekt des Kreuzes, eine gewisse Unverständlichkeit, die jedoch die Festigkeit der inneren Zustimmung nicht beeinträchtigt. Es gibt Dinge, die man nur von dieser inneren Zustimmung her versteht und schätzt, die eine Schwester der Liebe ist, jenseits der Klarheit, mit der man ihre Gründe und Argumente erfassen kann: Darum ist daran zu erinnern, dass jede Unterweisung in der Lehre in einer Haltung der Evangelisierung geschehen muss, die durch die Nähe, die Liebe und das Zeugnis der Zustimmung des Herzens weckt. (EG 42)

Wenn ich den Papst richtig verstanden habe, so meint er, dass die (religiöse) Sprache Grenzen aufweist, wenn man religiöse Wahrheiten ausdrücken möchte, die unüberwindbar sind. Dabei spricht er meines Erachtens auch gegen eine zu simple und vereinfachende Wortwahl, die die religiöse Wahrheit banalisiert.

Also auch hier Widersprüchliches: einerseits ist es notwendig, die religiösen Wahrheiten in ihrer sprachlichen Vermittlung an die heutige Wortwahl und Sprachschicht anzupassen, andererseits muss man sich der Grenzen sprachlicher Kommunikation bewusst sein, insbesondere was das Ausdrücken religiöser Zusammenhänge angeht.

Sind wir nun so klug „als wie zuvor“?

Wir werden sehen, welche konkreten Schritte Franziskus setzt, um eine bessere Verständlichkeit der religiösen Sprache zu erreichen.

Man darf gespannt sein.

PAX

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Der Mensch Adam

Albrecht Dürer: Adam, 1507

Schlussfolgerungen aus dem letzten Beitrag bezogen auf die Diskussion rund um die Geschichtlichkeit des Sündenfalls:

1) Benedikt XVI. formuliert in seinem Buch „Gottes Projekt“ auf Seite 86 unter der Überschrift „Was heißt Erbsünde“ (Link) folgendermaßen: In dem Genesisbericht, den wir dabei bedenken, kommt zu dieser Wesensbeschreibung der Sünde [Sünde = Zurückweisung der eigenen Geschöpflichkeit] aber noch ein weiterer Grundzug hinzu. Zunächst also ist dies sozusagen eine Art Phänomenologie der Sünde im Spiegel dieser ganz bestimmten Versuchung, für die die Schlange steht, durch die hindurch das Wesen von Versuchung und Sünde überhaupt sichtbar wird. Aber das ist nur das Eine. Das Zweite ist: Die Sünde wird nicht allgemein als eine abstrakte Möglichkeit beschrieben, sondern sie wird als eine Tatsache dargestellt, als die Sünde Adams, der am Anfang der Menschheit steht und von dem die Geschichte der Sünde ausgeht, wobei dieser Tatsachencharakter erst durch Römer 5, also durch die neutestamentliche Relecture, voll zum Ausdruck gebracht worden ist, weil erst in dem Augenblick, in dem die Erlösung zum Vorschein kam, auch sozusagen die Möglichkeit bestand, dem ganzen Angesicht, dem ganzen Tatbestand der Gefährdung und des Schrecknisses überhaupt standzuhalten. Erst in dem Augenblick, in dem die Antwort da ist, wird auch das Andere vollends sichtbar. Der Bericht also, so gelesen, sagt uns: Sünde bringt Sünde hervor und alle Sünden der Geschichte hängen untereinander zusammen.

2) Auf der einen Seite rechnet Benedikt XVI. also sehrwohl mit einem geschichtlichen Beginn der Sündenverstrickung des Menschen in „Adam“. Nun, diesem Gedanken ist auch nichts entgegenzusetzen: wenn der Mensch sündhaft ist, muss er irgendwann einmal damit angefangen haben, z.B. als die Entwicklung seines Gehirns so weit fortgeschritten war, dass er so etwas wie Willensfreiheit im Gegesatz zur Instinktsteuerung des Tieres entwickelt hat. Seitdem der Mensch also Willensfreiheit entwickelt hat (oder sie ihm von Gott geschenkt wurde) gibt es die Versuchung des Menschen, seine Geschöpflichkeit anzuzweifeln, die Schöpfungsordnung durchbrechen zu wollen und sich als Herr der Welt aufzuspielen.

3) Der Gedanke der Strafe wird hier nicht angesprochen. Ein Kritikpunkt der Geschichtlichkeit Adams war ja, dass die gesamte Menschheit wegen der Sünde eines frühen Hominiden bestraft wird. Diese Annahme erscheint ausgesprochen ungerecht: warum werden höher entwickelte, vielleicht eher moralisch denkende Menschen dafür bestraft, dass ihre Vorfahren noch unzivilisiert waren? Mit der Formulierung von Benedikt XVI. kann ich mich eher anfreunden: von Beginn der Menschheit an, als der Mensch sich durch seine Willensfreiheit vom Tier unterschied, ist er verstrickt in die Realität der Sünde bis heute. Das habe ich gemeint mit meinen Ausführungen über der Kehrseite der Medaille der Willensfreiheit.

4) Erst die Botschaft von der Erlösung durch Christus hat die Erkenntnis ermöglicht, ihn mit Adam in eine Beziehung zu setzen: der Mensch versteht von Anfang seines Mensch-Seins an die Tatsache seines Geschöpf-Seins als Angriff auf seine persönliche Freiheit und möchte sich selbst zu Gott erklären. Er fällt daher in eine sündhafte Beziehungsunfähigkeit hinein, die ihn von sich selbst, seinen Mitmenschen, Gott und der Schöpfung entfremdet. Christus nun als wahrer Gott kann diese Beziehungsunfähigkeit des Menschen wieder heilen, er ist ganz Beziehung („Sohn“), verhält sich göttlich, indem er der Liebe den Vorrang vor dem Egoismus gibt.

5) Die schwierigen Aussagen des Apostels Paulus aus dem Römerbrief erscheinen hier vielleicht in einem anderen Licht:
Röm 5,12: Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten.
Röm 5,19: Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden.
Gemeint ist also nicht, dass Adam schuld sei an der Sündenverflochtenheit des Menschen, sondern dass dies von Anfang an so gewesen sei. Die Gegenüberstellung Adam – Christus kann man zusammenkürzen auf die Gegenüberstellung Pseudogott – Gott. Gott hat also korrigierend in seine Schöpfung eingegriffen, um dem Menschen zu zeigen, wozu er eigentlich bestimmt sind: nämlich in Beziehung zu treten und nicht als beziehungsloses Etwas dahinzuvegetieren.

PAX

Die Dinge singen hör ich so gern

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Dieses Gedicht ist für mich das schönste von Rainer Maria Rilke. Es ist nicht nur charakteristisch für seine Sprachskepsis, sondern auch für seinen Glauben an den Schöpfer aller Dinge.

Ich möchte zunächst anknüpfen an die Überlegungen zum Thema „Gott und Sprache„. Kern derselben war ja, an welche Schwierigkeiten man stößt, wenn man religiöse Erfahrungen bzw. Glaubensgewissheiten sprachlich ausdrücken möchte bzw. ob man ohne sprachliche Vorbildung religiöse Erfahrungen fruchtbar für sein Leben machen kann. Rilke bringt noch weitere Aspekte zu den schon Ausgeführten hinzu:
1) „Sie sprechen alles so deutlich aus“ – die Kategorisierungen der Sprache schubladisieren Erfahrungen bzw. Dinge
2) „kein Berg ist ihnen mehr wunderbar“ – der Mensch entzaubert durch seine Sprache die natürlichen Erscheinungen, sie werden beschreibbare Objekte in seinen Augen. Das Wunder der Schöpfung wird damit nicht mehr wahrnehmbar.
3) „ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott“ – der Mensch erhebt sich kraft seiner Sprache in die Höhe Gottes
4) „Ihr bringt mir alle die Dinge um“ – durch das sprachliche Kategorisieren der natürlichen Erscheinungen wird die Schöpfung ermordet, sie wird stumm gemacht, ihr „Singen“ wird verunmöglicht.

Hinter diesem Gedicht steckt eine sehr schöne, theologisch fruchtbare Konzeption der Schöpfung Gottes, die durchaus auch an die biblische Erzählung der Genesis anknüpft:
Gen 2,19-20: Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen. Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes.

Gott überlässt einen Teil seiner Macht dem Menschen, indem er ihm die Benennung der Tiere überlässt. Gibt man jemandem oder etwas einen Namen, dann steht man eine Stufe darüber, man engt es in gewisser Weise ein, man hat Macht. Rilkes Angst, die sich in diesem Gedicht ausdrückt, liegt darin begründet, dass er den Menschen als machtbesessen einstuft: der Mensch setzt seine sprachlichen Fähigkeiten nicht dazu ein, die Schöpfung zu bewahren (wie das eigentlich von Gott gedacht war), sondern sie zu unterwerfen, ihr ihre Seele zu rauben, ihr ihre Fähigkeit zu nehmen, zum Lobe Gottes zu singen (vgl. Psalm 104). Natürlich erinnert die Verszeile „Ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott“ auch an die Turmbau-Geschichte, die ja auch von der Einsicht zeugt, dass der Mensch mit der Versuchung leben müsse, sich selbst allzu wichtig zu nehmen und sich für Gott zu halten.

Und ist es nicht tatsächlich so, dass der Mensch durch seine kognitiven, sprachlichen Fähigkeiten an die Grenzen Gottes anklopft? Beziehen wir die naturwissenschaftliche Forschung auf die eben besprochenen Texte, so wird nicht nur deutlicher, was Rilke meint, wenn er von der Entzauberung der Schöpfung spricht, sondern auch von der Hybris des Menschen, sich für Gott selbst zu halten. Die Natur ist nicht mehr Schöpfung Gottes, sondern eine Ansammlung wissenschaftlich beschreibbarer Objekte, die fein säuberlich kategorisiert und beschrieben werden können. Sie ist nicht mehr Wunder der Liebe Gottes, sondern kalte Materie, derer sich der Mensch bedient, um seine Ziele zu erreichen.

In Wahrheit aber – so drückt es Rilke gemeinsam mit der Bibel aus – soll die gesamte Schöpfung „singen“, jedes einzelne „Ding“ soll zum Lobe Gottes sein ganz persönliches Lied singen und damit einstimmen in den Chor aller geschaffenen Dinge. Aufgabe des Menschen ist es, ebenfalls sein Lied zu singen, seinen Teil dazu beizutragen, dass Gottes Lob in angemessener Weise zur Sprache kommt, nicht die geschaffenen Dinge für seine eigenen Zwecke zu missbrauchen.

Für mich ergeben sich aus diesen Überlegungen folgende Konsequenzen:

1) Der Naturwissenschaft ist von Gott eine natürliche Grenze gesetzt worden: dort, wo sie Aussagen über den Sinn der geschaffenen Dinge machen möchte, hat sie keine wissenschaftliche Methode mehr. Der Sinn der Schöpfung – nämlich Gottes Lob zu singen – ist naturwissenschaftlich nicht ableitbar und somit außerhalb der entsprechenden Methode. Man möchte angesichts dieser Erkenntnis mit Rilke sagen: Gottseidank! Denn alles, was der Mensch sprachlich (=wissenschaftlich) beschreibt, verliert ganz offensichtlich an spiritueller Kraft.
2) Es ist Aufgabe von uns Christen in einer wissenschaftsgläubigen Zeit wie unserer, diese Zusammenhänge aufzuzeigen. Dazu muss man kein gläubiges Gegenüber voraussetzen. Ein redlicher Wissenschaftler wird von sich aus einsehen müssen, dass er keine wissenschaftliche Methode hat, die den Sinn bzw. die genaue Funktion der Schöpfung aussagt. Wo Wissenschaftler von einer Gewissheit reden, alles wäre Zufall oder es gäbe keinen Schöpfer-Gott, verlassen sie ihr Fachgebiet.
3) Die Sprachskepsis Rilkes hat auch meine Überlegungen insforn bereichert, als dass ich sehr vorsichtig geworden bin, Dinge, Menschen, Situationen zu beurteilen, also quasi zu kategorisieren, weil ich ihnen damit ihre Fähigkeit genommen habe, zu „singen“, d.h. ihr Eigenes, Unverwechselbares mitzuteilen. Jesus sagt ja auch: Richtet nicht, damit ihr nicht selbst gerichtet werdet (Mt 7,1).
4) Frage für diese Fastenzeit könnte daher sein: Wie kann ich selbst die Schöpfung zum Singen bringen, welche Möglichkeiten habe ich in meinem Umfeld, einzustimmen in das große Lob Gottes, in das Stimmengewirr dieses Chors, der ohne Unterlass sein Lob preist?

PAX

Benedikt als Popstar

Anlässlich des morgigen Papstrücktritts hat man ein Video zusammengestellt mit dem Titel „Best moments of Benedict XVI’s pontificate„, das in videoclipartigen Bildern und mit pathetischer Musik untermalt die wichtigsten öffentlichen Auftritte des noch aktuellen Papstes zusammenfasst.

Mir ist beim Ansehen dieses Videos mulmig zumute gewesen.

Dieses Unbehagen lag darin, dass das älteste noch bestehende Amt der Menschheit in einen Videoclip zusammengeschnitten und damit für die Masse konsumierbar gemacht wurde. Das 1:39 min lange Video ist wahrscheinlich erstellt worden, um in den sozialen Netzwerken schnell Verbreitung zu finden (ich habe es ebenfalls weitergepostet). Dazu ist es auch gerade lang genug: niemand sieht sich heutzutage ein halbstündiges Video an, das vielleicht auch die theologische Botschaft dieses Pontifikats thematisiert hätte, es sei denn, er hätte gerade danach gesucht.

Schwerpunkt des Videos ist sicher die Masse an Gläubigen, die dem Papst zugejubelt haben, dann die wichtigen Personen, die er getroffen hat (unter ihnen US-Präsident Obama, UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon oder Bartholomaios I.) bzw. die wichtigen Orte, die er besucht hat (Auschwitz, Istanbul). Man könnte sagen: hätte ein beliebiger Pop-Star die genannten Personen und Orte besucht und statt Messen Konzerte gegeben, ein Rückblick-Video über seine Karriere wäre äußerst ähnlich ausgefallen.

Es ist den Video-Machern aber kein Vorwurf zu machen: so funktioniert die Wahrnehmung in den Medien heute. Aber gerade aus diesem Papst einen Popstar machen zu wollen, ist widersinnig: er war ein Papst der leisen Zwischentöne, der theologischen Vertiefung und der kleinen Schritte. Hat irgend jemand da draußen die Texte dieses Papstes gelesen und sich mit ihnen auseinandergesetzt, um seine Botschaft wirklich zu verstehen? Liest man einige aktuelle Kommentare zu diesem Pontifikat, sollte man meinen: nein. Die feinen Zwischentöne dieses Pontifikats, die gelehrten Reden, die theologisch herausragenden Enzykliken werden in einer lauten Öffentlichkeit des niedrigen Niveaus nicht rezipiert. Würde man Benedikt nach den „besten Momenten“ als Papst fragen, so würde er sicher nicht öffentliche Auftritte oder Treffen mit Politikern nennen, sondern Gotteserfahrungen im Gebet, in der Eucharistiefeier oder persönliche Begegnungen mit Menschen.

Dieser Versuch der Anpassung an die modernen Medien-Konsum-Gewohnheiten hat also exakt das verfehlt, was Benedikt XVI. mit diesem Amt erreichen wollte: nämlich eine Vertiefung dessen, was das Christentum ausmacht (vor allem mit seinen drei Jesus-Büchern und seinen beiden Enzykliken Deus caritas est und Spe salvi) und gerade kein oberflächliches Event-Christentum.

Bei aller Skepsis, was die Übersetzung des Christlichen in die Bild- und Formsprache der modernen Medien angeht, bleiben einige weitreichende Fragen: Inwieweit ist es notwendig, das Christliche zusammenzukürzen, leichter konsumier- und verdaubar zu machen? Rudolf Mitlöhner hat in der Furche gemeint, dass die Kirche nicht darum herumkommen werde, sich „billiger“ herzugeben. Was auch immer damit gemeint ist – ist eine zeitgeistige Verkürzung der christlichen Botschaft ohne ernsthaftes Studium der Bibel, ohne aufmerksames Mitfeiern in der Gemeinde, ohne Sich-korrigieren-Lassen von den Mitglaubenden überhaupt möglich? Oder ist die Differenz zwischen – überspitzt formuliert – gemeinschaftlicher Kirche und egomanischer Welt (Stichwort Entweltlichung) gut und richtig so.

Überhaupt zeigt die Berichterstattung über den Papstrücktritt, die aktuelle Verfasstheit des Vatikan und das kommende Konklave wieder einmal die Differenz auf zwischen einer säkularen und einer theologischen Welt. Federico Lombardi, der Pressesprecher des Hl. Stuhls hat es gut zusammengefasst: „Wer vor allem Geld, Sex und Macht im Kopf hat und die Welt an diesem Maße misst, der ist dann auch nicht imstande, die Kirche anders wahrzunehmen.“ (Standard-Artikel vom 23. Februar 2013).

Steht die Kirche daher von vornherein auf verlorenem Posten? Handelt es sich bei der derzeitigen Krise um eine Vermittlungskrise? Müssten nur die richtigen Kommunikationsstrategien gefunden werden, um wieder mehr Menschen ansprechen zu können?

Was ist zu tun, um die „Völker in Erstaunen zu versetzen“ (Jes 52,15)?

PAX

Gott und die Sprache III

Überblickt man die katholischen Meldungen zum Thema „Religiöse Sprache“, dann kann man zwei Positionen unterscheiden:

1) die religiöse Sprache sei viel zu weit weg von der Lebenswelt der heutigen Menschen
2) die religiöse Sprache müsse besonders sein, sonst verliere sie ihre Identität

Gestern zum Beispiel ist in der Tagespost Folgendes zu lesen gewesen:

„Eine Liturgie, die Worte so gebraucht, wie alle sie gebrauchen, die die spezifisch christliche Redeweise aufgibt, wird der Sendung der Kirche nicht gerecht und hilft auch den Menschen nicht, denen sie vorgeblich entgegenkommt. […] So muss auch heute jeder Katholik vertraut sein mit der liturgischen Sprache der Kirche, die eben anders spricht als ihr säkularisiertes Umfeld es tut.“ (Die Tagespost, Do, 7.2.2013, S.17) – Diese Position ist wohl auch die aktuelle der Amtskirche, wenn man die Initiativen von Papst Benedikt XVI. zur Förderung der Alten Messe und des Latein-Unterrichts bedenkt bzw. die Tatsache, dass die „Volxbibel“ oder die „Bibel in gerechter Sprache“ nicht in der Liturgie verwendet werden darf.

Dem gegenüberzustellen ist die Beobachtung, dass selbst einfache religiöse Begriffe von einer Mehrheit der Österreicher nicht mehr erklärt werden können und dass auch der Wille, sich in diese Richtung weiterzubilden, nicht merklich vorhanden ist.

Natürlich wird man, wenn man sich darauf einlässt, durch eigene (Gottes-)Erfahrungen vielleicht im Laufe seines Lebens diese Begriffe wieder mit Leben erfüllen können, vielleicht wird durch eine Grenzerfahrung z.B. der Begriff „Gnade“ plötzlich für jemanden verständlich, der vorher nichts damit anfangen konnte. Aber wie geht man gegen diesen Schwund an religiösem Wissen vor? Der Religionsunterricht scheint hier noch die letzte Bastion im eigentlich ungewinnbaren Kampf gegen den Zeitgeist zu sein.

Für mich persönlich kommt ein vollkommenes Abgehen von der religiösen Sprache nicht in Frage – ich habe selbst auch schon lateinische Messen erlebt, die viele auf Deutsch gehaltene an Spiritualität in den Schatten gestellt haben. Außerdem ist das Geheimnisvolle und Außerweltliche der Eucharistie auch sprachlich abzubilden. Und auch zur Identitätsbildung ist – vorrangig beim Gottesdienst, beim Credo und den Gebeten – die spezifisch christliche religiöse Sprache von entscheidender Bedeutung.

Aber das Problem der Weitergabe löst sich damit nicht.

PAX

Gott und die Sprache II

Ich denke, die letzten Überlegungen zum Themenkomplex „Gott und die Sprache“ bedürfen noch einer weiteren Entfaltung.

Vielleicht sind die Schwierigkeiten, die heute viele Menschen mit der religiösen Sprache haben, darauf zurückzuführen, dass man die entsprechenden Begriffe zwar kennt, sie im besten Fall (bei gutem Religionsunterricht) auch definieren kann, aber im tiefsten Sinn nicht versteht, weil die Erfahrungen, auf die sie aufbauen, nicht mehr nachvollziehbar sind.

Wenn Ludwig Wittgenstein den schon zitierten Satz sagt „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, so fällt mir auch Karl Kraus ein, der gesagt hat: „Der Gedankenlose denkt, man habe nur dann einen Gedanken, wenn man ihn hat und in Worte kleidet. Er versteht nicht, dass in Wahrheit nur der ihn hat, der das Wort hat, in das der Gedanke hineinwächst.“ Und als das „Wort, in das der Gedanke hineinwächst“ würde ich den griechischen Begriff „Logos“ mit all seinen Bedeutungen einsetzen.

Die Kenntnis des Wortes „Gott“ zum Beispiel reicht dazu, es zu definieren, zum Beispiel „höheres, allmächtiges Wesen“. Es reicht aber nicht dazu, zu verstehen, was mit „Gott“ wirklich gemeint ist. Das Problem mit der religiösen Sprache ist also, dass es sich um Begriffe handelt, die mit religiösen Erfahrungen zu tun haben. Die Sprache des Christentums konserviert religiöse Erfahren, die Christen im Laufe der Kirchengeschichte mit diesem Gott gemacht haben, beginnend mit den biblischen Schriften bis hin zu den Versuchen, eine heutige christliche Sprache zu finden. Das Problem dabei ist, dass man Erfahrungen nicht verordnen kann, sie sind etwas Eigenes, nicht Wiederholbares, etwas zutiefst Subjektives.

Zunächst also muss der Mensch die Möglichkeiten seiner Sprache vermehren, um seinen Horizont zu erweitern (@Wittgenstein). Je mehr Feinabstufungen der Wirklichkeit er benennen kann, umso differenzierter wird seine Weltsicht, um so eher ist er bereit, selbstkritisch und offen zu sein für Neues. Damit zusammen hängt aber die Notwendigkeit, diese Wirklichkeit auch zu erfahren. Ohne diese bleiben die gelernten Begriffe hohl und tot, sie können zwar kognitiv benannt und kategorisiert werden, sie haben aber keine Auswirkung auf das Leben. Erst wenn man wirklich erfahren hat, dass es nicht ausschließlich gute und ausschließlich böse Menschen auf der Welt gibt, kann man nachvollziehen, wieso in den meisten Staaten der Welt zum Beispiel die Todesstrafe abgeschafft wurde. Den Begriff „Notwehr“ zu kennen, erzeugt nicht automatisch Empathie für jemanden, der in Notwehr gehandelt hat.

Legen wir diese Einsichten auf die religiöse Sprache um, so zeigt sich das Dilemma, dass wir auf der einen Seite angewiesen sind auf die Erfahrungen unserer christlichen Vorfahren beginnend mit den Autoren des Neuen Testaments, dass aber deren Gotteserfahrungen schwer verstanden werden können von heutigen Christen und schon gar nicht von denen, die keinen Zugang zum Christlichen haben. Was ist der Ausweg? Soll man – wie das vielerorts schon geschehen ist – mit der Sprache des Alltags von Christus erzählen á la „Jesus und seine Hawara“ oder „Volxbibel„? Wird man damit moderne Gotteserfahrungen bei den Kirchenfernen ermöglichen können?

Und wie kann man überhaupt die Offenheit für Gotteserfahrungen in den Menschen wecken? Wie das Bewusstsein für sprachliche, religiöse Kategorien erzeugen in einer Gesellschaft, in der sich – übertrieben formuliert – die Pflege der Sprache auf das Eintippen von SMS beschränkt?

Gott teilt sich – und das ist meine tiefe Überzeugung – ständig uns Menschen mit. Das Problem, das ich für das Christentum in seiner derzeitigen Verfasstheit sehe, ist die Schwierigkeit, diese Erfahrungen zu versprachlichen mit all den Abstrichen, die eine religiöse Sprache natürlich in Kauf nehmen muss. Zahllose Autoren und Theologen haben sich bemüht, genau das zu bewerkstelligen, aber wie kann das Dilemma aufgelöst werden, dass wir auf ein Credo angewiesen sind, das mit religiösen Kategorien arbeitet, die erst ziemlich lang erklärt werden müssen, um benannt werden zu können, geschweige denn, dass diese den Kirchenfernen von heute ein Instrument in die Hand geben, wie sie ihre eigenen Gotteserfahrungen interpretieren können.

Menschliche Sprache ist natürlich immer defizitär, wenn sie von Gott handelt. Aber wir haben keine Alternative, im Gegenteil: es ist Gott selbst, der diese Form der Kommunikation gewählt hat. Wie finden wir eine Sprache, die von den Menschen heute verstanden wird, die sie für die prinzipielle Möglichkeit einer Gotteserfahrung öffnet, die ihr von allen möglichen Dingen abgelenktes Herz bewegen kann? Wie kann das „Fürchtet euch nicht“ des Auferstandenen, das die Apostel in ihrem Innersten bewegt hat, ins Heute übersetzt werden, ohne den geschichtlichen Glutkern des Christentums auszulöschen?

PAX

Gott und die Sprache

In der Bibliotheksszene des Filmes „Himmel über Berlin“ gehen die Engel gerne in die Bibliothek, um den Menschen beim Lesen zuzuhören. Der auf Youtube verfügbare Ausschnitt zeichnet ein verstörendes Bild dieser Situation: ein schwer aushaltbares Gewirr an Stimmen in zahlreichen Sprachen.

Diese Szene ist meines Erachtens aus mehreren Perspektiven interessant:

1) Es ist sicher kein Zufall, dass bei Zeitindex 2:29 ein junger Mann beginnt, die Bibel auf Hebräisch zu lesen: „Bereshit bara Elohim et hashamayim ve’et ha’arets. Veha’arets hayetah tohu vavohu“. – „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und wirr“ (Gen 1,1-2). – Das Tohuwabohu der Stimmen in der Bibliothek wird also in Verbindung gebracht mit dem ungeordneten Urzustand vor der Schöpfung. Gott schafft dann mitten im Chaos des Urmeers Ordnung. Er selbst hat aber bei der Verwirrung der Sprachen nach dem Turmbau zu Babel etwas von diesem vorzeitlichen Chaos wieder in seine Schöpfung hineingelassen, Gen 11 stellt es so dar, als wäre ihm bei der Vermessenheit des Menschen nichts anders übriggeblieben. Dennoch muss es – menschlich gesprochen – enttäuschend für Gott gewesen sein, dass so ein Rückschritt notwendig ist.

2) Was genau fasziniert die Engel an den Bibliotheken? Es scheinen die lesenden Menschen zu sein, denen sie Interesse entgegenbringen. Der Chor der durcheinanderdenkenden Menschen ist wie Musik in ihren Ohren. Sprache hat natürlich immer etwas mit Religion zu tun: ist doch Gott Sohn der logos, das Wort Gottes, das der Vater uns zusagt (Joh 1,1); ist doch das Wort Gottes das, was uns am Leben erhält (Dtn 8,3), ist das Sprechen doch die Art und Weise, wie Gott die Welt ins Dasein gerufen hat und das noch immer tut. Durch Sprache, Worte, Lesen wird Wirklichkeit geschaffen, wird totes Papier lebendig, durch Zusprache werden Menschen geheilt, wird Leben ermöglicht. Bildet man sich in der Sprache weiter – zum Beispiel in einer Bibliothek – erweitert man gleichzeitig seinen Horizont, erlangt neue Lebensmöglichkeiten. Ludwig Wittgenstein hat ja so schön gesagt: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Vielleicht ist für die Engel deswegen die Bibliothek ein so positiver Ort: weil Menschen dorthin gehen, die sich nicht mit der Begrenztheit ihres Horizonts zufriedengeben, sondern ihn erweitern wollen, weil sie auf der Suche sind nach einem Gott, der sich über die Sprache der Liebe mitteilt.

3) Diese Szene hat mir aber auch vor Augen geführt, was ich an Gott immer so unvorstellbar gefunden habe: Gott hört alle unsere Gedanken. Wie macht er das? Wie kann er die Gedanken von so vielen Milliarden Menschen gleichzeitig wahrnehmen, wenn wir schon Probleme damit haben, einem Menschen so zuzuhören, dass wir nachvollziehen können, was ihn bewegt? Das ist nur möglich, wenn er ganz bei jedem Einzelnen ist: so wie die Engel, die die Lesenden berühren und sich ihnen zuwenden, ist auch Gott ein sich Zuwendender, jemand, der uns berührt und sich für uns interessiert, ein Liebender.

Die gemeinsame Klammer dieser Beobachtungen erscheint mir in dem dialogischen Gottesbild, das wir Christen haben: es ist auf Sprache, Kontakt, Kommunikation aufgebaut, so wie die Liebe selbst ja nichts ist ohne ihre Mitteilung. Jede Kommunikationsstörung oder Sprachenverwirrung muss dann als wider-göttlich, ja wider-natürlich verstanden werden. Das Gebet als Kommunikationsbewegung des Menschen zu Gott hin ist daher auch erste Christenpflicht. Aber auch die Sorge um die eigene Sprachfähigkeit, um den eigenen Horizont, ist ausgehend von Wittgenstein Aufgabe des Menschen: um die göttliche Ordnung der Schöpfung zu erkennen, bedarf es eines weit über die Naturwissenschaften hinausgehenden sprachlichen Horizontes. Gott erweist sich außerdem in diesem dialogischen Gottesbild als wahrhaft Liebender: seine Zuwendung ist absolut, ihm geht es nicht um sich selbst, sondern um uns. Dieses nicht zu erreichende Vorbild sollte dennoch Grundthema unserer Kommunikationsbemühungen untereinander sein.

PAX