Santa Sabina

Die frühchristliche Basilika Santa Sabina in Rom atmet die Jahrtausende der Kirchengeschichte. Im 5. Jahrhundert auf dem Aventin erbaut, präsentiert sich das Innere, das an römische Versammlungshallen, eben Basiliken erinnert, noch in altehrwürdiger Pracht:

Das Eingangsportal aus dem Jahr 432 gilt als älteste Tür einer christlichen Kirche und zeigt eine bemerkenswerte Kreuzigungsszene:

Die Darstellung kommt vollkommen ohne Kreuz aus, das Material der hölzernen Tür ist gewissermaßen das Holz, auf dem der Heiland befestigt ist. Bezieht man den Hintergrund mit ein, sind die Anleihen an die Dreifaltigkeit nicht zu übersehen. Christus ist dargestellt in der Orantenhaltung des Priesters, das Kreuz nur ein Symbol, das im Subtext der Darstellung wirkt.

Das Äußere der Kirche erscheint bemerkenswert schlicht. DSC04985

Santa Sabina in Rom ist eine Reise wert!

PAX

Die Auferstehung des ganzen Menschen

Die Darstellung der Auferstehung Jesu Christi am Isenheimer Altar des Matthias Grünewald hat mich schon immer bewegt. Dass sich zunächst einmal ein Künstler traut, den Auferstandenen darzustellen, ist eine sehr bemerkenswerte Angelegenheit, nicht viele haben das gewagt.

Christus hat bei Matthias Grünewald als Auferstandener folgende Merkmale:

  • Sein Leib ist verklärt, er wirkt richtiggehend durchsichtig, von einem Strahlenkranz umgeben.
  • Jesus ist jedoch als er selbst erkennbar. In der Auferstehung erschafft Gott also den Leib zwar neu, aber nicht anders (im Gegensatz zum Wiedergeburtsglauben). Besonders augenfällig wird diese Erkennbarkeit an den Stigmata, die Christus präsentiert: die Seitenwunde, die Hand- und Fußwunden.

Für mich sagt dieses Bild sehr viel aus über unseren Auferstehungsglauben, besonders in unserer Zeit des Synkretismus und der Vermischung unterschiedlichster Elemente der Religionen.

  • Zunächst einmal ist der Glaube an die leibliche Auferstehung durchdrungen von einer Leibfreundlichkeit, die ihresgleichen in der Menschheitsgeschichte sucht: wenn es unser persönlicher Leib ist, der von Gott in der Auferstehung wiederhergestellt wird, so ist er tatsächlich der Tempel, um den wir uns gut kümmern sollten. Die Vorstellung von einer Wiedergeburt in anderen (vielleicht sogar tierischen) Körpern birgt eine andere Botschaft: dann ist es egal, wie der Leib behandelt wird, die Hauptsache ist ohnehin der Geist.
  • Das Christentum sagt also mit der Botschaft von der leiblichen Auferstehung, dass Leib und Seele eine Einheit bilden würden. Von Anfang an ist dieser Botschaft widersprochen worden: zu Beginn vonseiten der Gnosis, heute vonseiten eines esoterischen Neuheidentums. Dennoch hat die Kirche an dieser Botschaft festgehalten und sie tut gut daran, sie angesichts leibfeindlicher Tendenzen in ihrer Geschichte noch weiterhin hochzuhalten.
  • Wenn Christus seine Wunden präsentiert, so ist das auch eine Botschaft im Zusammenhang mit dem Leiden des Menschen. Die Wunden, die wir in unserem Leben erfahren, sind Teil unserer selbst, sie werden in der Auferstehung verklärt, aber nicht versteckt. Christus solidarisiert sich in seinem Leiden mit dem Leiden aller Menschen.

Möge uns Menschen des 21. Jahrhunderts diese Botschaft wieder mehr Lebensfreude und Glaubensgewissheit verschaffen!

PAX

 

PS. Ich möchte zum Schluss noch kurz auf meinen zweiten Blog hinweisen. Seit 2010 sind wir bei Marriage Encounter, einer katholischen Reformbewegung, die sich für die Förderung von Ehe und Familie einsetzt. Kernstück von ME ist das sogenannte Dialogieren, das Schreiben von Liebesbriefen zu den verschiedensten Fragestellungen. Am Anfang steht bei Marriage Encounter ein Wochenende. Die nächten Termine dafür finden sich hier. Seit Dezember 2013 unterhalten wir nun den Dialogblog dialogreisen.me, wo jeden Tag eine neue Dialogfrage vorgeschlagen wird. Er richtet sich natürlich hauptsächlich an die ME-Gemeinschaft, die Fragen selbst sind aber für jedes Paar von Interesse.

 

Er-lösung II

Gestern sind mir – wegen meiner Auseinandersetzung mit den Fragen der Erlösung – in der Osternacht beim Exsultet natürlich folgende Stellen besonders aufgefallen:

[…] Er hat für uns beim ewigen Vater Adams Schuld bezahlt
und den Schuldbrief ausgelöscht mit seinem Blut, das er aus Liebe vergossen hat.
Gekommen ist das heilige Osterfest,
an dem das wahre Lamm geschlachtet ward,
dessen Blut die Türen der Gläubigen heiligt
und das Volk bewahrt vor Tod und Verderben.
Dies ist die Nacht,
die unsere Väter, die Söhne Israels,
aus Ägypten befreit
und auf trockenem Pfad durch die Fluten des Roten Meeres geführt hat.
Dies ist die Nacht,
in der die leuchtende Säule
das Dunkel der Sünde vertrieben hat.
Dies ist die Nacht,
die auf der ganzen Erde alle, die an Christus glauben,
scheidet von den Lastern der Welt,
dem Elend der Sünde entreißt,
ins Reich der Gnade heimführt
und einfügt in die heilige Kirche.
Dies ist die selige Nacht,
in der Christus die Ketten des Todes zerbrach
und aus der Tiefe als Sieger emporstieg.
Wahrhaftig, umsonst wären wir geboren,
hätte uns nicht der Erlöser gerettet.
O unfassbare Liebe des Vaters:
Um den Knecht zu erlösen, gabst du den Sohn dahin!
O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam,
du wurdest uns zum Segen,
da Christi Tod dich vernichtet hat.
O glückliche Schuld,
welch großen Erlöser hast du gefunden! […]
Der Glanz dieser heiligen Nacht
nimmt den Frevel hinweg,
reinigt von Schuld,
gibt den Sündern die Unschuld,
den Trauernden Freude.
Weit vertreibt sie den Hass,
sie einigt die Herzen
und beugt die Gewalten. […]

Dreh- und Angelpunkt ist dabei das von Augustinus stammende felix culpa, mit der die Ursünde Adams bezeichnet wird, sich gegen Gott aufgelehnt zu haben, die in Jesus Christus einen großen Erlöser gefunden hat.

Dazu ein paar Gedanken von Michael Wildfeuer: Das ist das Große des Christentums und die Größe der Gnade, die wir uns gar nicht genügend klarmachen können. Durch das Erbarmen Gottes wird die Schuld jetzt Anlass des Glückes. Derjenige, der an der erneuten Liebe Gottes teil hat, hat an einer größeren Gnade teil als die Menschen im Paradies. Warum? Weil Gott seine Huld jetzt nicht einem Unschuldigen zuwendet, wie im Paradies, sondern einem Sünder, einem Ungerechten, einem Verworfenen. Und das ist eine weitaus größere Gnade: Wenn ich mich zu einem stinkenden Bettler hinabneige und diesen an den Königshof hole, dann ist es natürlich viel größere Huld, als wenn ich einen Unbescholtenen einlade. Und das ist die wunderbare Größe des Christentums, die einzigartige Größe. Das gibt es nirgends auf der Welt. Welches Volk, welche Religion könnte die Schuld glücklich preisen? Das ist nirgends möglich, das ist nur im Christentum möglich.

Ja, aus der Perspektive des Menschen ist die Erlösung recht gut verständlich: ohne es verdient zu haben, gibt Gott jedem Menschen immer wieder die Chance zur Umkehr. Trotz seiner übergroßen Schuld ist der Weg zu Gott nicht versperrt. Gott kommt uns auf halbem Weg entgegen, ja, er nimmt uns wie der barmherzige Vater immer wieder auf und vergibt bei ehrlicher Reue.

Aber aus der Perspektive Gottes? Warum brauchte es den Tod Christi am Kreuz? Wäre das nicht – wie Barbara Büchner ausgedrückt hat – ein sadistischer Vater, der den Tod seines Sohnes braucht, um allen Menschen vergeben zu können?

Ich denke, man kann sich von dieser – unchristlichen – Vorstellung befreien, wenn man bedenkt, dass die alttestamentlichen Bilder, die so eine Deutung nahelegen, nur einige unter vielen sind, die von den Autoren des Neuen Testaments herangezogen wurden, um zu beschreiben, was mit dem Mysterium der Erlösung gemeint ist. Auf dieser Seite wird das gut zusammengefasst:
Die Hl. Schrift bedient sich einer ganzen Reihe von meist alttestamentlich inspirierten Bildern, die das Heilsgeschehen des Todes Jesu ausdrücken: „Loskauf aus der Knechtschaft der Sünde“ (vgl. Gal 3, 13), „Rechtfertigung“ (1 Petr 1, 18), Lebenshingabe als „Lösegeld für viele“ (Mk 10, 45; Gal 1, 4), „Sühne für unsere Sünden“ (Röm 3,25) usw.
In die heutige Sprache übersetzt könnte das bedeuten: Jesus geht den Weg nach Golgotha nicht für sich; er geht ihn für uns! Er nimmt uns auf diesem Weg gewissermaßen alle Lasten ab und trägt sie ans Kreuz; diese Lasten sind all das, was uns von Gott trennt. (Quelle)

Die Frage, die bleibt, ist: warum war es notwendig, dass er uns alle Lasten abnimmt? Warum musst der Sohn sterben, um den Weg zum Vater von allen Dingen zu säubern, die uns von Gott trennen?

Vielleicht hilft die Antwort auf die Frage weiter, warum es Reue braucht, damit Vergebung wirksam wird. Gott vergibt uns unsere Sünden. Aber damit diese Vergebung wirken, ihre heilsame Kraft ausbreiten kann, braucht es die Reue des Menschen. Wie könnte er auch sonst die Vergebung annehmen, wenn er nicht einsieht, dass er etwas Falsches getan hat? Insofern sind Gott die Hände gebunden ; durch die Freiheit, die er dem Menschen einräumt, gibt er ihm auch die Möglichkeit, seine Fehler nicht einzusehen. Deswegen ist die Rede von der leeren Hölle etwas zu optimistisch: die Freiheit des Menschen, die er von Gott geschenkt bekommen hat, schließt ja seine absolute Ablehnung jeder eigenen Schuld mit ein, sodass eine selbstverschuldete (!) Gottesferne im Bereich des Möglichen liegt. Das widerspricht nicht der Rede vom Gott der Liebe. Schließlich liegt der Zustand der Hölle (= Gottesferne) am Menschen selbst, der die vorhandene, liebevolle Vergebung Gottes aus Hybris zurückweist.

Es scheinen Gott auch bei der Erlösung des Menschen die Hände gebunden zu sein, sonst hätte er nicht sehenden Auges in Kauf nehmen müssen, dass der Sohn am Kreuz stirbt. Die Vorstellung Gottes als ein sadistischer Vater widerspricht sämtlichen Gottesbildern des Alten und Neuen Testaments.

Die Improperien, die Heilandsklagen des Karfreitags zeigen diese Ohnmacht Gottes angesichts der Freiheit des Menschen (in der Liedform von Markus Fidelis Jäck ein Text, den ich selbst als Kind und Jugendlicher äußerst beeindruckend erlebt habe):

1 O du mein Volk, was tat ich dir?
Betrübt ich dich? Antworte mir!
Ägyptens Joch entriss ich dich,
du legst des Kreuzes Joch auf mich.

2 Ich führte dich durch vierzig Jahr
und reichte dir das Manna dar;
das Land des Segens gab ich dir,
und du gibst mir das Kreuz dafür.

3 Was hab ich nicht für dich getan?
Pflanzt dich als meinen Weinberg an,
und du gibst bittern Essig mir,
durchbohrst des Retters Herz dafür.

4 Ich führte dich durchs Rote Meer,
und du durchbohrst mich mit dem Speer.
Der Heiden Macht entriss ich dich,
du übergabst den Heiden mich.

5 Ich nährte in der Wüste dich,
und du, du lässt verschmachten mich;
gab dir den Lebensquell zum Trank,
und du gibst Galle mir zum Dank.

6 Ich schlug den Feind, gab dir sein Land;
und grausam schlägt mich deine Hand.
Das Königszepter gab ich dir,
du gibst die Dornenkrone mir.

7 Ich gab dir Gnaden ohne Zahl;
du schlägst mich an des Kreuzes Pfahl.
O du mein Volk, was tat ich dir?
Betrübt ich dich? Antworte mir!

Kein Wort darüber, dass der Vater von Anfang an vorgehabt habt, den Sohn grausam am Kreuz sterben zu sehen, sondern die Rede von einem ohnmächtigen Gott, der zusehen muss, wie sein Sohn gemartert wird, obwohl er den Menschen schon überreiche Gnade zuerkannt hat.

Dieses uralte Lied zeigt finde ich am besten, wie man das verstehen kann, was Jesus am Kreuz erleidet und wie Gott dazu steht. Er gibt den Menschen die Freiheit zu handeln, zu reden und zu denken, was sie für richtig halten; die Freiheit, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden. UND er macht aus ihren bösen Taten Gutes, das ist seine Allmacht. Seine Allmacht ist also nicht darin begründet, dass er die Menschen von bösen Taten abhalten kann, sonst wären sie ja nicht frei (und nicht verantwortlich für ihre Taten), ABER sie liegt darin, dass er noch größeres Gutes aus dem machen kann, was die Menschen verbockt haben: er schreibt „auf schiefen Linien“ gerade, wie der Volksmund sagt.

Deswegen ist ja auch Judas zu verdammen. Er hat nicht Gottes Plan gedient, indem er seinen Meister verraten hat, sondern er hat einen Freund verraten und damit große Schuld auf sich geladen. Dass der Vater aus diesem Verrat dann umso viel Besseres geschaffen hat, nämlich seinen Sohn auferweckt und uns erlöst hat, ist nicht Verdienst des Judas, sondern Verdienst der Liebe Gottes.

Zusammengefasst: Die Menschen haben in ihrer Freiheit den Sohn Gottes umgebracht, obwohl er ohne Makel war. Und weil sich in diesem Sohn Gott untrennbar mit allen Menschen verbunden hat, ist sein Tod mehr: in Jesus werden alle Menschen mitgekreuzigt (vgl. Gal 2,19f)), seine übergroße Liebe für alle Menschen, die ohne Wort des Widerstandes (vgl. Jes 53,7)) zum Tod führt, kann den großen Mangel aller Sünden ausgleichen. Das ist wohl mit dem „für uns“ gemeint: eine kosmische Erschütterung der Macht der Liebe, eine übermenschliche Ansammlung von Liebe, die allen Menschen zugutekommt. Gott Vater erweckt seinen Sohn zum Leben – und schafft damit die Grundlag für unsere existentielle christliche Hoffnung.

Soweit meine Überlegungen zum heutigen Ostersonntag!

Berichtigungen und Anfragen erwünscht!

PAX ET BONUM

Nähe in Pixeln

Das schon besprochene Fastentuch des Stephansdoms ist aber auch auf eine andere Art und Weise interessant. Je näher man kommt, umso mehr verschwimmen die Farbflächen und umso unübersichtlicher wird die Angelegenheit. Was ich letztes Mal als Manko beschrieben habe, also als fehlender Überblick und Verbohrt-Sein in seine eigene, beschränkte Sicht der Dinge, kann auch anders verstanden werden: wenn wir die Bilder, die uns die Bibel überliefert, genauer betrachten, verschwimmt ihre Eindeutigkeit.

Es ist schon viel geschrieben worden über die Widersprüche in der Bibel, besonders im Neuen Testament in Bezug auf die vier Evangelien. Religionskritiker nehmen dieselben sogar zum Anlass, die Authentizität der Bibel grosso modo zu bezweifeln. Theologen bemühen dann oft die Parabel von den Blinden, die verschiedene Körperteile eines Elefanten berühren und deswegen jeweils vollkommen konträre Vorstellungen von der Gestalt des Tieres haben. Im Zusammenhang mit Religionen hilft diese Parabel aber nicht weiter: wird doch damit die Gleichgültigkeit jeder Religiosität behauptet – und zwar in sämtlichen Wortbedeutungen. Negiert man den Wahrheitsanspruch der Religionen, ist man dabei, sie abzuschaffen, gleichgültig, bedeutungslos zu machen.

Bezogen auf unser Fastentuch kann man sagen, dass die Bibel allgemein in ihren widersprüchlichen Botschaften über Gott ganz Nahe an das Mysterium heranreicht, das wir Christen Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist nennen. Je näher wir Gott kommen, umso verschwommener wird das Bild, umso widersprüchlicher die Wahrnehmungen, umso undeutlicher die Erfahrungen. Das haben die Mystiker aller Religionen erfahren: Je mehr wir uns Ihm annähern, umso geheimnisvoller wird Er selbst, umso mehr entzieht Er sich unserer Erfahrung. So wie ein Wort, das eigenartig und fremd wird, wenn wir es 20 Mal aussprechen. Wie ein Stück Baumrinde, das bei näherer Betrachtung ein eigenes Universum ineinander verschlungener Adern und Ebenen darstellt. Wie unser eigener Geist in seiner Vielschichtigkeit und Unergründlichkeit.

Und wo ist die Widersprüchlichkeit des christlichen Gottesbildes augenfälliger als am Kreuz? Der allmächtige, ewige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, lässt sich kreuzigen, erleidet einen qualvollen Märtyrertod für unbedeutende Menschen? In diesem Zusammenhang sagt Paulus in 1 Kor 1,23f: Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

Dieses Geheimnis des Glaubens, das wir in jeder Messe feiern, diese coincidentia oppositorum des Nikolaus Cusanus, dieses Überschreiten der Rationalität – all das wird erfahrbar, wenn wir uns diesem Fastentuch annähern. Es ist dasselbe Bild, das wir sehen, aber es entzieht sich – wie Gott – einer näheren Betrachtung.

Was für eine bereichernde Erfahrung in dieser Fastenzeit!

PAX

Distanz in Pixeln

Der Künstler Peter Baldinger hat ein Fastentuch gestaltet, das den Hochaltar des Stephansdoms verhüllt. Es zeugt von der fruchtbaren Beziehung zwischen Religion und Kunst, die auch im 21. Jahrhundert noch besteht und es wert ist, ausgebaut zu werden. Das Fastentuch spielt mit Distanz und Nähe. Die seit einem Jahrtausend in katholischen Gotteshäusern gepflegte Tradition, Kreuze in der Fastenzeit zu verhüllen, soll ja ein Augenfasten ermöglichen und so den Gläubigen vor Augen führen, welche unverzichtbare Bedeutung die religiösen Bilder, vor allem das Kreuz, für den christlichen Glauben haben.

Blickt man das Fastentuch nun von der Ferne an, so erscheint eine Kreuzigungsgruppe, die das übliche Repertoire einer solchen Szene aufweist. Und tatsächlich hat der Künstler eine Kreuzigungsdarstellung von José de Ribera (um 1620) am Computer in 651 bunten Kästchen, Pixel-Punkten, aufgelöst. Der Effekt dieser Bearbeitung ist überwältigend: je näher man dem Bild kommt, umso unschäfer wird die Szene, umso schwerer ist es, den Gesamtzusammenhang wahrzunehmen, die einzelnen Pixel in ihrer Funktion im Gesamtbild auszumachen.

Es ist auch in religiösen Fragen oft die Distanz, der große Überblick, der dem Betrachter die Wahrheit zu einem Thema offenbart. Ist man zu nahe an eine Fragestellung herangetreten, vermag man keinen Überblick herzustellen, verbleibt man verbohrt und kleingeistig. Die veröffentlichte Meinung in den Medien des 21. Jahrhunderts zu kirchenpolitischen Fragen fällt mir hier ein: da wird auf Einzelfragen gestarrt: Frauenpriestertum, Verhütung, Zölibat… Den Luxus, zurückzutreten und das Gesamtbild der Kirche wahrzunehmen, leistet man sich nicht, zu verlockend sind die Schlagzeilen und die erwartbaren Reaktionen von Kirchenvertretern zu diesen Fragen. Haben auf der anderen Seite die Kirchenkritiker von Pfarrer Schüller abwärts auch das Gesamtbild der Kirche vor Augen, wenn sie spezifisch österreichische Schwierigkeiten der Kirche ansprechen (die es sehr wohl gibt)? Manchmal hat man den Eindruck, auch diesen ist die Gesamtsicht auf das Wesentliche der Kirche, nämlich eine Begegnung mit dem Gekreuzigten herzustellen, abhandengekommen.

Aber ich selbst nehme mich hier nicht aus: ist es mir selbst doch auch oft so gegangen, dass ich nur meine Sicht der Dinge, meine Probleme mit der Kirche wahrgenommen habe, ohne das Gesamtbild in Betracht zu ziehen. Zentrum der Kirche ist der Gekreuzigte und Auferstandene, nicht meine Befindlichkeiten, meine Gefühle oder meine Probleme mit der Institution.

Es ist dem scheidenden Papst zu verdanken, dass sich die Kirche unter seiner Führung näher mit diesem Kern des Christlich-Seins auseinandergesetzt hat: seine beiden Enzykliken zu Liebe und Hoffnung sind programmatische Zusammenfassungen des Kerns der christlichen Botschaft. Schade, dass es die Enzyklika zum Glauben nicht mehr geben wird! Auch seine drei Jesus-Bücher haben nur den einen Zweck: zu einer Vertiefung des Glaubens beizutragen, den Kern des Christlich-Seins zu sichern, der darin besteht, mit dem gekreuzigten und auferstandenen Sohn Gottes in Verbindung zu treten, sich von ihm verwandeln und heilen zu lassen und in seine Nachfolge zu treten.

Insofern passt dieses Fastentuch ausgezeichnet ins „Jahr des Glaubens“!

PAX