Lord of the World

Ich habe auf readfy Robert Hugh Bensons Dystopie „Lord of the World“ aus dem Jahre 1907 gelesen und kann sie nur wärmstens empfehlen. Auf Englisch ist der Roman hier zu lesen.

Lord_of_the_World_book_cover_1907Inhalt: Anfang des 21. Jahrhunderts sind weltweit vier große politische Blöcke entstanden: Amerika (gemeint ist der Kontinent), Europa, Afrika und Asien. Die sozialistisch-kommunistische Idee ist global an der Macht und entfaltet immer mehr ihr anti-religiöses, im Speziellen anti-christliches Dogma. Repräsentiert wird diese Macht vom charismatischen „Herren der Welt“, Julian Felsenburgh. Sein Ziel ist eine atheistische Gesellschaft, der Glaube an Gott wird auf das Diesseits beschränkt und verpflichtende staatliche Kulte, die sich an der Freimaurerei orientieren, eingeführt. In Europa ist von den christlichen Konfessionen nur mehr der Katholizismus übrig geblieben, alle anderen wurden staatlicherseits aufgelöst. Dennoch werden die Katholiken in England zunehmend marginalisiert, in einem Pogrom nahezu alle umgebracht bzw. vertrieben. Nur mehr in Rom und Irland bestehen katholische Ghettos. Rom ist überhaupt Mitte des 20. Jahrhunderts dem Papsttum überlassen worden und zahlreiche Katholiken Europas (insbesondere die Repräsentaten der europäischen Adelsgeschlechter) sind dorthin gezogen, wo sie ein sich dem technischen Fortschritt bewusst verwehrendes, einfaches Leben führen. Der Papst erhält von allen Kardinälen immer wieder Meldungen über die globale Christenverfolgung.

Der für England zustände Berichterstatter ist der Priester Percy Franklin, der als Gegenfigur zu Julian Felsenburgh aufgebaut wird. Die beiden sehen einander – nicht zufällig – zum Verwechseln ähnlich. Julian Felsenburgh gelingt es, allein durch sein Auftreten die Massen für sich einzunehmen und alle Regierungen der Welt auf seine Seite zu bringen. Unschwer ist in dieser Figur der biblische Antichrist zu erkennen. Aufgrund eines Vorwandes (einige Katholiken planen einen Anschlag auf ein freimaurisches Ritual in London) bewerkstelligt es Felsenburgh, die Weltgemeinschaft von der Notwendigkeit der Auslöschung Roms zu überzeugen und die Stadt wird dem Erdboden gleichgemacht.

Zufällig ist der inzwischen zum Kardinal erhobene Percy Franklin zu diesem Zeitpunkt nicht in Rom. Er wird von den noch verbliebenden beiden Kardinälen zum Papst gewählt und zieht sich nach Israel zurück. Von dort aus leitet er höchst erfolgreich einen noch von seinem Vorgänger eingesetzten Geheimorden, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die atheistischen Gesellschaften zu infiltrieren. Von einem seiner Kardinäle verraten, erwartet er am Ende des Romans die Flugzeugflotte Felsenburghs, die sämtliche Spuren des Katholizismus im israelischen Megiddo vernichten möchte. Der Roman endet mit der Apokalypse.

Zur Deutung: Unschwer ist zu erkennen, dass es sich um eine Paraphrase auf die Offenbarung des Johannes handelt. Für Leser des 21. Jahrhunderts mögen die religiösen Implikationen manchmal schwer nachvollziehbar sein, der Konvertit Robert Hugh Benson hat jedoch die großen Entwicklungen in Kirche, Staat und Gesellschaft vorausgesehen, die im Folgenden kurz zusammengefasst werden sollen:

1) Die Führerfigur: Am schaurigsten ist die Figur Felsenburghs, der allein durch sein Auftreten, durch sein Charisma die Massen bewegt. Sie folgen ihm blind in jede Richtung, auch die Auslöschung von Millionen Andersdenken wird von allen akzeptiert, weil Felsenburgh es anordnet, weil er so zwingend argumentiert, dass niemand etwas dagegen sagen kann. Besser sind die Entwicklungen bis hin zum Ende des Zweiten Weltkriegs von keinem Autor seiner Zeit vorweggenommen worden.

2) Euthansie: Spüren die Bewohner dieser neuen Welt eine gewisse Lebensmüde, dann gehen sie in die Euthanasie-Häuser, wo sie Beihilfe zum Selbstmord erfahren. Auch sonst ist diese „moderne“ Gesellschaft sehr schnell dabei, Menschen zu töten: Bei einem Unfall stürzt eine der neuen technischen Flugmaschinen ab (eine Art Mischung aus Riesenvogel und Technik) und begräbt zahlreiche Menschen unter sich. Eine mobile Einheit beeilt sich, die Verletzten nicht etwa zu versorgen, sondern sie zu euthanasieren, eine Vorstellung, die in den Niederlanden schon barbarische Realität geworden ist. Diese Gemeinsamkeit wurde schon von Hilary White bemerkt.

3) Technik: Die Luftschiffe ermöglichen es, weite Entfernungen in Windeseile zurückzulegen. Der Autor spricht von halbtierischen Fluggeräten, die 200 km/h und mehr erreichen können. Auch sonst lesen sich diese Stellen wie von moderner Hand geschrieben: Bordservice, Piloten, Einflugschneisen, Flughäfen werden erwähnt.

4) Massenvernichtungswaffen: Das Kapitel, in dem Rom vernichtet wird, gemahnt in erschreckender Art und Weise an das Ende des Zweiten Weltkrieges. Die geschilderten Verheerungen, welche durch die Massenvernichtungswaffen angerichtet werden, erinnern an Atombomben. Auch diese Entwicklung hat Benson vorhergesehen.

5) Prunk der katholischen Kirche: Unvorstellbar für den Katholiken Robert Benson war jedoch, dass die katholische Kirche sich einmal von ihrem Prunk lösen wird. Auch der Papst des 21. Jahrhunderts sitzt noch auf dem Papstthron, lässt sich herumtragen und trägt die Tiara. Ein hemdsärmeliger Papst wie der aktuelle ist für Benson undenkbar gewesen.

6) Marginalisierung des Religiösen: Robert Benson zeichnet eine höchst moderne Gesellschaft, die in vielen Punkten der heutigen entspricht: eine zunehmende Marginalisierung der Religion, ein selbstherrliches Auftreten der politischen Repräsentanten gegenüber religiösen Vertretern, eine panische Abgrenzung von allem Christlichen, ja eine zunehmende Kriminalisierung christlicher Glaubensüberzeugungen bis hin zu Gefängnisstrafen für diejenigen, die sich dem neuen Staatskult verweigern.

Zusammenfassung: Zieht man die Gemeinsamkeiten mit der Offenbarung des Johannes und das triumphalistische Ende ab, offenbart sich in dem düsteren Zukunftsroman eine Vorausahnung so vieler Entwicklungen des 20. Jahrhunderts: die Massenvernichtungswaffen, der Führerkult in seinen zahlreichen Varianten, die Massenbewegungen, die Überheblichkeit der offiziell Guten und Moralischen, die zu Totalitarismus führt, die Entfremdung des Menschen von sich selbst, von seinen Mitmenschen und von Gott. Der Roman sieht exakt voraus, welche destruktive Energie ein politischer Führer, der für einen neuen Erlöser gehalten wird, entfalten kann, wie „leider nicht zu vermeidende, vorläufige“ Gewalt zu ethnischen Säuberungen und Pogromen führt und wie sich eine Gesellschaft entwickeln kann, die auf ihre religiöse Grundlegung verzichtet.

Ein höchst bemerkens- und lesenswerter Roman.

PAX

Die fehlende Freude der Kinder Gottes

Der atheistische Autor Thomas Glavinic formuliert in seinem Roman „Unterwegs im Namen des Herrn“, in dem er seine Teilnahme an einer Pilgerfahrt nach Medjugorje beschreibt:

„Das ist es: Mich machen diese harten Gesichter mittlerweise aggressiv. In keinem Gesicht erkenne ich das, was ich erwartet habe, nämlich mindestens Offenheit und Freundlichkeit, wenn schon keine Liebe. Hier haben alle diesen harten Blick. […] Ich habe hier noch immer keinen einzigen Menschen gesehen, der Lebensfreude ausstrahlt oder zumindest das Gefühl vermittelt, er würde seinen Brüdern und Schwestern im Glauben mit Sympathie begegenen. Die hier, die mögen überhaupt niemanden, das sind bloß verstörte und verängstigte, im Grunde ganz rohe Seelen.“

„… ich schlendere durch die Reihen und betrachte die Gesichter der Menschen. Deswegen bin ich ja auch hier, ich will verstehen, was sie antreibt, ob sie so sind wie ich, ob sie mir gar nicht so fern sind, wie ich denke. Das ist es, was ich mir wünsche. Doch die Gesichter sagen mir wenig. Sie sind leer. Das gefällt mir nicht, weil es allen Vorurteilen entspricht, die Leute wie ich hegen. Ich würde gern etwas sehen, was es mir ermöglichen würde, mich ihnen wenigstens auf eine leise Art verbunden zu fühlen, etwas, was mich mit ihnen mitfühlen lässt, etwas, was mich mit dem Glauben an sich versöhnt. […]“

Bei diesen Textstellen ist mir Papst Franziskus in den Sinn gekommen. Er beschreibt in Evangelii gaudium „Christen, deren Lebensart wie eine Fastenzeit ohne Ostern erscheint.“ (EG 6). Sie sind unerlöst, weil sie letzten Endes im Materiellen verhaftet sind und der Glaube an die Auferstehung noch nicht ihr Leben erreicht hat.

Ich halte diese Rückmeldung von außen für sehr wichtig. Wenn der Glaube zu Lebensferne und Freudlosigkeit führt … wie können Christen dann für Fernstehende einladend sein?

PAX

Das neue (?) Biedermeier

Wie würde man auf die Frage antworten, welche der deutschen Literaturepochen charakteristisch österreichisch ist? Die Deutschen haben die Weimarer Klassik, die Schweizer haben neben ihrem Wilhelm Tell ihre Kurzgeschichten … aber was haben die Österreicher?

Nach einigem Nachdenken wird man beim Biedermeier gelandet sein: Nestroy, Raimund, Grillparzer, Stifter … ihre Literatur ist nur in Österreich zu erklären bzw. aus dem typisch Österreichischen ableitbar. Manche meinen, dass bis heute der Österreicher eigentlich ein biedermeierlicher ist: einer, der sich lieber zurückzieht und still vor sich hin leidet, als hinauszugehen und für seine Sache einzustehen. Wenn man auf die Frequenz und den Umfang öffentlicher Demonstrationen in Österreich sieht, wird man sich des Eindrucks nicht erwehren können, dass der Österreicher wirklich eher daheim sudert, als auf die Straße zu gehen. Regelmäßig müssen zum Beispiel bei den schon zur Folklore gewordenen links- bzw. rechtsextremen Demonstrationen bzw. Gegendemonstrationen Teilnehmer aus dem Ausland importiert werden, damit es nicht gar so peinlich wird.

Auch die quasi-religiöse Verehrung der Obrigkeit und die unterwürfige Untertanenmentalität, die den Österreicher auch in dieser seiner demokratischen Phase prägt, ist mit seinem biedermeierlichen Erbe zu erklären: obwohl es in jeder Partei regelmäßig Obmann-Debatten gibt, obwohl die Beamtenschaft als Feindbild liebgeworden ist, obwohl jedes Jahr mehr Geld im hochgelobten Föderalismus versenkt wird … eine nachhaltige Änderung des status quo will eigentlich niemand erreichen. Die da oben werden es schon richten. Damit zusammenhängend ist auch die Tatsache, dass sich nur die wenigsten Österreicher (wahrscheinlich die am wenigsten biedermeierlichen) dazu bereit erklären, Politiker zu werden. Sie werden von den übrigen äußerst skeptisch beobachtet, sind diese doch offensichtlich nicht normal.

 

Anlässlich der gerade zu Ende gegangenen EU-Wahl hat auch Martina Salomon vom Kurier in ihrem Leitartikel die „Neue Betulichkeit“ im Wählersegment der Grünen diagnostiziert: Von diesem neuen Biedermeier-Gefühl profitieren die Grünen. Ihre Wähler leben zwar in der Stadt (und dem neuerdings veganen „Speckgürtel“ drumherum), wollen aber wieder wie die Omi am Land leben. Und tatsächlich haben auch die Themen der Grünen viel Biedermeierliches in sich: zurück zur Natur und zur Natürlichkeit, wenig Chemie, mehr Selbstgemachtes, weniger Fertigprodukte, mehr Energiesparen …

Schon vor einiger Zeit hat Heinrich Steinfest in seiner großartigen Österreich-Diagnose „Gebrauchsanweisung für Österreich“ behauptet, der Österreicher sei bis heute eigentlich – trotz aller Wirren der Geschichte seitdem – in seiner Biedermeier-Phase stecken geblieben. Insbesondere die moderne Technik habe diese gleichsam genetische Anlage in ihm verstärkt: Und darum ist es wohl ein Glück zu nennen, dass wir neuerdings über Computer verfügen, welche ganz sicher Weiterführungen des Biedermeiers darstellen. Bewegte Miniaturen. Der Computer beschert uns eine Intimität, einen Extraraum, der von einem höchstpersönlichen Mobiliar bestimmt wird. Der Computer ist ein Ornament, das es in der Regel gut mit uns meint. Und man kann nur hoffen, dass dies auch so bleibt. (S. 127). Der Computer also als perfekter biedermeierlicher Rückzugsort, der es uns erlaubt, in den eigenen vier Wänden zu bleiben und der sich an unsere ganz persönlichen Wünsche anpassen lässt. Dem Österreicher kommt so etwas natürlich gerade recht.

Und die Religion? Auch da zeigt sich – trotz einiger Aufmüpfiger – das Phlegma des Biedermeiers. 80% der Österreicher sind Christen, ein Anteil, der seinesgleichen sucht in Europa. Das hat jedoch wenig mit der Attraktivität des Christentums zu tun, sondern einfach und allein mit der Tatsache, dass das (katholische) Christentum zur rechten Zeit am rechten Ort war. Und weil es immer schon so war, muss es auch weiterhin so sein. Allen Rufen eines anti-religiösen Zeitalters zum Trotz ist Österreich also noch tief religiös … zumindest auf dem Papier. Sämtliche Angriffe auf das Schulkreuz z.B. wurden erfolgreich zurückgewiesen.

Auch „Wir sind Kirche“ oder die Pfarrerinitiative kann nur davon träumen, einen breiten Rückhalt in der Herde der Gläubigen zu haben. Manche sind vielleicht froh, dass sich andere trauen, aufzustehen, würden aber selbst sich niemals in die erste Reihe stellen. Das ist nicht der Stil des Österreichers, zumindest nicht der der biedermeierlichen Variante desselben.

Damit sind wir schon bei den Vorteilen der österreichischen Mentalität: bei uns dauern Reformen äußerst lang. Das hat den Vorteil, dass wir anderen Übereifrigen dabei zusehen können, wie sie auf die Nase fallen. Die Gesamtschule ist so ein Thema: eigentlich wäre es – die internationale Entwicklung einberechnet – an der Zeit, sich einzugestehen, dass sie nicht der Weisheit letzter Schluss im Bildungssystem ist. SPÖ, Grüne und neuerdings die NEOs sind jedoch zu sehr biedermeierlich verhaftet, als dass sie sich eingestehen können, dass etwas, das immer schon zu ihrem Parteiprogramm gehört hat, doch nicht so ganz sinnvoll ist.

Und so bleibt der Österreicher seinen Biedermeier-Vorfahren treu und wird sich so schnell nicht ändern. Es ist ihm dabei auch kein Vorwurf zu machen: es scheint in seinen Genen eingebaut zu sein. Dabei hat er ja durchaus etwas Liebenswertes an sich – mit allen Vor- und Nachteilen.

PAX