Vor dem Cenacolo Vincino


Kunstwerke wirken nur gut, wenn man direkt vor ihnen steht. Das „Letzte Abendmahl“ von Da Vinci ist da keine Ausnahme.

Dieses vielbesprochene Wandgemälde überrascht zunächst durch seine schiere Größe, dann durch seine Schönheit.

Wenn man von wüsten Spekulationen à la Dan Brown absieht, bleibt ein außergewöhnliches Kunstwerk der Eucharistie, man kann sogar sagen: katholischer geht’s nicht.

Das Gemälde entfaltet eine unglaubliche Sogwirkung, man wird förmlich in die Szene mit hineingenommen. Das erreicht Da Vinci natürlich durch die Zentral-Perspektive mit dem Fluchtpunkt direkt über Christus. Die in diesen Refektorium versammelten Dominikaner sollen gleichsam mit Christus am Tisch sitzen.

Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass der Künstler für Besteck, Tischwäsche und Geschirr als Vorlagen die tatsächlich vorhandenen Objekte der Dominikaner genommen hat: die Mönche sahen also Christus aus demselben Becher trinken, von demselben Teller essen, dieselbe Tischwäsche benutzen wie sie.

Das führt ein in das katholische Eucharistieverständnis, das ja auch von einer Repräsentanz des Priesters ausgeht. In der Eucharistiefeier ist es nach katholischem Verständnis so, wie wenn wir mit Christus im Abendmahlssaal sitzen, von ihm seine Wandlungsworte hören, von ihm selbst seinen Leib empfangen. Das „Letzte Abendmahl“ von Da Vinci macht es dem gläubigen Betrachter leicht, diese Glaubenswahrheit zu begreifen.

PAX

Nachtrag: Ein befreundeter Kunstlehrer hat mir verraten, dass der Fußboden zur Zeit von da Vinci viel höher gelegen hat: die Mönche sind also auf gleicher Ebene wie Christus an einem Tisch gesessen, der die gleiche Tischwäsche und das gleiche Porzellan trug. Sie sind also buchstäblich mit ihm zu Tisch gesessen.

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