Pfingstsequenz IV – die göttliche Perspektive

[Erste Strophe / Zweite Strophe / Dritte Strophe]

In labore requies,
In aestu temperies,
In fletu solatium.

Ü1 (wörtlich)
In der Arbeit Ruhe
In der Hitze Mäßigung
Im Weinen Trost

Ü2 (Gotteslob)
In der Unrast schenkst du Ruh,
hauchst in Hitze Kühlung zu,
spendest Trost in Leid und Tod.

Ü3 (Bone)
In Ermüdung schenke Ruh’,
In der Glut hauch Kühlung zu,
Tröste den, der trostlos weint.

1) Es werden drei Situationen aufgezählt, in denen der Heilige Geist Hilfe spendet (Arbeit, Hitze, Trauer) und jeweils die Rollen zugeordnet, die er in diesen Fällen übernimmt (Ruhe schenken, kühlen, Trost). Dabei wird aber kein Imperativ verwendet (wie von Bone übersetzt), sondern einfach Fakten in den Raum gestellt. Damit wird Gott als verlässlich charakterisiert, als ohne Vorbedingungen Helfender.

2) labore: Dieses Nomen bedeutet viel mehr als Arbeit. In der mittelalterlichen Form arebeit ist noch das nachvollziehbar, was schon das Lateinische mitmeint: es bedeutet auch Mühsal, Anstrengung, Plage, das Gotteslob übersetzt mit Unrast. Gut nachvollziehbar ist diese zusätzliche Bedeutung von Arbeit in der ersten Strophe des Nibelungenlieds:

Uns ist in alten maeren            wunders vil geseit
von heleden lobebaeren           von grôzer arebeit,
von vreude und hôchgezîten    von weinen und von klagen,
von küener recken strîten        muget ir nu vil wunders hoeren sagen.

[Uns wird in alten Geschichten viel Bemerkenswertes erzählt:
von lobenswerten Helden, von großer Mühsal,
von Freude und Hochzeiten, von Weinen und von Klagen,
von Wettstreiten
tapferer Ritter sollt ihr nun viel Bemerkenswertes sagen hören.
]

Damit wird deutlich, dass mit dieser Sequenz-Strophe keiner Anti-Arbeitsethik das Wort gesprochen wird, sondern dass der Heilige Geist Besinnung, Ruhe und Kontemplation in Zeiten der Unrast, Unruhe und Hektik schenkt.

3) In – In – In: Die Anapher parallelisiert die genannten Situationen und erweckt den Eindruck, es gäbe noch viel mehr solche Fälle, in denen der Heilige Geist Hilfe und Trost spendet.

4) labore – requies / aestu – temperies / fletu – solatium: So wie labore und requies eine Antithese darstellen, so auch aestu und temperies, fletu und solatium. Der Heilige Geist wird damit als der ganz Andere dargestellt, der den menschlichen Beschränkungen nicht unterworfen ist, sondern der Schöpfung gegenübersteht und die Beschwerlichkeiten des Lebens gerade deswegen überwinden kann. Er bringt eine neue, göttliche Perspektive.

5) aestu: Mit Hitze ist sicher mehr gemeint als eine sommerliche Schönwetterfront. Es deutet eine Zeit der überschießenden Emotion, der Unordnung und des Chaos an. In diesen Situationen bringt der Heilige Geist Kühlung, Vernunft, Rat.

6) Wie auch schon in den anderen Strophen geht diese von ganz alltäglichen menschlichen Erfahrungen aus, die aber durchscheinend werden für das Wirken Gottes im Heiligen Geist. Unter der Oberfläche der drei genannten Situationen (Arbeit, Hitze, Weinen) liegen Welten an Assoziationen, nicht zuletzt biblischer Natur, die von einem Gott sprechen, der sich des Menschen annimmt in dessen ganz konkreten diesseitigen Beschränkungen.

Dein Name ist Tun:
sein, wehen, weben, heilen;
gestern, morgen, jetzt.

PAX

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