Christus, der neue Atlas

Der gotische Kapitelsaal des Stiftes Zwettl, das heuer sein 875-jähriges Bestehen feiert, ist nicht besonders kunstvoll ausgemalt wie der des Mutterklosters Heiligenkreuz. Er birgt jedoch eine äußerst interessante christologische Architektur: In der Mitte findet sich eine Säule, die das gesamte Kreuzrippengewölbe des Saales trägt. Ich weiß nicht, ob diese Säule aus statischen Gründen notwendig ist oder nicht – jedenfalls verbirgt sich dahinter ein eindrucksvolles christliches Bekenntnis.Kapitelsaal Stift ZwettlJesus ist das Fundament, die Säule des christlichen Glaubens. Auf ihm ruht der gesamte Raum des Christentums, in dem alles Platz hat: die Geschichte, die Menschen, die Hoffnung, die Liebe … Ohne ihn würde dieser Raum der Liebe zusammenstürzen, er wäre leer und sinnlos, wie Paulus das in seinem ersten Brief an die Korinther ausdrückt: Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos. (1 Kor 15,14)

Es ist natürlich auch von Bedeutung, dass gerade der Kapitelsaal des Stiftes Zwettl so gestaltet wurde. Im Kapitelsaal werden ja die wichtigsten Entscheidungen des Stiftes getroffen: die Einkleidung der neuen Mönche, die Abtwahl, die regelmäßigen Zusammentreffen des Konvents. Die Säule in der Mitte ist da sicher manchmal im Weg – so wie der Glaube an Christus manchmal unbequem und beschwerlich ist. Dennoch – bei allen Entscheidungen des Stiftes soll eines immer berücksichtigt werden: Christus soll das Zentrum bleiben; er, der das Himmelsgewölbe des Christentums trägt wie das in der griechischen Mythologie von  Atlas erzählt wird.

Viele Ebenen werden in dieser Architektur angesprochen. Nicht nur, dass Christus der Dreh- und Angelpunkt des christlichen Bekenntnisses ist, sondern auch das Geheimnis des Kreuzes: es ist ja die Verbindung von Unten und Oben, von Menschen und Gott – so wie diese Säule die Verbindung darstellt zwischen den Boden und der Decke.

Auch das Mysterium von Maria Verkündigung kommt mir in den Sinn, dieser Zeitpunkt, als Gott, der allmächtige Herr, die Erde berührt und einer von uns wird. Die Säule erinnert in diesem Zusammenhang an einen Finger, der von oben den Fußboden des Kapitelsaals berührt und Segen und Heil von oben verspricht.

Und letztendlich fragt sich der gläubige Tourist auch, wo seine eigene Christozentrik bleibt – spiegelt sich in den wichtigen Entscheidungen des eigenen Lebens auch der Glauben an Christus, den Himmelsträger und Gottessohn, wider? Was ist das Zentrum des eigenen Lebens? Worauf baut mein Seelengebäude auf?

PAX

Advertisements

Der Mensch Adam

Albrecht Dürer: Adam, 1507

Schlussfolgerungen aus dem letzten Beitrag bezogen auf die Diskussion rund um die Geschichtlichkeit des Sündenfalls:

1) Benedikt XVI. formuliert in seinem Buch „Gottes Projekt“ auf Seite 86 unter der Überschrift „Was heißt Erbsünde“ (Link) folgendermaßen: In dem Genesisbericht, den wir dabei bedenken, kommt zu dieser Wesensbeschreibung der Sünde [Sünde = Zurückweisung der eigenen Geschöpflichkeit] aber noch ein weiterer Grundzug hinzu. Zunächst also ist dies sozusagen eine Art Phänomenologie der Sünde im Spiegel dieser ganz bestimmten Versuchung, für die die Schlange steht, durch die hindurch das Wesen von Versuchung und Sünde überhaupt sichtbar wird. Aber das ist nur das Eine. Das Zweite ist: Die Sünde wird nicht allgemein als eine abstrakte Möglichkeit beschrieben, sondern sie wird als eine Tatsache dargestellt, als die Sünde Adams, der am Anfang der Menschheit steht und von dem die Geschichte der Sünde ausgeht, wobei dieser Tatsachencharakter erst durch Römer 5, also durch die neutestamentliche Relecture, voll zum Ausdruck gebracht worden ist, weil erst in dem Augenblick, in dem die Erlösung zum Vorschein kam, auch sozusagen die Möglichkeit bestand, dem ganzen Angesicht, dem ganzen Tatbestand der Gefährdung und des Schrecknisses überhaupt standzuhalten. Erst in dem Augenblick, in dem die Antwort da ist, wird auch das Andere vollends sichtbar. Der Bericht also, so gelesen, sagt uns: Sünde bringt Sünde hervor und alle Sünden der Geschichte hängen untereinander zusammen.

2) Auf der einen Seite rechnet Benedikt XVI. also sehrwohl mit einem geschichtlichen Beginn der Sündenverstrickung des Menschen in „Adam“. Nun, diesem Gedanken ist auch nichts entgegenzusetzen: wenn der Mensch sündhaft ist, muss er irgendwann einmal damit angefangen haben, z.B. als die Entwicklung seines Gehirns so weit fortgeschritten war, dass er so etwas wie Willensfreiheit im Gegesatz zur Instinktsteuerung des Tieres entwickelt hat. Seitdem der Mensch also Willensfreiheit entwickelt hat (oder sie ihm von Gott geschenkt wurde) gibt es die Versuchung des Menschen, seine Geschöpflichkeit anzuzweifeln, die Schöpfungsordnung durchbrechen zu wollen und sich als Herr der Welt aufzuspielen.

3) Der Gedanke der Strafe wird hier nicht angesprochen. Ein Kritikpunkt der Geschichtlichkeit Adams war ja, dass die gesamte Menschheit wegen der Sünde eines frühen Hominiden bestraft wird. Diese Annahme erscheint ausgesprochen ungerecht: warum werden höher entwickelte, vielleicht eher moralisch denkende Menschen dafür bestraft, dass ihre Vorfahren noch unzivilisiert waren? Mit der Formulierung von Benedikt XVI. kann ich mich eher anfreunden: von Beginn der Menschheit an, als der Mensch sich durch seine Willensfreiheit vom Tier unterschied, ist er verstrickt in die Realität der Sünde bis heute. Das habe ich gemeint mit meinen Ausführungen über der Kehrseite der Medaille der Willensfreiheit.

4) Erst die Botschaft von der Erlösung durch Christus hat die Erkenntnis ermöglicht, ihn mit Adam in eine Beziehung zu setzen: der Mensch versteht von Anfang seines Mensch-Seins an die Tatsache seines Geschöpf-Seins als Angriff auf seine persönliche Freiheit und möchte sich selbst zu Gott erklären. Er fällt daher in eine sündhafte Beziehungsunfähigkeit hinein, die ihn von sich selbst, seinen Mitmenschen, Gott und der Schöpfung entfremdet. Christus nun als wahrer Gott kann diese Beziehungsunfähigkeit des Menschen wieder heilen, er ist ganz Beziehung („Sohn“), verhält sich göttlich, indem er der Liebe den Vorrang vor dem Egoismus gibt.

5) Die schwierigen Aussagen des Apostels Paulus aus dem Römerbrief erscheinen hier vielleicht in einem anderen Licht:
Röm 5,12: Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten.
Röm 5,19: Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden.
Gemeint ist also nicht, dass Adam schuld sei an der Sündenverflochtenheit des Menschen, sondern dass dies von Anfang an so gewesen sei. Die Gegenüberstellung Adam – Christus kann man zusammenkürzen auf die Gegenüberstellung Pseudogott – Gott. Gott hat also korrigierend in seine Schöpfung eingegriffen, um dem Menschen zu zeigen, wozu er eigentlich bestimmt sind: nämlich in Beziehung zu treten und nicht als beziehungsloses Etwas dahinzuvegetieren.

PAX

Erbsünde und Erlösung

Zum Thema Erlösung und Erbsünde ist mir dankenswerterweise heute folgendes Buch geschenkt worden: Joseph Ratzinger [=Benedikt XVI.]: Gottes Projekt. Nachdenken über Schöpfung und Kirche. Regensburg 2009. (Link)

Es handelt sich dabei um eine Zusammenstellung von sechs Vorlesungen, die Joseph Ratzinger als Präfekt der Römischen Glaubenskongregation im September 1985 im Bischöflichen Bildungshaus St. Georgen am Längsee gehalten hat.

Ich möchte im Folgenden die Grundgedanken des Kapitels 4, „Sünde und Erlösung“, wiedergeben. Es befindet sich im oben zitierten Buch auf den Seiten 73-92.

1) Alttestamentlicher Bezug
Gen 3, 1-13Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? Die Frau entgegnete der Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen; nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben. Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben. Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse. Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und dazu verlockte, klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß. Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz. Als sie Gott, den Herrn, im Garten gegen den Tagwind einherschreiten hörten, versteckten sich Adam und seine Frau vor Gott, dem Herrn, unter den Bäumen des Gartens. Gott, der Herr, rief Adam zu und sprach: Wo bist du? Er antwortete: Ich habe dich im Garten kommen hören; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich. Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe? Adam antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen. Gott, der Herr, sprach zu der Frau: Was hast du da getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen.

2) „Bekehrt euch!“
Bei der Grundbotschaft des Evangeliums, Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe, bekehrt euch und glaubt an das Evangelium. (Mk 1,14-15), wird in modernen Theologien der Teil „bekehrt euch“ gerne ausgespart. Dieser Teil ist jedoch essentiell, ja er gehört zum Kern des Christlichen.

3) Strategien der Verdrängung
Das Thema „Sünde“ ist zu einem verschwiegenen Thema unserer Zeit geworden. Damit einher geht auch, dass das Gefühl für „Gut“ und „Böse“ verschwindet, das Moralische wird überhaupt abgelehnt. Die Verabschiedung des Moralischen ist aber nur dann logisch, wenn es kein dem Menschen vorausgehendes Maß gibt, d.h. wenn er die Wahrheit seines Geschöpf-Seins leugnet. Da man die Wahrheit verdrängen, aber nicht beseitigen kann, muss das Prinzip „Sünde“ geleugnet werden. Aber der Mensch kann nur heil, erlöst sein, wenn er wahr ist, wenn er aufhört, die Wahrheit zu verdrängen oder zu bekämpfen.

4) Zwei Bilder: Garten und Schlange
Der Garten ist Ausdruck für eine Welt, die dem Willen des Schöpfers gemäß geworden ist. Der Mensch versteht die Schöpfung als Gabe des Schopfers und bringt sie zu ihren eigenen Möglichkeiten. Der Bild der Schlange zeigt die Versuchung, der sich Israel zur Zeit der Entstehung des Textes ausgesetzt sah: die Schlange steht für die Attraktion der Fruchtbarkeitsgottheiten der umgebenden Völker.

5) Die Logik des Verdachtes
Die Versuchung beginnt nicht mit der Leugnung Gottes, sondern mit der Frage der Schlange, die einen Verdacht gegenüber Gottes Gebot in Adam und Eva sät. Dieser Verdacht ist auch heute noch allgegenwärtig: es ist leicht, dem Menschen einzureden, dass dieser Bund ihn fessle, ihn einenge und nicht eine unendliche Gabe und Geschenk sei. In diesem Verdacht ist die Aufforderung eingeschlossen, dass der Mensch überhaupt keine Grenzen mehr anerkennen solle, sondern sich davon freimachen soll, denn dann erst werde er richtig frei sein von diesen. Wenn der Mensch alles tun möchte, was er kann, und keine moralischen Schranken mehr gelten, dann leugnet der Mensch sein Geschöpf-Sein als einer uns vorausgehenden und bestimmenden Wirklichkeit. Deswegen ist das, was die Schlange tut, ein Betrug am Menschen. Wenn er das Maß dieser Ordnung leugnet, belügt sich der Mensch. Er macht sich nicht frei, wie es im Augenblick erscheint, sondern er stellt sich schlicht gegen die Wahrheit.

6) Geschöpflichkeit als Maß des Menschen
Das Grundlegende ist also: die Ordnung des Bundes wird verdächtigt. Der tiefste Gehalt der Sünde ist es daher, dass der Mensch sein Geschöpf-Sein leugnen will, weil er die Tatsache, dass er ein Maß hat und eine Grenze hat, nicht annehmen will. Er will nicht Geschöpf sein, weil er nicht abhängig sein will. Dabei deutet er die Abhängigkeit von der Liebe Gottes nicht als eben das, als Liebe, sondern als Fremdbestimmung, als Sklaverei. Deswegen möchte er sich davon emanzipieren und selbst wie Gott werden. Damit ändert sich jedoch alles: das Verhältnis zu sich selbst, zu den anderen, zur Schöpfung. Der Mensch, der aus der Wahrheit seines Geschöpf-Seins heraustreten will, wird jedoch nicht frei, sondern er zerstört die Wahrheit und die Liebe. Er macht sich nicht zu Gott, der ganz Liebe und Beziehung ist, sondern er macht sich zu einem Pseudogott, den er als den Beziehungslosen (miss-)versteht.

7) Was heißt Erbsünde?
Es hat sich gezeigt, dass erst durch die neutestamentliche Botschaft von der Erlösung, die wahren Ausmaße der Sündhaftigkeit des Menschen von Anbeginn an bewusst geworden sind. Was bedeutet Erbsünde? Sünde ist Beziehungsverlust, Beziehungsstörung, die irrige Annahme, nur sich selbst zu brauchen, autark zu sein. Deswegen ist Sünde nie allein eingeschlossen ins einzelne Ich, ist immer Versündigung, die auch den anderen trifft, die die Welt verändert und sie stört. Jeder ist deshalb schon von seinem Anfang her in seinen Beziehungen gestört, empfängt sie nicht, wie sie sein sollten. Die Sünde greift nach ihm und er vollzieht sie mit.

8) Schöpfungsbeziehung und Erlösung
Wenn das Urprinzip der Sünde in der Beziehungslosigkeit des Menschen besteht, ist auch klar, warum sich der Mensch nicht selbst erlösen kann. Erlöst werden können wir nur, wenn der, von dem wir uns abgeschnitten haben, neu auf uns zugeht und selbst die Beziehung wieder eröffnet, die wir nicht erzwingen können (sonst wäre sie ja nicht Liebe). Bedeutend für das Verständnis der Erlösung ist der Hymnus in Paulusbrief an die Philipper.
Phil 2,5-11: Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: ,Jesus Christus ist der Herr.‘ – zur Ehre Gottes, des Vaters.
Wenn Adam sich zu Gott machen wollte, indem er sein Geschöpf-Sein geleugnet hat, so geht Christus den gegenteiligen Weg: er ist – anders als Adam – wirklich Gott und weil er wirklich Gott ist, verhält er sich wie Gott, ist ganz Liebe und Beziehung. Der Sohn ist alles und ganz aus Beziehung zum Vater. Er klammert sich nicht an seine Autonomie, er wird der ganz Abhängige. Deshalb kann er Adams Lüge aufheben. So wird Christus in dieser Gegenbewegung der neue Adam, mit dem das Menschsein neu beginnt und wieder sich selbst findet. Er, der von Grund her Beziehung und Bezogen-Sein ist, stellt die Beziehungen wieder richtig, stellt die Beziehung wieder her.

9) Eucharistie als „Baum des Lebens“
Deswegen auch die ungeheure Größe und Dramatik der Eucharistie: sie ist nie bloß irgendeine Art von Gemeinschaftspflege, sondern sie zu empfangen heißt, in diese Dynamik der Umwandlung der Adamsgeschichte hineintreten, den Gehorsam Christi zum Sein, zur Schöpfung und zum Schöpfer, das Maß des Geschöpfseins anzunehmen, nicht auf die Macht, das Können, die Lüge zu setzen, sondern auf die Beziehung der Liebe und das Maß, das sie uns gibt. Gerade diese Abhängigkeit vom Schöpfer ist Freiheit, weil sie Wahrheit ist und Liebe.

PAX

Der Affe Adam

Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Erlösung bin ich auf die Frage nach der Historizität Adams gestoßen und die Frage, ob alle Menschen von einem Ureltern-Paar abstammen (also eine biblisch verstandene Monogenese). Dahinter steckt natürlich eine alte Streitfrage, die darauf hinausläuft, ob der biblische Schöpfungsglaube mit der Evolutionstheorie kompatibel ist oder nicht. Es geht also schlicht und einfach um die Glaubwürdigkeit des biblischen Menschenbildes angesichts der naturwissenschaftlichen Forschung.

Dazu habe ich aus der Theologie widersprüchliche Informationen zusammengetragen.

1) Einerseits habe ich als braver Student der katholischen Theologie gelernt, dass der Mythos von Adam und Eva nicht als naturwissenschaftlicher Bericht missverstanden werden darf. Kurz: in Gen 2 und 3 werden wesentliche Wahrheiten über den Menschen bezeugt (Hinordnung der Geschlechter zueinander / prinzipielle Berufung für ein paradiesisches Leben mit einander, mit Gott und der Natur / die Faszination des Menschen für die Sünde / die allgegenwärtige Versuchung, Verantwortung abzuschieben / Sünde als Missachtung des Gebotes Gottes), aber keine Auskunft darüber erteilt, dass das erste Menschenpaar Homo sapiens Adam und Eva geheißen haben.

Ich habe bei der Vorlesung „Fundamentalexegese Altes Testament“ von Prof. Braulik im Wintersemester 1997/98 an der Universtität Wien Folgendes mitgeschrieben:

Der Sündenfall der Ureltern und der Brudermord Kains gehören literarisch und theologisch zusammen. Im Sündenfall verliert der Mensch keinen Urzustand und es wird kein goldenes Zeitalter beendet, sondern in der Sündenfallgeschichte entwickelt der Verfasser allgemeine Aussagen über die Situation der Menschen von der jüdischen Erfahrung her. Es geht um eine Stammvatererzählung: es wird kein einmaliges historisches Geschehen geschildert, sondern das, was immer und überall gilt (charakteristisch für Mythos und Stammvatererzählung). Die jüdischen Erfahrungen über das Menschsein an sich kommen in mythischen Bildern und Symbolen zur Sprache. Die Bibel enthält aber nicht nur Mythologien, sondern interpretiert den mythisch schon vorhandenen Stoff durch eine offenbarende Sprache. Bilder des Gartens, Stromes, der Bäume, Wächter, Schlangen, die Menschen im Garten verführen, sind nicht primitiv, sondern im Unterbewusstsein des modernen Menschen noch immer präsent – sind nicht naiv, sondern beschreiben in Genauigkeit die Lebenssituation. Diese Bilder sagen, was der Mensch von Gott her sein könnte und dann in Wahrheit geworden ist durch seine Sünde. […] Die Erzählung beschreibt kein goldenes Zeitalter der Welt, auch keine Utopie, die sich jemand erträumen kann, sondern die Welt hätte sich so entwickeln können. Es war in der Schöpfung so angelegt.

Und weiter über die Erbsündenlehre:

Die Sammelternerzählung stellt eine narrative Sündenlehre dar: die Stammeltern sündigen = alle Menschen sündigen. Die Sünde wird von einer vorgegebenen Wirklichkeit provoziert. Sie entsteht durch die Verführung durch die Schlange (in der Theologie ist die Schlange das vorpersonale Element von Sünde) => die Sünde entsteht eigentlich nicht aus der reinen Freiheit des Menschen, sondern von bestimmten Gegebenheiten. Dass die Sünde nicht allein dem sündigen Menschen zuzuschreiben ist, zeigt der Autor damit, dass die Schlange zuerst bestraft wird. Die Erzählung stellt psychologisch dar, dass die plumpe Leugnung des Gottesgebotes Eva dazu bringt, der Verlockung des Einmaligen zu erliegen. Nach dieser ersten Sünde schließen sich die nächsten an, die dann aus der Freiheit der Menschen resultieren (Systematik von Sündenerzählungen).
Gen 3: Sünde des einzelnen gegen Gott (Adam – Eva)
Gen 4: Sünde des einzelnen gegen den Bruder (Kain – Abel)
Gen 6: Sünde einer Gruppe gegen eine Gruppe (Menschen gegen Menschen, Sintflut)
Gen 11: Sünde der Menschheit gegen Gott (Turmbau zu Babel)
=> die ganze Gesellschaft wird von Sünden geformt, jeder einzelne Mensch wird durch die ihm vorangegangene Sozialisierung von der Sünde bestimmt (durch Sozialisierung entsteht ein Netzwerk des Bösen) = Erbsündenlehre.

2) Anders klingt die Erklärung der Erbsündenlehre im Katechismus der Katholischen Kirche, Artikel 402-404, wo man sich hauptsächlich auf einschlägige Texte des Apostels Paulus aus dem Römerbrief bezieht:

402 Alle Menschen sind in die Sünde Adams verwickelt. Der hl. Paulus sagt: ‚Durch den Ungehorsam des einen Menschen‘ wurden ‚die vielen (das heißt alle Menschen] zu Sündern‚ (Röm 5,19). ‚Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten‚ (Röm 5,12). Der Universalität der Sünde und des Todes setzt der Apostel die Universalität des Heils in Christus entgegen: ‚Wie es durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen (die Tat Christi] für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt‘ (Röm 5,18).

403 Im Anschluss an den hl. Paulus lehrte die Kirche stets, dass das unermessliche Elend, das auf den Menschen lastet, und ihr Hang zum Bösen und zum Tode nicht verständlich sind ohne den Zusammenhang mit der Sünde Adams und mit dem Umstand, dass dieser uns eine Sünde weitergegeben hat, von der wir alle schon bei
der Geburt betroffen sind und ‚die der Tod der Seele‘ ist [Vgl. K. v. Trient: DS 1512.]. Wegen dieser Glaubensgewissheit spendet die Kirche die Taufe zur Vergebung der Sünden selbst kleinen Kindern, die keine persönliche Sünde begangen haben [Vgl. K. v. Trient: DS 1514].

404 Wieso ist die Sünde Adams zur Sünde aller seiner Nachkommen geworden? Das ganze Menschengeschlecht ist in Adam ‚wie der eine Leib eines einzelnen Menschen‘ (Thomas v. A., mal. 4,1). Wegen dieser ‚Einheit des Menschengeschlechtes‘ sind alle Menschen in die Sünde Adams verstrickt, so wie alle in die Gerechtigkeit Christi einbezogen sind. Die Weitergabe der Erbsünde ist jedoch ein Geheimnis, das wir nicht völlig verstehen können. Durch die Offenbarung wissen wir aber, dass Adam die ursprüngliche Heiligkeit und Gerechtigkeit nicht für sich allein erhalten hatte, sondern für die ganze Menschennatur. Indem Adam und Eva dem Versucher nachgeben, begehen sie eine persönliche Sünde, aber diese Sünde trifft die Menschennatur, die sie in der Folge im gefallenen Zustand weitergeben [Vgl. K. v. Trient: DS 1511—1512.]. Sie ist eine Sünde, die durch Fortpflanzung an die ganze Menschheit weitergegeben wird, nämlich durch die Weitergabe einer menschlichen Natur, die der ursprünglichen Heiligkeit und Gerechtigkeit ermangelt. Deswegen ist die Erbsünde ‚Sünde‘ in einem übertragenenSinn: Sie ist eine Sünde, die man ‚miterhalten‘, nicht aber begangen hat, ein Zustand, keine Tat.

Das Problem ist also eigentlich Paulus: er dürfte die Sündenfallsgeschichte rund um Adam und Eva wörtlicher verstanden haben, als das die heutige alttestamentliche Bibelwissenschaft unternimmt, und so zu der folgenschweren Formel aus Röm 5,18 gekommen sein: Wie es durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt. Damit wird die Sünde Adams aber gerade als die singuläre Tat eines einzelnen Menschen interpretiert, die Georg Braulik noch in der Deutung der entsprechenden Stelle als nicht Textsorten-adäquat zurückgewiesen hat.

Ich persönlich bin eher ein Anhänger der historisch-kritischen Methode. Adam und Eva sind für mich die Stammeltern, d.h. sie repräsentierten die Menschheit in ihren Stärken und Schwächen. Die Stammelternerzählung ist auch für mich kein (geschichtlicher) Bericht über ein singuläres Ereignis, sondern eine Aussage über die Verfasstheit des Menschen als Menschen: die Versuchung Adams ist unsere Versuchung, die Sünde Adams ist unsere Sünde, die Vertreibung aus seinem Paradies ist unsere Vertreibung aus dem Paradies, das eigentlich in der Schöpfungsordnung für uns vorgesehen war.

Was tun mit den Texten im Römerbrief? Sie – so wie die Genesistexte – von ihrer Aussageabsicht her interpretieren: Paulus wollte damit ausdrücken, dass Jesus die Sünde der Menschheit (für Paulus „die Sünde des ersten Menschen“) auf sich genommen und getilgt hat.

Wie auch immer: Glaube und Wissenschaft haben dieselbe Welt als Objekt ihrer Anschauung. Wenn sie die Grenzen ihrer jeweiligen Methode respektieren, kann zwischen ihren Ergebnissen daher kein Blatt Papier passen.

PAX

Er-lösung II

Gestern sind mir – wegen meiner Auseinandersetzung mit den Fragen der Erlösung – in der Osternacht beim Exsultet natürlich folgende Stellen besonders aufgefallen:

[…] Er hat für uns beim ewigen Vater Adams Schuld bezahlt
und den Schuldbrief ausgelöscht mit seinem Blut, das er aus Liebe vergossen hat.
Gekommen ist das heilige Osterfest,
an dem das wahre Lamm geschlachtet ward,
dessen Blut die Türen der Gläubigen heiligt
und das Volk bewahrt vor Tod und Verderben.
Dies ist die Nacht,
die unsere Väter, die Söhne Israels,
aus Ägypten befreit
und auf trockenem Pfad durch die Fluten des Roten Meeres geführt hat.
Dies ist die Nacht,
in der die leuchtende Säule
das Dunkel der Sünde vertrieben hat.
Dies ist die Nacht,
die auf der ganzen Erde alle, die an Christus glauben,
scheidet von den Lastern der Welt,
dem Elend der Sünde entreißt,
ins Reich der Gnade heimführt
und einfügt in die heilige Kirche.
Dies ist die selige Nacht,
in der Christus die Ketten des Todes zerbrach
und aus der Tiefe als Sieger emporstieg.
Wahrhaftig, umsonst wären wir geboren,
hätte uns nicht der Erlöser gerettet.
O unfassbare Liebe des Vaters:
Um den Knecht zu erlösen, gabst du den Sohn dahin!
O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam,
du wurdest uns zum Segen,
da Christi Tod dich vernichtet hat.
O glückliche Schuld,
welch großen Erlöser hast du gefunden! […]
Der Glanz dieser heiligen Nacht
nimmt den Frevel hinweg,
reinigt von Schuld,
gibt den Sündern die Unschuld,
den Trauernden Freude.
Weit vertreibt sie den Hass,
sie einigt die Herzen
und beugt die Gewalten. […]

Dreh- und Angelpunkt ist dabei das von Augustinus stammende felix culpa, mit der die Ursünde Adams bezeichnet wird, sich gegen Gott aufgelehnt zu haben, die in Jesus Christus einen großen Erlöser gefunden hat.

Dazu ein paar Gedanken von Michael Wildfeuer: Das ist das Große des Christentums und die Größe der Gnade, die wir uns gar nicht genügend klarmachen können. Durch das Erbarmen Gottes wird die Schuld jetzt Anlass des Glückes. Derjenige, der an der erneuten Liebe Gottes teil hat, hat an einer größeren Gnade teil als die Menschen im Paradies. Warum? Weil Gott seine Huld jetzt nicht einem Unschuldigen zuwendet, wie im Paradies, sondern einem Sünder, einem Ungerechten, einem Verworfenen. Und das ist eine weitaus größere Gnade: Wenn ich mich zu einem stinkenden Bettler hinabneige und diesen an den Königshof hole, dann ist es natürlich viel größere Huld, als wenn ich einen Unbescholtenen einlade. Und das ist die wunderbare Größe des Christentums, die einzigartige Größe. Das gibt es nirgends auf der Welt. Welches Volk, welche Religion könnte die Schuld glücklich preisen? Das ist nirgends möglich, das ist nur im Christentum möglich.

Ja, aus der Perspektive des Menschen ist die Erlösung recht gut verständlich: ohne es verdient zu haben, gibt Gott jedem Menschen immer wieder die Chance zur Umkehr. Trotz seiner übergroßen Schuld ist der Weg zu Gott nicht versperrt. Gott kommt uns auf halbem Weg entgegen, ja, er nimmt uns wie der barmherzige Vater immer wieder auf und vergibt bei ehrlicher Reue.

Aber aus der Perspektive Gottes? Warum brauchte es den Tod Christi am Kreuz? Wäre das nicht – wie Barbara Büchner ausgedrückt hat – ein sadistischer Vater, der den Tod seines Sohnes braucht, um allen Menschen vergeben zu können?

Ich denke, man kann sich von dieser – unchristlichen – Vorstellung befreien, wenn man bedenkt, dass die alttestamentlichen Bilder, die so eine Deutung nahelegen, nur einige unter vielen sind, die von den Autoren des Neuen Testaments herangezogen wurden, um zu beschreiben, was mit dem Mysterium der Erlösung gemeint ist. Auf dieser Seite wird das gut zusammengefasst:
Die Hl. Schrift bedient sich einer ganzen Reihe von meist alttestamentlich inspirierten Bildern, die das Heilsgeschehen des Todes Jesu ausdrücken: „Loskauf aus der Knechtschaft der Sünde“ (vgl. Gal 3, 13), „Rechtfertigung“ (1 Petr 1, 18), Lebenshingabe als „Lösegeld für viele“ (Mk 10, 45; Gal 1, 4), „Sühne für unsere Sünden“ (Röm 3,25) usw.
In die heutige Sprache übersetzt könnte das bedeuten: Jesus geht den Weg nach Golgotha nicht für sich; er geht ihn für uns! Er nimmt uns auf diesem Weg gewissermaßen alle Lasten ab und trägt sie ans Kreuz; diese Lasten sind all das, was uns von Gott trennt. (Quelle)

Die Frage, die bleibt, ist: warum war es notwendig, dass er uns alle Lasten abnimmt? Warum musst der Sohn sterben, um den Weg zum Vater von allen Dingen zu säubern, die uns von Gott trennen?

Vielleicht hilft die Antwort auf die Frage weiter, warum es Reue braucht, damit Vergebung wirksam wird. Gott vergibt uns unsere Sünden. Aber damit diese Vergebung wirken, ihre heilsame Kraft ausbreiten kann, braucht es die Reue des Menschen. Wie könnte er auch sonst die Vergebung annehmen, wenn er nicht einsieht, dass er etwas Falsches getan hat? Insofern sind Gott die Hände gebunden ; durch die Freiheit, die er dem Menschen einräumt, gibt er ihm auch die Möglichkeit, seine Fehler nicht einzusehen. Deswegen ist die Rede von der leeren Hölle etwas zu optimistisch: die Freiheit des Menschen, die er von Gott geschenkt bekommen hat, schließt ja seine absolute Ablehnung jeder eigenen Schuld mit ein, sodass eine selbstverschuldete (!) Gottesferne im Bereich des Möglichen liegt. Das widerspricht nicht der Rede vom Gott der Liebe. Schließlich liegt der Zustand der Hölle (= Gottesferne) am Menschen selbst, der die vorhandene, liebevolle Vergebung Gottes aus Hybris zurückweist.

Es scheinen Gott auch bei der Erlösung des Menschen die Hände gebunden zu sein, sonst hätte er nicht sehenden Auges in Kauf nehmen müssen, dass der Sohn am Kreuz stirbt. Die Vorstellung Gottes als ein sadistischer Vater widerspricht sämtlichen Gottesbildern des Alten und Neuen Testaments.

Die Improperien, die Heilandsklagen des Karfreitags zeigen diese Ohnmacht Gottes angesichts der Freiheit des Menschen (in der Liedform von Markus Fidelis Jäck ein Text, den ich selbst als Kind und Jugendlicher äußerst beeindruckend erlebt habe):

1 O du mein Volk, was tat ich dir?
Betrübt ich dich? Antworte mir!
Ägyptens Joch entriss ich dich,
du legst des Kreuzes Joch auf mich.

2 Ich führte dich durch vierzig Jahr
und reichte dir das Manna dar;
das Land des Segens gab ich dir,
und du gibst mir das Kreuz dafür.

3 Was hab ich nicht für dich getan?
Pflanzt dich als meinen Weinberg an,
und du gibst bittern Essig mir,
durchbohrst des Retters Herz dafür.

4 Ich führte dich durchs Rote Meer,
und du durchbohrst mich mit dem Speer.
Der Heiden Macht entriss ich dich,
du übergabst den Heiden mich.

5 Ich nährte in der Wüste dich,
und du, du lässt verschmachten mich;
gab dir den Lebensquell zum Trank,
und du gibst Galle mir zum Dank.

6 Ich schlug den Feind, gab dir sein Land;
und grausam schlägt mich deine Hand.
Das Königszepter gab ich dir,
du gibst die Dornenkrone mir.

7 Ich gab dir Gnaden ohne Zahl;
du schlägst mich an des Kreuzes Pfahl.
O du mein Volk, was tat ich dir?
Betrübt ich dich? Antworte mir!

Kein Wort darüber, dass der Vater von Anfang an vorgehabt habt, den Sohn grausam am Kreuz sterben zu sehen, sondern die Rede von einem ohnmächtigen Gott, der zusehen muss, wie sein Sohn gemartert wird, obwohl er den Menschen schon überreiche Gnade zuerkannt hat.

Dieses uralte Lied zeigt finde ich am besten, wie man das verstehen kann, was Jesus am Kreuz erleidet und wie Gott dazu steht. Er gibt den Menschen die Freiheit zu handeln, zu reden und zu denken, was sie für richtig halten; die Freiheit, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden. UND er macht aus ihren bösen Taten Gutes, das ist seine Allmacht. Seine Allmacht ist also nicht darin begründet, dass er die Menschen von bösen Taten abhalten kann, sonst wären sie ja nicht frei (und nicht verantwortlich für ihre Taten), ABER sie liegt darin, dass er noch größeres Gutes aus dem machen kann, was die Menschen verbockt haben: er schreibt „auf schiefen Linien“ gerade, wie der Volksmund sagt.

Deswegen ist ja auch Judas zu verdammen. Er hat nicht Gottes Plan gedient, indem er seinen Meister verraten hat, sondern er hat einen Freund verraten und damit große Schuld auf sich geladen. Dass der Vater aus diesem Verrat dann umso viel Besseres geschaffen hat, nämlich seinen Sohn auferweckt und uns erlöst hat, ist nicht Verdienst des Judas, sondern Verdienst der Liebe Gottes.

Zusammengefasst: Die Menschen haben in ihrer Freiheit den Sohn Gottes umgebracht, obwohl er ohne Makel war. Und weil sich in diesem Sohn Gott untrennbar mit allen Menschen verbunden hat, ist sein Tod mehr: in Jesus werden alle Menschen mitgekreuzigt (vgl. Gal 2,19f)), seine übergroße Liebe für alle Menschen, die ohne Wort des Widerstandes (vgl. Jes 53,7)) zum Tod führt, kann den großen Mangel aller Sünden ausgleichen. Das ist wohl mit dem „für uns“ gemeint: eine kosmische Erschütterung der Macht der Liebe, eine übermenschliche Ansammlung von Liebe, die allen Menschen zugutekommt. Gott Vater erweckt seinen Sohn zum Leben – und schafft damit die Grundlag für unsere existentielle christliche Hoffnung.

Soweit meine Überlegungen zum heutigen Ostersonntag!

Berichtigungen und Anfragen erwünscht!

PAX ET BONUM

Nähe in Pixeln

Das schon besprochene Fastentuch des Stephansdoms ist aber auch auf eine andere Art und Weise interessant. Je näher man kommt, umso mehr verschwimmen die Farbflächen und umso unübersichtlicher wird die Angelegenheit. Was ich letztes Mal als Manko beschrieben habe, also als fehlender Überblick und Verbohrt-Sein in seine eigene, beschränkte Sicht der Dinge, kann auch anders verstanden werden: wenn wir die Bilder, die uns die Bibel überliefert, genauer betrachten, verschwimmt ihre Eindeutigkeit.

Es ist schon viel geschrieben worden über die Widersprüche in der Bibel, besonders im Neuen Testament in Bezug auf die vier Evangelien. Religionskritiker nehmen dieselben sogar zum Anlass, die Authentizität der Bibel grosso modo zu bezweifeln. Theologen bemühen dann oft die Parabel von den Blinden, die verschiedene Körperteile eines Elefanten berühren und deswegen jeweils vollkommen konträre Vorstellungen von der Gestalt des Tieres haben. Im Zusammenhang mit Religionen hilft diese Parabel aber nicht weiter: wird doch damit die Gleichgültigkeit jeder Religiosität behauptet – und zwar in sämtlichen Wortbedeutungen. Negiert man den Wahrheitsanspruch der Religionen, ist man dabei, sie abzuschaffen, gleichgültig, bedeutungslos zu machen.

Bezogen auf unser Fastentuch kann man sagen, dass die Bibel allgemein in ihren widersprüchlichen Botschaften über Gott ganz Nahe an das Mysterium heranreicht, das wir Christen Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist nennen. Je näher wir Gott kommen, umso verschwommener wird das Bild, umso widersprüchlicher die Wahrnehmungen, umso undeutlicher die Erfahrungen. Das haben die Mystiker aller Religionen erfahren: Je mehr wir uns Ihm annähern, umso geheimnisvoller wird Er selbst, umso mehr entzieht Er sich unserer Erfahrung. So wie ein Wort, das eigenartig und fremd wird, wenn wir es 20 Mal aussprechen. Wie ein Stück Baumrinde, das bei näherer Betrachtung ein eigenes Universum ineinander verschlungener Adern und Ebenen darstellt. Wie unser eigener Geist in seiner Vielschichtigkeit und Unergründlichkeit.

Und wo ist die Widersprüchlichkeit des christlichen Gottesbildes augenfälliger als am Kreuz? Der allmächtige, ewige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, lässt sich kreuzigen, erleidet einen qualvollen Märtyrertod für unbedeutende Menschen? In diesem Zusammenhang sagt Paulus in 1 Kor 1,23f: Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

Dieses Geheimnis des Glaubens, das wir in jeder Messe feiern, diese coincidentia oppositorum des Nikolaus Cusanus, dieses Überschreiten der Rationalität – all das wird erfahrbar, wenn wir uns diesem Fastentuch annähern. Es ist dasselbe Bild, das wir sehen, aber es entzieht sich – wie Gott – einer näheren Betrachtung.

Was für eine bereichernde Erfahrung in dieser Fastenzeit!

PAX

Überreicher Fischfang

Da unser Pfarrer heute Witze erzählt statt gepredigt hat, möchte ich mir hier einige Gedanken machen über das heutige Evangelium:

Lk 5,1-11: 1 Als Jesus am Ufer des Sees Gennesaret stand, drängte sich das Volk um ihn und wollte das Wort Gottes hören. 2 Da sah er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. 3 Jesus stieg in das Boot, das dem Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück weit vom Land wegzufahren. Dann setzte er sich und lehrte das Volk vom Boot aus. 4 Als er seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus! 5 Simon antwortete ihm: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen. 6 Das taten sie, und sie fingen eine so große Menge Fische, dass ihre Netze zu reißen drohten. 7 Deshalb winkten sie ihren Gefährten im anderen Boot, sie sollten kommen und ihnen helfen. Sie kamen und gemeinsam füllten sie beide Boote bis zum Rand, sodass sie fast untergingen. 8 Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sagte: Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder. 9 Denn er und alle seine Begleiter waren erstaunt und erschrocken, weil sie so viele Fische gefangen hatten; 10 ebenso ging es Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus, die mit Simon zusammenarbeiteten. Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen. 11 Und sie zogen die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten ihm nach.

Kardinal Schönborn hat in diesem Artikel zum heutigen Sonntag Stellung genommen und vor allem die Zuversicht Petri hervorgehoben, der trotz der Vergeblichkeit des bisherigen Bemühens Jesus vertraut, nochmals hinausfährt und für sein Vertrauen reich belohnt wird:
„Die Geschichte vom wunderbaren Fischfang würde wohl nicht mehr erzählt werden, wenn sie nur damals, „in jener Zeit“, und seither nie mehr geschehen wäre. Freilich ereignet sie sich auf verschiedene, immer neue Weise. Bis heute gibt es die Erfahrung vergeblicher Mühe. Und bis heute gibt es Menschen, die Jesus und seinem Wort vertrauen und einen Neuanfang wagen. Und viele können berichten: Das Wagnis wurde überreich belohnt.“

Anknüpfend an meine Überlegungen zu einer neuen Sprache bzw. neuen Bildern für Gott, erweist sich diese Perikope als Ermutigung, es in Jesu Namen zu versuchen, die Menschen anzusprechen und für den Glauben zu gewinnen. Es ist die Aufgabe der Christen, von dem zu erzählen, was sie bewegt, ihren Glauben zu bezeugen. Dabei dürfen wir darauf vertrauen, dass Jesus bei uns ist und uns leitet, und dass nach Zeiten der Vergeblichkeit auch wieder Zeiten des reichen Fischfangs kommen werden.

Ich finde es außerdem interessant, dass Jesus die alltägliche Arbeit der Fischer zum Symbol der Mission macht. Obwohl sie dann natürlich später die Methoden der Mission wählen (predigen, erzählen, Vorbild sein, heilen, Frieden stiften), können wir doch sagen, dass uns Christus in unserem Umfeld, in unserem Beruf, in unserem Freundeskreis dazu beruft, die Netze auszuwerfen, um die Menschen aus dem zu befreien, was sie vom Leben abhält. Das Wasser kann dann für alles das stehen, was Tod, Sünde, Untergang, Ängste, Schmerzen, Krankheiten repräsentiert. Mit dem Fischfang als Bild für die Mission ist daher nicht das Fallen-Stellen und Einfangen unschuldiger Menschen gemeint zum Zweck der Zwangsmissionierung, sondern eine Lebenshilfe für Menschen, deren Leben vom Tod bestimmt ist zu einer Veränderung hin zu einem Leben in Fülle. Anders als der Rattenfänger von Hameln geht es hier nicht um eine Verführung in den Abgrund, sondern um Hilfe aus der Verstricktheit der Sünde und des Todes zu einem Leben bei Gott.

Die zweite Lesung an diesem Tag stammt aus dem Brief an die Korinther (1 Kor 15,1-11). In dieser Stelle zählt Paulus auf, wem Jesus erschienen ist und kommt zum Schluss zu sich selbst: „Als letztem von allen erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der „Missgeburt“.“ (1 Kor 15,8). Auch Petrus macht sich vor diesem Jesus, von dem er so viel Gnade erfahren hat, klein: „Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder.“. Die Demut dieser beiden Persönlichkeiten ist begründet in der Gnade, die sie durch die Zuwendung Jesu erfahren haben, in der Gewissheit, dieselbe nicht verdient, sondern als Geschenk erhalten zu haben.

Petrus und Paulus gehen also – anders als das besprochene Lied von Christina Stürmer – nicht davon aus, dass alles Gute, was im Leben passiert, Menschenwerk sei bzw. es der Mensch einfordern und -klagen könne, weil er es verdienen würde. Der biblische Mensch ist ein dankbarer Mensch, der das Gute von Gott erhofft, um es bittet und wenn es ihm geschenkt wird, es dankbar annimmt. Er bleibt damit seiner Geschöpflichkeit treu und wird nicht größenwahnsinnig angesichts seiner eigenen Handlungsmöglichkeiten.

Das bedeutet nicht eine Selbstdemütigung, sondern das Wissen darum, woher der Mensch das Gute empfängt, das ihm widerfährt: nämlich aus Gottes Hand.

PAX