Pfingstsequenz – Synopsis

Im Folgenden möchte ich meine schon veröffentlichten Kommentare zu den einzelnen Strophen der Pfingstsequenz in drei Thesen zusammenfassen. Dieses Gebet über den Heiligen Geist stellt eine Zusammenschau der gesamten christlichen Theologie dar, die versucht, mit Bildern des Alltags fundamentale Glaubensgewissheiten zu erklären. [Die Zahlen in Klammer am Beginn der Strophen verlinken zu den jeweilien Einzelkommentaren].

(1) Veni, Sancte Spiritus,
Et emitte caelitus
Lucis tuae radium.

(2) Veni, pater pauperum,
Veni, dator munerum,
Veni, lumen cordium.

(3) Consolator optime,
Dulcis hospes animae,
Dulce refrigerium.

(4) In labore requies,
In aestu temperies,
In fletu solatium.

(5) O lux beatissima,
Reple cordis intima
Tuorum fidelium.

(6) Sine tuo numine
Nihil est in homine,
Nihil est innoxium.

(7) Lava quod est sordidum,
Riga quod est aridum,
Sana quod est saucium.

(8) Flecte quod est rigidum,
Fove quod est frigidum,
Rege quod est devium.

(9) Da tuis fidelibus
In te confidentibus
Sacrum septenarium.

(10) Da virtutis meritum,
Da salutis exitum,
Da perenne gaudium.

These 1: Es werden Alltagserfahrungen des Menschen thematisiert, die fundamentalen Bedürfnissen entsprechen.

Wärmende Strahlen der Sonne (1,8), Ruhe nach anstrengender Arbeit (4), Kühlung in der Mittagshitze (4), Abwischen aller Tränen (4), Vergebung (6), Sauberkeit (7), lebensspendendes Wasser (7), Heilung von Krankheit (7), Hoffnung in Todesangst (10)

Diese Auswahl an Bildern zeigt, wie der Autor der Pfingstsequenz versucht, aus zeitlosen Alltagserfahrungen des Menschen auf deren Grundbedürfnisse anzuspielen, die vom Heiligen Geist gestillt werden: nach Leben, Ruhe, Licht, Vergebung, Trost, Heilung und Hoffnung. Damit bezeugt die Pfingstsequenz einen Gott, der sich des Menschen annimmt in dessen ganz konkreten Bedürfnissen, Wünschen, Ängsten und Beschränkungen.

Diese Erkenntnis hat ihren Grund in dem Glauben an die göttliche Dreifaltigkeit: nachdem der Sohn ganz Mensch geworden ist, nimmt Gott auch an diesem Menschsein Anteil, er ist in seinem Sohn auf ewig mit der geschaffenen Welt verbunden und solidarisiert sich mit dem Menschen in all seinen Abgründen und Fehlern. So kann eine wahre Heilung der Seele stattfinden.

These 2: Die Pfingstsequenz ist eine Schule des Betens.

Die drei Grundvollzüge des Betens – Lob, Bitte und Dank – werden in der Pfingstsequenz auf sehr schöne Weise angesprochen:

  1. Bitte – In den zahlreichen Imperativen erweist sich der Beter als bedürftig, als Bittender, der auf die Gnade Gottes angewiesen ist: Veni (1, 2), Lava, Riga, Sana (7), Flecte, Fove, Rege (8), Da (9,10)
  2. Lob – In den Attributen, die dem Heiligen Geist zugewiesen werden, erweist sich der Beter als Glaubender, der seinen Gott preist: Consolator optime / Dulcis hospes animae / Dulce refrigerium (3), O lux beatissima (5), Sine tuo numine / Nihil est in homine (6).
  3. Dank – Die durch die Imperative anzeigten Bitten haben ihren Ursprung in Erfahrungen, die der Beter mit Gott schon gemacht hat. Nachdem sich Gott in der Vergangenheit des Menschen angenommen hat, dankt der Beter mit der Erwähnung derselben Gott dafür und bittet darum auch für die Zukunft: In labore requies, / In aestu termpius, / In fletu solatium (4), Sine tuo numine / […] Nihil est innoxium (6).

Besonders bezeichnend dafür ist der Vers zwei in Strophe 2: Veni, dator munerum. Der Beter bittet um die Gnade Gottes, die alles schenkt. Er wird damit zur metaphorischen offenen Schale, die annimmt, was von Gott kommt, und charakterisiert damit hervorragend die Urerfahrung des Betens.

These 3: Die wichtigsten biblischen Themen werden in der Pfingstsequenz angesprochen.

  1. Anfang – Erschaffung der Welt: Die erste Strophe spielt auf den Schöpfungsmythos aus Gen 1 an und dort auf den ersten Tag, an dem das Licht erschaffen wurde, die fundamentale Voraussetzung für alles Leben (Gen 1,3-5).
  2. Schöpfung des Menschen: Die sechste Strophe thematisiert die Voraussetzung für alles Leben, nämlich Gottes Wille (numen), was auf den zweiten Schöpfungsmythos der Genesis verweist, wo berichtet wird, dass Gott Adam seinen Geist einhaucht (Gen 2,7).
  3. Abraham und Maria als Urbilder des Glaubens: Die achte Strophe verweist auf den inneren Zusammenhang zwischen Glauben (fidelibus) und Vertrauen (confidentibus). Glaube an Gott bedeutet, auf ihn zu vertrauen, wie das im AT Abraham (Gen 12), in NT Maria (Lk 1,38) vorgelebt haben: in ausweglosen Situation haben sie auf Gott vertraut und ihr Leben ist geglückt.
  4. Auferstehung der Toten: Riga quod est aridum kann mit der großen Vision des Propheten Ezechiel von der Auferstehung der Toten assoziiert werden: „Jetzt sagt Israel: Ausgetrocknet sind unsere Gebeine, unsere Hoffnung ist untergegangen, wir sind verloren. Deshalb tritt als Prophet auf und sag zu ihnen: So spricht Gott, der Herr: ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk aus euren Gräbern herauf.“ (Ez 37,11f).
  5. Arm-Sein vor Gott: Die zweite Strophe kann man den Seligpreisungen aus dem Matthäusevangelium assoziiert werden. Der Heilige Geist ist pater pauperum für alle, die arm sind vor Gott und damit sich vollkommen auf Ihn verlassen und Ihm alles anvertrauen (Mt 5,3).
  6. Reinheit: Die siebente Strophe knüpft an die Aussagen Jesu über die Reinheit bzw. Unreinheit an, wie sie zum Beispiel bei Matthäus bezeugt sind: Nicht das, was durch den Mund in den Menschen kommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. (Mt 15,11).
  7. Ostern – Hoffnung auf Auferstehung: Der wichtigste Artikel des Credo, am dritten Tage auferstanden von den Toten, wird in der letzten, der zehnten Strophe der Pfingstsequenz thematisiert, die sich mit der Hoffnung auf immerwährende Freude bei Gott, auf einen salutis exitum, auseinandersetzt. Damit erweist sich diese Strophe als Kommentar zu 1 Kor 15,17: Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos.
  8. Pfingsten: der Heilige Geist als Beistand: Im Johannesevangelium wird der Heilige Geist als Paraklet, als Tröster, bezeichnet. In Strophe drei wird Gott als Beistand verstanden (Consolator), der dem Menschen zugewandt ist und ihm ein Leben in Fülle (Dulce) schenkt (Joh 16,7).
  9. Rechtfertigung des Menschen durch Gott: Ebenso wird in der sechsten Strophe die (kirchengeschichtlich) brisante Frage nach der Rechtfertigung des Menschen thematisiert: Sine tuo numine / […] Nihil est innoxium, was auf den Römerbrief des Paulus anspielt (Röm 8,1-17): der Mensch ist durch den Glauben an Gott gerechtfertigt.
  10. Absoluter Trost am Ende der Zeiten: Mit der Bezeichnung Concolator optime in der dritten Strophe sowie in der Wendung In fletu solatium der vierten wird auf die Offenbarung des Johannes verwiesen, wo in einer bewegenden Vision der Hoffnung Ausdruck verliehen wird, dass Gott alle Tränen von ihren Augen abwischen werde (Offb 21,4).

Damit schlägt die Pfingstsequenz einen Bogen von der Erschaffung der Welt über die gesamte Heilsgeschichte bis zur Hoffnung auf eine Vollendung des Menschen bei Gott am Ende der Zeiten.

Conclusio: Die Pfingstsequenz erscheint als Summa theologiae, als Zusammenfassung der wichtigsten christlichen Glaubensgewissheiten, in einer höchst kunstvollen und lyrischen Sprache. Es lohnt sich, sich mit diesem uralten Schatz des Christentums mehr auseinanderzusetzen.

PAX

Nachtrag: Dieser Beitrag ist auch auf www.das-ja-des-glaubens.de erschienen.

Pfingstsequenz X – immerwährende Freude bei Gott

[Erste Strophe / Zweite Strophe / Dritte Strophe / Vierte Strophe / Fünfte Strophe / Sechste Strophe / Siebente Strophe / Achte Strophe / Neunte Strophe]

Mit diesem Artikel beende ich meine Serie zur Pfingstsequenz.

Da virtutis meritum,
Da salutis exitum,
Da perenne gaudium.

Ü1 (wörtlich)
Gib das Verdienst der Tugend,
gib Ausgang des Heiles,
gib fortdauernde Freude.

Ü2 (Gotteslob)
Lass es (das Volk) in der Zeit bestehn,
deines Heils Vollendung sehn
und der Freuden Ewigkeit.

Ü3 (Bone)
Spende uns der Tugend Lohn,
Lass uns stehn an deinem Thron,
Uns erfreun im Himmelssaal.

1) Da: Mit der dreifachen Anapher Gib schließt die Pfingstsequenz ab. Diese Strophe stellt ein Bittgebet dar, das nochmals zusammenfasst, was sich der Betende vom Heiligen Geist erhofft.

2) meritum: Mit diesem Begriff wird auch auf die inneren Zusammenhänge der sichtbaren und unsichtbaren Kirche angespielt. Die Verdienste, die sich die Heiligen aller Zeiten erworben haben, gehören zum Schatz der Kirche, aus dem sie schöpft, wenn sie einen Ablass verleiht. Wir stehen so gesehen auf den Schultern unserer Vorfahren, die sich Verdienste zum Wohle der gesamten Kirche erworben haben. Dabei soll natürlich nicht der Eindruck entstehen, wir könnten durch spezielle Verdienste Gott zwingen, uns zu erlösen bzw. unsere Sünden zu vergeben: die Liebe Gottes ist immer Geschenk. Aber es ist gleichwohl eine Wirklichkeit, dass wir von anderen abhängig sind, dass wir auch Vorleistungen aufbauen, die von anderen erbracht worden sind – so verstanden sind die Verdienste der Heiligen vor uns also die Schultern, auf denen wir stehen dürfen, um näher bei Gott zu sein.

3) salutis exitum – perenne: Der Ausgang des Heils meint natürlich das Sein bei Gott. Ebenso gut hätte der Autor der Pfingstsequenz mit dem Ave Maria bitten können: Bitte für uns, Heilige Gottesmutter, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Es geht um die Hoffnung auf das letzte und endgültige Ja Gottes zum Menschen angesichts des Todes, um die Hoffnung auf ein Dasein bei Gott im Jenseits, auf das auch der Begriff perenne anspielt: eine immerwährende Freude im angesicht Gottes.

4) Conclusio: Die letzte Strophe der Pfingstsequenz öffnet den Blick auf die Eschatologie, die letzten Dinge: der Beter erhofft sich vom Heiligen Geist, dass er die Verdienste eines guten Lebens schätze, ihm Heil und Auferstehung sowie immerwährende Freude bei Gott schenke.

Verwandelt in dir
– Wasser wird zu süßem Wein –
schenkst du mir Leben.

PAX

Pfingstsequenz IX – Vertrauen zum Menschsein

[Erste Strophe / Zweite Strophe / Dritte Strophe / Vierte Strophe / Fünfte Strophe / Sechste Strophe / Siebente Strophe / Achte Strophe]

Da tuis fidelibus
In te confidentibus
Sacrum septenarium.

Ü1 (wörtlich)
Gib deinen Gläubigen
den auf dich Vertrauenden
die heilige Siebenheit.

Ü2 (Gotteslob)
Gib dem Volk, das dir vertraut
das auf deine Hilfe baut
deine Gaben zum Geleit.

Ü3 (Bone)
Heil’ger Geist, wir bitten dich,
Gib uns allen gnädiglich
Deiner Gaben Siebenzahl.

1) fidelibus – confidentibus: Die Parallel-Setzung dieser beiden Begriffe eröffnet die tiefere Bedeutung dessen, was mit Glauben gemeint ist. Der zweite Vers erscheint ja als nähere Bestimmung des Glaubens, als weitere Verdeutlichung: Glaube an Gott bedeutet, auf ihn zu vertrauen. Und das wiederum ist Grundlage und Voraussetzung dafür, dass wir Seine Liebe auch entsprechend beantworten können.

Die Bibel ist voll von Geschichten des Vertrauens: Abraham wird ein immenses Vertrauen gegen Gott abverlangt, wenn von ihm erwartet wird, in seinem Alter noch seine Heimat zu verlassen (Gen 12), ganz zu schweigen von der Zumutung, seinen Sohn diesem Gott opfern zu müssen (Gen 22). Abraham wird in diesen Erzählungen als der Vertrauende dargestellt, daher auch als Prototyp des Glaubens. Auch Maria wird viel Vertrauen abverlangt: in einer ausweglosen Situation, in der sie sich befindet, kann sie trotzdem voll Vertrauen Ja sagen zu diesem Kind, das unser aller Erlöser werden wird (Lk 1,38).

Vielleicht sind die modernen Schwierigkeiten mit dem Glauben auch darauf zurückzuführen, dass uns das Vertrauen abhandengekommen ist: der Zwang, alles zu hinterfragen, hat nicht nur zu einem immensen wissenschaftlichen Fortschritt geführt, sondern auch dazu, dass dieser Skeptizismus auch auf zwischenmenschliche Beziehungen und sogar auf die Beziehung zu Gott abfärbt: wer traut sich denn heute schon, einem anderen Menschen wirklich zu vertrauen und mit ihm eine lebenslange Ehe einzugehen? Pfeifen doch die Spatzen die aktuelle Scheidungsstatistik von den Dächern und bemühen sich doch sämtliche Medien in seltener Einstimmigkeit uns jedes Vertrauen in Institutionen oder Menschen abzugewöhnen. Wie schwer ist es da für den modernen Medienkonsumenten, Gott zu vertrauen, an ihn in diesem Sinne zu glauben?

2) Sacrum septenarium: Gemeint sind die sieben Gaben des Heiligen Geistes: Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit, Gottesfurcht. Diese Zählung wird abgeleitet von Jes 11,2, vermehrt durch Frömmigkeit. Sie spielen vor allem beim Sakrament der Firmung eine Rolle und fassen im Prinzip zusammen, welches Bild die katholische Kirche von einem mündigen, erwachsenen Christ hat. Der Heilige Geist soll den Gläubigen zu einem vernünftigen, weisen, nach Erkenntis strebenden Leben befähigen, das sich seiner Begrenztheit bewusst ist, offen für die Wirklichkeit Gottes, selbstbewusst und unerschrocken. Gott weiß, wie sehr wir alle dieser Gaben bedürfen – zu jeder Zeit.

3) Conclusio: Diese Strophe bietet nicht nur eine nähere Definition des Begriffs Glaube, sondern auch einen Verweis auf die sieben Geistesgaben, die nach Tradition der Kirche beim Sakrament der Firmung bespendet werden, das Sakrament, das ganz besonders mit dem Heiligen Geist assoziiert ist und das an der Schwelle zum Erwachsenwerden gespendet wird: die Gaben des Geistes sollen den Firmling also dazu animinieren, zu einem mündigen, selbstbewussten, vernünftigen Erwachsenen zu werden.

Verwirrte Sprachen,
werden eins in Christus, dein
verständliches Wort.

PAX

Pfingstsequenz VIII – ein offenes Herz

[Erste Strophe / Zweite Strophe / Dritte Strophe / Vierte Strophe / Fünfte Strophe / Sechste Strophe / Siebente Strophe]

Flecte quod est rigidum,
Fove quod est frigidum,
Rege quod est devium.

Ü1 (wörtlich)
Beuge, was starr ist,
Wärme, was kalt ist,
Lenke, was vom Weg weg ist.

Ü2 (Gotteslob)
Wärme du, was kalt und hart,
löse, was in sich erstarrt,
lenke, was den Weg verfehlt.

Ü3 (Bone)
Beuge, was verhärtet ist,
Wärme, was erkaltet ist,
Lenke, was da irregeht.

1) Flecte – Fove – Rege: Die Imperative schließen direkt an die vorherige Strophe an und sind auch thematisch ähnlich: während die siebente Strophe den Heiligen Geist auffordert zu „waschen“; zu „bewässern“ und zu „heilen“, geht es nun darum, Erstarrungen zu  „lösen“, Kaltes zu „wärmen“ und Verirrtes zu „lenken“.

2) rigidum: Die Verhärtung des Herzens ist ein sehr häufig gebrauchtes Bild im Alten Testament für die Unfähigkeit, die Liebe Gottes anzuerkennen, zum Beispiel wird es bei der Erzählung über den Auszug aus Ägypten verwendet (vgl. zum Beispiel Ex 11,10).Selbstverständlich kann auch Ezechiel assoziiert werden, wo es heißt: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch. (Ez 36,26). Auch im Neuen Testament verweist Jesus auf dieses alttestamentliche Bild im Zusammenhang mit der Ehescheidung: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so. (Mt 19,8). Was hier vom Heiligen Geist erwartet wird, ist also das Öffnen der menschlichen Wahrnehmung für das Wirken der göttlichen Liebe. Die Verhärtungen des Herzens sollen durchbrochen werden, es soll fähig gemacht werden, die Liebe Gottes zu fühlen und anzunehmen.

3) frigidum: Neben der Bitte um Licht (radium) und Wasser (riga) fügt sich nun die dritte essentielle Voraussetzung für Leben an: Wärme. Gott wird damit als lebensspendend und menschenfreundlich charakterisiert.

4) devium: Dieser Begriff meint nicht nur „vom Weg abkommen“, sondern auch „sich selbst nicht mehr treu bleiben“ – die Lenkung, die vom Heiligen Geist erhofft wird, ist also keine von außen kommende Beeinflussung, die vielleicht dorthin führt, wo man nicht hin will, sondern eine Lenkung auf den Pfad des Glücks, eine Bitte um Hilfe auf Ab- und Umwegen.

4) Conclusio: Wie auch schon die siebente Strophe zählt diese Imperative auf, die alles von Gott erwarten: er soll den Menschen alles geben, was sie zu einem glücklichen und erfüllten Leben brauchen: ein offenes, lebendiges Herz, die Wärme der Liebe Gottes und eine liebevolle Hand, die sie führt.

Lehre mich lieben
du Familie des Heils
erweiche mein Herz

PAX

Pfingstsequenz VII – Wasser des Lebens

[Erste Strophe / Zweite Strophe / Dritte Strophe / Vierte Strophe / Fünfte Strophe / Sechste Strophe]

Lava quod est sordidum,
Riga quod est aridum,
Sana quod est saucium.

Ü1 (wörtlich)
Wasche was schmutzig ist,
Bewässere, was trocken ist,
Heile, was verwundet ist.

Ü2 (Gotteslob)
Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein,
heile du, wo Krankheit quält.

Ü3 (Bone)
Wasche, was beflecket ist,
Heile, was verwundet ist,
Tränke, was da dürre steht.

1) sordidum: Der Begriff sordidum knüpft direkt an die vorherige Strophe an; er meint befleckt, schmutzig, im biblischen Sinn unrein. Jesus selbst verwendet ihn im Zusammenhang mit seiner ethischen Botschaft: Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. (Mt 15,11) Jesus erklärt, wieso seine Jünger die jüdischen Speisevorschriften nicht einhalten, mit diesem Wort: die Taten des Menschen sind es, die ihn unrein, schmutzig machen, nicht das, was sie zu sich nehmen. So ist sordidum in dieser Strophe auch mit dem sündhaften Verhalten des Menschen assoziiert.

2) lava: Das Waschen als Symbol für die Sündenvergebung ist in besonderer Weise ins Sakrament der Taufe eingeflossen. Der Geist spielt dabei eine große Rolle: wird doch in den Evangelien berichtet, dass er auf Jesus bei dessen eigener Taufe herabgekommen wäre (vgl. Mk 1,9-11).

3) riga: Ich assoziiere mit diesem Imperativ die wunderbare Vision des Propheten Ezechiel von der Auferweckung der Toten (vgl Ez 37,11-14):

Er sagte zu mir: Menschensohn, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Jetzt sagt Israel: Ausgetrocknet sind unsere Gebeine, unsere Hoffnung ist untergegangen, wir sind verloren. Deshalb tritt als Prophet auf und sag zu ihnen: So spricht Gott, der Herr: Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. Ich bringe euch zurück in das Land Israel. Wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole, dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin. Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig und ich bringe euch wieder in euer Land. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin. Ich habe gesprochen und ich führe es aus – Spruch des Herrn.

Das Bewässern in dieser Strophe kann also auch mit der Auferstehung in Verbindung stehen, damit, dass der Geist Gottes diejenigen wieder lebendig macht, deren Lebenskräfte ausgetrocknet und tot sind, dass er ihnen ähnlich wie am Beginn der Schöpfung Adam, das Leben einhaucht (vgl. sechste Strophe). Natürlich führt dieser Vers auch die Wasser-Metapher des vorherigen fort: Gott wird damit als Spender lebendigen Wassers verstanden (vgl. Joh 7,38).

4) sana: Auch die Heilung, die man sich in diesem Vers vom Heiligen Geist erhofft, ist neben der ganz wörtlichen Bedeutung im Zusammenhang mit konkreten Krankheiten im übertragenen Sinn zu verstehen: Gott soll unsere Seelen heilen von ihrer Schuld, von den Beschwernissen des Alltags und den Versuchungen des Lebens.

5) quod est: Diese Strophe ist allgemein sehr regelmäßig bzw. parallel aufgebaut; vom Geist wird durch die Wendung quod est wieder sehr viel erhofft: er soll ja alles waschen, bewässern und heilen, was schmutzig, ausgetrocknet und verwundet ist. Damit setzt sich fort, was auch schon in der zweiten Strophe angedeutet wurde: der Mensch soll alles von Gott erwarten, er wird nicht enttäuscht werden.

6) Durch die abstrakten Bestimmungen der menschlichen Lebensprobleme (schmutzig, ausgetrocknet, krank) kann sich der Beter in ihnen wiederfinden. Einmal mehr wird Gott als jemand verstanden, dem die Menschen und deren Reinheit, Leben und Heilung am Herzen liegen.

Mitschöpfer sind wir,
sind deine Gegenüber;
wie kannst du’s wagen?

PAX

Pfingstsequenz VI – Nichts ohne Gott

[Erste Strophe / Zweite Strophe / Dritte Strophe / Vierte Strophe / Fünfte Strophe]

Sine tuo numine
Nihil est in homine,
Nihil est innoxium.

Ü1 (wörtlich)
Ohne deinen Willen
ist nichts im Menschen,
ist nichts unschuldig.

Ü2 (Gotteslob)
Ohne dein lebendig Wehn,
kann im Menschen nichts bestehn,
kann nichts heil sein noch gesund.

Ü3 (Bone)
Ohne Dein lebendig Wehn
Nichts im Menschen kann bestehn,
Nichts ohn’ Fehl und Makel sein.

1) Im Abgrenzung zur fünften Strophe beschreibt diese, was passiert, wenn der Heilige Geist abwesend ist: der Mensch bleibt in seiner Schuld gefangen. Gott ist es also, der den Menschen rechtfertigt, ihm seine Schuld vergibt. Ohne ihn verbleibt der Mensch in seiner Schuld verstrickt.

2) tuo numine: Numen bedeutet Wink, Geheiß, Gebot, aber auch (göttlicher) Wille, Macht, oder als Metonymie Gottheit, göttliches Wesen, wovon sich auch die Bezeichnung das Numinose für das Göttliche ableitet. Die Wendung tuo numine bedeutet also alles das, was göttlich, mächtig und machtvoll an Gott ist.

3) nihil – nihil: Die Anapher nihil betont das Nichts, das ohne Gott in uns Menschen existieren würde, im dritten Vers dann auch die Sündenverflochtenheit des Menschen ohne göttliche Erlösung.

4) in homine: Dieser Vers zeigt, wie verwiesen der Menschen auf Gott ist: ohne Gott ist der Mensch nichts. Aufgrund der Gottebenbildlichkeit des Menschen leitet sich dessen (göttliche) Menschenwürde ab, wie schon bei Goethes Faust angedeutet wird, wenn Mephistopheles sagt, dass der Herr dem Menschen den Schein des Himmelslichts gegeben habe, nämlich die Vernunft (vgl. V284). Ohne dieses göttliche Geschenk würde der Mensch noch in seinen tierischen Verhaltensweisen verfangen bleiben, ohne den Geist Gottes wäre er nichts (bei Faust klagt der Teufel im Kontrast dazu, dass der Mensch die Himmelsgabe ständig missbrauchen würde).

5) innoxium: Der Mensch kann sich nicht selbst rechtfertigen, sich selbst gerecht machen. Ohne Gottes Geist würde er schuldig bleiben. Für heutige Menschen ist das schwer auszuhalten, die gewohnt sind, alles beeinflussen und selbst erledigen zu können. Aber schon im Alltag erweist sich diese Wahrheit als verständlich: man kann bei einem anderen Menschen, dem gegenüber man schuldig geworden ist, nur um Entschuldigung bitten, niemals selbst dieselbe „erzeugen“. So ist es auch in der Beziehung mit Gott: hat man bewusst oder unbewusst das Verhältnis zu Gott verletzt, erweist sich die Hybris des Menschen, wenn er glaubt, eine Heilung dieser Situation selbst herstellen zu können.

6) Ohne den Geist ist der Menschen nichts. Schon zu Beginn der Bibel illustriert das priesterschriftliche Schöpfungswerk diese Wahrheit: Adam wird von Gott das Leben durch die Nase eingehaucht (vgl. Gen 2,7). Ohne den Geist ist der Mensch aber auch nicht gerechtfertigt, seine Sünden kann er sich nicht selbst vergeben, er braucht dazu Gottes Gnade und Hilfe.

Wir bilden dich ab
sind frei in Tun und Willen;
du riskierst’s für uns.

PAX

Pfingstsequenz V – die Intimität der Gottesbeziehung

[Erste Strophe / Zweite Strophe / Dritte Strophe / Vierte Strophe]

O lux beatissima,
Reple cordis intima
Tuorum fidelium.

Ü1 (wörtlich)
O seligstes Licht,
erfülle das Innerste des Herzens
deiner Gläubigen.

Ü2 (Gotteslob)
Komm, o du glückselig Licht
fülle Herz und Angsicht
dring bis auf der Seele Grund.

Ü3 (Bone)
O du Licht der Seligkeit,
Mach dir unser Herz bereit,
Dring in unsre Seelen ein!

1) lux: Zum dritten Mal in der Pfingstsequenz wird auf das Licht als Bild für den Heiligen Geist angespielt:

  • in der ersten Strophe war es der lucis tuae radium, der von Gott ausgesendet wird zum Wohl der Menschen;
  • in der zweiten war es das lumen cordium, das die Seele der Menschen erhellt;
  • jetzt wird der Heilige Geist als lux beatissima angerufen, als heilsbringender, alles durchdringender Schein Gottes.

2) intima: Die Intimität der Gottesbeziehung ist ein Aspekt des Heiligen Geistes, der nicht oft thematisiert wird, verbindet man mit dem Begriff „Intimität“ doch Bedeutungsfelder, die normalerweise nicht mit Gott oder Religion assoziiert werden. Dennoch: die Verbindung zu Gott ist die intimste, innigste und liebevollste, zu der ein Mensch berufen sein kann. Nur Gott ist zu einer vorbehaltlosen, alle menschlichen Versuche übersteigenden Liebe fähig. Keine noch so innige menschliche Liebe kann an die göttliche heranreichen.

3) fidelium: Die menschliche Antwort auf diese unbedingte, innige Liebe Gottes ist der Glaube. Ohne Möglichkeit, die Liebe Gottes in irgendeiner Weise herbeizuzwingen, ist der von Gott geliebte Mensch nur zur Antwort des Glaubens in der Lage. Die anderen Tugenden, Liebe und Hoffnung, werden dann erst folgen.

4) Diese Strophe zeichnet nach, wie sich die Verbindung zwischen Gott und den Menschen gestaltet: der alles durchatmende Heilige Geist Gottes wird angerufen, der aus reiner Gnade das Innerste, Intimste des Menschen berührt und ihn zur Antwort des Glaubens animiert.

Treu hältst du zu uns,
vergisst deine Kinder nicht.
Wie liebt man wie du?

PAX