Gott und die Sprache V – Pfingstereignis

Nach den schon dokumentierten Überlegungen zum Thema Gott und die Sprache im Folgenden ein Artikel aus dem aktuellen Christ in der Gegenwart von Matthias Mühl:

In unseren Sprachen

„Wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden“ (Apg 2,11). „Erfüllt“ von Gottes Geist erreichen die Worte der Gemeinschaft der ersten Christen die in Jerusalem zum Pfingstfest zusammengekommenen Menschen aus aller Herren Länder in ihrer Sprache. Lukas hat seine Erzählung in der Apostelgeschichte auch als Kontrapunkt zur Sprachverwirrung beim Turmbau zu Babel gestaltet (Gen 11,1-9). So wie der Verlust einer gemeinsamen Sprache dort zum Scheitern des narzisstischen Projekts führte, so führt das Verstehen jetzt zum Gelingen.

Möglich wird dieses Verstehen aber nicht, indem die Menschen plötzlich alle armäisch, die Sprache der ersten Anhängerinnen und Anhänger Jesu, verstünden, sondern indem sie die Jünger in ihrere eigenen Sprache hören. Das von Lukas vorgestellte Modell ist nicht das eines einfarbigen Einheitsbreis, sondern das einer bunten Vielfalt. Und es sind nicht die Menschen, die sich ändern müssten, um die Botschaft Jesu zu verstehen, es sind die Jünger, denen es auf einmal gelingt, die Sprache ihrer Zeitgenossen zu sprechen. Für die Griechen griechisch, für die Römer römisch und für die Ägypten ägyptisch.

Offensichtlich wusste Lukas, dass das nicht selbstverständlich ist, sondern Zeichen des „wunderbaren“ Wirkens des Geistes Gottes. Pfingsten erinnert daran, dass die Botschaft Jesu in der Sprache der Menschen, die sie hören sollen, verkündigt sein will. Die erste Umkehrbewegung liegt bei denen, die im Namen Jesu sprechen und handeln möchten. Sich so zu den Menschen zukehren, heißt den Suchenden als Suchender, den Trauernden als Mit-Trauender, den Gescheiterten als selbst immer wieder Scheiternder zu begegnen. Möglich, dass dann auch diese sagen: „Wir hören Sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.“

Einen gesegneten Trinitatis-Sonntag!

PAX

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Gott und die Sprache IV – Evangelii Gaudium III

Nach den schon erfolgten Auseinandersetzungen mit dem Thema Gott und die Sprache (I, II, III) nun eine Aktualisierung im Licht von Evangelii Gaudium:

Zugleich erfordern die enormen und schnellen kulturellen Veränderungen, dass wir stets unsere Aufmerksamkeit darauf richten und versuchen, die ewigen Wahrheiten in einer Sprache auszudrücken, die deren ständige Neuheit durchscheinen lässt. Denn im Glaubensgut der christlichen Lehre „ist das eine die Substanz […] ein anderes die Art und Weise, diese auszudrücken.“ (Johannes XXIII: Ansprache zur feierlichen Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils, 11. Oktober 1962, 792). Manchmal ist das, was die Gläubigen beim Hören einer vollkommen musterhaften Sprache empfangen, aufgrund ihres eigenen Sprachgebrauchs und -verständnisses etwas, was nicht dem wahren Evangelium Jesu Christi entspricht. In der heiligen Absicht, ihnen die Wahrheit über Gott und den Menschen zu vermitteln, geben wir ihnen bei manchen Gelegenheiten einen falschen „Gott“ und ein menschliches Ideal, das nicht wirklich christlich ist. Auf diese Weise sind wir einer Formulierung treu, überbringen aber nicht die Substanz. Das ist das größte Risiko. Denken wir daran: „Die Ausdrucksform der Wahrheit kann vielgestaltig sein. Und die Erneuerung der Ausdrucksformen erweist sich als notwendig, um die Botschaft vom Evangelium in ihrer unwandelbaren Bedeutung an den heutigen Menschen weiterzugeben.“ (Johannes Paul II., Ut unum sint, 25. Mai 1995, 933). (EG 41)

So oder so ähnlich haben wir das auch schon gesehen, die Frage ist nur, was „umformulieren“, was beibehalten, was genauer erklären, was aufgeben? Der Papst führt weiter aus:

Das hat eine große Relevanz in der Verkündigung des Evangeliums, wenn es uns wirklich am Herzen liegt zu erreichen, dass seine Schönheit besser wahrgenommen und von allen angenommen wird. In jedem Fall können wir die Lehren der Kirche nie zu etwas machen, das leicht verständlich ist und die uneingeschränkte Würdigung aller erfährt. Der Glaube behält immer einen Aspekt des Kreuzes, eine gewisse Unverständlichkeit, die jedoch die Festigkeit der inneren Zustimmung nicht beeinträchtigt. Es gibt Dinge, die man nur von dieser inneren Zustimmung her versteht und schätzt, die eine Schwester der Liebe ist, jenseits der Klarheit, mit der man ihre Gründe und Argumente erfassen kann: Darum ist daran zu erinnern, dass jede Unterweisung in der Lehre in einer Haltung der Evangelisierung geschehen muss, die durch die Nähe, die Liebe und das Zeugnis der Zustimmung des Herzens weckt. (EG 42)

Wenn ich den Papst richtig verstanden habe, so meint er, dass die (religiöse) Sprache Grenzen aufweist, wenn man religiöse Wahrheiten ausdrücken möchte, die unüberwindbar sind. Dabei spricht er meines Erachtens auch gegen eine zu simple und vereinfachende Wortwahl, die die religiöse Wahrheit banalisiert.

Also auch hier Widersprüchliches: einerseits ist es notwendig, die religiösen Wahrheiten in ihrer sprachlichen Vermittlung an die heutige Wortwahl und Sprachschicht anzupassen, andererseits muss man sich der Grenzen sprachlicher Kommunikation bewusst sein, insbesondere was das Ausdrücken religiöser Zusammenhänge angeht.

Sind wir nun so klug „als wie zuvor“?

Wir werden sehen, welche konkreten Schritte Franziskus setzt, um eine bessere Verständlichkeit der religiösen Sprache zu erreichen.

Man darf gespannt sein.

PAX

(Ge)schlechter sprechen

Nach einer längeren, Matura-bedingten Blogpause möchte ich heute nicht meine Reihe zur Pfingstsequenz fortsetzen, sondern meine schon veröffentlichten Überlegungen zum Thema „Wirklichkeit und Sprache“ um einen Kommentar zur Causa prima der aktuellen Feuilletons ergänzen, nämlich zur Frage nach der „Sichtbarkeit“ von Weiblichem in der deutschen Spache, apodiktisch vorgeschrieben vom modernen Sexismus, vulgo Gender-Mainstreaming.

1. Zuerst eine grundlegende Bemerkung zur Korrespondenz des biologischen Geschlechts von Lebewesen (inklusive dem Menschen) mit dem grammatikalischen derjenigen Begriffe, die dieselben bezeichnen: sie existiert nicht.

DIE Giraffe, DAS Mädchen, DAS Mitglied, DER Nachfahre, DER Mensch, DAS Wiesel, DIE Spinne … die Liste an Belegen ließe sich endlos fortsetzen. Also: hinter der Bezeichnung „der Lehrer“ für den entsprechenden Berufsstand eine sprachliche Herabwürdigung von weiblichen Lehrern zu entdecken, zeugt mehr von einer krampfhaften Fahndung nach (tatsächlichen oder eingebildeten) Diskriminierungen als von einer tieferen Einsicht in die inneren Zusammenhänge der deutschen Sprache.

2. Damit wird freilich ein Kernpunkt der Gender-Ideologie in Frage gestellt, die sich – egal ob sie als „Wissenschaft“ getarnt Uni-Steuergelder verbrennt oder als Alltagsnervensäge in bisher nur von Fundamentalisten gewohnter Manier vorschreibt, wie wir zu reden oder zu denken haben – Kritik natürlich verbittet, begreift man sich auf der dunklen Seite der Wirklichkeit doch als unfehlbar.

3. Spricht man also von „den Lehrern“, so bezeichnet man damit nicht die biologisch männlichen Exemplare dieses Berufsstandes und „meint die weiblichen mit“ (wie so häufig mit leidensvoller Miene moniert), sondern man bezeichnet mit einem grammatikalisch männlichen (also wertneutralen) Begriff eine aus biologisch männlichen und weiblichen Personen bestehende Berufsgruppe.

4. Nur ideologisch vollkommen Verblendete werden sich auf die Suche nach den Testikeln des Mondes begeben und „Diskriminierung“ schreien, wenn sie keine finden.

5. Wer die Grundrechnungsarten der deutschen Sprache nicht beherrscht, der soll sich bitte nobel zurückhalten, möchte er sich außerhalb der geschützten Werkstätte Gender-Studies nicht bis auf die Knochen blamieren.

PAX

Denken ohne Konjunktiv

Nicht nur bei Schülerarbeiten oder den Boulevard-Medien, auch zunehmend im so genannten Qualitätsjournalismus fällt mir zunehmend das Unvermögen auf, zwischen Indikativ, der Wirklichkeitsform, und Konjunktiv, der Möglichkeitsform, unterscheiden zu können.

Der Grund für diese Entwicklung ist meines Erachtens nicht nur die Tatsache, dass die Medienproduktion immer schneller bewerkstelligt werden muss, oder der allgemeine Sprachwandel. Es offenbart sich denke ich vielmehr etwas Tieferes: nämlich die im Schwinden begriffene Fähigkeit, zwischen Faktum und Meinung unterscheiden zu können bzw. zu wollen.

Ein paar Beispiele:

1) Im Zusammenhang mit dem gerade zu Ende gegangenen Volksbegehren wurde von sämtlichen Medien die Diktion der Repräsentanten desselben übernommen, es gebe so etwas wie „Kirchenprivilegien“, zum Beispiel der Standard: Das Kirchenvolksbegehren will per Verfassungsgesetz kirchliche Privilegien bekämpfen (Der Standard, 22. April 2013) Nicht berücksichtigt blieb dabei die Tatsache, dass der Begriff „Privileg“ ein wertender und subjektiver ist, der in einer objektiven Berichterstattung durch den Zusatz „vermeintlich“ ergänzt hätte werden müssen. Liegt es vielleicht an der Gesinnung des Journalisten, dass ihm diese Feinheiten nicht aufgefallen sind? Ist es gar Blattlinie, per Ungenauigkeit in der Grammatik Meinung auszudrücken?

2) Ein anderes Beispiel für beabsichtigten Indikativ: Im Rahmen der aktuellen Ausschreitungen in Frankreich gegen die so genannte Homo-Ehe berichtet die Wiener Zeitung: Einige Demonstranten bewarfen Ordnungskräfte am Dienstagabend mit Gegenständen, wie Journalisten der Nachrichtenagentur AFP berichteten. Die Sympathie des Autors liegt also offensichtlich nicht bei den Demonstranten, sonst hätte er die Sicht der zitierten Journalisten grammatikalisch korrekt im Konjunktiv wiedergegeben.

3) In der Boulevard-Presse werden ständig Meinungen und Fakten vermischt. Man möchte damit offensichtlich ein
Publikum ansprechen, das sich nicht die Mühe machen möchte, verschiedene Sichtweisen in ihr Weltbild zu integrieren. So berichtet „Heute“ am 24. April 2013 von einem Alien-„Wissenschaftler“, der ein außerirdisches Skelett gefunden haben will, mit den Worten: Damit ist für Greer klar, dass es sich um einen Organismus handelt, der wirklich einmal gelebt hat. Der Hinweis, dass diese „Klarheit“ natürlich nur eine Interpretation des Forschers ist und keine wissenschaftliche, würde wohl – so unterstelle ich einmal die Motivation der Redaktion -den durchschnittlichen Leser des Blattes schlicht überfordern.

4) Ein anderes Beispiel für ein bewusst einfach gehaltenes Weltbild findet man im Kurier vom 24. April 2013: 5 Prozent der Teilnehmer an einer laufenden Umfrage des Vereins für Konsumenteninformation (VKI) glauben, dass Hersteller die Lebensdauer ihrer Produkte künstlich herabsetzen. Aus dem Glauben der Befragten wird kurzer Hand ein Faktum gemacht und das Weltbild für den (einfachen?) Leser zusammengekürzt. So wird die Information leichter verdaulich und eine gewollte Empörung über die vermeintlichen Verbrechen der Produkthersteller unterstützt.

Was hier vielleicht als Erbsenzählerei erscheint, offenbart doch folgende grundlegende Verwerfungen im Wahrheits-und Wirklichkeitsverständnis unserer Gesellschaft:

1) Politik: Ist es wirklich ein Zufall, dass in unserer Zeit Populisten von links und rechts bei Wahlen gewinnen und gleichzeitig der Unterschied zwischen Faktum und Meinung so wenige interessiert? Wenn ich grammatikalisch nicht zwischen Meinung und Faktum unterscheiden kann, kann ich das auch nicht gedanklich. Dann geht es in der Wahlzelle auch nicht mehr um Vernunft, sondern um Gefühl: es werden die Kandidaten gewählt, die den höchsten Wohlfühl-Faktor haben, die zum Beispiel gegen „die da oben“ sind, die am meisten Wohltaten für meine Bevölkerungsgruppe versprechen usw.

2) Wissenschaft: Wenn Meinungen als Fakten dargestellt werden, entwertet das natürlich auch wissenschaftliche Erkenntnisse, also tatsächliche Fakten. Es ist heute eine Grundskepsis gegen jedwede Aussage zu bemerken, und sei sie noch so wissenschaftlich fundiert. Auch hier zählt mehr das Gefühl, die Meinung der anderen, der Mainstream, als das Bemühen, sich der Wahrheit so weit wie möglich anzunähern. Was das für Konsequenzen für die Entwicklung von Forschung und Wissenschaft zeitigen wird, wird man sehen.

3) Relativismus: Es ist eine vielzitierte Entwicklung, dass wir in einer Welt der Meinungen leben, ein Befund, der aber widersprüchliche Konsequenzen hat: auf der einen Seite wird jede noch so vorsichtig vorgebrachte Rede von einer „Wahrheit“ abgelehnt mit dem Hinweis, dass alle Werte relativ seien. Andererseits wiederum hat sich durch die Politische Korrektheit eine (Selbst-)Zensur der Sprache etabliert, die spezielle Meinungen als No-go verbietet. Ich denke Folgendes: Jede Kultur braucht Wahrheit, braucht Fakten, auf die man sich verlassen kann. Die PC kann damit als Ventil für dieses Bedürfnis verstanden werden. Sie ist aber entbehrlich, denn sie kaschiert nur ein sprachliches (und auch gedankliches) Unvermögen, das durch ein Bewusst-Machen der oben beschriebenen Zusammenhänge leicht behoben werden könnte.

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, sagt Wittgenstein, und wir können live miterleben, wie sich diese These heute bewahrheitet: wer den Konjunktiv nicht mehr beherrscht, der wird über kurz oder lang auch im alltäglichen Leben nicht mehr unterscheiden können zwischen Faktum und Meinung und er begibt sich auf einen Weg, der wegführt vom „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ Kants hin zu einer neuen Unmündigkeit in Abhängigkeit von Populisten, Boulevard-Medien und dem, „was alle sagen“.

„Was ist Wahrheit“, fragt Pontius Pilatus unseren Herren und Jahrtausende später formuliert Ingeborg Bachmann: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“.

Geben wir die Suche nach der Wahrheit nicht auf: es geht um nichts Geringeres als unsere westliche Kultur.

PAX

Papa Franziskus

Nun haben wir also seit ein paar Tagen einen neuen Papst. Ich denke seitdem viel über die Begriffe „konservativ“ und „progessiv“ nach, die in der deutschsprachigen Presse (und nicht nur dort) als zwei unversöhnbar nebeneinanderstehende Punzierungen verwendet werden, wobei klar ist, wo die – mehrheitlich linke – Presse hintendiert. Da werden schon oft Nazi-Vergleiche bemüht, wenn es sich um vermeintlich „konservative“ Positionen handelt, die es zu kritisieren oder über die es sich zu echauffieren gilt.

Rudolf Mitlöhner bringt es in seinem Leitartikel in der Furche 11/2013 auf den Punkt: „Progressiv sei der neue Papst in sozialen Fragen, doch konservativ in gesellschaftspolitischen – so lauteten die ersten Zuschreibungen. Hier setzte sich fort, was schon rund um das Konklave bei den zahllosen Charakterisierungen der Kardinäle, die als Favoriten galten, zu registrieren war: eine entweder aus Ahnungslosigkeit oder ideologischer Intention gespeiste Instrumentalisierung gängiger Klischees.“

Die beiden Gegensätze progressiv und konservativ sind also zu Selbstläufern geworden. Allein die Konnotationen dieser beiden Begriffe sind in der deutschen Sprache schon eindeutig. Mit „konservativ“ verbindet man „mittelalterliche“, „veraltete“ und „überholte“ Denkmuster, mit „progressiv“ ein „modernes“, „heutiges“ denken, dass das Leben „so akzeptiert, wie es heute ist“.

Selbst im politischen Spektrum, wo diese Begriffe herkommen, haben sie eigentlich nur mehr polemische Funktion: eine mehrheitlich linke Presse, die sich und ihre Positionen als progressiv bezeichnet, sieht alles rechts von sich selbst als konservativ und meint das als Schimpfwort.

Der neue Papst hat jedoch bei seiner heutigen Presskonferenz für die Medienvertreter ins Bewusstsein gerufen, dass Christus im Zentrum des Christentums steht, dass das Evangelium unser Maßstab des Christseins ist, nicht das, was eine ominöse veröffentlichte Meinung der Presse will oder ein Zeitgeist, der einmal dorthin weht und schon bald wieder die Richtung wechselt.

Der christliche Glaube steht also über solchen – wie es Mitlöhner ausdrückt – ideologischen Instrumentalisierungen gängiger Klischees. Einzig und allein das Evangelium ist die Richtschnur, von der man sich leiten lässt. Es ist einzig und allein Christus, der im Zentrum der Kirche steht, nicht der Papst, kein Bischof und schon gar kein selbsternannter Kirchenretter von Hans Küng über Helmut Schüller abwärts.

Deswegen auch das Unverständnis, das Franziskus entgegenschlägt: da haben wir endlich einen, der linke Träumen zugänglich ist, was die Option für die Armen angeht. Aber gleichzeitig gilt er als Kritiker der Homo-Ehe, was überhaupt nicht zusammenpasst, lässt man außer Acht, dass das Begriffspaar konservativ-progressiv für einen Kirchenmann irrelevant zu sein hat und dass allein das Evangelium die Richtschnur seines Handelns ist.

Natürlich kann man die Welt besser verstehen, wenn man sie in Gut und Böse einteilt. Auch Medien funktionieren ja so, dass sie solche Schwarz-Weiß-Bilder künstlich erzeugen: Zeitgeist ist gut, alles andere ist böse. Die Vielschichtigkeit des Evangeliums hat in diesem Blockdenken natürlich keinen Platz. Deswegen auch die Hilflosigkeit, die so mancher Medienvertreter ausstrahlt, wenn er die katholische Kirche kommentieren soll bzw. die schroffe Ablehnung, die sie von manchen „Qualitäts“-Medien erfährt. Versteht man die kirchlichen Positionen ausschließlich politisch, muss es sich um arme Irre handeln, die einmal so und einmal so denken.

Da passt natürlich auch der Synchron-Sprecher des ORF ins Bild, der nicht in der Lage war, das Vater Unser oder das Ave Maria auswendig aufzusagen.

Vielleicht hat Benedikt XVI. das auch gemeint mit der geforderten Entweltlichung der Kirche: dass man über solche kleinlichen Gegenüberstellungen wie konservativ und progressiv hinwegsieht und froh das Evangelium verkündet.

PAX

Die Dinge singen hör ich so gern

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Dieses Gedicht ist für mich das schönste von Rainer Maria Rilke. Es ist nicht nur charakteristisch für seine Sprachskepsis, sondern auch für seinen Glauben an den Schöpfer aller Dinge.

Ich möchte zunächst anknüpfen an die Überlegungen zum Thema „Gott und Sprache„. Kern derselben war ja, an welche Schwierigkeiten man stößt, wenn man religiöse Erfahrungen bzw. Glaubensgewissheiten sprachlich ausdrücken möchte bzw. ob man ohne sprachliche Vorbildung religiöse Erfahrungen fruchtbar für sein Leben machen kann. Rilke bringt noch weitere Aspekte zu den schon Ausgeführten hinzu:
1) „Sie sprechen alles so deutlich aus“ – die Kategorisierungen der Sprache schubladisieren Erfahrungen bzw. Dinge
2) „kein Berg ist ihnen mehr wunderbar“ – der Mensch entzaubert durch seine Sprache die natürlichen Erscheinungen, sie werden beschreibbare Objekte in seinen Augen. Das Wunder der Schöpfung wird damit nicht mehr wahrnehmbar.
3) „ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott“ – der Mensch erhebt sich kraft seiner Sprache in die Höhe Gottes
4) „Ihr bringt mir alle die Dinge um“ – durch das sprachliche Kategorisieren der natürlichen Erscheinungen wird die Schöpfung ermordet, sie wird stumm gemacht, ihr „Singen“ wird verunmöglicht.

Hinter diesem Gedicht steckt eine sehr schöne, theologisch fruchtbare Konzeption der Schöpfung Gottes, die durchaus auch an die biblische Erzählung der Genesis anknüpft:
Gen 2,19-20: Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen. Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes.

Gott überlässt einen Teil seiner Macht dem Menschen, indem er ihm die Benennung der Tiere überlässt. Gibt man jemandem oder etwas einen Namen, dann steht man eine Stufe darüber, man engt es in gewisser Weise ein, man hat Macht. Rilkes Angst, die sich in diesem Gedicht ausdrückt, liegt darin begründet, dass er den Menschen als machtbesessen einstuft: der Mensch setzt seine sprachlichen Fähigkeiten nicht dazu ein, die Schöpfung zu bewahren (wie das eigentlich von Gott gedacht war), sondern sie zu unterwerfen, ihr ihre Seele zu rauben, ihr ihre Fähigkeit zu nehmen, zum Lobe Gottes zu singen (vgl. Psalm 104). Natürlich erinnert die Verszeile „Ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott“ auch an die Turmbau-Geschichte, die ja auch von der Einsicht zeugt, dass der Mensch mit der Versuchung leben müsse, sich selbst allzu wichtig zu nehmen und sich für Gott zu halten.

Und ist es nicht tatsächlich so, dass der Mensch durch seine kognitiven, sprachlichen Fähigkeiten an die Grenzen Gottes anklopft? Beziehen wir die naturwissenschaftliche Forschung auf die eben besprochenen Texte, so wird nicht nur deutlicher, was Rilke meint, wenn er von der Entzauberung der Schöpfung spricht, sondern auch von der Hybris des Menschen, sich für Gott selbst zu halten. Die Natur ist nicht mehr Schöpfung Gottes, sondern eine Ansammlung wissenschaftlich beschreibbarer Objekte, die fein säuberlich kategorisiert und beschrieben werden können. Sie ist nicht mehr Wunder der Liebe Gottes, sondern kalte Materie, derer sich der Mensch bedient, um seine Ziele zu erreichen.

In Wahrheit aber – so drückt es Rilke gemeinsam mit der Bibel aus – soll die gesamte Schöpfung „singen“, jedes einzelne „Ding“ soll zum Lobe Gottes sein ganz persönliches Lied singen und damit einstimmen in den Chor aller geschaffenen Dinge. Aufgabe des Menschen ist es, ebenfalls sein Lied zu singen, seinen Teil dazu beizutragen, dass Gottes Lob in angemessener Weise zur Sprache kommt, nicht die geschaffenen Dinge für seine eigenen Zwecke zu missbrauchen.

Für mich ergeben sich aus diesen Überlegungen folgende Konsequenzen:

1) Der Naturwissenschaft ist von Gott eine natürliche Grenze gesetzt worden: dort, wo sie Aussagen über den Sinn der geschaffenen Dinge machen möchte, hat sie keine wissenschaftliche Methode mehr. Der Sinn der Schöpfung – nämlich Gottes Lob zu singen – ist naturwissenschaftlich nicht ableitbar und somit außerhalb der entsprechenden Methode. Man möchte angesichts dieser Erkenntnis mit Rilke sagen: Gottseidank! Denn alles, was der Mensch sprachlich (=wissenschaftlich) beschreibt, verliert ganz offensichtlich an spiritueller Kraft.
2) Es ist Aufgabe von uns Christen in einer wissenschaftsgläubigen Zeit wie unserer, diese Zusammenhänge aufzuzeigen. Dazu muss man kein gläubiges Gegenüber voraussetzen. Ein redlicher Wissenschaftler wird von sich aus einsehen müssen, dass er keine wissenschaftliche Methode hat, die den Sinn bzw. die genaue Funktion der Schöpfung aussagt. Wo Wissenschaftler von einer Gewissheit reden, alles wäre Zufall oder es gäbe keinen Schöpfer-Gott, verlassen sie ihr Fachgebiet.
3) Die Sprachskepsis Rilkes hat auch meine Überlegungen insforn bereichert, als dass ich sehr vorsichtig geworden bin, Dinge, Menschen, Situationen zu beurteilen, also quasi zu kategorisieren, weil ich ihnen damit ihre Fähigkeit genommen habe, zu „singen“, d.h. ihr Eigenes, Unverwechselbares mitzuteilen. Jesus sagt ja auch: Richtet nicht, damit ihr nicht selbst gerichtet werdet (Mt 7,1).
4) Frage für diese Fastenzeit könnte daher sein: Wie kann ich selbst die Schöpfung zum Singen bringen, welche Möglichkeiten habe ich in meinem Umfeld, einzustimmen in das große Lob Gottes, in das Stimmengewirr dieses Chors, der ohne Unterlass sein Lob preist?

PAX

Gott und die Sprache III

Überblickt man die katholischen Meldungen zum Thema „Religiöse Sprache“, dann kann man zwei Positionen unterscheiden:

1) die religiöse Sprache sei viel zu weit weg von der Lebenswelt der heutigen Menschen
2) die religiöse Sprache müsse besonders sein, sonst verliere sie ihre Identität

Gestern zum Beispiel ist in der Tagespost Folgendes zu lesen gewesen:

„Eine Liturgie, die Worte so gebraucht, wie alle sie gebrauchen, die die spezifisch christliche Redeweise aufgibt, wird der Sendung der Kirche nicht gerecht und hilft auch den Menschen nicht, denen sie vorgeblich entgegenkommt. […] So muss auch heute jeder Katholik vertraut sein mit der liturgischen Sprache der Kirche, die eben anders spricht als ihr säkularisiertes Umfeld es tut.“ (Die Tagespost, Do, 7.2.2013, S.17) – Diese Position ist wohl auch die aktuelle der Amtskirche, wenn man die Initiativen von Papst Benedikt XVI. zur Förderung der Alten Messe und des Latein-Unterrichts bedenkt bzw. die Tatsache, dass die „Volxbibel“ oder die „Bibel in gerechter Sprache“ nicht in der Liturgie verwendet werden darf.

Dem gegenüberzustellen ist die Beobachtung, dass selbst einfache religiöse Begriffe von einer Mehrheit der Österreicher nicht mehr erklärt werden können und dass auch der Wille, sich in diese Richtung weiterzubilden, nicht merklich vorhanden ist.

Natürlich wird man, wenn man sich darauf einlässt, durch eigene (Gottes-)Erfahrungen vielleicht im Laufe seines Lebens diese Begriffe wieder mit Leben erfüllen können, vielleicht wird durch eine Grenzerfahrung z.B. der Begriff „Gnade“ plötzlich für jemanden verständlich, der vorher nichts damit anfangen konnte. Aber wie geht man gegen diesen Schwund an religiösem Wissen vor? Der Religionsunterricht scheint hier noch die letzte Bastion im eigentlich ungewinnbaren Kampf gegen den Zeitgeist zu sein.

Für mich persönlich kommt ein vollkommenes Abgehen von der religiösen Sprache nicht in Frage – ich habe selbst auch schon lateinische Messen erlebt, die viele auf Deutsch gehaltene an Spiritualität in den Schatten gestellt haben. Außerdem ist das Geheimnisvolle und Außerweltliche der Eucharistie auch sprachlich abzubilden. Und auch zur Identitätsbildung ist – vorrangig beim Gottesdienst, beim Credo und den Gebeten – die spezifisch christliche religiöse Sprache von entscheidender Bedeutung.

Aber das Problem der Weitergabe löst sich damit nicht.

PAX