Pfingstsequenz I – Strahlen der Liebe

Die Pfingstsequenz aus dem 13. Jahrhundert gehört zu den schönsten Gebeten der Christenheit. Sie wird Stephan Langton, dem damaligen Erzbischof von Canterbury, zugeschrieben (was für ein Verlust!) und ist in der hier behandelten Form dem Graduale Romanum entnommen.

In dieser Reihe möchte ich jede Strophe einzeln kommentieren. Da Interpretationen immer eine Frage der Übersetzung sind, werde ich zu jeder Einzelstrophe zunächst verschiedene Übertragungen dokumentieren.

Veni, Sancte Spiritus,
Et emitte caelitus
Lucis tuae radium.

Wörtliche Übersetzung (Ü1)

Komm, Heiliger Geist,
und verbreite, Himmlischer,
den Strahl deines Lichtes

Übersetzung von Maria Luise Thurmair und Markus Jenny 1971 – Gotteslob Nr. 244 (Ü2)

Komm herab, o Heilger Geist,
der die finstre Nacht zerreißt,
strahle Licht in diese Welt.

Übersetzung von Heinrich Bone 1847 (Ü3)

Komm, o Geist der Heiligkeit!
Aus des Himmels Herrlichkeit
Sende deines Lichtes Strahl!

1) Veni: wie auch schon die Aufforderung an die Hirten zu Weihnachten oder an die Gläubigen bei der Kreuzesverehrung (Venite adoremus) beginnt die Pfingstsequenz mit einem Imperativ: der Heilige Geist möge vom Himmel herabkommen. Der Betende erweist sich damit als bedürftig, als Leidender, der des himmlischen Beistandes bedarf. Die Pfingstsequenz kann daher in den Bereich des Bittgebets eingeordnet werden: gemeinsam mit der ganzen Kirche bittet der konkret Betende um den Geist Gottes.

2) Sancte Spiritus: Die Alliteration Sancte Spiritus, die nur im Lateinischen möglich ist, zeigt die Einheit von Heiligkeit und Geist. Damit wird die Dreifaltigkeit dargestellt in ihrem geheimnisvollen Zusammenspiel von Einheit und Dreiheit.

3) emitte […] radium: Wörtlich kann man den Begriff emitte mit hinausschicken wiedergeben.
Dazu fällt mir Jes 55,10f ein: Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe.
Der Herr sendet seinen Geist aus, das Licht des Lebens, um das Gute in der Welt zu befördern.

4) caelitus: Himmel und Erde sind durch die Sendung des Geistes verbunden; damit im Zusammenhang steht die Hingabe Jesu am Kreuz. Das Symbol des Kreuzes, insbesondere der vertikale Balken, kann ja verstanden werden als Verbindung von Himmel und Erde, wobei die Bewegung vom Sohn ausgeht hin zum Vater, von der Erde zum Himmel. Pfingsten ist so die Antwort Gottes: eine Bewegung von oben nach unten, vom Himmel zur Erde.

5) radium: Wie auf diesem Bild angedeutet, durchdringt der göttliche Lichtstrahl die gesamte Schöpfung und bringt hervor, was in ihr Gutes schon angelegt wurde, ähnlich wie das Bild des Blickes Jesu, der unser tiefstes Inneres zum Vorschein bringt und alles Misslungene heilen kann.

6) Conclusio: Gott sendet den Heiligen Geist zu Pfingsten aus, um alles Gute, Schöne und Wahre, das in der Schöpfung von Anbeginn an vorhanden ist, hervorsprießen und keimen zu lassen, damit es wachse, blühe und gedeihe und Früchte bringe zum Wohl der gesamten Schöpfung. Damit erweist sich in besonderer Weise die Dreifaltigkeit Gottes: er ist durch seinen Sohn auf ewig mit der geschaffenen Welt verbunden, sein göttliches Sein durchdringt sie und verbindet so Himmel und Erde miteinander.

Abschließen möchte ich jede Folge mit einem kurzen Gedicht.

So wie die Sonne
schickst du Strahlen der Liebe
und verwandelst uns.

Ein gesegnetes Pfingstfest!

PAX

Nachträgliche Ergänzung
Ein schöner Beitrag über die liturgische Einbindung der Pfingstsequenz findet sich hier.