Sommer

Georg Trakl: Sommer

Am Abend schweigt die Klage
Des Kuckucks im Wald.
Tiefer neigt sich das Korn,
Der rote Mohn.

Schwarzes Gewitter droht
Über dem Hügel.
Das alte Lied der Grille
Erstirbt im Feld.

Nimmer regt sich das Laub
Der Kastanie. 

Auf der Wendeltreppe
Rauscht dein Kleid.

Stille leuchtet die Kerze
Im dunklen Zimmer;
Eine silberne Hand
Löschte sie aus;

Windstille, sternlose Nacht.

PAX

Abraham steigt Gott zuawi

Es ist schon eine Zeit lang her, aber dennoch hat mich die Lesung des 17. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C) vom Handeln Abrahams mit Gott sehr nachdenklich gemacht – und zwar im Hinblick auf das Gottesbild, das hinter dieser Geschichte steht.

Abraham im Gespräch mit dem Engel, Rembrandt 1636/37

Gen 18,20-33: Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer. Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist. Ich will es wissen. Die Männer wandten sich von dort ab und gingen auf Sodom zu. Abraham aber stand noch immer vor dem Herrn. Er trat näher und sagte: Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen? Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort? Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten? Da sprach der Herr: Wenn ich in Sodom, in der Stadt, fünfzig Gerechte finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben. Abraham antwortete und sprach: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin. Vielleicht fehlen an den fünfzig Gerechten fünf. Wirst du wegen der fünf die ganze Stadt vernichten? Nein, sagte er, ich werde sie nicht vernichten, wenn ich dort fünfundvierzig finde. Er fuhr fort, zu ihm zu reden: Vielleicht finden sich dort nur vierzig. Da sprach er: Ich werde es der vierzig wegen nicht tun. Und weiter sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich weiterrede. Vielleicht finden sich dort nur dreißig. Er entgegnete: Ich werde es nicht tun, wenn ich dort dreißig finde. Darauf sagte er: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden. Vielleicht finden sich dort nur zwanzig. Er antwortete: Ich werde sie um der zwanzig willen nicht vernichten. Und nochmals sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn. Und wiederum sprach er: Ich werde sie um der zehn willen nicht vernichten. Nachdem der Herr das Gespräch mit Abraham beendet hatte, ging er weg und Abraham kehrte heim.

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der Vers 23 (ein besonderes Dankeschön für den Hinweis auf diese Bibelstelle gebührt Pfarrer Heinrich Wagner): die Einheitsübersetzung überträgt das hebräische Wort nagasch mit nähertreten. Der Begriff hat aber eine viel größere Bedeutungsvielfalt. An folgenden Bibelstellen wird es verwendet:
1) Als Jakob seinem Vater Isaak vorspielt, er wäre Esau, tastet dieser ihn ab (berühren, abtasten, abprüfen)
2) Lot wird von den brutalen Männern Sodoms fast zu Tode geprügelt (rohe Gewalt)
3) Als Mose die 10 Gebote vom Berg Sinai bringt, verordnet er den Männern Abstinenz (intimes Miteinander, Beischlaf)

Heinrich Wagner schreibt in seinem Predigtbuch „Glut“ über die Bedeutungsvielfalt des Begriffs nagasch im Zusammenhang mit der vorliegenden Bibelstelle Folgendes: Abraham tritt näher, er dringt gleichsam in Gott ein, er tritt Gott so „zuawi“, wie wir sagen, dass Gott gar nicht anders kann, als mit ihm zu reden. Das ist jetzt nicht dieses „Ja Gott, ich trau dir zu, du machst eh das Beste für mich“, sondern das ist dieses Gott so „Zuawi-Steigen“, dass Gott reagieren „muss“. Oder wie’s Jesus sagt: Klopft, bittet, ja springt diesem Gott gleichsam an die Gurgel, dieses Rüttelt-Ihn, und Gott wird hören. Es ist ein Gottesbild, das uns die Juden hier nahebringen, wonach Gott nicht einer ist, in dem alles ruht und in dem wir alle geborgen sind, sondern einer, den ich auch rütteln darf und anschreien darf und fragen darf: „Ja, was ist denn los, hörst du mich denn nicht?“

Ich denke, dass dieses alttestamentliche Gottesbild auch das Gottesbild Jesu ist, sonst wäre die Szene am Ölberg, als er unter Tränen und Blutschwitzen Gott umzustimmen versucht, nicht erklärbar. Er hätte uns dann auch nicht das Beten gelehrt und gesagt: Klopft an, dann wird euch geöffnet werden. (Lk 11,9).

Der Gott Jesu ist also beides: souveräner Herrscher des Weltalls und liebender Vater aller Kreaturen, die ihn um den Finger wickeln können. Was für ein tröstlicher Gedanke!

PAX