Denken ohne Konjunktiv

Nicht nur bei Schülerarbeiten oder den Boulevard-Medien, auch zunehmend im so genannten Qualitätsjournalismus fällt mir zunehmend das Unvermögen auf, zwischen Indikativ, der Wirklichkeitsform, und Konjunktiv, der Möglichkeitsform, unterscheiden zu können.

Der Grund für diese Entwicklung ist meines Erachtens nicht nur die Tatsache, dass die Medienproduktion immer schneller bewerkstelligt werden muss, oder der allgemeine Sprachwandel. Es offenbart sich denke ich vielmehr etwas Tieferes: nämlich die im Schwinden begriffene Fähigkeit, zwischen Faktum und Meinung unterscheiden zu können bzw. zu wollen.

Ein paar Beispiele:

1) Im Zusammenhang mit dem gerade zu Ende gegangenen Volksbegehren wurde von sämtlichen Medien die Diktion der Repräsentanten desselben übernommen, es gebe so etwas wie „Kirchenprivilegien“, zum Beispiel der Standard: Das Kirchenvolksbegehren will per Verfassungsgesetz kirchliche Privilegien bekämpfen (Der Standard, 22. April 2013) Nicht berücksichtigt blieb dabei die Tatsache, dass der Begriff „Privileg“ ein wertender und subjektiver ist, der in einer objektiven Berichterstattung durch den Zusatz „vermeintlich“ ergänzt hätte werden müssen. Liegt es vielleicht an der Gesinnung des Journalisten, dass ihm diese Feinheiten nicht aufgefallen sind? Ist es gar Blattlinie, per Ungenauigkeit in der Grammatik Meinung auszudrücken?

2) Ein anderes Beispiel für beabsichtigten Indikativ: Im Rahmen der aktuellen Ausschreitungen in Frankreich gegen die so genannte Homo-Ehe berichtet die Wiener Zeitung: Einige Demonstranten bewarfen Ordnungskräfte am Dienstagabend mit Gegenständen, wie Journalisten der Nachrichtenagentur AFP berichteten. Die Sympathie des Autors liegt also offensichtlich nicht bei den Demonstranten, sonst hätte er die Sicht der zitierten Journalisten grammatikalisch korrekt im Konjunktiv wiedergegeben.

3) In der Boulevard-Presse werden ständig Meinungen und Fakten vermischt. Man möchte damit offensichtlich ein
Publikum ansprechen, das sich nicht die Mühe machen möchte, verschiedene Sichtweisen in ihr Weltbild zu integrieren. So berichtet „Heute“ am 24. April 2013 von einem Alien-„Wissenschaftler“, der ein außerirdisches Skelett gefunden haben will, mit den Worten: Damit ist für Greer klar, dass es sich um einen Organismus handelt, der wirklich einmal gelebt hat. Der Hinweis, dass diese „Klarheit“ natürlich nur eine Interpretation des Forschers ist und keine wissenschaftliche, würde wohl – so unterstelle ich einmal die Motivation der Redaktion -den durchschnittlichen Leser des Blattes schlicht überfordern.

4) Ein anderes Beispiel für ein bewusst einfach gehaltenes Weltbild findet man im Kurier vom 24. April 2013: 5 Prozent der Teilnehmer an einer laufenden Umfrage des Vereins für Konsumenteninformation (VKI) glauben, dass Hersteller die Lebensdauer ihrer Produkte künstlich herabsetzen. Aus dem Glauben der Befragten wird kurzer Hand ein Faktum gemacht und das Weltbild für den (einfachen?) Leser zusammengekürzt. So wird die Information leichter verdaulich und eine gewollte Empörung über die vermeintlichen Verbrechen der Produkthersteller unterstützt.

Was hier vielleicht als Erbsenzählerei erscheint, offenbart doch folgende grundlegende Verwerfungen im Wahrheits-und Wirklichkeitsverständnis unserer Gesellschaft:

1) Politik: Ist es wirklich ein Zufall, dass in unserer Zeit Populisten von links und rechts bei Wahlen gewinnen und gleichzeitig der Unterschied zwischen Faktum und Meinung so wenige interessiert? Wenn ich grammatikalisch nicht zwischen Meinung und Faktum unterscheiden kann, kann ich das auch nicht gedanklich. Dann geht es in der Wahlzelle auch nicht mehr um Vernunft, sondern um Gefühl: es werden die Kandidaten gewählt, die den höchsten Wohlfühl-Faktor haben, die zum Beispiel gegen „die da oben“ sind, die am meisten Wohltaten für meine Bevölkerungsgruppe versprechen usw.

2) Wissenschaft: Wenn Meinungen als Fakten dargestellt werden, entwertet das natürlich auch wissenschaftliche Erkenntnisse, also tatsächliche Fakten. Es ist heute eine Grundskepsis gegen jedwede Aussage zu bemerken, und sei sie noch so wissenschaftlich fundiert. Auch hier zählt mehr das Gefühl, die Meinung der anderen, der Mainstream, als das Bemühen, sich der Wahrheit so weit wie möglich anzunähern. Was das für Konsequenzen für die Entwicklung von Forschung und Wissenschaft zeitigen wird, wird man sehen.

3) Relativismus: Es ist eine vielzitierte Entwicklung, dass wir in einer Welt der Meinungen leben, ein Befund, der aber widersprüchliche Konsequenzen hat: auf der einen Seite wird jede noch so vorsichtig vorgebrachte Rede von einer „Wahrheit“ abgelehnt mit dem Hinweis, dass alle Werte relativ seien. Andererseits wiederum hat sich durch die Politische Korrektheit eine (Selbst-)Zensur der Sprache etabliert, die spezielle Meinungen als No-go verbietet. Ich denke Folgendes: Jede Kultur braucht Wahrheit, braucht Fakten, auf die man sich verlassen kann. Die PC kann damit als Ventil für dieses Bedürfnis verstanden werden. Sie ist aber entbehrlich, denn sie kaschiert nur ein sprachliches (und auch gedankliches) Unvermögen, das durch ein Bewusst-Machen der oben beschriebenen Zusammenhänge leicht behoben werden könnte.

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, sagt Wittgenstein, und wir können live miterleben, wie sich diese These heute bewahrheitet: wer den Konjunktiv nicht mehr beherrscht, der wird über kurz oder lang auch im alltäglichen Leben nicht mehr unterscheiden können zwischen Faktum und Meinung und er begibt sich auf einen Weg, der wegführt vom „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ Kants hin zu einer neuen Unmündigkeit in Abhängigkeit von Populisten, Boulevard-Medien und dem, „was alle sagen“.

„Was ist Wahrheit“, fragt Pontius Pilatus unseren Herren und Jahrtausende später formuliert Ingeborg Bachmann: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“.

Geben wir die Suche nach der Wahrheit nicht auf: es geht um nichts Geringeres als unsere westliche Kultur.

PAX

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Gott und die Sprache II

Ich denke, die letzten Überlegungen zum Themenkomplex „Gott und die Sprache“ bedürfen noch einer weiteren Entfaltung.

Vielleicht sind die Schwierigkeiten, die heute viele Menschen mit der religiösen Sprache haben, darauf zurückzuführen, dass man die entsprechenden Begriffe zwar kennt, sie im besten Fall (bei gutem Religionsunterricht) auch definieren kann, aber im tiefsten Sinn nicht versteht, weil die Erfahrungen, auf die sie aufbauen, nicht mehr nachvollziehbar sind.

Wenn Ludwig Wittgenstein den schon zitierten Satz sagt „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, so fällt mir auch Karl Kraus ein, der gesagt hat: „Der Gedankenlose denkt, man habe nur dann einen Gedanken, wenn man ihn hat und in Worte kleidet. Er versteht nicht, dass in Wahrheit nur der ihn hat, der das Wort hat, in das der Gedanke hineinwächst.“ Und als das „Wort, in das der Gedanke hineinwächst“ würde ich den griechischen Begriff „Logos“ mit all seinen Bedeutungen einsetzen.

Die Kenntnis des Wortes „Gott“ zum Beispiel reicht dazu, es zu definieren, zum Beispiel „höheres, allmächtiges Wesen“. Es reicht aber nicht dazu, zu verstehen, was mit „Gott“ wirklich gemeint ist. Das Problem mit der religiösen Sprache ist also, dass es sich um Begriffe handelt, die mit religiösen Erfahrungen zu tun haben. Die Sprache des Christentums konserviert religiöse Erfahren, die Christen im Laufe der Kirchengeschichte mit diesem Gott gemacht haben, beginnend mit den biblischen Schriften bis hin zu den Versuchen, eine heutige christliche Sprache zu finden. Das Problem dabei ist, dass man Erfahrungen nicht verordnen kann, sie sind etwas Eigenes, nicht Wiederholbares, etwas zutiefst Subjektives.

Zunächst also muss der Mensch die Möglichkeiten seiner Sprache vermehren, um seinen Horizont zu erweitern (@Wittgenstein). Je mehr Feinabstufungen der Wirklichkeit er benennen kann, umso differenzierter wird seine Weltsicht, um so eher ist er bereit, selbstkritisch und offen zu sein für Neues. Damit zusammen hängt aber die Notwendigkeit, diese Wirklichkeit auch zu erfahren. Ohne diese bleiben die gelernten Begriffe hohl und tot, sie können zwar kognitiv benannt und kategorisiert werden, sie haben aber keine Auswirkung auf das Leben. Erst wenn man wirklich erfahren hat, dass es nicht ausschließlich gute und ausschließlich böse Menschen auf der Welt gibt, kann man nachvollziehen, wieso in den meisten Staaten der Welt zum Beispiel die Todesstrafe abgeschafft wurde. Den Begriff „Notwehr“ zu kennen, erzeugt nicht automatisch Empathie für jemanden, der in Notwehr gehandelt hat.

Legen wir diese Einsichten auf die religiöse Sprache um, so zeigt sich das Dilemma, dass wir auf der einen Seite angewiesen sind auf die Erfahrungen unserer christlichen Vorfahren beginnend mit den Autoren des Neuen Testaments, dass aber deren Gotteserfahrungen schwer verstanden werden können von heutigen Christen und schon gar nicht von denen, die keinen Zugang zum Christlichen haben. Was ist der Ausweg? Soll man – wie das vielerorts schon geschehen ist – mit der Sprache des Alltags von Christus erzählen á la „Jesus und seine Hawara“ oder „Volxbibel„? Wird man damit moderne Gotteserfahrungen bei den Kirchenfernen ermöglichen können?

Und wie kann man überhaupt die Offenheit für Gotteserfahrungen in den Menschen wecken? Wie das Bewusstsein für sprachliche, religiöse Kategorien erzeugen in einer Gesellschaft, in der sich – übertrieben formuliert – die Pflege der Sprache auf das Eintippen von SMS beschränkt?

Gott teilt sich – und das ist meine tiefe Überzeugung – ständig uns Menschen mit. Das Problem, das ich für das Christentum in seiner derzeitigen Verfasstheit sehe, ist die Schwierigkeit, diese Erfahrungen zu versprachlichen mit all den Abstrichen, die eine religiöse Sprache natürlich in Kauf nehmen muss. Zahllose Autoren und Theologen haben sich bemüht, genau das zu bewerkstelligen, aber wie kann das Dilemma aufgelöst werden, dass wir auf ein Credo angewiesen sind, das mit religiösen Kategorien arbeitet, die erst ziemlich lang erklärt werden müssen, um benannt werden zu können, geschweige denn, dass diese den Kirchenfernen von heute ein Instrument in die Hand geben, wie sie ihre eigenen Gotteserfahrungen interpretieren können.

Menschliche Sprache ist natürlich immer defizitär, wenn sie von Gott handelt. Aber wir haben keine Alternative, im Gegenteil: es ist Gott selbst, der diese Form der Kommunikation gewählt hat. Wie finden wir eine Sprache, die von den Menschen heute verstanden wird, die sie für die prinzipielle Möglichkeit einer Gotteserfahrung öffnet, die ihr von allen möglichen Dingen abgelenktes Herz bewegen kann? Wie kann das „Fürchtet euch nicht“ des Auferstandenen, das die Apostel in ihrem Innersten bewegt hat, ins Heute übersetzt werden, ohne den geschichtlichen Glutkern des Christentums auszulöschen?

PAX

Gott und die Sprache

In der Bibliotheksszene des Filmes „Himmel über Berlin“ gehen die Engel gerne in die Bibliothek, um den Menschen beim Lesen zuzuhören. Der auf Youtube verfügbare Ausschnitt zeichnet ein verstörendes Bild dieser Situation: ein schwer aushaltbares Gewirr an Stimmen in zahlreichen Sprachen.

Diese Szene ist meines Erachtens aus mehreren Perspektiven interessant:

1) Es ist sicher kein Zufall, dass bei Zeitindex 2:29 ein junger Mann beginnt, die Bibel auf Hebräisch zu lesen: „Bereshit bara Elohim et hashamayim ve’et ha’arets. Veha’arets hayetah tohu vavohu“. – „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und wirr“ (Gen 1,1-2). – Das Tohuwabohu der Stimmen in der Bibliothek wird also in Verbindung gebracht mit dem ungeordneten Urzustand vor der Schöpfung. Gott schafft dann mitten im Chaos des Urmeers Ordnung. Er selbst hat aber bei der Verwirrung der Sprachen nach dem Turmbau zu Babel etwas von diesem vorzeitlichen Chaos wieder in seine Schöpfung hineingelassen, Gen 11 stellt es so dar, als wäre ihm bei der Vermessenheit des Menschen nichts anders übriggeblieben. Dennoch muss es – menschlich gesprochen – enttäuschend für Gott gewesen sein, dass so ein Rückschritt notwendig ist.

2) Was genau fasziniert die Engel an den Bibliotheken? Es scheinen die lesenden Menschen zu sein, denen sie Interesse entgegenbringen. Der Chor der durcheinanderdenkenden Menschen ist wie Musik in ihren Ohren. Sprache hat natürlich immer etwas mit Religion zu tun: ist doch Gott Sohn der logos, das Wort Gottes, das der Vater uns zusagt (Joh 1,1); ist doch das Wort Gottes das, was uns am Leben erhält (Dtn 8,3), ist das Sprechen doch die Art und Weise, wie Gott die Welt ins Dasein gerufen hat und das noch immer tut. Durch Sprache, Worte, Lesen wird Wirklichkeit geschaffen, wird totes Papier lebendig, durch Zusprache werden Menschen geheilt, wird Leben ermöglicht. Bildet man sich in der Sprache weiter – zum Beispiel in einer Bibliothek – erweitert man gleichzeitig seinen Horizont, erlangt neue Lebensmöglichkeiten. Ludwig Wittgenstein hat ja so schön gesagt: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Vielleicht ist für die Engel deswegen die Bibliothek ein so positiver Ort: weil Menschen dorthin gehen, die sich nicht mit der Begrenztheit ihres Horizonts zufriedengeben, sondern ihn erweitern wollen, weil sie auf der Suche sind nach einem Gott, der sich über die Sprache der Liebe mitteilt.

3) Diese Szene hat mir aber auch vor Augen geführt, was ich an Gott immer so unvorstellbar gefunden habe: Gott hört alle unsere Gedanken. Wie macht er das? Wie kann er die Gedanken von so vielen Milliarden Menschen gleichzeitig wahrnehmen, wenn wir schon Probleme damit haben, einem Menschen so zuzuhören, dass wir nachvollziehen können, was ihn bewegt? Das ist nur möglich, wenn er ganz bei jedem Einzelnen ist: so wie die Engel, die die Lesenden berühren und sich ihnen zuwenden, ist auch Gott ein sich Zuwendender, jemand, der uns berührt und sich für uns interessiert, ein Liebender.

Die gemeinsame Klammer dieser Beobachtungen erscheint mir in dem dialogischen Gottesbild, das wir Christen haben: es ist auf Sprache, Kontakt, Kommunikation aufgebaut, so wie die Liebe selbst ja nichts ist ohne ihre Mitteilung. Jede Kommunikationsstörung oder Sprachenverwirrung muss dann als wider-göttlich, ja wider-natürlich verstanden werden. Das Gebet als Kommunikationsbewegung des Menschen zu Gott hin ist daher auch erste Christenpflicht. Aber auch die Sorge um die eigene Sprachfähigkeit, um den eigenen Horizont, ist ausgehend von Wittgenstein Aufgabe des Menschen: um die göttliche Ordnung der Schöpfung zu erkennen, bedarf es eines weit über die Naturwissenschaften hinausgehenden sprachlichen Horizontes. Gott erweist sich außerdem in diesem dialogischen Gottesbild als wahrhaft Liebender: seine Zuwendung ist absolut, ihm geht es nicht um sich selbst, sondern um uns. Dieses nicht zu erreichende Vorbild sollte dennoch Grundthema unserer Kommunikationsbemühungen untereinander sein.

PAX