Genährt durch Gottes Wort

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Es ist wie in einer Tropfsteinhöhle.
Der Stalagmit von unten
kann nicht wachsen,
wenn nicht der Stalaktit von oben herunterwächst
und stetig tropft.

Wenn unser Bemühen,
Gemeinde zu bilden,
nicht ständig genährt wird
durch das Wort Gottes,
ist es ein ziemlich
unsinniges Unternehmen.

(Ericht Gutheinz)

Santa Sabina

Die frühchristliche Basilika Santa Sabina in Rom atmet die Jahrtausende der Kirchengeschichte. Im 5. Jahrhundert auf dem Aventin erbaut, präsentiert sich das Innere, das an römische Versammlungshallen, eben Basiliken erinnert, noch in altehrwürdiger Pracht:

Das Eingangsportal aus dem Jahr 432 gilt als älteste Tür einer christlichen Kirche und zeigt eine bemerkenswerte Kreuzigungsszene:

Die Darstellung kommt vollkommen ohne Kreuz aus, das Material der hölzernen Tür ist gewissermaßen das Holz, auf dem der Heiland befestigt ist. Bezieht man den Hintergrund mit ein, sind die Anleihen an die Dreifaltigkeit nicht zu übersehen. Christus ist dargestellt in der Orantenhaltung des Priesters, das Kreuz nur ein Symbol, das im Subtext der Darstellung wirkt.

Das Äußere der Kirche erscheint bemerkenswert schlicht. DSC04985

Santa Sabina in Rom ist eine Reise wert!

PAX

Gott und die Sprache V – Pfingstereignis

Nach den schon dokumentierten Überlegungen zum Thema Gott und die Sprache im Folgenden ein Artikel aus dem aktuellen Christ in der Gegenwart von Matthias Mühl:

In unseren Sprachen

„Wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden“ (Apg 2,11). „Erfüllt“ von Gottes Geist erreichen die Worte der Gemeinschaft der ersten Christen die in Jerusalem zum Pfingstfest zusammengekommenen Menschen aus aller Herren Länder in ihrer Sprache. Lukas hat seine Erzählung in der Apostelgeschichte auch als Kontrapunkt zur Sprachverwirrung beim Turmbau zu Babel gestaltet (Gen 11,1-9). So wie der Verlust einer gemeinsamen Sprache dort zum Scheitern des narzisstischen Projekts führte, so führt das Verstehen jetzt zum Gelingen.

Möglich wird dieses Verstehen aber nicht, indem die Menschen plötzlich alle armäisch, die Sprache der ersten Anhängerinnen und Anhänger Jesu, verstünden, sondern indem sie die Jünger in ihrere eigenen Sprache hören. Das von Lukas vorgestellte Modell ist nicht das eines einfarbigen Einheitsbreis, sondern das einer bunten Vielfalt. Und es sind nicht die Menschen, die sich ändern müssten, um die Botschaft Jesu zu verstehen, es sind die Jünger, denen es auf einmal gelingt, die Sprache ihrer Zeitgenossen zu sprechen. Für die Griechen griechisch, für die Römer römisch und für die Ägypten ägyptisch.

Offensichtlich wusste Lukas, dass das nicht selbstverständlich ist, sondern Zeichen des „wunderbaren“ Wirkens des Geistes Gottes. Pfingsten erinnert daran, dass die Botschaft Jesu in der Sprache der Menschen, die sie hören sollen, verkündigt sein will. Die erste Umkehrbewegung liegt bei denen, die im Namen Jesu sprechen und handeln möchten. Sich so zu den Menschen zukehren, heißt den Suchenden als Suchender, den Trauernden als Mit-Trauender, den Gescheiterten als selbst immer wieder Scheiternder zu begegnen. Möglich, dass dann auch diese sagen: „Wir hören Sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.“

Einen gesegneten Trinitatis-Sonntag!

PAX

Das neue (?) Biedermeier

Wie würde man auf die Frage antworten, welche der deutschen Literaturepochen charakteristisch österreichisch ist? Die Deutschen haben die Weimarer Klassik, die Schweizer haben neben ihrem Wilhelm Tell ihre Kurzgeschichten … aber was haben die Österreicher?

Nach einigem Nachdenken wird man beim Biedermeier gelandet sein: Nestroy, Raimund, Grillparzer, Stifter … ihre Literatur ist nur in Österreich zu erklären bzw. aus dem typisch Österreichischen ableitbar. Manche meinen, dass bis heute der Österreicher eigentlich ein biedermeierlicher ist: einer, der sich lieber zurückzieht und still vor sich hin leidet, als hinauszugehen und für seine Sache einzustehen. Wenn man auf die Frequenz und den Umfang öffentlicher Demonstrationen in Österreich sieht, wird man sich des Eindrucks nicht erwehren können, dass der Österreicher wirklich eher daheim sudert, als auf die Straße zu gehen. Regelmäßig müssen zum Beispiel bei den schon zur Folklore gewordenen links- bzw. rechtsextremen Demonstrationen bzw. Gegendemonstrationen Teilnehmer aus dem Ausland importiert werden, damit es nicht gar so peinlich wird.

Auch die quasi-religiöse Verehrung der Obrigkeit und die unterwürfige Untertanenmentalität, die den Österreicher auch in dieser seiner demokratischen Phase prägt, ist mit seinem biedermeierlichen Erbe zu erklären: obwohl es in jeder Partei regelmäßig Obmann-Debatten gibt, obwohl die Beamtenschaft als Feindbild liebgeworden ist, obwohl jedes Jahr mehr Geld im hochgelobten Föderalismus versenkt wird … eine nachhaltige Änderung des status quo will eigentlich niemand erreichen. Die da oben werden es schon richten. Damit zusammenhängend ist auch die Tatsache, dass sich nur die wenigsten Österreicher (wahrscheinlich die am wenigsten biedermeierlichen) dazu bereit erklären, Politiker zu werden. Sie werden von den übrigen äußerst skeptisch beobachtet, sind diese doch offensichtlich nicht normal.

 

Anlässlich der gerade zu Ende gegangenen EU-Wahl hat auch Martina Salomon vom Kurier in ihrem Leitartikel die „Neue Betulichkeit“ im Wählersegment der Grünen diagnostiziert: Von diesem neuen Biedermeier-Gefühl profitieren die Grünen. Ihre Wähler leben zwar in der Stadt (und dem neuerdings veganen „Speckgürtel“ drumherum), wollen aber wieder wie die Omi am Land leben. Und tatsächlich haben auch die Themen der Grünen viel Biedermeierliches in sich: zurück zur Natur und zur Natürlichkeit, wenig Chemie, mehr Selbstgemachtes, weniger Fertigprodukte, mehr Energiesparen …

Schon vor einiger Zeit hat Heinrich Steinfest in seiner großartigen Österreich-Diagnose „Gebrauchsanweisung für Österreich“ behauptet, der Österreicher sei bis heute eigentlich – trotz aller Wirren der Geschichte seitdem – in seiner Biedermeier-Phase stecken geblieben. Insbesondere die moderne Technik habe diese gleichsam genetische Anlage in ihm verstärkt: Und darum ist es wohl ein Glück zu nennen, dass wir neuerdings über Computer verfügen, welche ganz sicher Weiterführungen des Biedermeiers darstellen. Bewegte Miniaturen. Der Computer beschert uns eine Intimität, einen Extraraum, der von einem höchstpersönlichen Mobiliar bestimmt wird. Der Computer ist ein Ornament, das es in der Regel gut mit uns meint. Und man kann nur hoffen, dass dies auch so bleibt. (S. 127). Der Computer also als perfekter biedermeierlicher Rückzugsort, der es uns erlaubt, in den eigenen vier Wänden zu bleiben und der sich an unsere ganz persönlichen Wünsche anpassen lässt. Dem Österreicher kommt so etwas natürlich gerade recht.

Und die Religion? Auch da zeigt sich – trotz einiger Aufmüpfiger – das Phlegma des Biedermeiers. 80% der Österreicher sind Christen, ein Anteil, der seinesgleichen sucht in Europa. Das hat jedoch wenig mit der Attraktivität des Christentums zu tun, sondern einfach und allein mit der Tatsache, dass das (katholische) Christentum zur rechten Zeit am rechten Ort war. Und weil es immer schon so war, muss es auch weiterhin so sein. Allen Rufen eines anti-religiösen Zeitalters zum Trotz ist Österreich also noch tief religiös … zumindest auf dem Papier. Sämtliche Angriffe auf das Schulkreuz z.B. wurden erfolgreich zurückgewiesen.

Auch „Wir sind Kirche“ oder die Pfarrerinitiative kann nur davon träumen, einen breiten Rückhalt in der Herde der Gläubigen zu haben. Manche sind vielleicht froh, dass sich andere trauen, aufzustehen, würden aber selbst sich niemals in die erste Reihe stellen. Das ist nicht der Stil des Österreichers, zumindest nicht der der biedermeierlichen Variante desselben.

Damit sind wir schon bei den Vorteilen der österreichischen Mentalität: bei uns dauern Reformen äußerst lang. Das hat den Vorteil, dass wir anderen Übereifrigen dabei zusehen können, wie sie auf die Nase fallen. Die Gesamtschule ist so ein Thema: eigentlich wäre es – die internationale Entwicklung einberechnet – an der Zeit, sich einzugestehen, dass sie nicht der Weisheit letzter Schluss im Bildungssystem ist. SPÖ, Grüne und neuerdings die NEOs sind jedoch zu sehr biedermeierlich verhaftet, als dass sie sich eingestehen können, dass etwas, das immer schon zu ihrem Parteiprogramm gehört hat, doch nicht so ganz sinnvoll ist.

Und so bleibt der Österreicher seinen Biedermeier-Vorfahren treu und wird sich so schnell nicht ändern. Es ist ihm dabei auch kein Vorwurf zu machen: es scheint in seinen Genen eingebaut zu sein. Dabei hat er ja durchaus etwas Liebenswertes an sich – mit allen Vor- und Nachteilen.

PAX

Die Auferstehung des ganzen Menschen

Die Darstellung der Auferstehung Jesu Christi am Isenheimer Altar des Matthias Grünewald hat mich schon immer bewegt. Dass sich zunächst einmal ein Künstler traut, den Auferstandenen darzustellen, ist eine sehr bemerkenswerte Angelegenheit, nicht viele haben das gewagt.

Christus hat bei Matthias Grünewald als Auferstandener folgende Merkmale:

  • Sein Leib ist verklärt, er wirkt richtiggehend durchsichtig, von einem Strahlenkranz umgeben.
  • Jesus ist jedoch als er selbst erkennbar. In der Auferstehung erschafft Gott also den Leib zwar neu, aber nicht anders (im Gegensatz zum Wiedergeburtsglauben). Besonders augenfällig wird diese Erkennbarkeit an den Stigmata, die Christus präsentiert: die Seitenwunde, die Hand- und Fußwunden.

Für mich sagt dieses Bild sehr viel aus über unseren Auferstehungsglauben, besonders in unserer Zeit des Synkretismus und der Vermischung unterschiedlichster Elemente der Religionen.

  • Zunächst einmal ist der Glaube an die leibliche Auferstehung durchdrungen von einer Leibfreundlichkeit, die ihresgleichen in der Menschheitsgeschichte sucht: wenn es unser persönlicher Leib ist, der von Gott in der Auferstehung wiederhergestellt wird, so ist er tatsächlich der Tempel, um den wir uns gut kümmern sollten. Die Vorstellung von einer Wiedergeburt in anderen (vielleicht sogar tierischen) Körpern birgt eine andere Botschaft: dann ist es egal, wie der Leib behandelt wird, die Hauptsache ist ohnehin der Geist.
  • Das Christentum sagt also mit der Botschaft von der leiblichen Auferstehung, dass Leib und Seele eine Einheit bilden würden. Von Anfang an ist dieser Botschaft widersprochen worden: zu Beginn vonseiten der Gnosis, heute vonseiten eines esoterischen Neuheidentums. Dennoch hat die Kirche an dieser Botschaft festgehalten und sie tut gut daran, sie angesichts leibfeindlicher Tendenzen in ihrer Geschichte noch weiterhin hochzuhalten.
  • Wenn Christus seine Wunden präsentiert, so ist das auch eine Botschaft im Zusammenhang mit dem Leiden des Menschen. Die Wunden, die wir in unserem Leben erfahren, sind Teil unserer selbst, sie werden in der Auferstehung verklärt, aber nicht versteckt. Christus solidarisiert sich in seinem Leiden mit dem Leiden aller Menschen.

Möge uns Menschen des 21. Jahrhunderts diese Botschaft wieder mehr Lebensfreude und Glaubensgewissheit verschaffen!

PAX

 

PS. Ich möchte zum Schluss noch kurz auf meinen zweiten Blog hinweisen. Seit 2010 sind wir bei Marriage Encounter, einer katholischen Reformbewegung, die sich für die Förderung von Ehe und Familie einsetzt. Kernstück von ME ist das sogenannte Dialogieren, das Schreiben von Liebesbriefen zu den verschiedensten Fragestellungen. Am Anfang steht bei Marriage Encounter ein Wochenende. Die nächten Termine dafür finden sich hier. Seit Dezember 2013 unterhalten wir nun den Dialogblog dialogreisen.me, wo jeden Tag eine neue Dialogfrage vorgeschlagen wird. Er richtet sich natürlich hauptsächlich an die ME-Gemeinschaft, die Fragen selbst sind aber für jedes Paar von Interesse.

 

Gott und die Sprache IV – Evangelii Gaudium III

Nach den schon erfolgten Auseinandersetzungen mit dem Thema Gott und die Sprache (I, II, III) nun eine Aktualisierung im Licht von Evangelii Gaudium:

Zugleich erfordern die enormen und schnellen kulturellen Veränderungen, dass wir stets unsere Aufmerksamkeit darauf richten und versuchen, die ewigen Wahrheiten in einer Sprache auszudrücken, die deren ständige Neuheit durchscheinen lässt. Denn im Glaubensgut der christlichen Lehre „ist das eine die Substanz […] ein anderes die Art und Weise, diese auszudrücken.“ (Johannes XXIII: Ansprache zur feierlichen Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils, 11. Oktober 1962, 792). Manchmal ist das, was die Gläubigen beim Hören einer vollkommen musterhaften Sprache empfangen, aufgrund ihres eigenen Sprachgebrauchs und -verständnisses etwas, was nicht dem wahren Evangelium Jesu Christi entspricht. In der heiligen Absicht, ihnen die Wahrheit über Gott und den Menschen zu vermitteln, geben wir ihnen bei manchen Gelegenheiten einen falschen „Gott“ und ein menschliches Ideal, das nicht wirklich christlich ist. Auf diese Weise sind wir einer Formulierung treu, überbringen aber nicht die Substanz. Das ist das größte Risiko. Denken wir daran: „Die Ausdrucksform der Wahrheit kann vielgestaltig sein. Und die Erneuerung der Ausdrucksformen erweist sich als notwendig, um die Botschaft vom Evangelium in ihrer unwandelbaren Bedeutung an den heutigen Menschen weiterzugeben.“ (Johannes Paul II., Ut unum sint, 25. Mai 1995, 933). (EG 41)

So oder so ähnlich haben wir das auch schon gesehen, die Frage ist nur, was „umformulieren“, was beibehalten, was genauer erklären, was aufgeben? Der Papst führt weiter aus:

Das hat eine große Relevanz in der Verkündigung des Evangeliums, wenn es uns wirklich am Herzen liegt zu erreichen, dass seine Schönheit besser wahrgenommen und von allen angenommen wird. In jedem Fall können wir die Lehren der Kirche nie zu etwas machen, das leicht verständlich ist und die uneingeschränkte Würdigung aller erfährt. Der Glaube behält immer einen Aspekt des Kreuzes, eine gewisse Unverständlichkeit, die jedoch die Festigkeit der inneren Zustimmung nicht beeinträchtigt. Es gibt Dinge, die man nur von dieser inneren Zustimmung her versteht und schätzt, die eine Schwester der Liebe ist, jenseits der Klarheit, mit der man ihre Gründe und Argumente erfassen kann: Darum ist daran zu erinnern, dass jede Unterweisung in der Lehre in einer Haltung der Evangelisierung geschehen muss, die durch die Nähe, die Liebe und das Zeugnis der Zustimmung des Herzens weckt. (EG 42)

Wenn ich den Papst richtig verstanden habe, so meint er, dass die (religiöse) Sprache Grenzen aufweist, wenn man religiöse Wahrheiten ausdrücken möchte, die unüberwindbar sind. Dabei spricht er meines Erachtens auch gegen eine zu simple und vereinfachende Wortwahl, die die religiöse Wahrheit banalisiert.

Also auch hier Widersprüchliches: einerseits ist es notwendig, die religiösen Wahrheiten in ihrer sprachlichen Vermittlung an die heutige Wortwahl und Sprachschicht anzupassen, andererseits muss man sich der Grenzen sprachlicher Kommunikation bewusst sein, insbesondere was das Ausdrücken religiöser Zusammenhänge angeht.

Sind wir nun so klug „als wie zuvor“?

Wir werden sehen, welche konkreten Schritte Franziskus setzt, um eine bessere Verständlichkeit der religiösen Sprache zu erreichen.

Man darf gespannt sein.

PAX